Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 21 (24.5.1935)
- Date
- 1935-05-24
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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m Auflage 4100 Stück ßemeiuö cblatt DER ISRAELITISCHEN RELIGION SGEMErl NDE- ZU I f*ID7I^M AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LL I ■ Aul V7 DER GEMEINDEVERWALTUNG! Schriftleitungi Oemeinder abbin er Oustav Cohn Leipzig Walter Blümel-Str. 10. — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassers gestattet Nummer 21 - Jahrgang 11 24. Nai 1935 Anzeigenannahme i E. Ooldfreund, Leipzig OS, CichoriusstraBe 2a, Fernsprecher Nr. 60771 Druck: Druckerei der Werkgemeinschaft, Leipzig C I. Ein Bild aus jüdischer Vergangenheit. Ismar Elboßens Buch: Geschichte der Juden in Deutschland*). Besprochen von Rabbiner Dr. S. Samuel. Seit vielen Jahren hat Professor Elbogen Anteil an der Herausgabe der „Germania Judaica", d. i. an der wissenschaftlichen Sichtung tiiul Sammlung von Urkunden ans Land- und Ortschaften /ur Frühgeschichte der Juden auf deutschem Boden. List jüngst hat er dafür den Artikel „Deutschland" auf (irund aller erreichbaren Quellen geliefert. Ihm stand es zu, diese älteren Zeugnisse reden zu lassen, und auch die späteren, Immer reichlicher fließenden zu deuten. Nichts anderes bezweckt sein neues Werk. Es umfaßt wenig mehr als 31)11 Seiten; jede aber ist Ergebnis tiefschürfender, sachlich unangreifbarer Forschung. Hier ist verantwortungsbewußte Zuverlässigkeit, unbeirrbares Streben nach Erkenntnis des wahren Sachverhalts. Qeschichte, wie es im Geleitwort heißt, nicht er/ählt in ihren Einzelheiten, sondern in ihrer Dynamik, in ihren titigen Klüften, in ihren wirkenden Leidenschaften; „niemand ZU Liebe, niemand ZU Leide, jedermann ZU Nut/ u n d Fromm!" Und doch nicht etwa (mit Heinr. Heine zu reden) „mit sogen. Objektivität, die mit ihrer Lieblosigkeit sich brüstend, auf der Schädelstätte der Tatsachen thront", sondern mit Einfühlungskraft und Urteilssicherheit aus dem (leiste der wechselnden Epochen heraus. In entscheidungsschwerer Zeit wird dieses Buch in untre I linde gelegt Es wird viele geben, die die letzten Kapitel zuerst aufschlageu, um Antwort auf die andringenden Fragen der stunde zu erhalten. Sie werden Aufschluß darüber suchen, ob der Schlultpunkt des Buches ein Endpunkt der Qeschichte der Juden in Deutschland Oberhaupt bedeutet. Der (ieschichtssehreiber ist wie ein „rückwärts gewandter Prophet". Unser Historiker kann sich am Lude seiner Wanderung durch fast zwei Jahrtausende nur ein prophetisches Wort ZU eigen machen: „Ihr seid meine Zeugen, spricht der Ewige." Von seinen jüdischen Lesern verlangt er abrahamitische Bereitschaft gemäß dem Worte: „Hier bin ich!" Wohl erinnert dies Wort daran, daß die erste Forderung in der Berufung unseres Stammvaters auf Wanderschaft gelautet hat, fernab von der Heimat Flur, Stadt und Dach. Dennoch werden wir rückwärts blättern und auch bei den guten Tagen verweilen, die darum gut waren, weil in ihnen das göttliche Licht der Liebe und der Gerechtigkeit verhe 1 - II Ungtvoll durchdrang, mochte die Verheißung auch ohne Erfüllung bleiben, das Licht wieder und immer wieder entschwinden. Professor Elbogen hat kein Buch vom Heimatsrecht der deutschen Juden schreiben wollen; dafür wäre der Augenblick schlecht gewählt. Als anerkannter Gelehrter aber, der in der Sannhing: „Aus Natur und Ocisteswelt" (Nr. 748) eine „Geschichte der Juden seit dem Untergang des jüdischen Staates" der Öffentlichkeit vorlegen durfte, kann er auch heute überall Beachtung erwarten. Es wird vielen eine Überraschung sein, daß es überhaupt so etwas wie eine Geschichte der Juden in Deutschland geben könne. Hier ist eine ausgesprochen religiöse Diaspora, die sich um ihren aus der Heimat mitgebrachten Glauben, wie um ihr „tragbar es Heiligtum" schart, und ihm trotz tausendfacher Gefährdung bis in den Tod die Treue hält. Daß dies Heiligtum unsere Bibel und Tradition heißt, kann den Wert jener Treue nicht mindern. Beider Kern und Stern ist die Gottes- und die Nächstenliebe. Diese Liebe zum Menschen beschränkt sich nicht auf den jüdischen „Volksgenossen"; darüber sind die jüdischen Sittenlehrer der deutschen Diaspora einig. Das Judentum verlangte überall Förderung des Gemeinwohls, Gehorsam gegen die Landesgesetze. Treue gegen die Obrigkeit. Vor fünfzehn Jahren schloß Elbogen seine Qeschichte der Juden, sogar unter ausdrücklichem Hinweis auf das Palistlna-Mandat, mit den Worten: „Die Zukunft der Juden liegt in ihren heutigen Wohnländern, und kann nur durch engen Anschlufj an ihr Vaterland gesichert werden." Und er erinnert an das Wort Mendelssohns am Schlüsse seines Buches Jerusalem: „Und noch jetzt kann dem Hause Jakobs kein weiserer Rat erteilt werden, als eben dieser: Schickt euch in die Sitten und in die Verfassung des Landes, in welches ihr versetzt seid, aber haltet auch standhaft bei der Religion eurer Väter. Tragt beider Lasten, so gut ihr könnt." Erst wenn diese Doppellast untragbar wäre, so verstehen wir unsern Geschichtsschreiber, müßte das heutige Judentum in Deutschland den göttlichen Ruf neuer Wanderschaft als an sich gerichtet betrachten und die Antwort: „Hier bin ich" erteilen, die letzte Opferbereitschaft in sich birgt. Der Weg zurück, den wir an der Hand seines Buches schreiten, ist überaus lehrreich. Seine Stationen, Windungen, Höhepunkte, Niederungen führen mitten hindurch durch die schicksalreiche, harte deutsche Geschichte. Wir verstehen sie besser als etwa die der spanischen oder italienischen Diaspora. Es ist eben unsere Vergangenheit; sie spielte sich in deutscher Landschaft und unter deutschen Menschen ab. Diese Eigenart herauszustellen, ist Elbogen vor allem geglückt. Wir begegnen unsern Vorfahren auf germanischem Boden schon in der Römerzeit, als Kolonisten, Kaufleuten, Handwerkern, Soldaten; ihre Siedlungen in Köln, Trier, Mainz, Worms. Regensburg reichen bis in die heidnische Zeit zurück. Eine fortlaufende Geschichte der Juden beginnt mit der Zeit der Karolinger, da die Ausbreitung der christlichen Propaganda erfolgreich vordringt. Aber merkwürdig bis zum Ende des ersten Jahrtausends liegt weder im religiösen Anderssein, noch im wirtschaftlich-sozialen Nebeneinander ein ernsthafter Konfliktsstoff vor. „Die Geistlichkeit in Deutschland war tolerant; die von ihr veranstal- *) Jüdische Buchvereinigung (Dr. Erich Lichtenstein) Berlin 1935. Redaktionsschluß für die nämste Nr.: Dienstag, 10 Uhr.