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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1935-05-31 · 22 (31.5.1935) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
11 (1935)
Issue
22 (31.5.1935)
Date
1935-05-31
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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\ I Auflage 4100 Stück emeiuö etoatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT il«irXal\7 DER GEMEINDEVERWALTUNGB Schrlftleltungi Oemelnderabblner Gustav Cohn Leipzig Walter Blümel-Str. 10. — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Oenehmignng de» Verfassers gestattet Nummer 22 - Jahrgang 11 31. Nal 1935 Anzeigenannahmei E. Ooldfreund, Leipzig 05, CichoriusstraBe 2a, Fernsprecher Nr. 40771 Druck: Druckerei der Werkgemeinschaft, Leipzig C 1. Ein Bild aus jüdischer Vergangenheit Ismar Elbogens Buch: Geschichte der Juden in Deutschland. Besprochen von Rabbiner Dr. S. Samuel. (Schluß). Der erste schwere Einbruch, die Krcuzz.ugsverfolgungcn, sind ein AutfluB des religiösen Fanatismus, der nicht in Deutschland seine Heimat hatte. Den Wallbrüdern ging es nicht um Geld und Out, sie wollten den Untergang der Gottesfeinde als gottgefälliges Werk. Sie erzielten auf jüdischer Seite ein bewunderungswürdiges Heldentum des Glaubens und der jenscitshoffnung Im 2. Kreuzzug fiel das böse Wort vom „Judaizare" für Gcldhandel-treiben, obwohl dies Gewerbe auch von Lombarden und Cawerschen ausgeübt wurde. Das Zinsverbot der Kirche, schädlich bei der herrschenden Geldknappheit, drängte die Juden immer ausschließlicher in die Geld- Icihgcschäfte mit ihren Versuchungen und Haligefühlen /wischen Schuldnern und Gläubigern. 1235 taucht in Fulda eine erste Blutbesch u I d i g u n g, IMS eine Anklage wegen Hosticnschänd Ii n g auf. Von diesen Anklagen hört man weder in Spanien, noch dürfen sie sich in Italien hervorwagen, wo vielmehr die Päpste solchen Ausgeburten des religiösen Wahns beschwörend entgegentraten. Erst da aller jüdische Besitz als Wuchergeld für herrenlos erklärt wird sogar Thomas von Aqttin macht sich die Ansicht zu eigen), also Leih, Ehre und Gut der Juden vogelfrei geworden, bildet sich immer deutlicher die K a m m e r k n c c h t s c h a f t der Juden des Kölnischen Reiches Deutscher Nation aus. Die Kaiser fordern allen Ernstes als Nachfolger des Kaisers Titus das unumschränkte Eigentum an den Juden der ganzen Welt. Sie begnügen sich mit dem Judenregal in deutschen Landen, das die Juden weniger als Menschen, geschweige als Bürger, denn allein als Finnalunequelle kennt, etwa wie in der goldenen Bulle neben der Bergwerksnutzung, als Auslieutungsobjekt, das wie eine Sache hin und her geschoben werden kann. Die jüdischen Gemeinden bereiteten .sodann in zügellosen /.eher, den Rindfleisch und Arml e d e r billige Triumphe, und Uberstehen sogar die blutigen Verfolgungen zur Zeit des schwarzen Todes; gewöhnlich erlitten sie ihr von manchen Chronisten bewundertes Martyrium, noch bevor die Seuche auftrat; waren aber freilich um das Jahr 1350 in unsagbares Elend hinabgestoßen. Damals wanderten Unzählige in den slawischen Osten, die Zurückgebliebenen fühlten sich nicht mehr wie früher zu Hause, befreundet durch Sprache, Sitte und (iewohnheit. „Die Verschlechterung ihrer sozialen Stellung fällt in die Augen." Da für ihre Aufnahme und Duldung nur ihr Nutzungswert maßgebend