Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1935-07-12 · 28 (12.7.1935) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
11 (1935)
Issue
28 (12.7.1935)
Date
1935-07-12
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4876568-5968806-5969533--5545-4881303
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

la 7.35 V Auflage 4000 Stück emeitiö ebtatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU I XII Z)7\CL AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LLIl^lv DER GEMEINDEVERWALTUNG» Scbrlftleltungi Oemeinderabblner OatUv Cohn Leipzig Walter Blümel-Str. 10. — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung dei Verfassers gestattet Nummer 28 - Jahrgang 11 12. Juli 1935 Anzeigenannahme! E. Ooldfreund, Leipzig 0 5, Cichoriusstraße 2a, Fernsprecher Nr. 60771 Druck: Druckerei der Werkgemeinschaft, Leipzig C 1. Das Volk der Selbstkritik. Zu den 3 Wochen. Von Dr. S. Samuel, Berlin. Gegen Ende des Weltkrieges hielt Israel Zangwill in London vor einer erlesenen Zuhörerschaft einen viel bewunderten Vortrag: „Auserwähltc Volker". Er lieft die wichtigsten an sich vorüberziehen, die einen so hohen, alle übrigen ausschließenden Anspruch stellten: England, Amerika, Japan, Deutschland; aber auch Israel. Er sprach von der Verschiedenheit der Auswirkung solchen Anspruchs auf die betreffende Nation und von seinen Gefahren. Israel erkannte er ZU, daß es durch seine schicksalsreiche Geschichte zweierlei gewonnen habe: Demut gegenüber der göttlichen Führung, und die Fähigkeit zur Selbstkritik; und letztere seine aus/eichnende Eigenschaft bis heute geblieben sei. Dali sie ihm frühzeitig eignete, beweist jedes Blatt unserer klassischen Literatur. Wollte jemand die Zeugnisse der Selbstzufriedenheit und des Eigenlobs aas ihr sammeln, er fände kaum eine Handvoll. Strafreden und Anklagen dagegen füllen ganze Bücher. Oft hat man vorschnell beurteilt, da II solche Selbst be/ichtigungen eine eindeutige Charakteristik darböten, wie sie vernichtender der ärgste Feind nicht zeichnen könnte. Dem steht aber die Tatsache gegenüber, daß das jüdische Volk in diesen seinen Tadlern und Kritikern seine besten Söhne und treuesten Freunde erblickte, ihre Reden aus allen Stürmen und Branden rettete, und durch Länder und Völker mit sich führte. Und so oft im Kreislauf des religiösen Jahres ernste Erinnerungszeiten herannahen, dann holt es sie hervor und bringt sie in seinen Gotteshäusern noch beute zu erweckender Verlesung. Die 3 Wochen, die den Namen telata dc-purauuta führen, nahen heran. Für sie sind vielleicht die heftigsten, aufwühlendsten Strafreden gewählt, die sich finden hellen. Die I. beginnt mit dem düsteren Worte „Chason" und breitet über den Sabbat vor dem 9. Ab, dem Gedenktage der Zerstörung Jerusalems, die Stimmung der Einkehr und Bulle. Und dieser Tag selbst, an dem das ganze Weh einer zerschlagenen Nation und der Jammer, der aus ihm folgte, die Seele Israels erfüllt, er wird nicht anders als mit schmerzlicher Selhslanklage und bitterei Selbstkritik begangen. In den Klageliedern Jeremias fand die (iemeinde den klassischen Ausdruck dafür, welche Haltung allein seiner würdig sei: „Durchforschen wir unsern Wandel und prüfen wir ihn, um zu Gott zurückzukehren. Erheben wir unser Herz auf unsern Händen zu Gott im Himmel: Abgefallen waren wir und widerspenstig — darum hast du