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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1935-04-26 · 17 (26.4.1935) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
11 (1935)
Issue
17 (26.4.1935)
Date
1935-04-26
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELmSCHEN RELlülONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 26. April 1935 Besonders eindrucksvoll zieht die 0estall der Rahel Lewin vorüber, die die Geister ihrer Zeit zu höchster Bewunderung hinriß. In 24 spannenden Kapiteln sehen wir dann im 4. Teil „Vom Wiener zun Baseler Kongreß" (l$14-l:s"7) den Wandel der deutschen Judenheil bis zum Höhepunkt der Emanzipation sich vollziehen. Die inner« jüdischen Kämpfe um die religiöse Reform, die Bemühungen um die hm gerliehe Oleichberechtigung, die Fortschritte und die Rückschläge, die Hoffnungen und die Sorgen werden in dem Briefwechsel gesetzestreuer Rabbiner und freigeistiger Reformer, der Staatsmänner, Philosophen, Dichter und .Musiker aufgerollt, und so wird eine Vertiefung In die vielgestaltigen Bekenntnisse, Anschauungen, Bemühungen der Einzelnen und der Gesamtheit ermöglicht. Die Oberleitung zum 5. Teile „Krise der Assimilation" (1897 — 1922) bildet die Organisation des politischen Zionismus durch Theodor Herzl: Wie Herz! den Obergang aus der Sphäre des Geistes in die der Tat erlebt, wie er einen mächtigen Willensimpuls aus verschüttet gewähnten Tiefen hervorzurufen vermag, wird in einer Reihe markanter Briefe verdeutlicht. Mit dramatischer Gewalt vollzieht sich vor unseren Augen das Schicksal dieser Epoche, die der I lentis« geber mit der Ermordung Walter Rathenaus abschließt Der Herausgeber hat es verstanden, aus der Fülle von Briefen und Briefteilen ein geschlossenes Bild zu zeichnen. Unmöglich, im knappen Raum auch nur anzudeuten, welch ein Reichtum an Einzelstriehen in diesem gewaltigen Bilde sieh dem Leser aufdrängt. Alle Fragen, die nur in diesen drei Jahrhunderten im Denken und Tun der Juden auftauchen konnten, finden hier ihren Niederschlag. Die nationaljüdische Einstellung des Bearbeiters ist wohl nicht zu verkennen. Aber es muH zugestanden werden, dal! er mit der gleichen gerechten Sorgfalt wie die ihm naheliegenden Gedankengänge auch die von seiner Anschauung abweichenden Gebiete behandelt. Mau wird, auch wenn man an dieser und jener ausgesprochenen Auffassung Kritik übt, ungewöhnlich bereichert durch dieses Buch. Mit Ernst Lissauer möchten wir sagen: „Es ist eines der wichtigsten Bücher dieser Zeit. Es gehört in das Haus jedes deutschen Juden, jedes gebildeten Europäers überhaupt." Unsere Gemeinde. Ephraim-Carlebach-Schule. Zu unserem Berichte über die Abichiedsfeier für Herrn Rabbiner Dr. Ephraim Carlebach tragen wir noch nach, dall der Schulvorstand beschlossen hat, in Anerkennung der ungewöhnlichen Verdienste des Gründen und langjährigen Direktors der Höheren Israelitischen Schule, dieser den Namen „Ephraim- Carlebach-Schule" beizulegen. Die darüber ausgefertigte, Herrn Dr. Carlebach feierlich überreichte Urkunde hat folgenden Wortlaut: „Der Israelitische Schulverein Leipzig verleiht im Einverständnis mit dem Vorstand der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig zum Dank und zur Ehrung für Dr. phil. Ephraim Carlebach, Qemeinderabbiner in Leipzig, Begründer und Direktor des l eipziger