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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1935-05-31 · 22 (31.5.1935) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
11 (1935)
Issue
22 (31.5.1935)
Date
1935-05-31
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 31. Mai 1935 des Judentums. Die Emanzipation aber mußte enttäuschen, wenn sie wirklieh die innere Zerstörung und Seihstauflosung der religiösen Gemeinschaft (wie seihst ein Wilhelm v. Humboldt erwartete) zum Ziele hatte; dieses Urteil würde heute auch üabriel Riesscr fällen. Oft hat man gefragt, ob wir Juden seit dem Verluste unseres einstigen Staates überhaupt eine ,,Geschichte'' hätten und nicht vielmelr nur erlittenes Schicksal mit äußeren Geschehnissen? Darauf gebe David Koigen (in s. Ethos I, S. 568) die Antwort: „Schon im Lebenslauf eines Einzelnen, insofern er sich zu einer eigentlichen Biographie gestaltet, ist eine unfaßbare, jenseitige Macht, von der sich die Geschichte dieses Einzelnen in Bewegung gesetzt und beherrscht weiß. Wir nennen diese Macht Lebensplan, Aufgabe, Sendung. Um wieviel mehr ist alles geschichtliehe Tun nur repräsentativ und wird auf fremdes Geheiß vollzogen. Nicht Schicksal darf dies heißen, es träfe nicht das Herz des Historischen, sondern Geschichte, weil da ist Ergriffensein durch ein höheres Prinzip... (iott ist's, der sich im Sturm und Gewitter in allen großen Ereignissen offenbart, er der Inbegriff und Behälter aller jenseitigen Mächte, die in historischen Menschen wirkend sind!" Aus sächsischen Gemeinden. Jüdische Zeitschau Tagung des Sächsischen israelitischen Gemeindeverbandes in Dresden. In Dresden fand unter starker Beteiligung fast aller Gemeinden eine Tagung des Sächsischen Israelitischen Gcmeindeverbandes statt, die von dem stellvertretenden Vorsitzenden Max Lesser, Dresden, geleitet wurde. Die Reichsvertretung der deutschen Juden hatte Landesgerichtsrat i. R. Dr. Lilienthal entsandt. Der bisherige Verbandsvorstand wurde einstimmig für die Geschäftsjahre 1935 3h wiedergewählt. Er besteht aus den Herren Carl Goldschmidt-Leipzig, als Vorsitzenden, Max Lesser-Dresden, als stellvertretendem Vorsitzenden, Hermann Sehocken-Dresden, als Beisitzer. Den Verwaltung s b e r i c h t sowie den Bericht über den H a u s h a 11 p I a n für 1055 erstattete der Verbandssyndikus Dr. Saalheimer. Der Etat weist gegenüber dem Vorjahre zwei wesentliche Erhöhungen in den Ausgabepositionen auf, die durch die erhöhten Kopfbeiträge, die, umgelegt nach dem Reichseiiikoiiitnenstclicrsoli der Gemeinden, über den Gemeindeverband an die Reichsvertretung abgeführt werden und durch den vermehrten Bedarf der Laiuleswohlfahrtsstelle bedingt sind. Die l aiuleswohlfahrtsstelle fungiert neuerdings gleichzeitig als Landesstelle für Wirtschaftshilfe. Bewilligt wurden einmalige Zuwendungen an die Hebräische Universität Jerusalem aus Anlaß ihres 10jährigen Bestehens und an den Kcren Kajcmcth zur Rothschild- Aktion. Der Etat wurde gegenüber dem Entwurf unverändert — einstimmig angenommen. Die Prüfung des Rechnungswerkes für 1931 hat zu keinerlei Beanstandung geführt. Es wurde daher ihre Richtigsprechung beschlossen und dem Vorstand Entlastung erteilt. Die Tätigkeit des Verbandes soll namentlich auf dem wichtigen Gebiete der Jugendarbeit eine noch stärkere Aktivierung erfahren. In Aussicht genommen wurden u. a. Kurse für sächsische Jugendführer in Dresden-Oberrochwiz und die Weiterführung der von Leipzig bereits erfolgreich aufgenommenen Lehrerfortbildungsarbeit. Es wurde ein Ausschuß