Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 5 (1.2.1935)
- Date
- 1935-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 QEME1NDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIQIONSQEMEINDE ZU LEIPZIQ I, Februar 1935 IMe Ehre der deutsehen Juden. Die Reichsvertretung der deutschen Juden übergibt uns folgende Erklärung: Auch das überwältigende Ergebnis der Saar-Abstimmung hat zu unserem schmerzliehen Bedauern dem Qauleiter Julius Streicher dazu gedient, in einer Rede in Nürnberg uns Juden zu diffamieren. Er tat dies mit folgenden Worten: „Der Jude Matz Braun war Beauftragter der jüdischen Rasse, des jüdischen Volkes. Er war beauftragt, zu verhindern, daß das Saarvolk zum Mutterland zurückkehre. Ihr Nürnberger, Deutsche, vergeßt nie: Ein Jude war es, der an der Spitze des Terrors stand, ein Jude war es, der mit dem Geld der Judenbanken und der jüdischen Weltbörse glaubte, dem deutschen Volke das Unglück bringen zu können, daß hunderttausende Deutsche für immer dem deutschen Volk genommen werden. Jawohl, wollen wir nie vergessen: Ein Jude stand an der Spitze der Schande, die wir erlebten." Demgegenüber erklären wir: Dies ist nicht wahr und stellen fest: Max Braun ist weder Jude, noch jüdischer Abstammung. In derselben Rede hat der Qauleiter Streicher Dr. Walter Rathenau die Worte in den Mund gelegt: „300 Männer, die sich gegenseitig kennen und durch das Blut verbunden sind, regieren die Geschicke der Welt." Demgegenüber stellen wir fest: Die Äußerung Rathenaus (in seinem Buch „Zur Kritik der Zeit", Berlin 1912, Seite 206) lautet: ,,'5U0 Männer, von denen jeder jeden kennt, leiten die Wirtschaftsgeschickc des Kontinents und suchen sich Nachfolger aus ihrer Umgebung." 1 >ie Worte „durch das Blut verbunden" hat Rathenau nicht gebraucht. Wann endlich werden solche, uns tief verletzenden Ausstreuungen ein Ende nehmen?! Zur Wahrung unserer Ehre bleibt uns nichts als feierlicher Protest! Die Reichsvertretung der deutschen Juden. Baeck. Hirsch. >ie nicht aus, sie deuten sie höchstens an. Bei den Brüdern Grimm innt die Erzählung nie mit einem erbaulichen Sinnspruch, sondern mau irst gleich bei dem Kern der Sache. Sie fangen zu erzählen an, und schon kennen wir alle handelnden Personen, die Prinzen und die Prinzessinnen, die Riesen und die Diumelinge, die Großmütterchen und die Enkelkinderchen, die Zauberer und die Hexen, die Füchslein und die Geislein, und all die Wunderdinge, die dazu gehören. Die (irimmschen Märchen, aus Traum und Wirklichkeit gewoben, bezaubern durch die Einfachheit der Darstellung und nehmen vollends gefangen durch den kindliehen Ton, in welchem sie vorgetragen werden. * Bei der Lektüre der (irimmschen Märchen drängte sich mir unwillkürlich die alte und oft gehörte Frage auf: (übt es jüdische Märchen? Darauf kann man nur antworten: Es gibt jüdische Märchen die Fülle. Die althehräische Literatur besitzt einen ungemein reichen Schatz an Sagen, Legenden, Märchen und Erzählungen; viel Eigenes i^t darin, aber auch viel Fremdes, das durch eine geschickte Einstellung in den jüdischen Gedankenkreis völlig zum Eigenen wurde. Woher kommt es aber, daß man trotzdem hier und da der Meinung begegnen kann, es gäbe überhaupt kein judisches Märchen? Es kommt daher, weil uns der echte Märchenerzähler fehlt. Beim Märchen ist wesentlich, wer es überliefert und wie es vorgetragen wird. Man braucht ein Märchen nur andere zu erzählen und es wird etwas anderes daraus. Der jüdische Mär chenerzihler ordnet die Erzählung der moralischen Tendenz unter, er macht die Moral zu einem Punkt, um den die Geschichte wie ein Kreis gezogen wird. Die Erzählung beginnt bei ihm in dei Regel mit einem Sinnspruch Salomos, und das Märchen ist ledrglieh der erbauliche Kommentar dazu. Die Geschichte wird als eint Art von Zierleiste um den moralischen Kern gelegt, oder auch nui als mnemotechnisches Mittel angewendet, um die Moral leichte: dein Gedächtnis einzuprägen. Die Art, wie jüdische Märchen erzählt werden, mögen folgende Beispiele veranschaulichen. Vor mir liegt ein altes jüdisches Sagenlind