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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1935-07-26 · 30 (26.7.1935) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
11 (1935)
Issue
30 (26.7.1935)
Date
1935-07-26
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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7.3& % ZU ■; Auflage 4000 Stück emetoö eblottr DER ISRAELITISCHEN REÜ&IONSGEMEINDE ZU XL|D7|^L AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT tlm I TMm I ^7 DER GEMEINDEVERWALTUNG» Schrlftleltungi OemelnderabblnerOustavCohn,Leipzig Wiltcr-Biamel-Slr. 10. — Nachdruck nur mit Quellenangäbe und mit Genehmigung des Verlassers gestattet Nummer 30 ■ Jahrgang 11 26. Juli 1935 Anzeigenannahme! E. Ooldfreund, Leipzig 05, CichoriusstraBe 2a, Fernsprecher Nr. 607 71 Druck: Druckerei der Werkgemeinschaft, Leipzig C 1. Humanismus und Judentum. „Jedes humanistische, auf Weite des Weltblicks und Helligkeit des Herzens gestufte Ideal ist bestimmt, ein geistes-aristokratisches zu bleiben, wenigen gegeben und von diesen wie ein Erbgut von Oeist zu Geist, von Oeschlecht zu Geschlecht verwaltet, aber niemals wird andererseits dieser Glaube an ein künftiges Gemcinschaftsschicksal unserer Menschheit irgend einer Zeit, und sei sie auch die verwirrteste, völlig abhanden kommen." Einer der unentwegtesten „Verwalter" dieses Ideals war Erasmus von Rotterdam. Alle Enttäuschungen seines Alters vermochten doch nicht, ihn bis ins Innerste zu treffen: er blieb der in seinem Glauben nicht zu Enttäuschende. Unerschütterliche Macht besitzt das humanistische Ideal: es verleiht dem, von dem es Besitz ergriffen hat, die unverlierbare Sicherheit, die es selbst durch lange Jahrhunderte getragen hat. Denn „Humanismus" ist ein Name für eine Lebenseinstcllung, eine Anschauungsgrundlage und eine Aufgabesetzung, die nicht zuerst von den „Humanisten" ihre begriffliche Gestalt erhalten hat, durch sie vielmehr wieder erweckt und ais Ruf der Besinnung in eine Zeit gesandt worden ist, die eines solchen Rufes bedurfte. Es ist nichts Zufälliges, daß gerade Stefan Zweig Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam in einem ungewöhnlich feinsinnigen, in die seelischen Tiefen des Mannes, seines Werkes und seiner Zeit hineinleuchtenden Buche (im Verlage von Herbert Reichner, Leipzig Cl 1935 erschienen) zeichnet. Wenn er aufzeigt, wie Erasmus als der Zeitkritiker den Boden auflockert, um ihn für das Saatkorn zu bereiten, indem er seelische Bewährung fordert, sich bemüht, „das Lebendige, statt es in Eormeln zu ersticken, ins Allmenschliche zu erheben", „freigeistig die Weisheit, Menschlichkeit und Sittlichkeit überall als Formen höchster Humanität" anzusehen lehren will, so spricht aus Zweig der Jude, den uralte biblische Lehre mit diesem tief im Christentum wurzelnden, für ein, in seinem Sinne, reinstes Christentum werbenden Denker verbindet. Stefan Zweig begegnet dem christlichen Humanisten Erasmus, der im Christentum „den Gottesglauben wahrhaft zur Menschheitsreligion« erheben will, weil dieses gleiche in aller Eindringlichkeit von den jüdischen Propheten als Kern der jüdischen Lehre herausgestellt worden ist. Judentum ist als nationale Lehre entstanden, hat im jüdischen Volke die durch sein Volkstum bedingten Ausprägungen erfai ren. Die Formen seiner religiösen Welt haben im jüdischen Charakter, im Werden und Wachsen jüdischer