judischen Schulwerks 1012 1<H5, der Höheren Israelitischen Schule zu Leipzig den Namen „Ephraim-Carlchach-Schule" (Höhere Israelitische Schule). Dieser Name sei würdige Ehrung des Mannes, der bereit* vor Jahrzehnten den Gedanken der Jüdischen Schule in seiner Gemeinde erweckt und allen Widerständen seiner Zeit zum Trotz verwirklicht, und der in väterlicher Liebe und Treue zu seinen Schülern und Mitarbeitern durch Not und Bedrängnis unter grollten Opfern dieses Werk für Jugend und Judentum erhalten und geführt hat. Dieser Name sei heilige Verpflichtung für Lehrer und Schuler, die Fphraim-Carlebaeh-Sehule zu I eipzig .null in Zukunft mit dem (leiste ihres Gründers und ersten Leiters zu erfüllen: mit dem (leiste judischen (i'ttvertrauens, mit dem (leiste judischer Lehre, mit dem (leiste jüdischer Menschenliebe. Leipzig, am 24. März 1935 19. Adar II 5W5. Dr. Fritz I o< henstein. Carl (ioldsehmidt. Gemeindeabcnd: Maimonidcs-Feier. Die in Form eines Gemeindeabends veranstaltete Maimomdes-Feier hatte viele Hunderte Gemeindemitglieder zu einer würdig verlaufenen Gedenkstunde in der Ez-Chaim-Synagoge vereinigt. In den Mittelpunkt seiner Gedenkrede stellte Rabbiner Dr. Xltmann-Berlin die Frage, wie sich in diesem größten aller judischen Geister seit der Zerstreuung des jüdischen Volkes die beiden einander widerstrebenden geistigen Werte, Theologie und Philosophie, zu einer Einheit haben verschmelzen können. Seinem Wesen nach weist das Denken des Philosophen völlig andere Wege, als sie der in der jüdischen I ehre wurzelnde Jude betreten kann. Während der Philosoph die menschlich« Vernunft zum alleinigen Maßstab seiner Erkenntnisse macht, weiß der jüdische Lehrer die Grenzen innezuhalten, die seinem Erkennen geneckt sind. Er steht darum auf dem Boden der Offenbarung, wo der Philosoph nur gelten lassen will, was er aus sich heraus hat erweisen können. Wenn Maimoiidcs, der jüdische Lehrer, Abänderung der Steuerordnung. Die Steuerordnung für die israelitische Religionsgemeinde zu Leipzig vom 2. Juli 1934/22. November 1934 ist in § 9 durch Beschluß der Gemeindesitzung vom 20. März 1935 abgeändert worden. Diese Abänderung wird hiermit nach Genehmigung des Sächsischen Ministeriums für Volksbildung bekannt gemacht. Die Steuerordnung in der abgeänderten Form liegt in der Zeit vom 29. April 1935 bis mit 10. Mai 1935 in unserem Gemeindeamt, Walter-Blümel-Straße 10, I, zur Einsicht aus. Leipzig, den 16. April 1935. Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. In anderer Art liefern einen Beitrag zum Bilde des deutschen Judentums der neuesten Zeit die „Kriegsbriefe gefallener deutscher Juden", herausgegeben vom Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten, mit einer Zeichnung von Max Liebermann (Berlin 1935, Vortrupp-Verlag). In besonders würdiger Ausstattung sind in diesem Gedenkbuche eine große Zahl von Briefen vereinigt, die gefallene Juden aus dem großen Kriege in die Heimat gerichtet haben. Sie legen Zeugnis ab von der Treue, mit der der Jude sich in dem großen Ringen des deutschen Volkes bewährt hat. Schlichte Erlebnisbriefe wechseln mit gedankenreichen Äußerungen über das so tief einschneidende Geschehen des Krieges ab. Eine Anzahl von Gedichten, die zwischen die Briefe eingereiht sind, bezeugen in ergreifender Weise, wie diese pflichtbewußten Kämpfer