Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 13 (29.3.1935)
- Date
- 1935-03-29
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN REL10IONSQEME1NDE ZU LEIPZIQ 29. März 1935 Stimme und dessen großes Wissen den reichen Jesaia Wechsler bewogen hat, ihn trotz seiner Jugend als Chasan nach Prag zu berufen. Dort lebt er die gefahrvollsten Tage hindurch, da die alte heilige Gemeinde 1745 aus Prag vertrieben wird. Warum? weil der König von Preußen mit der Kaiserin von Osterreich Krieg führt? was haben die Juden damit zu schaffen? Keiner weiß es; Friedrich ist zwar ein Aufklärer, aber kein Judenfreund; und Maria Theresia ist eine ausgesprochene Judenfeindin, Dennoch: ein Sündenbock muß gefunden werden, eine Ablenkung für die aufgepeitschten Volks- Instinkte - die Juden sind die Schwächsten, sie müssen gehen. Umsonst, daß Oral Schaffgotsche zu Graf Kolowrat sagt: „Wo steckt unser Handel mit dem Ausland? Wo bleibt die Regelung unseres Geldwesens?" Nach Wien muß er berichten, daß „nicht ohne dem größten Herzeleid und Betrübnis die Schlüssel von Synagogen, Judenschulen und Rathaus dem allcrgnädigst konstituierten Exckutions-Kommissario behändigt wurden". In diesem Unglück der Gemeinschaft geht die zarte Liebesgeschichte des jungen Perez und der schönen Hendele zu Ende. Im Schnee sterben sie zusammen, die das Leben nicht mehr vereinigen konnte. Aber um sie herum lebt und wispert die Vielfalt von Judenköpfen, Männer und Frauen, Qroße und Oeringe die Oeringen stehen dem Herzen ihres Autors offensichtlich am nächsten: etwa wie der unselige Schammes Leib Sandel, der fast der geheime Held und Dolmetscher des unbegreiflichen Geschehens geworden ist. Alle diese verbogenen und verkrümmten Gestalten einen sich in dem Aufbliek zu dein einen, der allein die Rätsel des jüdischen Weges kennt. Das ganze Buch,'in dem doch viel mehr von Leid als von Lust die Rede war, schließt mit einem Dank an das Leben „Wie tief muß der Sinn des Lebens sein, dal wir scinethalben so viel tragen müssen", sagt Abraham. Gewiß, dies Buch ist nicht frei von künstlerischen Schwächen So einhellig die Charaktere gestaltet sind, so unsicher ist manchmal ihre Sprache. Schon daß die Juden im deutschen Ghetto zu Frank' furt am Main im IS. Jahrhundert die heilige Sprache in sefardischei Aussprache reden, ist ein Stilfehler, der sich mir durch die Anpassung an heutige Lernbegierige erklärt. Daß sie aber manchmal wenn sie Deutsch reden, klingt, als hätten sie bereits die Büchel Marlin Bubcrs aus seiner frühesten Zeit - denn schon seit langem schreibt er plastischer gelesen, das ist bedauerlieh. Und dennoch der Schönheit des Buches tut es keinen Eintrag. Vor kurzem hat ein anderer jüdischer Dichter aus dem Osten sein Buch mit einem Dank gebet beschlossen: ,,lch danke dir, Herr mein Gott, daß du mich gewürdigt hast, dieses Buch zu schreiben." — Dieses Dankgebet steht ungeschrieben auf jeder Seite dieses jüdischen Romans. Dr. Bertha Badt-Strauss. Jüdische Zeitschau Die Einwanderung deutscher Juden nach Palästina. Von maßgebender Stelle wird uns berichtet: Die Oesamtzahl der in den Jahren 1933 und 1934 allein aus Deutschland legal eingewanderten Juden beträgt 16639. Von ihnen kamen 1933: 7210, 1934: 9429 Menschen ins Land. Der größte Teil der Einwanderer erhielt durch Zuteilung der sogenannten Arbeiterzertifikate das Recht zur Einwanderung (1933: 3129, 1934: 1082). In beiden Jahren bildete dieser Teil je 200/o der gesamten