Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 9 (1.3.1935)
- Date
- 1935-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 1. März 193^ Nachdem der Sachbearbeiter des Gemeindereferati des Preußischen Landesverbandes, Herr Max Birnbaum-Berlin, eine Reihe von Aufklärungen technischer Art gegeben hatte, wurde einstimmig von sämtlichen anwesenden Vertretern, so den Vorständen der Gemeinden Elsen ach, Meiningen, Gotha, Sondershausen und anderen, der Anschluß des Thüringischen Landesverbandes und der ihm angehörigen Gemeinden an den Preußenverband beschlossen. Im Großen Rai ihs Preußischen Landesverbandes wird Herr Vollmann-Meinitigen, der /um Vorsitzenden des Thüringischen Landesverbandes einstimmig gewählt wurde, und als sein Stellvertreter Herr Rechtsanwalt Dr. BackhaUSS-Eisenach die thüringischen Gemeinden vertreten. Jüdisches Lehrgut „Chätcau de Born". Die in Paris bestehende Gesellschaft für die landwirtschaftlichen Interessen der Juden „Renouveau", die das in Südfrankreich gelegene Umschiehtler-Lchrgut „Chätcau de Horn" unterhält, hat kürzlich eine große öffentliche Versammlung zugunsten der landwirtschaftlichen Lehranstalt in Paris abgehalten. Präsidiert wurde die Leitung von dem Mitgliede des Ehrencomites, Advocat Cremieux, einem Abkömmling des um das Judentum hochverdienten Ministers Cremieux. Es sprachen u.a. der Qrand-Rabbin von Paris, Herr Julien Weill, der dortige Vertreter des Keren Kajemeth, Avocat Mirtil, der bekannte Bankier Henry Bodenheimer. Nach einem mit großem Beifall angenommenen Referate des Direktors der Schule, Herrn Charles Riveau, sprach Rechtsanwalt Dr. Goldberg (der bekannte frühere Plauencr Rechtsanwalt und verdienstvolle Gemeindevorsteher) den Erschienenen und Rednern den Dank für ihre moralische und materielle Unterstützung der Aufgaben des Renouvcau aus. Die Versammlung war ausgezeichnet besucht. Aus sächsischen Gemeinden. Der Rückgang der jüdischen Bevölkerung in Sachsen. — Ungesunde Konzentration auf die Großstädte. Die Auswertung der Ergebnisse der Volkszählung vom 16. Juni 1033 für das Land Sachsen zeigt für die jüdische Bevölkerung, die innerhalb dieses Landes wohnt, nach den Berechnungen der Statistischen Abteilung der Reichsvertretung der deutschen Juden ein nur unwesentlich abweichendes Bild, wie es sich für die übrigen Länder aus den von der Jüdischen Telegraphen-Agentur fortlaufend veröffentlichten Zahlen ergab. Während am 16. Juni 1925 23252 Juden in Sachsen wohnten, waren es am 15. Juni 1933 nur noch 20584 Seelen. Die Abnahme der jüdischen Bevölkerung betrug somit 2668 Personen oder ll,470/o. Der Anteil an der Gesamtbevölkerung verminderte sich in dem gleichen Zeitraum von 0,4b"0 auf 0,40»». Von 100 deutschen Juden lebten 1033 in Sachsen 4,12. Der Anteil der jüdischen Bevölkerung in Sachsen an der Gesamtbevölkerung liegt somit unter dem jüdischen Bevölkerungsanteil im gesamten deutsehen Reiche, der sich 1933 auf 0,77 0 g belief. Bemerkenswert ist die Verteilung der jüdischen Bevölkerung auf Groß- und Kleinstädte. In Gemeinden unter 10000 lebten 1033 in Sachsen 872 Juden oder 4,23 "0 der gesamten jüdischen Bevölkerung Sachsens. In Kommunen von 10000 bis 100000 Einwohnern befanden sich nur SI5 Juden oder 4,110/0 der jüdischen Bevölkerung Sachsens, während