Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 20 (17.5.1935)
- Date
- 1935-05-17
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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, 35t Auflage 4100 Stück (Bemcinö cblatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU I JCil D71CL AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LL I I All\7 DER GEMEINDEVERWALTUNG» Schrittleitungi Oemcinderibbiner Gustav Cohn Leipzig NlUtllTICF 20 ■ lühfOSIIQ 11 Anzeigenannahme: E. Ooldfreund, Walter Blflmel-Str. 10. — Nachdruck nur mit Quellentttmm Leipiig O 5, CicboriusstraBe 2a, Fernsprecher Nr. 80771 angäbe und mit Genehmigung des Verlassers gestattet I 1 M*" 1903 Druck: Druckerei der Werkgemeinschaft, Leipzig C 1. Ist das Judentum lehrbar? Über den Wert der Unterweisung in der Religion gehen die Ansichten weit auseinander. Wahrend die einen, nach altem Krauche, die Einführung ihrer Kinder in die religiösen Fragen sehr früh beginnen und sie nicht weit genug fassen können, wünschen andere den Religionsunterricht ihrer Kinder hinauszuzögern, und erst dann, wenn sie die ersten Schulschwierigkeiten überwunden haben, die Kunde der Religion an sie heranzubringen. Wenn Eltern damit Gleichgültigkeit oder gar bewultten Widerstand gegen eine ernsthafte Teilnahme ihrer Kinder am Religionsunterrichte /eigen, so geschieht das nicht selten, weil sie der Meinung sind, es sei ja doch vergebliches Mühen, religiöse Haltung durch Belehrung hervorrufen zu wollen. Solche Bewertung der „Religion" als Unterrichtsfach wurzelt in der an sich richtigen Erkenntnis, dalt religiöse Kräfte nicht von außen her in den Menschen gegeben werden können; sie müssen innerlich wachsen. Wahre Religiosität, das Gefühl der Beziehung zum Göttlichen, der demütige Glaube an (iott als den Schöpfer und den Lenker allen Geschehens, die ehrfürchtige Verehrung der Schöpfung selbst als Ausfüllt dieses göttlichen Wallens, das hoffende Vertrauen und die stille Ergebung In alle rügung des Schicksals, das alles muH urtümlich in der Seele des Menschen sich bilden, mit ursprünglicher Gewalt vom Menschen Besitz ergreifen. Das kann in der Tat nicht gelehrt werden, wie etwa die Fertigkeit im Schreiben und Lesen und Rechnen. Und doch schreiten alle auf Irrwegen, die sich aus solchen Gedanken heraus gegen die religiöse Unterweisung wenden. Kein Religionslehrer mutet sich die Kraft zu, Religion lehren zu wollen; jeder sieht vielmehr seine Aufgabe, aber auch die Möglichkeit lediglich darin, Religion zu wecken. Religiosität ist ein Urgefühl, das im Menschen schlummert. Wir sagen, ohne Einschränkung, in jedem Menschen schlummert Sie wirkt sich verschieden aus, stärker oder schwächer, früher oder später, anhaltend oder mir zeitweise. Sie hat durchaus nicht immer die gleichen Erscheinungsformen, kann hier in einem Menschen herrschend werden und jeder Lebensbetätigung ihren Stempel aufdrücken; und kann dort, nicht minder mächtig, im nie sich äußerlich bekundenden Gefühl ihre heimliche Bcscligung verleihen. Aber: sie schlummert in jedem, vom Kindesalter an, ist ihm als I unke eingegeben. Wenn Menschen meinen, sie hätten nie Religion besessen, könnten nie religiös sein — sie täuschen sich über ihre innere Natur: es kommt in jedem der Augenblick, da ihm das Göttliche und seine seelische Beziehung zu Gott bewuBt wird. Wenn Menschen von sich sagen, sie hätten sich vom Religiösen innerlich befreit ->- Irrtum; es bricht wieder durch, wenn die Hemmungen geschwunden sind, die sich ihm entgegenstellten. Wir stellen am Ende einer Geistcshaltung, die den überlieferten Religionsformen feindlich war. Falscher Individualismus verleitete dazu, Anschauungen, die sich auf angeblich unumstößliche wissenschaftliche Erkenntnisse beriefen, an die Stelle der alten Religionen zu setzen, um sich von den Bindungen zu befreien, die sie auferlegten. Viel, sehr viel Religiosität lag oft auch in solchem Suchen. Heute wird immer deutlicher, daß man dort nicht fand, was mau erhofft hatte. Das Verlangen nach bewährter Religion führt mehr und mehr auf die Wege, die das ältere Geschlecht gemieden oder verlassen hatte. Tausende von Juden fühlen diese Sehnsucht; es beschäftigt sie das Problem, wie sie Zugang zum alten Judentum finden können. Sic möchten für sich selbst die Leere ausfüllen, die ihnen bewußt geworden ist, schon, um auch ihren Kindern Wegweiser sein zu können, um Fragen, die ihre Söhne und Töchter beschäftigen, beantworten zu können. Sie kennen das Ziel: sie wollen lebendiges Judentum. Doch wie dahin gelangen! Kann man es lernen? (iewiß, das religiöse Fühlen, die religiöse Gesinnung kann keiner lehren. Aber bewußt gemacht kann es durch die Unterweisung werden. Vor allem bei dem Kinde, auch bei der Jugend; und selbst der Erwachsene, der ernsthaften Willen dazu hat, kann viel Verschüttetes wieder freilegen, Verkümmertes kräftigen. Unentwickeltes zur Entfaltung bringen. Das ist die Aufgabe der Belehrung, sie wirkt anregend, befruchtend. Sie stellt den unterbrochenen Zusammenhang her. Sie spricht von den alten Erscheinungsformen jüdischer Lebenshaltung und läßt aus ihnen den Funken jüdischer Religiosität auf die suchende Seele überspringen und zünden, läßt die durch Vernachlässigung spröde gewordenen Sailen geschmeidig werden und mitklingen. Gerade im Judentum hat das Lehren seine besondere Stillung. Thon bedeutet ja Lehre. Unendliche Weisheit liegt in diesem Begriff: lernen muß der Jude, um sein Verhältnis zu Gott bewußt zu machen; lernen: das alte jüdische Brauchtum; lernen in unseren Schriften, in unserer Geschichte. Aus alledem strömt der Hauch jüdischer Glaubenskraft, jüdischer Demut, jüdischer Ergebung jüdischer Religiosität. „Du sollst die Worte der Lhora deine Kinder lehren", „sie sollen nicht weichen aus deinem Munde, aus dem Munde deiner Kinder und Kindeskinder" das sind die Grundsätze, nach denen lauge Geschlechter! eihen sich lichteten, um Judentum lebendig zu machen. Und wir wissen, wie stark das religiöse Fühlen auf diesem Qrunde gewachsen ist. So hat das Judentum das Lehren verstanden. Und so soll heute der abgerissene Faden des Lehrcns wieder geknüpft werden. Oberall regt sieb's. Doch müssen die sieh bietenden Möglichkeiten willig und sinnvoll genützt werden, wenn ein wahrer Erfolg erzielt werden soll. Fs darf nicht Unmögliches gefordert werden: wenn der Ackerboden Palästinas, auf dem die Trümmer der Jahrhunderte liegen, wieder fruchtbar gemacht werden soll, muß mühereiche, langwierige Arbeit geleistet werden. Auch die religiöse Belehrung kann ihre Früchte