Einwanderung dieser Kategorie. Die übrigen waren entweder im Besitz des Vorzeigegeldes von C 1000. oder Schuler, die in Palästina ihre wissenschaftliche, Schul- oder Fachausbildung erhalten, oder wanderten als Angehörige palästinensischer Einwohner und als Touristen, denen schon jetzt nachträglich die Möglichkeit des Daueraufenthaltes gewährt wurde, ein. Eine beträchtliche Anzahl von Touristen wartet daneben noch auf ihre endgültige Legalisierung. Besonders interessant ist die berufliche Struktur der jüdischen Einwanderung aus Deutschland. Sic wandte sich in außerordentlich starkem Maße der Landwirtschaft, dem Handwerk und der Kleinindustrie zu. So rekrutieren sich 47 o/0 aller im Jahre 1934 überhaupt zur Landwirtschaft gegangenen Menschen und 240/u aller derjenigen, die im Handwerk und in der Kleinindustrie tätig sind, aus dieser Einwanderung. Sie brachte ferner 12 0'0 derjenigen ins Land, die sich ohne nähere Spezifikation als Arbeiter betätigen. Entgegen anderslautenden Meldungen ist die Einwanderung deutscher Juden im letzten halben Jahr nicht zurückgegangen, wenn auch im November 1934: 827, im Dezember: 669 Einwanderer nach Palästina kamen, während noch im Oktober 1'32(> Menschen einwanderten. I )ies ist lediglich auf die Einwanderungsbestiminungeii, nach denen jährlich zweimal, zu Beginn des Frühjahrs und des Winters, die neue Zertifikationsquote ausgegeben wird, und auf wirtschaftstechnische, saisonbedingte Gründe zurückzuführen. Die ersten beiden Monate des Jahres 1935 haben denn auch bereits eine Steigerung in der Linwanderungszahl erkennen lassen. Nach diesen authentischen Darstellungen ist anzunehmen, daß die Oesamtzahl der jetzt in Palästina ansässigen, aus Deutschland gekommenen Juden weit mehr als 22000 beträgt. Jüdischer Kinderschutz.. Die diesjährige Vorstandssitzung der Zentrale für jüdische Pflegestellen und Adoptionsvermitthmg, Kinder- und Mutterschutz des Jüdischen Frauenbundes e. V., Sitz Elberfeld, fand wieder in Düsseldorf unter Leitung von Frau Clara Samuel Statt Ahn dem Jahresbericht geht hervor, daß, wenn auch im Adoptionswesen eine geringere Zahl von Vermittlungen zu Verbuchen war. das keine Verminderung der Arbeit bedeutete. Die Meldungen -im! nicht weniger geworden. Einmal ist es der Kinderschutzgedanke an sich, der mehr und mehr der Arbeit den Stempel aufdrückt, zum anderen sind die Schwierigkeiten durch vermehrte Auslandsmeldungen, die dortigen z. T. anderen gesetzlichen Voraussetzungen und andere Ansprüche gewachsen. Im Laufe des Jahres aber alliierte sich die Struktur der I Iternnielduugen. Deutsche jüdische Eltern fanden wieder den Mut, ein Kind als eigen aufzunehmen und wo eine Kindesannahme zustande kam, geschah es durch Eltern in Deutschland. Im Pflegestellenwesen konnte erneut ein Oberangebot an Pflegestellen festgestellt werden. Qroße Sorgen haben die Kinder bereitet, die s. Zt. um Härten zu vermeiden, bei ihren tri-usorgcnden, christlichen Pflegeeltern belassen wurden und nun in jüdische Umgebung verpflanzt werden müssen. Da heißt es den Wechsel unter möglichster Schonung von Pflegeeltern und Kindern sorgfaltig vorzubereiten und zu überbrücken. In der „Nachgehenden Fürsorge" werden z. Zt. 50 Kinder betreut. Es wurde ausführlich über Dauerpflegcverträge beraten, die eintreten, wenn ein Adoptionsvertrag nicht abgeschlossen werden kann, z. B. in Ländern, wo gar keine oder nur die Adoption Volljähriger oder von Inländern möglich ist, oder