in Großstädten über 100000 Seelen 18S(>7 Juden oder 91,66 0/0 lebten. Es zeigt sich also, daß die Konzentration der Juden in die Großstädte schon bis zum Jahre 1933 in Sachsen eine bemerkenswerte Entwicklung genommen hat. Auf das gesamte Deutsche Reich bezogen, lebten nur 70,860/o der deutschen Juden in Städten uber 100ODO Einwohner. Der Anteil der jüdischen Bevölkerung, die in den Großstädten Sachsens wohnt, ist somit höher als die entsprechende Ziffer für das ganze Deutsche Reich. Im Jahre 1925 betrug sie für Sachsen 90,80«n. Die jüdische Bevölkerungsbewegung in dem Zeitraum zwischen 1025 und 1033 zeigt in Sachsen ein uneinheitliches Bild. In II Städten bzw. Amtshauptmnnnschaften ist eine Zunahme der jüdischen Bevölkerung zu verzeichnen, die allerdings nicht hoch ist. Auf der anderen Seite betrug die Abnahme der jüdischen Bevölkerung in den verschiedenen Städten und Amtshauptmannschaften bis zu 65%. Am stärksten war die Bevölkerungsverminderung der Juden in der Stadt Mittweula mit 64,71 o0. Es folgt die Amtshauptmannschaft Borna mit 60,610/o, Plauen mit 600/o und Marienberg mit 53,33° ,,. Am geringsten war die Abnahme in Zwickau mit 2,49110. (JTA.) Unsere Gemeinde. Gesunde Zähne — gesunder Körper. Hierüber spricht Herr Zahnarzt Dr. Kaufmann am 14. März 1935 an einem GemeindeauJklärungsabend. Es sollen vor allem die wechselseitigen Beziehungen zwischen Qebiß und Körper erläutert werden: Entstehen und Erkennen, Heilung und Verhütimg von Krankheiten dureli Zusammenarbeiten von Zahnarzt und Allgemein- bzw. Spczialarzt. Der psychologisch wichtigen Erage „Z a h 11 a r z t u n d Kind" i>t ein Abschnitt gewidmet, ferner der Zahnpflege; auch die „Schwangerschaft" und deren Einflüsse auf das Gebiß werden erörtert werden. Moaus Chitim. Auch in diesem Jahre wendet sich der Moaus Chitim-Ausschuß an unsere (jcmcindcmitglicdcr mit der herzlichen Bitte, durch Gewährung von Spenden dazu beizutragen, daß die Bedürftigen unserer Gemeinde in die Lage versetzt werden, die Moaus-Chitim. In diesem Jahre gelangen durch den Moana-Chitim-Ausschuß nur Mazzes zur Verteilung. Gesuche von Bedürftigen sind schriftlich spätestens bis znm 25. März 1935 an die Herren M. Tager, Leipzig Cl, Eutritzscher Straße 19, oder J. B. Sachs, Leipzig Cl, Lelbnizstraße 13, einzureichen. Nachträgliche Meldungen werden keinesfalls berücksichtigt. Es wird besonders darauf aufmerksam gemacht, daß durch die Erreichung des Gesuches keinerlei Anspruch auf Berücksichtigung entsteht. Spenden für den Moaus-Chitim-Ausschuß werden entgegengenommen durch die Herren M. Tager, Leipzig Cl, F. ut ritzscher Straße 19, Postscheckkonto Leipzig Nr. 62747 und J. B. Sachs, Leipzig Cl, Lelbnizstraße 13, Postscheckkonto Leipzig Nr. 55127. Leipzig, den 22. Februar 1935. Der Vorstand der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. Pessachtage in Übereinstimmung mit den alten überlieferten Vorschriften zu begehen. Ganz besonders groß ist die Zahl der Unterstützungsbedürftigen in diesem Jahre. Da die Israelitische Religionsgemeinde infolge ihrer eigenen schwierigen Lage dem Ausschuß nur bescheidene Mittel zur Verfügung stellen kann, sind wir auf freiwillige Zuwendungen angewiesen. Spenden bitten wir an Herrn J. B. Sachs (Postscheckkonto J.B.Sachs JV Co. 55127) oder Herrn M. Tagcr (Postscheckkonto 02747) zu überweisen oder an einen der Unterzeichneten abzuführen. G e s u c Ii e sind schriftlich bis spätestens 25. März an die Herren M. Tager, Eutritzscher Str. 19, oder J. B. Sachs, Leibnizstr. 