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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1935-03-22 · 12 (22.3.1935) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
11 (1935)
Issue
12 (22.3.1935)
Date
1935-03-22
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Auflage 4250 Stück ©cmcinöcblatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZLI I *F"|D7IIm AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LL I ■ Mm I ^7 DER GEMEINDEVERWALTUNG* Schriftleitung i Oemelnderabbiner OusUv Cohn Leipzig Walter Blümel-Str. 10. — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassen gestattet Nummer 12 ■ Jahrgang 11 22. März »35 Anzeigenannahme i E. Qoldfreund, Leipzig 05, CichoriusslraSe 2a, Fernsprecher Nr. 60771 Druck: Druckerei der Werkgemeinschaft, Leipzig C 1. Abschied von einem Lebenswerk. Sohiikrh hißfp.pr Hpr iiid Srhiilp .Weiftt du, daß heute der Ewige deinen Herrn wegnimmt von ÖUIUlÄUIlUDICICr UCT JUU. 3U.ll IC „Weißt du, daß heute der Ewige deinen Herrn wegnimmt von deinem Haupt?"' — Zweimal wurde die gleiche Frage von den Prophetenjüngern an Elischa gerichtet, und beidemal gab er ihnen zur Antwort: „Auch ich weiß es, seid still!" Obgleich Elischa wußte, daß es Ci'ttcs unabänderlicher Wille war, ihm seinen Lehrer und Meister zu nehmen, er wollte es nicht wahr haben und hieß die Prophetenjünger, die davon sprachen, schweigen. Er konnte und wollte es nicht glauben und bis zum letzten Moment hoffte er, daß ihm der, ach so schwere, Abschied doch noch erspart bleiben konnte. Und als dann doch das gefürchtete Ereignis sich vollzog, als ein feuriger Wagen zwischen ihn und den Meister fuhr und jenen im Sturmwinde zum Himmel entführte, da entrangen sich dem Irenen Schüler die eine ganze Welt voll Schmerz und Liebe Umfassenden Worte: „Mein Vater, Wagen Israels und seine Reiter!" Du warst Israel durch deine Taten eine bessere Schutzwehr als Wagen und Reiter, wird von den Weisen diesem Ausrufe als Sinn unterlegt Seit Monaten wird von dem Abgang des Gründen und Leiters der Höheren Israelitischen Schule gesprochen und immer eindringlicher wurde die stereotype Frage an uns Lehrer gerichtet: Ist es wahr, und wißt ihr es auch, daß Dr. Carlebach sein Amt als Dirckor der Schule niederlegen will? Wir wußten es, aber wir schwiegen, weil wir dachten, daß uns dieser Abschied doch noch erspart bleiben würde. Und jetzt, da er nun doch zur Tatsache geworden, werden ich wohl manchem Munde jene schmerzbewegten Worte entringen, die Elischa dem Meister zum Abschied widmete. Ein Vater war er den Zöglingen seiner Schule, nicht nur dadurch, laß er ihnen vor mehr als zwei Jahrzehnten ein eigenes Heim rundete, welches ihnen eine vollständig jüdische Erziehung gewahrt, -undern mehr noch durch die Liebe, die er jedem einzelnen Schüler -eines Instituts vom ersten Moment seines Eintritts in dasselbe bis /um Tage seines Abganges,ja weit darüber hinaus entgegenbrachte. Mit allen ihren wichtigen und unwichtigen Anliegen, war er stets für sie zu erreichen und war immer bereit, alles Unangenehme aus lirem Wege zu räumen. Wie ein zärtlicher Vater verteidigte er sie lach außen und oft sogar nach innen, und keiner verstand es besser, um ganze und halbe Noten für seine Lieblinge zu feilschen als er. So <chr ihm das Wohl der Schule und ihr Gedeihen am Herzen lag, das Wohl seiner Schüler überwog dieses Oefühl, und auf Kosten der Schule kam er den Wünschen leistungsschwacher Eltern entgegen, ihnen Vergünstigungen in der Zahlung der Schulgelder zu gewähren. Und wie sorgte er für die Abgehenden, um sie in geeigneten Lehrstellen unterzubringen oder ihnen die Möglichkeiten zum Weiterstudium zu schaffen! Viele Jahre bis es der leider schlecht fundierten Schule einfach unmöglich wurde, ließ er zu diesem Zweck, die von seiner Schule entlassenen Zöglinge in dieser selbst bis zur Oberprima führen, und sein sehnlicher Wunsch war es, die Schüler Am Sonntag, dem 24. März, vormittags \>\2 Uhr, findet im Neuen Operettentheater (Eingang nur Bosestraße) die feierliche Entlassung der zu Ostern abgehenden Schüler und Schülerinnen statt. Leider hat sich der verdienstvolle Gründer und bisherige Direktor der Schule Herr Gemeinderabb. Dr. Ephraim Carlebach aus Gesundheitsrücksichten veranlaßt gesehen, mit Ende dieses Schuljahres von der Leitung der Schule zurückzutreten. Die Schulschlußfeier erhält also als Abschiedsfeier für den bisherigen Direktor Herrn Rabbiner Dr. Carlebach besondere Bedeutung. Es wird gebeten, pünktlich und nicht vor 1 112 Uhr zu erscheinen. Den Anweisungen der Ordner ist unbedingt Folge zu leisten. Die Amtseinführung des neuen Direktors, Herrn Studienrat i. R. Dr. Siegfried Weikersheimer, erfolgt zu Beginn des neuen Schuljahres. Leipzig, den 20. März 1935. Der Vorstand des israelitischen Schulvereins Leipzig E.V. an der eigenen Anstalt die Abiturientenprüfung ablegen tu lassen. Trifft auf sein Verhältnis zu den Schülern der erste Teil von Elischas Ausruf zu, so darf dessen /weiter Teil, der den Meister einer Schut/wchr von Reitern gleichstellt, auf seine Qrflndung der Schule selbst und seine steten Bemühungen, ihr die leider so oft mangelnden Mittel zu verschaffen, augewandt werden. Eine Oroßtat, wie erst die heutigen Verhältnisse beweisen, war es, dieses Institut vor mehr als zwei Jahrzehnten aus dem Nichts ins Leben zu rufen, um so größer, als diese (iründuug seinerzeit und noch lange Jahre später, auf größten Widerstand stiel). Aber so, wie die Erhaltung der Welt ein nicht geringeres Wunder ist als deren Schöpfung, genau so war die Erhaltung dieser Schule all die vielen Jahre hindurch eine nicht geringere Orolitat als deren (iründung. Von nah und fern wußte er die notwendigen Gelder zu beschaffen und ohne seine liebevolle Hingabe und Tatkraft hätte sie ihre Pforten längst geschlossen. Und dies alles geschah in der uneigennützigsten Weise, denn während die Lehrer und sonstigen Angestellten der Schule zeitweise sogar gut besoldet waren, hat der Direktor Dr. Carlebach selbst — was viele gewiß noch gar nicht wissen —, vom Tage der Schulgründung bis zu seinem heutigen Abschied von der Schule kein üehalt bezogen und es nie beansprucht Wie aber der Prophet Elijahu bei seinein Scheiden seinem Schüler einen doppelten Teil seines Geistes mitteilte, und wie er seither

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