für Unterrichts- und Jugendfragen eingesetzt, dem neben Vertretern der Sächsischen Rabbinerkonferenz und der Sächsischen Lehrervereinigung die Schuldezernenten der größeren Verbandsgemeinden angehören. Dieser Kommission wurde ferner ein Antrag auf Schaffung einer Verbandsordnuns zur Beaufsichtigung des gesamten Religionsunterrichts überwiesen. Es wurde ein dringender Appel! an die (icmcindcn gerichtet, das jüdische Schulwesen weiter auszubilden. Ferner lag ein Rahmenentwurf für ein Dienststrafrecht des Verbandes vor. Der vor einigen Jahren von der Beamtenrechtskommission des Verbandes in Anlehnung an die früher für die sichslschen Staatsbeamten geltende Regelung hergestellte Entwurf i-t durch das sächsische Gesetz vom 19. Juni 1933 überholt. Elag nahe, eine sinngemäße Anwendung der neuen landesrcchtlichen Regelung vorzunehmen. Da aus dem Kollegium jedoch gewisse Bedenken geäußert wurden, überwies man die Regelung des Verfahrens zunächst der Beamtenrechtskommission zur Vorbereitung. Dagegen wurden folgende grundsätzliche Beschlüsse gefaßt: 1. Die Beamten der Verbandsgemeinden sind dem Dienststrafrecht des Verbandes unterstellt 2. Die Ausführungsbestimmungen werden vom Verbandsvorstand im Benehmen mit der Beamtenrechtskommissioa erlassen. Bei di r Nachmittagssitzung erstattete Landgerichtsrat i. R. I ir. Lilienthal ein umfassendes Referat über die Tätigkeit der Reichs Vertretung der deutschen Juden. Demnächst tritt der Soziale Ausschuß des Verbandes nach längerer Pause zu einer Sitzung zusammen. Die üeschäftsentwicklung der Genossenschaftsbank Iwria in Chemnitz. Die Genossenschaftsbank Iwria eOmbH. in Chemnitz veröffentlicht ihren Geschäftsbericht für ihr drittes Geschäftsjahr 1934. Aus ihm iit /u entnehmen, daß bei einer Bilanzsumme von rund 55001)0 Mark der Umsatz über 16 Millionen Reichsmark betragen hat. Die Bilanz schließt mit einem Gewinn von 5270 Reichsmark ab. Die Verwaltung schlägt die Ausschüttung einer 3 O/o igen Dividende vor, womit die Bank zum ersten Male eine Dividende zur Verteilung bringt. Am l mir des Geschäftsjahres 1934 hatte die Bank llo Mitglieder mit 170 Anteilen. Im Verlaufe des Geschäftsjahres haben Sich 63 neue Mitglieder mit 72 Anteilen der Genossenschaft angeschlossen. In der ordentlichen Generalversammlung am o. Mai wurden die turnusmäßig ausscheidenden AufsichtsratmltgUeder Mirsky und Karmann wiedergewählt. An Stelle eines von Chemnitz fortgezogenen Mitgliedes trat Alired Joachimsthal neu in den Aufsichtsrat ein. Du Vorstand der Bank besteht aus den Herren Weißkopf und Simonstein. (JTA.) Die jüdischen Gemeindesteuern in Deutschland, ihre Grundlagen und ihre Erhöhungen in den letzten Jahren. Im „Frankfurter Israelitischen Gcmcindchlatt" nimmt Dr. Franz Wolf im Anschluß an die beabsichtigte Senkung der christlichen Kirchensteuern zu der Frage Stellung, weshalb die jüdischen Gemeindesteuern seit einigen Jahren in einer beträchtlichen Steigerung begriffen sind und welches die Gründe sind, die einem Vergleich der jüdischen Gemeindesteuern mit den Kirchensteuern entgegenstehen. Man glaube offenbar, so sagt Dr .Wolf, bei den Kirchensteuern die bisherigen Steuerbeträge mit niedrigeren Zuschlägen erreichen zu können. Es beständen aber leider triftige Gründe zu der Annahme, daß in dieser Hinsicht die Entwicklung bei den jüdischen Steuerpflichtigen nicht mit der allgemeinen Schritt halte. Zwar habe sich bei einem Teil der jüdischen Steuerzahler die Wirtschaftsbelebung auch ausgewirkt; aber ihnen ständen andere gegenüber, die starke Beeinträchtigungen