Stammes- und Staatsgeschichte ihren tiefsten Untergrund. Aber: der Gottesgiaube, den Israel seit den Erzvätern gepflegt hatte, die Sittenlehre, die in den Büchern Mosche s Gesetz wurde, das Oebot der Wahrhaftigkeit, der Gerechtigkeit, der Menschenliebe, die Anschauung von der sittlichen Einheit des Menschengeschlechts — das alles ist als mehr denn als nationale Lehre gedacht. Und in aller jüdischen Entwicklung ist das Allmenschliche dieses letzten Gehaltes des Judentums von den Propheten wie von den Sittenlehrern des Talmuds und des gesamten rabbinischen Schrifttums betont worden. Ausgabe von Synagogenkarten. Die Erneuerung der Synagogenkarten findet vom 5. bis 23. August 1935 werktäglich von 9 — 1 Uhr im Gemeindeamt, Walter-Blümel-Straße 10,1 statt. Karten, die nicht rechtzeitig abgeholt sind, werden anderweit vergeben. Eine schriftliche Erinnerung erfolgt in diesem Jahre nicht. Leipzig, den 22. Juli 1935. Der Vorstand der iraelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. Damit ist die mannigfache enge Beziehung zwischen Humanismus und Judentum gekennzeichnet; was die „Humanisten" vom christlichen Standpunkte aus erstrebten, das hatte mehr als zweitausend Jahre zuvor im Judentum einen Ausdruck erhalten, ist von den edelsten der Künder und der Träger jüdischer Anschauung im Laufe jüdischer Gedankenentwicklung immer wieder in ihrer Lehre und in ihrem Leben vertreten worden. Was anders als »humanistisch" ist es, wenn das im Talmud vorgeführte hohe Sittenideal den Satz allmenschlicher Gerechtigkeit geprägt hat, dal! den Edlen aller Nationen die ewige Seligkeit bestimmt ist. Und gleicher Grundsatz der Geisteshaltung der Humanisten ist es ja, daß sie an keiner Erscheinung menschlichen Geistesschaffens vorüber gehen, ohne in ihr das Reinmenschliche zu suchen und es anzuerkennen, wo immer sie es finden. Wohl eine der ersten höchst wirksamen Berührungen zwischen Judentum und Humanismus war demgemäß die Verteidigung des Talmud durch Johannes Reuchlin. Als Humanist hatte er sich aus eigenem Studium Kenntnis dieses gesetzlichen Grundwerks des Judentums verschafft. Darum vermochte er nicht zu begreifen, das Feinde der Juden sich so leidenschaftlich für die Vernichtung der Talmudausgaben einsetzen. Auch ohne daß er, was ja für ihn als Christen unmöglich war, sich etwa bedingungslos zum Talmud bekannt hätte, forderte er seine Erhaltung wegen der Fülle sittlicher Lichtstrahlen, die von ihm ausgingen; er sah in ihm ein wertvolles Beispiel einer religiösen Quellenschrift, und zögerte nicht, ihm als solchen Gerechtigkeit verschaffen zu wollen. Mit seiner Zielsetzung befand sich — das weiß Stefan Zweig an Erasmus in einer unvergleichlichen Anschaulichkeit zu gestalten — der „Humanismus" im Gegensatz zur Wirklichkeit, zur Umwelt, und ist sich dessen auch durchaus bewußt. Der auf das Allmenschliche gerichtete Blick, Gerechtigkeit als Maßstab für Tun und Lassen war den Menschen jenes Jahrhunderts etwas Fremdes. Wie seine Mitstreiter nahm Erasmus den Kampf gegen den „Unheilgeist der menschlichen Natur" auf, trat eindringlich und mutvoll, mit dem Mittel des Spottes und der deutenden Lehre für geistige und seelische Veredlung ein. Aber es war und blieb ihm immer ein Ringen um die Geister, fernab von jedem Versuch, die Fernstehenden mit anderer Waffe als der geistiger Gewinnung zu be-

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