Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 28 (12.7.1935)
- Date
- 1935-07-12
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIOIONSOEMEINDE ZU LEIPZIG 12. Juli 1935 weit hageldicht auf uns niedersausen, überkommt es uns hei aller Überraschung und Schmcrzhaftigkcit bald wie ein altgewohntes Gefühl, und erweckt aus der eignen Mitte unsere Tadler und Ankläger, alle geleitet von der treuen Absieht, uns nicht Gift, sondern Arznei zu reichen. Wir lauschten begabten Predigern, wir lasen eifernde Leitartikel unter dem Stichwort „Ja-Sagen /um Judentum". Von besonderer Seite wurde mit uns abgerechnet im „Neuen Kus a r i" (dem wir /um letzten Lichtfest in diesen Blättern eine Besprechung widmeten). Heute liegt vor uns eine Eröffnungsrede /um (>. Jahreskurs US des Jüdischen Lehrhauses in Köln von Prof. Dr. Bruno Kisch, die den Titel „Wege /um Glauben" führt. (Im Verlage von I'. Fink, Köln 1035.) Wieder ist es ein Bullruf, der in andern Zeiten Widerspruch herausgefordert hätte. Heute nehmen wir ihn gelassen auf, nach dem im Judentum hochgehaltenen Wcisheitswurt (Spr. Sal. 27 v. 5 u. b). Besser offene Rüge als verschwiegene Liebe; treugemeint sind Wunden von Freundeshand, lästig Küsse des Leindes. Prof. Bruno Kisch verlangt nichts Geringeres von uns, als eine Absage an die letzten 200 Jahre; sein Vorspruch lautet: „Die religiöse (iegenreform muH das durch nichts anderes ersetzbare Kernstück der jüdischen Oegenemanzipation sein." Er gibt uns zu verstehen, dali wir (ohne Ausnahme?), wenn nicht Antitheisten, so doch Atheisten geworden seien und uns den durch Freiheitsdrang und Zweifelsucht, sowie durch die Anmaßungen einer ihre Grenzen überschreitenden Philosophie und Naturforschung verbarrikadierten Weg zu Gott zurückerobern müßten. Keine noch so wohlgemeinte Bestrebung, einen Religionsersatz zu finden, dürfe uns von der unerläßlichen Pflicht unserer Zeit ablenken, das Doppclaxiom des Judentums wieder zu unsern Leitstern zumachen: die Wahrheit des jüdischen ü o 11 e s b e g r i f f c s (fern von Atheismus, Pantheismus und verschwommener Mystik) und die Göttlichkeit der Tho r i als absoluter, unabänderlicher, widerspruchslos verpflichtender Anweisung zur werktätigen Verwirklichung. „Lin Leben, das von der Thora in seiner Werktätigkeit und seiner seelischen Linsteilung wahrhaft menschenwürdig gestaltet verläuft, ist das ideale Ziel des Judentums." I in Naturforscher, der so starke Worte braucht, um zum positiven Judentume zurückzurufen, soll uns doppelt willkommen sein, weil ei auch uns nicht um Worte, sondern um die grolle Sache geht, und wir uns auf den von ihm bezeichneten Wegen zusammenfinden können. Er verlangt, auf Beweise für Gott zu verzichten, iber die Hinweise auf Gott gerade in der neueren Biologie und Erblehre zu beachten und die letzten, unenträtselbarcn Wunder des Lebens wieder im Lichte Gottes zu schauen. Und er lädt uns ein, Judentum aus den Quellen zu lernen und unsere matcrialen Kenntnisse unablässig zu erweitern, damit unser geistiges Auge fnr seine Schönheiten und Wahrheiten sieh schärfe. Und er fordert von uns Überwindung von persönlichem Stolz, und falscher Scham, um mutig den Schritt vom Erkennen zum Bekennen und zum I im zu wagen. Solehe Sprache wird ein zustimmendes Echo in unserer Mitte finden, solange wir ein Volk der Selbstkritik bleiben wollen. Unsere Gemeinde. Betr. Linsendune der Manuskripte! Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß Manuskripte, die zur Veröffentlichung im Gemeindeblatt bestimmt sind, bis auf weiteres an: Israelitische Religionsgemeinde, Walter Blümel-Str, 10, mit dem Vermerk „Gemeindeblatt" zu richten sind. Sekunden-Aktion des Keren Hajischuw. Die im vorigen Jahre zum ersten Male vom Keren Hajischuw vorgenommene Sekunden- Aktion hat in weitesten Kreisen Sympathie gefunden und den Wunsch erweckt, diese Aktion zu einer I laucreinrichtung zu gestalten. Während im vorigen Jahre infolge der Kurze der Zeit nur 32000 Sekunden abgegeben werden konnten, hoffen wir. dali in diesem Jahre restlos sämtliche Sekunden untergeht acht werden. Im vorigen Jahre wurden Erez lisroel-Reisen gegeben an: Nr. 3066 Ruth Perlstein, Kassel, Nr. 1781 Julius Mannheimer, Breslau, Nr. 33266 Rafael Gradenwitz, Berlin; in Polen: Nr. 52360, 07987. «1921. 509b5; ferner in der I seheehoslowakei: Nr. 14710 Jenö Kaiisch, Galanta. Dem Aufbau des Keren Hajischuw, dem Fonds für die Siedlung g'ttdienender jüdischer Arbeiter auf heiligem Boden, gilt auch in diesem Jahre die Sekunden-Aktion, und der Verbundenheit der jüdischen Diaspora mit dem heiligen Lande soll sie neuen gewaltigen Auftrieb verleihen. Die Sö 100 Sekunden, aus denen sieh der letzte Tag des Jahres 5(>95 zusammensetzt, sollen 86400 jüdische Menschen zu einer grollen Mizwohtat im Dienste von lischuw Erez Jisroel vereinigen; jede dieser Sekunden wird für Shilling 1 75 Pfennig bzw. dem ungefähren Gegenwert in den verschiedenen Ländern verkauft. Am 29. EUuI, dein Rüsttagc des Rausch-Haschono 5606 werden die Namen aller Sekundenkäufer unter notarieller Aufsicht in den Räumen der Palästina Centrale, 1 rank fürt a. M., Schwanenstr. 12, verlesen werden, indessen eine Sckundenuhr den Ablauf des letzten Tages dieses Jahres mißt. Der Träger desjenigen Namens, der bei der Verlesung mit dem Beginn der letzten Sekunde jeder Stunde zusammentrifft, erwirbt eine Erez Jisroel-Reise, wird also um das Opfer von einem Shilling das Glück haben, als Bote und Repräsentant seiner Brüder und Mizwa-Genossen den Boden des heiligen Landes zu betreten und zu bereisen. Die Landesorganisationen der Agudas Jisroel und die Keren Hajischuwkommissariate in allen Ländern sind von der Palästina- Centrale mit allen nötigen Materialien und Instruktionen ausgerüstet und stehen allen Brüdern, die sich an diesem grollen Gemeinschaftswerke beteiligen wollen, mit Auskünften jederzeit ZU Diensten. Bericht über die Gemeindesitzung vom 8. Juli 193S. Da Herr Gemeindevorsteher Goldschmidt von Leipzig abwesend ist, leitet sein Stellvertreter Herr Hodes die Sitzung. Hauptgegenstand der Tagesordnung ist der Haushaltplan für 1935 3b. Derselbe ist in vielen Sitzungen des Finanzausschusses gründlich durchberaten worden. Herr Breslaucr als l inanzdezernent des Gemeindevorstandes trägt die wesentlichen Abweichungen des diesjährigen Haushaltplancs gegenüber dem vorjährigen vor, die unten wiedergegeben sind. Auf eine nochmalige Durchberatung in der Vollversammlung wird