ihres Einkommens erfahren oder ihre wirtschaftliche Existenz verloren hätten. Auch sei die Auswanderung z. T. recht leistungsfähiger Steuerzahler zu berücksichtigen. Und nicht nur die Einkommensentwicklung sei hei Juden und Nichtjuden verschieden, sondern auch der Steuerbedarf. Im Verhältnis zur Kopfzahl sind bei den Kirchengemeinden die Ausgaben niedriger, die sonstigen Einnahmen dagegen höher als hei den jüdischen Gemeinden. Entscheidend sei, daß die Kirchengemeinden erhebliche Staatszuschüsse zu den Gehältern ihrer Pfarrer und Beamten erhalten, die jüdischen Gemeinden aber nicht. Andererseits benützten die Mitglieder der Kirchengcmcindcu staatliche Einrichtungen in einer Reihe von l allen, in denen die Juden auf Sondereinrichtungen ihrer (lemeinden angewiesen sind (Schulen, Krankenhäuser, Friedhöfe usw.). So sei von jeher der Steuerbedarf der jüdischen Gemeinden im Verhältnis zu ihrer Mitgliederzahl beträchtlich höher gewesen als bei den Kirchengemeinden. Und gerade in den letzten zwei Jahren sei eine Erhöhung der Zuschläge zur Rcichseinkommensteuer, die als Stcuerbetrag von der Jüdischen Gemeinde erhoben werden, notwendig geworden. In kleineu jüdischen (lemeinden stiegen die Zuschlagsätze bis zu 150O/o. Die Wandlung der Lage des deutschen Judentums, die erhöhten Lasten zur Erhaltung jüdischer Schulen und Wohlfahrtseinrichtungen fänden hierin ihren Ausdruck. (JTA.) Unsere Gemeinde. C.V.-Vortrag. Der Centralvcrein hatte die Qemelndeangehörigen in den Goldenen Saal des Krystallpalastes zu einem Vortragsabend des Syndikus des C.V., Dr. Alfred Hirschberg, eingeladen. Thema und Redner übten eine so starke Anziehungskraft aus, daß der Saal und die Nebenräume bereits lange vor Beginn der festgesetzten Zeit überfüllt waren und Hunderte von Mensehen wieder gehen mußten. Nach einleitenden Worten von Syndikus Kurt Sabatzky, der die Versammlung leitete, sprach Dr. Hirschberg über das Thema „Unsere jüdische Wirklichkeit". Nach einer Definition des Wirklichkeitsbegriffs ging der Referent dazu über, die Frage des Staatsbürgerrechts eingehend zu klären; mit Nachdruck wies er darauf hin, daß wir deutschen Juden die Staatsbürgerrechte so lange in Anspruch nehmen, wie sie gesetzlich verankert seien; es sei allerdings zu erwarten, daß die Juden nicht Staats b ü r g e r bleiben, sondern Staatsangehörige des Deutschen Reiches werden, die den vollen Schutz des Reiches genießen, von den Bürgerrechten, wie Wahlrecht, dem Recht, öffentliche Ämter zu bekleiden und dem Wehrrecht ausgeschlossen sein würden. Zur Frage des Wehrrechtes übergehend, gab der Redner dem tiefen Bedauern der Judenheit darüber Auadruck, daß ihnen die neue Wehrverfassung nicht die Möglichkeil gehe, die Wehrpflicht zu erfüllen. Die deutsche Judenheit lehne in ihrer Gesamtheit für ihre Angehörigen jede Sonderstellung, ilie sieh aus Kriegsleistungen ergäbe, ab. Der Redner behandelte dann die wirtschaftlichen Fragen, bei denen der G.V. in stärkstem Maße die Aufgabe erfülle, den gesetzlichen Bestimmungen zum Recht zu verhelfen. In der Jugendfrage sei es durchaus falsch, die ZukunftsmÖgUchkeiten der Jugend lediglich in Palästina zu suchen und sich nur darauf einzustellen, daß mau dort unter den primitivsten Verhältnissen ein neues Leben aufbauen könne. Auch in Deutschland sei es möglieh, Jugendliche unterzubringen, die darauf rechnen können, in bescheidener Weise eine Existenz zu erhalten. Der Redner wandte sich sodann mit Entschiedenheit gegen die Totalitätsan-

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