angesichts des in jedem Augenblick sie bedrohenden Todes den Ihren noch tröstenden Zuruf als letztes Vermächtnis formen. So wird dieses Buch zu einem erschütternden Dokument, gerade für unsere Tage. In der Geschlossenheit des Themas, das hinter all diesen Briefen schwebt, wird auch dieses Buch zu einem bedeutsamen Beitrag für die Entwicklung des jüdischen Briefstils. Es sollte ebenso wie das Buch von Kobler in keinem Hause eines deutschen Juden fehlen. C. gleichwohl sich in die Gefilde der Philosophie begeben hat, so leitete ihn dabei die Überzeugung, daß es nur eine Wahrheit geben kann. Was der Philosoph — und er denkt dabei in erster Reihe an den das Denken der Zeit beherrschenden Aristoteles überzeugend hat beweisen können, könne nicht mit der in der jüdischen Lehre göttlich geoffenbarten Wahrheit im Widerspruch stehen. Wo ein solcher vorhanden zu sein scheint, gilt es, ihn durch sorgfältiges Nachdenken aufzuklären. Als Briieke verwendet Maimonides die Deutung des Bibeltextcs. Wie auch schon Philo durch die allegorische Erklärung der Bibel viele Gedanken der Philosophie im Bibeltext wiedererkennt, so wendet auch Maimonides das Mittel symbolischer Deutung der Bibel an, um zu zeigen, daß Wahrheiten, die Aristoteles beweist, der Bibel nicht unbekannt sind. Bei aller Achtung jedoch, die er der Philosophie erweist, zeigt er, durchaus und bedingungslosvon der Offenbarung ausgehend, daß der Philosoph keineswegs letzte Wahrheiten ergründen kann. In der Stufenleiter der großen Erkenntnisse steht über dem Philosophen der Prophet und an ihrer aller Spitze unser Lehrer Mose. Ihm ist durch ständige Offenbarung das ganze tiefe Lehrgebäude mit seinen ewigen Wahrheiten übermittelt worden. Und wenn in manchem die aristotelische Philosophie damit nicht im Einklänge stellt, so ist zu ersehen, daß sie geirrt hat, daß hingegen die Wahrheit bei der jüdischen Lehre liegt. So hat Maimonides die Harmonie des Denkens als jüdischer Lehrer und als Philosoph vom Judentum aus gewonnen. Er hat es als notwendig erachtet, in die Kulturwelt der anderen hineinzugehen, um die t Ibereinstimmung zwischen dem jüdischen Denken und den bewiesenen Ergebnissen der Umwelt darzutun. Maßgebend blieb ihm das Denken von der Thora aus. Es liegt in der Richtung unserer Zeit, das Gebäude der jüdischen Lehre gedanklich zu Untermauern. Dies solle jedoch nicht durch fremdartige Anschauungen, sondern aus dem Geist des Judentums heraus geschehen. Maimonides stand inmitten der unter die Völker zerstreuten Juden. Es sei zu hoffen, daß Philosophie und Judentum aus dem Geiste des Judentums heraus ihre Einheit würden erweisen können, wenn das jüdische Volk frei von allen Hemmungen auf eigenem Boden denken könne. — Die durch eine Fülle von Beispielen außerordentlich wirkungsvoll vorgetragenen Ausführungen wurden eingeleitet durch gesangliche Darbietung der 13 Glaubenssätze des Maimonides von Oberkantor W i i k o m i r s k i unter Mitwirkung des Chors und nicht weniger eindrucksvoll durch adaun aulom abgeschlossen. Frauen-Chewra-Kadischa. Die Chcwra-Kadischa der Frauen gibt bekannt, daß vom Montag, dem 29. April 10-35, ab im Gemeindeamt, Walter-Blümel-Straße lOptr. in der Zeit von 'i -6 Uhr wieder genäht wird. Um zahlreiches Erseheinen wird dringend gebeten.

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