Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 48 (30.11.1934)
- Date
- 1934-11-30
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIOIONSOEMEINDE ZU LEIPZIQ 30. November IQ 4 Verfall und Aufstieg Zum Chanukkah-Fest. Für die neuzeitliche jüdische Geschichtsforschung und -Schreibung hat der hebräisch schreibende jüdische Denker Nachman Krochmal (1775 IS-Iii) mit seinein grundlegenden Werke „More n'wuche has'man" bahnbrechend gewirkt. Ihm konnte es noch nicht um ein Werk gehen, das die Geschichte der Juden darstellt; da/u bedurfte es erst all der Fülle von Vorarbeiten, die in seiner Zeit noch nicht einmal in Angriff genommen waren. Vielmehr konnte er nur in dem Verlauf der jüdischen Geschichte nach der Idee suchen, auf der eine systematische Erkenntnis ihrer Lntwicklung gebaut werden könne. Seine Arbeiten waren befruchtend, weil er in Verfolg einer solchen Idee als erster einen Weg methodischer Durchforschung der jüdischen Vergangenherl aufzeigte. Sein geschichtliches (ieset/ aber, ein „Dreistadiengeset/", hat in der von ihm gewiesenen Form keine Bearbeitung gefunden, obwohl ihm eine wichtige Beobachtung in der Entwicklung jüdischer Geschichte nicht abgesprochen werden kann. Sein Ahriii der (ieschichte unterscheidet nämlich drei gleichartige Stufen, die sich mehrfach wiederholten: Blute und Aufstieg, Höhe und schlielllich Verfall. An der Wiederkehr dieser Stadien sieht er die Besonderheit des Judentums: Andere Völker konnten nur einmal diese Stadien durchlaufen und verschwanden dann von der Bildflächc der Geschichte; im Judentum aber folgte auf eine Epoche des Verfalls neuer Aufstieg und neue Blüte. Den Qriutd für diese Erscheinung erkennt er darin, dal) das Judentum /um absoluten Geist vorgedrungen ist, wahrend die anderen Völker beim partikularen Geist stehengeblieben sind. Die Höhepunkte jüdischen Seins sind jene, in denen geistig-seelische Werte die inneren Kräfte speisen. Wenn diese Quellen verstopft waren, trat der Verfall ein, bis Selbstbesinnung auf die eigentlichen jüdischen Werte einen neuen Aufstieg herbeiführte. Die jüdische (ieschichte kann gewiß nicht in das Schema gezwängt werden, das Krochmal aufgestellt hat. Aber die grundlegende Feststellung trifft zu. Dafür ein Beispiel ist die Geschichte unseres Chanukkahfestes, Die Menorah feiert das Licht des Sieges, den Juda Makkabi über die Syrerheere davongetragen hat: wunderbar genug, um auch noch nach Jahrhunderten in der Erinnerung zu leuchten. Denn eine kleine Schar hat um ein vielfaches größere Heere überwinden können, weil in ihr die Begeisterung für den Glauben, die Macht des (ieistes ungeahnte Kraft sich entfalten ließ. Aber, recht betrachtet, feiert die Menorah weit mehr den Sieg des Geistes über den Ungeist im Inneren des jüdischen Volkes. Nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil (5'Jö) begann ein neuer Aufstieg, der durch Esra und Nehemia (etwa 160 110) zu einer um die Zeit Alexanders des (iroßen den Höhepunkt erreichenden Blute führte. Der durch den Einfluß des Hellenismus hervorgerufene Abfall vom jüdischen Gesetz, das bedeutet die Preisgabe jüdischen Geistes, führt einen Verfall herbei, dem das Judentum hatte /um üpfer fallen müssen, wenn nicht der Priester Mathatias den Anstoß /um neuen Aufstieg gegeben, wenn nicht sein lleldensohn Juda den Tempel in Jerusalem wieder zum I einpel des Einen Gottes gemacht hätte. Nicht etwa nur die heidnische Priesterschaft aus ihm verjagend, sondern auch die Gricchlinge unter den Juden zurückdrängend. Denn der Versuch des Syrers, die jüdische Lehre und den Dienst der Thora ZU beseitigen, der Zwang zur Übertretung des Sabbathgebots, der Speisegesetze, zur Anerkennung des griechischen (lötterkults, all das wäre vielleicht nie unternommen worden, wenn nicht Juden, die unter dem Einfluß griechischer