nicht verziehen!" Als der Tempel noch einmal in Schutt und Asche sank, letztes Sinnbild der Freiheit und des Stolzes, da zeichnete mau in die (iehetsordiiungeu und in die Seelen die Worte hinein: „wegen unsrer Sünden". So wie sie geprägt, sind diese Bekenntnisworte das ganze Mitleialter hindurch empfunden, gebetet, geseufzt worden. Es gibt eine grolle Literatur zu ihrer Erläuterung, die Mussar-Büch er. Alle religiös-ethische Besinnung und Belehrung wurde Kritik des Wandels vor (iott und Menschen, der strengen Pflichterfüllung in diesen beiden Sphären. Es wäre ein unlösbares Rätsel, wie die Gemeinden das Leben einer traurigen Diaspora führen und ertragen konnten, wäre ihnen nicht sittliche Selbstkritik zum ewigen Erneucrungsquell geworden. Wohl hatte soziale Enge und Niedrigkeit des Ghettodascins ihre besonderen Gefahren; man stieß und rieb sich gegenseitig wund, man sah einander zu nah und zu scharf, aber man konnte sich auch seelisch und sittlich leichter stützen und helfen. Es gibt im Rahmen einer größeren Abhandlung Hermann Cohens „Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch" eine Erörterung, warum Ermahnung und Zurechtweisung höchste Forderung der Menschenliebe sei, mit dem Ziele, jede Regung des Menschenhasses aus den Herzen zu tilgen. Ihr Ausgangspunkt sind die Verse 17 und 18 im 19. Kapitel des 3. Buches Mose, insbesondere die tiefen Worte „h o c Ii c a c h t o c Ii i a c h et a m i t e c h a" „zurechtweisen, ja zurechtweisen sollst du deinen Nächsten, damit du seinetwegen nicht Sünde tragest". Diese Forderung in ihrer Erfüllung hat Israel vor sittlicher Stumpfheit und Fäulnis bewahrt, ihm die Kräfte der Selbstkritik verliehen und es zugleich zum Dulden und Tragen, zum Verzeihen und Auf-Gott-Hoffen befähigt. Im Talmudtraktat Joma (9b) wird die Frage aufgeworfen, warum auch der 2. Tempel zerstört wurde, da doch zu seiner Zeit die Thora, Gesetze und Liebespflichten gepflegt wurden? Die Antwort lautet: wegen des grundlosen Hasses. Und wieder belehrt uns Hermann Cohen darüber, daß nicht etwa begründeter und unbegründeter Haß zu unterscheiden erlaubt sei, sondern der Haß überhaupt und an sich als grundlos bezeichnet wird. „Es ist ein psychologisches Problem, ob der Haß eine psychologische Tatsache im menschlichen Gemüte ist. Der primitive Affekt des Hasses ... ist eine nicht bewiesene Annahme. Der Haß ist grundlos im menschlichen Gemüte. Daruni macht der Talmud ihn zur eigentlichen Todsünde. Der Mensch ist zum Lieben da. Und wenn er haßt, wird sein Dasein vergeblich. Haß ist der Widerspruch zur Liebe und somit zum Menschen als dem Nächsten. Der Mensch ist dein Bruder, wie Gott aller Menschen Vater ist. Das Böse im Menschen darf und soll ich hassen; aber dem bösen Mitmenschen schulde ich in allen seinen sittlichen Nöten Zurechtweisung und strafende Kritik; nicht geübt mit Selbstgerechtigkeit und geistlichem Hochmut, sondern im natürlichen und notwendigen Bewußtsein dir eignen Gebrechlichkeit, mit jeuer Demut, die unumgänglich und unersetzlich ist bei diesem Geschäft der McoscheUVerbesserUttg und Bekehrung." Soweit unser Denker. Ist uns heutzutage die Fähigkeit zur Selbstkritik abhanden gekommen? Wir sind froh, daß sie auch in UUSeiUI i,regenwärti«jen Leid sich bewährt hat. Wenn erneut die Schläge einer unfreundlichen Um-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.