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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1935-06-07 · 23 (7.6.1935) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
11 (1935)
Issue
23 (7.6.1935)
Date
1935-06-07
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Auflage 4100 Stück ßemetoö cblottr DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGfcM&INDE- ZU I Jül \yj\Clm AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LL IiXmIV DER GEMEINDEVERWALTUNG« Schriftleitung i Oemeinderabbiner Oustav Cohn Leipzig Walter Blflmel-Str. 10. - Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung de« Verfassers gestattet Nummer 23 - Jahrgang 11?. Juni 1935 Anzeigenannahme i E. Ooldfreund, Leipzig; 05, CichoriusstraBe 2a, Fernsprecher Nr. 60771 Druck: Druckerei der Werkgemeinschaft, Leipzig C 1. Unsere Thora — ein Altneuland. Zum Offenbarungsfeste 5695. Wenn der Tag des Auszugs aus Ägypten unser nationales Dasein begründete, so der Tag vom Sinai unser höheres, religiöses. Iis gibt nicht nur die Forderung, uns in jedem Zeitalter so anzusehen, als wären wir selber aus Ägypten gezogen und gotterlöste Menschen geworden. Es gibt auch die weitere: Unsere Thora als Gottesweisung stets als eine neue, an uns gerichtete, zu betrachten, und ihr mit neuer Freudigkeit und Willigkeit zu begegnen: einem geistigen Altneu 1 a n d. Wir suchen es heute wieder mit frischer Bereitschaft. Der viel beklagte Indifferentismus früherer Zeiten hat einem schönen Eifer Platz gemacht, der Lehrende und Lernende ehrt, und von dem nur zu wünschen, daß er anhält. Viele Kräfte sind am Werk, herauszustellen und zu erfassen, was es mit dem „Erbe Jakobs" auf sich habe, das draullen so leidenschaftlich bekämpft wird und alles von unserer unveränderten Treue erwartet. Ein Zeichen religiöser Selbstbesinnung war die machtvolle Ehrung, die die Judenheit in Deutschland in diesem Jubiläumsjahre dem Genius Moses Maimonides bereitet hat. Bis in die kleinsten Gemeinden hinein drang sein Ruf; Reden, Abhandlungen, populäre Darstellungen erreichten ohne alle Übertreibung wohl jeden jüdischen Menschen. Sie haben ihre gute Absicht erfüllt. Für Feierstunden stillen Weiterdeukens scheinen uns aber zwei Schriften verfaßt, die über den Anlall hinaus einen bleibenden Wert beanspruchen: Leo St ra u II: „Philosophie und Q e s e t /." und Fritz Bamberger: „Das System des Maimonides". Kein gebildeter Jude sollte sich durch die gelehrten Titel abschrecken lassen, sich mit ihnen bekanntzumachen, da sie von ihrer hohen Warte aus wohl anspruchsvoll sein mögen, dafür aber das alle Offenbarung umschwebende Geheimnis nach vielen Seiten beleuchten. Und es darf vielleicht als eine passende Feier von „Matlan-Thora" gelten, durch schlichte Einf üln ungswortc den genannten Büchern den Weg in die Öffentlichkeit zu bahnen. Leo St rauh') knüpft seine Darlegungen an das Werk von Julius Ci u 11 m a u u : „Die Philosophie des J ud e n t U m s" an, das vor allem den mittelalterlichen I lenken gewidmet ist. Sie alle trugen zur Lösung der von ihnen neu aufgeworfenen Frage bei, wie mau streng philosophisch denken und doch zugleich offen Da rungSgläubig sein könne? Und alle, vorzüglich Maimuni, weisen darauf hin, dall das Denken und Einsehen vom Judentum selbst mit allem Nachdruck gefordert, also ein Glauben nur im Verein mit echtem Verständnis des Geglaubten gewertet wird. „Erkenne es heute und führe es dir zu Herzen" verlaugt schon die Thora; und Erkenntnis (iottes und seinei Wege fordern alle Propheten. Nur muß Vernunft ') Philosophie und Gesetz. Beiträge zum Verständnis Malmunis und der jüdischen Religionsphilosophie des Mittelalters. Berlin 1935 (Schockcn-Verlag). in einem jüdischen Menschen sich bewußt bleiben, daß sie ihre Grenzen im Bereiche von Natur und Mensch habe; um aber den vollen Gehalt jüdischer Tradition über Gott und Gesetz, zu bewahren, einer Offenbarung bedürfen. Vergessen wir diese Grenze, so droht uns der Einig-Einzige Gott, den wir zu ehren und zu lehren auf Erden verpflichtet sind, zu entschwinden. Es geht nicht mit griechischer Weisheit allein (Aristoteles); auch der erhabenste, deutsc he Idealismus (Immanuel Kant) genügt nicht. Wir sehen einen Spinoza den frei schaffenden Schöpfer leugnen; Mendelssohn bei aller üottgläubigkeit den Lenker der Geschichte verkennen; Hermann Cohen die Kluft zwischen seinem Denken und jüdischer Tradition als unüberbrückbar beklagen. Als dieser edle Denker einmal, so erzählt Leo Strauß, einem schlichten Juden seine Gottesidee auseinandersetzte und dieser schließlich fragte: Wo bleibt aber der „Bore auloni" (der Schöpfer und Lenker der Welt)? konnte er nichts als weine n. Solche Verzweiflung lag den älteren Meistern fern. Maimonides gab der Thora, d. h. der Offenbarung, die Bestimmung, gerade solche Wahrheiten über Gott, seine Schöpfung und Vorsehung zu lehren, die der Vernunft unerreichbar sind, wenn sie auch nachher ihnen zustimmen muß. Aber mehr als dies: sie darf uns Gehorsamsgebote, konkrete Einzelbestimmiiiigen eines idealen Gesetzes erteilen, über die sich die Menschen in der starken Verschiedenheit ihrer Charaktere, Kräfte und Strehungcn niemals geeinigt hätten. Schon Piatos Lehre zielte dahin, Philosophie und Staatsieitung zu verbinden; sein Denker sollte zugleich König sein. Was ihm vorschwebte, ist in unserer Thora verwirklicht; ein Prophet wie Mose war Lehrer und Leiter in einem; er wollte neben unserem leiblichen vor allem unser höheres, geistiges Wohl, und war durch göttliche Erleuchtung jedem Philosophen überlegen. Die Gesetze, die der Prophet für Vergesellschaftung der Menschen erteilt, sind alle darauf ausgerichtet, uns zu läutern und zu v e r v o 11 k o m n u e n. Seine Sendung hat beide Welten im Auge, die des Vergehens und die der Ewigkeit. Er führt uns in „die Stadt des schönen Wandels"; er darf ankündigen, wann die Allmacht (iottes ein in der Natur verborgen angelegtes Wunder wirken will; ihm ist eine gewisse Zukunftserkeiintiiis verliehen, um zu warnen und zu mahnen, aber auch zu trösten und zu verheißen. Keine Philosophie leistet dies. Das Gesetz gibt ihr Freiheit, sich in ihrer Sphäre zu betätigen; ihre schönste Aufgabe bleibt es, sich in die Tiefe der Offenbarung zu versenken: Altneuland. Dr. Fritz IIa in berger-) hat das Thema seiner Schrift „Das System des Maimonides" im Untertitel eingeschränkt auf den „O Ott es begriff". Aber es erging ihm, wie jenem Weisen, dem ein Fürst eine schnell fertige Antwort auf die Frage, was Gott sei, *) Das System des Maimonides. Eine Analyse des More Newuchim vom Qottesbegriff aus. Berlin 1<*i5 (Schocken-Verlag).

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