ist, werden sie fortan gegen Schutzgcld in bestimmter Zahl, für befristete Zeit, in ein winkliges Ghetto, am Judenfleck kenntlich, mit dem ausgesprochenen Ziel der Erniedrigung und Schikanierung zugelassen. Auch die Kirche schwingt die Geißel über sie durch Aussendung der Predigermönehe; aber ihre Predigten hatten auf deutschem Boden nur selten den Frfolg eines Johann Capistrano in dem Glaubensschauspicl von Breslau. Viel häufiger loderten die vom Religionshaß entzündeten Scheiterhaufen in Spanien; auch von der Geißel der zu Judenfeinden bekehrten Täuflinge, ihrer Angebereien und Herausforderungen zu nutzlosen Disputationen blieben die Juden in Deutschland fast vollkommen verschont. Dennoch benahm ihnen die Atmosphäre des Hasses beinahe den Atem. Und hier wie öfters wirft der Verfasser die Frage auf, wie es möglich war, darin zu leben? „Die Vernunft wird es nicht ergründen; nur der Gedanke völliger Gleichgültigkeit gegen irdisches Geschick, unbedingter Ergehung in eine überirdische Ordnung der Welt macht es begreiflich Diese Welt ist ihnen eine Aufgab ', die erfüllt werden muH " Es kann nicht Aufgabe dieser Zeilen sein, an der Hand des Verfassers allen weiteren Wandlungen der Zeiten zu folgen, wie sie die Juden in Deutschland in langsamem Vorwärtsschreiten und schweren Rückschlägen bis an die Schwelle unserer Tage erlebt haben. Wir erwähnen im Vorbeigehen des epochemachenden Auftretens R c u c Ii 1 i n s und der verhängnisvollen Enge mancher Reformatoren, die für den Juden nur die Taufe oder „H e r a b d r ü c k u n g in den untersten Stand" forderten. Wir verweilen bei Moses Mendelssohn deshalb, weil Elbogen, unbeirrt durch den Tagesstreit, die providentiellc Sendung dieses Mannes wieder in helles Licht gestellt hat. „Mindestens vier jüdische Generationen", so schreibt er, „haben in Moses M. ihren Helden gesehen, dem sie den Weg zum Wissen und zur Tugend folgen wollten. Seit Jahrhunderten hatte es ein solches Vorbild nicht gegeben. Der Gedanke der Unvcieinbarkeit von Judentum und deutscher Bildung konnte gar nicht aufkommen." Unser Verfasser lehnt eine Verherrlichung des Ghetto ab; er weiß aber sehr wohl, welche Umwälzung es bedeutete, als mit dessen Mauern eine bergende Umfriedung, ein Schutz gegen fremde Einflüsse fiel. Scharf verurteilt er die plötzlich im 19.Jahrhundert im deutschen Judentum auftretenden Masscntatifen, die in Spanien durch Bedrohung von Leib und Leben, hier aber durch die vielfachen „papiernen Kanonaden" unerbittlicher Oegner verursacht waren. Aber er ist doch nicht der Meinung, daß jeder Jude zu einem geistigen Ghetto bestimmt sei; er hat harte Worte gegen den „Totalitätsanspruch eines geschlossenen Systems rabbinischer Satzungen" und wirft den Rabbinern ebenso wie den Vorstehern der Übergangszeit vor, daß sie kein Verständnis für das hatten, was um sie her vorging. Von bleibendem Werte erscheint ihm die Wendung zum historischen Judentum und der neue Ausbau der jüdischen Wissenschaft (ein Zunz, Jost, Grätz); ja selbst die leidenschaftlichen religiösen Auseinandersetzungen zwischen Traditionstreuen, Liberalen und Vermittlungstheologcn (S. R. Hirsch, (ieiger, Frankel), die „h a r t am Schisma vorbei führte n", beweisen ihm doch auch den hohen Idealismus und die starke Lebenskraft Redaktionsschluß für die nädiste Nr.: Dienstag, 10 Uhr.

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