13, einzureichen. Geldliche Unterstützungen können in keinem Ealle gewährt werden. Leipzig, im März 1935. Das Rahbin at: Rabbiner Dr. Carlebach, Rabbiner G. Cohn, Rabbiner Rogosnitzky. Der Vorstand: J.B.Sachs, Meer Tagcr, Max Kall mann, Dr. G. Nobel, A. Schumer, G. Nathanscn, M. Carlcbach, Dr. Braudc, J. Badt, J. Sternheim, J.Ader. Mitteilungen des C.V.-Syndikats. An unsere Arbeitgeber. Da jüdische Arbeiter und Angestellte anderswo nur sehr schwer ankommen können, ist es eine moralische Pflicht jüdischer Betriebsführer, sie bei allen sich bietenden Gelegenheiten besonders zu berücksichtigen und in ihren Stellungen zu erhalten. Selbstverständlich gelten für sie dieselben Tarifordnungen und sonstigen gesetzlich festgelegten Arbeitsbedingungen wie für die sonstige Betriebsgcfolgschaft. Es bedarf wohl auch keines Hinweises darauf, daß auch sie in dem vom Gesetzgeber gewollten Geiste der Bctricbsgcmcinschaft und der sozialen Ehre zu behandeln sind, in dem der Betriebsführer seiner gesamten Gefolgschaft gegenüber verfahren soll. Der Bund deutsch-jüdischer Jugend veranstaltete am Sonntag anläßlich seines Arbeitstages eine Kundgebung im überfüllten Saal des Kunstlerhauses. Sprechchor, Lieder und Spiele wurden begeistert aufgenommen. Der Ortgruppenleiter Heinz H. Wcißenstein begrüßte die Anwesenden und sprach in einer längeren programmatischen Rede über das Verhältnis Elternhaus zum Bund. Syndikus Kurt Sabatzky und Dr. Alfred Jacoby überbrachten die Grüße der befreundeten Organisationen und forderten die Elternschaft zur Unterstützung durch die Tat auf. Der Bundesleiter Heinz Kellermann, dessen mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen den Höhepunkt der Veranstaltung bildete, entwickelte die Ideologie des Bundes. Ausgehend von seiner Entstehung begründete er seine Notwendigkeit, die Jugend zur Gemeinschaft, zum Deutschtum und zum Judentum zu erziehen. Die Ausführungen wurden von dem stellvertretenden Bundesleiter Günter Fricdländcr unterstrichen. Mit dieser Kundgebung tritt der Bund in sein zweites Arbeitsjahr. Diese erfolgreiche Veranstaltung gibt einen hoffnungsvollen Auftakt hierzu. Gemeinschaftsabend. Die C. V.-Frauengruppe, G. V., Sportverein „Schild" und B. I). J. J. veranstalteten einen Gemeinschaftsabend mit der Pädagogin, Frau Direktorin i. R. Burgheim, die über das Thema: „Durch Selbstbesinnung zur Sclbsterziehung" referierte. Frau Burgheim sprach vom reinpädagogischen Standpunkt aus. Sie führte etwa folgendes aus: Die Jugend hat das natürliche Vorrecht, daß ihr die Zukunft gehöre; sie ist unverbrauchter und leistungsfähiger als die ältere Generation. Es sind zwei Welten, die sich gegenüberstellen, daher auch oft die Konflikte der älteren Generation mit der Jugend. Der Grund ist ein Nichtverstehenkönnen oder Verstellenwollen. Erwachsen sein, heißt zur Führung seines eigenen Lehens erzogen sein. Mit der Vollendung der Erziehung ist keineswegs die Bildung abgeschlossen; je reifer und weiser man wird, desto stiller wird man auch; Menschen, die viel lärmen,