wenn schon ein eheliches Kind vorhanden ist. Um allen Teilen beim Abschluß eines Dauerpflegschaftsvertrages weitmöglichst gerecht zu werden, hat sich eine Kommission aus besonders erfahrenen Sozialarbeitern und Fachberatern bereit erklärt, entsprechende Verträge zu entwerfen. Eine andere Kommission wird ein Merkblatt über Erbschaftsfragen ausarbeiten, auf Grund dessen eine Beratung der Adoptiveltern erfolgen kann. Ferner wurde die Notwendigkeit betont, die Adoptiveltern mehr denn je darauf hinzuweisen, daß sie ihren Kindern nicht nur durch Unterricht, sondern auch durch Halten religiöser Bräuche im Hause eine positiv jüdische Erziehung angedeihen lassen. Im vergangenen Jahr haben einzelne Mitarbeiter sich in ganz privater Form nach dem Wohlergehen früher adoptierter Kinder erkundigt. Fast alle haben sich körperlich, geistig und charakterlich gut entwickelt und sind mit ihren Adoptiveltern innigst verbunden. Auch in Fällen, in denen sich die wirtschaftlichen Verhältnisse der Eltern verschlechtert haben oder wo draußen eine neue Existenz gesucht werden mußte, wurde die Annahme des Wahlkindes nicht bereut, im Gegenteil, das Kind gab oft den Eltern erst die Kraft und den Mut, ein neues Leben wieder aufzubauen. Aus der Arbeit des HUfsvereins der Deutschen Juden im Jahre 1934. Im Mittelpunkt der Arbeit stand die Aus wand ererfürsorge. Die Beratung in Auswanderungsangelegenheiten erstreckte sich auf 15700 Fälle bzw. '39300 Personen, da viele von den Ratsuchenden nicht allein für sich, sondern für ihre Familien vorsprechen. 25000 Briefe wurden versandt. Die Zahl der Korrespondenten, Komitees, Organisationen und Gemeinden, die den Hilfsverein mit Informationen versehen, ist weiter gewachsen. Das „Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlimgswesen" vom August 1911, das sehr wertvolles Informationsmaterial enthält, ist in 4000 Exemplaren verbreitet worden. 3200 Menschen wurde die Auswanderung durch finanzielle Beihilfen des Hilfsvereins ermöglicht. Beträchtlich war die Zahl der Auswanderer, denen nur Beratung zuteil wurde, sowie Informationen und Empfehlungsbriefe gegeben wurden. Der Hilfsverein betreut nach wie vor Auswanderer, die aus den Osten über Deutschland nach Übersee gehen. Den Bahnhofsdienst des Hilfsvereins am Schlesischen Bahnhof passierten 1934 12795 Durch Wanderer, davon 5331 Männer, 5110 Frauen und 2348 Kinder. Der Bahnhofsdienst nimmt sich besonders auch der Chaluzimtransporte an, die über Deutschland ihre Wanderung nach Palästina fortsetzen. In Hamburg und Bremen versehen die Komitees des Hilfsvereins in Fortsetzung ihrer jahrzehntelangen Tätigkeit den Fürsorgedienst für die Aus- und Rückwanderer, die diese I läfei passieren. In Schwiebus, an der Ostgrenze, wirkt seit Jahren ein Vertrauensmann. Es galt auch im Jahre 1934, Waisen sowit Studenten, die unmittelbar vor dem Abschluß ihres Studiumstanden, zu betreuen. Die Auswanderung ist eine Schicksalsfrage fiu viele. Nie stand der Hilfsverein vor ernsteren Aufgaben. Es sollt» keinen jüdischen Mann und keine jüdische Frau geben, die nicht dem Hilfsverein angehören. Nie war der Zusammenschluß füi Hilfs- und Aufbauarbeit notwendiger als heute. Nur das Bewußt sein der treuen Mitarbeit aller wird den Hilfsverein befähigen, sein Werk fortzuführen. - mm* mm *a mm m> Aus sächsischen Gemeinden. Plauen. Am 7. März 1935 verschied in Berlin der Ehrenvorsitzende der Gemeinde Plauen, Herr Joseph K a u f f m a 1111. Der