verzichtet, es werden nur einige Anregungen vorgebracht. Obwohl die Gebühren für die Synagogenplätze in den letzten Jahren mehrfach gesenkt worden sind, meint Herr Pelz, dali manche Familien infolge der Verschlechterung ihrer Vermögens- und Einkom mens Verhältnisse ihre angestammten Plätze nicht bezahlen können. Da die Preise schon sehr niedrig sind, ist eine abermalige Senkung nicht möglich; in besonderen Ausnahmefällen kann bei Unvermögen der Vorstand eine Ermäßigung gewähren. Herr Dr. Woskin erhebt die Forderung, dali angesichts der zunehmenden geldlichen Schwierigkeiten die Ausgaben für den Kultus eingeschränkt werden sollten. Auf Antrag des Herrn Dr. Plaut wird danach der Haushaltplan entsprechend der Vorlage einstimmig im ganzen angenommen. Die Gemeindeanlage wird wieder auf 30 v. II. der Mallstabsteuer des Vorjahres festgesetzt. Nach Abschluß der Beratungen über den Haushaltplan sind noch folgende Beitragsgesuche eingegangen: Ein gemeinsamer Antrag der Sportvereine Bar Kochba und Schild, ein Gesuch der Synagoge Keilstraße, ein Antrag des Reichs« bundes jüdischer Frontsoldaten auf Gewährung eines Beitrages zur Unterstützung der Kriegsopfer, und schließlich kündigt in der Sitzung Herr Dr. Braude ein Beitragsgesuch der jüdischen Jugendbünde an. Alle diese Gesuche werden dem Finanzausschuß überwiesen, der ermächtigt wird, sie gemeinsam mit dem Vorstand zu erledigen. Anstelle des Herrn Dubiner, der wegen Überlastung das Amt eines Mitgliedes des Finanzausschusses nicht übernehmen kann, wird Herr Dr. l.ehrfreund gewählt. Aus den Erläuterungen des Herrn Breslauer ist folgendes hervorzuheben: Einnahmen: II. Die Verwaltung des Grundstücks Humholdtstr. 13 ist herausgeblieben, weil eigene StiftungsVerwaltung und daher nicht unter den Haushaltplan der Gemeinde fallend. Infolgedessen Wegfall von RM 3000.—. VII. Beim Abschnitt Wohlfahrtspflege ist eine äußerliche Änderung eingetreten. Die Beträge, die zur Erfüllung der Auflagen aus den Stiftungen verwendet werden müssen, und die Verteilungen, die im Sinne der Stifter erfolgen, sind vorweg abgesetzt worden, damit sie nicht den Haushaltplan des Wohlfahrtsamtes, dem sie ja nicht zugute kommen, höher erscheinen lassen als er ist. Außerdem sinken die Einnahmen aus Stiftungen infolge der Zinssenkung, doch ist diese Minderung nicht beträchtlich, weil neue Zuwendungen hinzugekommen sind. XIII. Hier tritt die Zinssenkung in Erscheinung. Das zeigt sich besonders auch auf der Ausgahenseite. XIV. Nach dem Ergebnis der (iemeindeanlage 1934 darf erwartet werden, dali bei gleichbleibendem Steuersatz die Ausgaben des laufenden Jahres durch die Steuern annähernd gedeckt werden. Ausgaben: II. Auch hier ist das Grundstück Humboldtstralle 13 ausgelassen. III. Es ist die Wiedereinrichtung des liberalen Zweiggottesdienstes vorgesehen, weil das Fehlen eines solchen im Vorjahre sehr unangenehm empfunden worden ist. Unter Kultus und Unterricht erscheint jetzt die jüdische Schule, die früher unter Abschnitt XI gestanden hat. VI b. Bei Verzinsung und Tilgung der Fricdhofsanlcihc wirkt sich die Zinssenkung günstig aus. VII. Die Lasten für die Wohlfahrtspflege haben sich infolge der zunehmenden Not unter der jüdischen Bevölkerung erhöht.