Märchenbuch, nicht nur für Kinder, sondern für „Groß und Klein" zur Lektüre bestimmt. Unter anderem wird da auch die Geschichte von den Kranichen des Ibykus erzählt. Der Erzähler beginnt folgendermaßen: „Es heißt in der heiligen Schrift: Der Vogel unter dem Himmel kann das freigelassene Wort an die Ohren bringen. Das freigelassene Wort kann wie ein kleiner unbeachteter Feuerfunke von furchtbarer Wirkung sein. Das Wort, das dem Munde entfährt, kann vom Vogel unter dem Himmel zu Ohren gebracht werden. Das beweist die folgende Geschichte: Es reiste einmal ein berühmter Dichter namens Ibykus durch einen Wald..." Und nun folgt die Geschichte von den Kranichen, diesen Vögeln unter dein Himmel, die das freigelassene Wort an die Ohren brachten. Es gibt eine altjüdische Erzählung vom Brunnen und vom Wiesel; sowohl im Talmud als im Volksmuud ist sie als „Geschichte vom Brunnen und vom Wiesel" bekannt. Ein Professor in Frankfurt am Main, der schon mehrere jüdische Mirchenbüchei herausgegeben bat, gibt dieser Geschichte die geradezu unmögliche Oberschrift: „Du sollst dein Wort halten!" Die Moral der Geschichte wird also vorweggenommen und die Geschichte selbst entkernt und wesenlos gemacht. I > hat nicht viel gefehlt und M. J. bin Qorion (Micha Josef Ben dyczewsky) hätte sich in der Reihe der besten Märcheuerzählei einen Platz errungen. In seinen großen Werken „Die Sagen der Juden" und „Der Born Judas" hat er alle jüdischen Mythen und Märchen, Volkserzihlungen und Chassidimlegenden gesammelt und sie tu einer ganz wundervollen Form nacherzählt. Aber auch Bin (iorion hielt sich treu an die Überlieferungen, gab den Urtexten nui den äußeren Schliff, ohne sonst in ihnen ein Jota zu ändern, wodurch beide Werke einen mehr wissenschaftlichen als volkstümlichen Charakter erhielten. Auch bei Bin Gorion wird die Moral vorweggenommen, und die Geschichte dient nur dazu, die Richtig keit des Moralspruches zu beweisen. Auch hei ihm weiß man, noch bevor man sie gehört, wovon die Märchen handeln: der Erzihlei sagt es einem im voraus. Sic handeln von Liebe und Treue, Rechi und Gerechtigkeit, Sitte und Sittsamkeit und von allen andern Tugenden der Menschen.Das ist alles sehr schön, aber dadurch wir<' das Märchen durch dessen Sinn überwunden. Ja, was ist denn eigentlich ein Märchen? Von allen Dich tungsgattungen ist, glaube ich, das Märchen am leichtesten zu erkennen und am schwersten zu definieren. Das Stoffliche nicln allein, vielmehr die Art, wie das Stoffliche behandelt wird, macht es zu einem solchen. Das Märchen ist ganz an den Erzähler gebunden. Erzählen das Märchen die Brüder Grimm, so ist es wirk lieh ein Märchen; erzählt es aber MusiUS, so wird eine moralisch' Parabel daraus. Aus sächsischen Gemeinden. Plauen. Statistisches. Auch im abgelaufenen Jahre 1934 hat die Abwanderung unserer Gemeindemitglieder angehalten. In Plauen selbst leben noch 360 jüdische Seelen, die sich genau hälftig auf Manner und Frauen verteilen. Der gesamte Bezirk der Bezirksgemeinde Plauen umfaßt 491 Seelen. Dies bedeutet eine Verminderung der Mitgliederzahl um mehr als 500/o seit dem 31, 12. 1932. Von der angegebenen Seelenzahl sind aber nur noch <)4 Personen Steuerzahler. Die Religionsschule wird in Plauen von 4f> Kindern und im Bezirk von 16 Kindern besucht. Hiervon werden zu Ostern ca. 12 Kinder entlassen werden, ohne daß ein Ausgleich durch Neuaufnahmen geschaffen wird. Der K u n s t a u s s c h U ß der Gemeinde Plauen hat seinen ersten Instrumental-Musik-Abcnd am 6. Januar Wib abgehalten und dazu das Gottlieb-Trio aus Leipzig (Frieda Gottlieb: Klavier, Musja Gottlieb: Violine und Leo Schönbach: Cello) verpflichtet. Es wurde noch durch den Klarinetten-Solisten Hans Peter Bernfeld und den Baritonisten Santo Sonini erweitert. Die anspruchsvolle Vortragsfolge ließ die hohen Ziele erkennen, die sich das Trio gestellt hat. Von ihm war die Pianistin der überragende Teil, der sich Wer seinen Gemeindebeitrag von RM. 3,— noch nicht bezahlt hat, hole dies schleunigst nach. Die Gemeindekasse ist geöffnet von 9 13 Uhr. Postscheckkonto Nr. 50533.