Erziehung und griechischer Bildung ihr Judentum preisgegeben hatten, /u solchen Maßnahmen ermuntert und den Lindruck erweckt hatten., als wäre die Bindung der Juden an ihre Lehre völlig gelockert, als wurde man ohne merklichen Widerstand den Übergang zur damals herrschenden Zeusreligion durchführen können. Kennzecihnend ist ja jene Szene, wie der greise Mathatias auf öffentlichem Platze mit einem glutvollen Bekenntnis für (iott und seine Lehre die Zumutung zurückweist, sich vor dem Zeusbilde niederzuwerfen, und als Antwort darauf mit der unverkennbaren Absicht der Verhöhnung dieser l :berzeugungstreue einer jener Griechlinge /um Götterbild herantrat und sieh anschickte, ihm seinen Dienst /u bekunden. Die Schwankenden wieder fest zu machen, war der Hasmona» r erster Kampf. Sie rangen um die Seele derer, die den alten Glau- Olauben nicht eingebüßt, aber nicht den Mut bewahrt hatten, sich offen zu ihm zu bekennen. Und in jenen anderen den noch niclit erloschenen Funken wieder anzufachen, die noch nicht den letzt« i Schritt des Ahfalls vollzogen hatten, war ihr weiteres Bemühe . Es war eine dornenvolle Aufgabe, die sie sich stellten: einen und wieder einen zu erwecken und wieder für jüdische Lehre und ji ■ dischen Geist und jüdische Tat zu entflammen und so von neuem jüdischen Willen und jüdisches Leben aufzubauen. Was wir im Chanukkahfest feiern, ist der neue Aufstieg, dt; mit diesem Kampfe Mathatias' und seiner Söhne dem Judentum angebahnt wurde; der gewiß auch die nationale Erhebung der Juden gegen die drückenden Fesseln der syrischen Fremdherrschaft erfolgreich begann, vor allem aber die schon viel zu weit vorgeschrittene Auflösung, den Verfall überwinden sollte. — Wer die Geschichte jener Tage liest, kann nicht an dem Vergleich mit der jüdischen Situation unserer Tage vorübergehen. Der Eintritt in die allgemeine Kultur hatte einen Abfall zur Folge, dei — jeder von jüdischem Ernst Erfüllte hat es mit steigender Besorgnis feststellen müssen -- einem Verfall jüdischen Lebens gleichkam. Tausendc und Abertausende entfremdeten sich dem jüdischen Gottesdienst; aus dem häuslichen Leben wurde alles Jüdische verbannt; keine Sahbath- oder Festesfeier gab ihm jüdisches (iepräge; und draußen unter den Menschen verhüllten sie schamhaft die Zugehörigkeit zum Judentum und zu jüdischer Gemeinschaft, waren stolz, wenn ihnen nachgerühmt wurde, daß an ihnen nichts Jüdisches zu erkennen sei. Sie wollten vergessen, dal! sie Juden sind; glaubten vergessen zu haben. Und beginnen mm, wie aus einem Traum erwachend, sich wieder zu erinnern: sie hatten in Wahrheit nicht aufgehört, Juden zu sein; nur müssen sie sich wieder in ihrer geistigen Heimat zurechtfinden, sich mit dem Wissen und Verstehen des Judentums befreunden, das sie all/ : lauge als bedeutungslos beiseite gedrängt hatten. Wie soll der neue Aufstieg des Judentums angestrebt werden- Soll das letzte Jahrhundert jüdischer Entwicklung, dem ein so jähes Erwecken gefolgt ist, verdammt werden? Die Assimilation, die bekämpft werden muß, ist jene, die in einer Preisgabe des eigenen Selbst besteht, wie sie im Hellenismus sich zeigte, und wie sie im 1°. Jahrhundert so arge Verwüstungen im jüdischen Leben angerichtet hat. Nicht aber Assimilation schlechthin. Das Judentum hat sich in allen Phasen seiner Entwicklung fremdes Kulturgut zu eigen gemacht, indem es daraus Anregungen schöpfte, sie dem jüdischen Denken anpaßte und einfügte. Aus dem babylonischen Exil kehrten die Juden b - reichert in ihrem Gedankengut zurück. Die Grundrichtung der griechischen Weltanschauung, die Schätzung des Schönen hat schließlich manchen Niederschlag auch im jüdischen Gesetz gefunden; der Talmud zeigt unverkennbar solche Spuren. Das Studium der grie chischen Philosophie des Aristoteles hat weder Maimonides noch andere jüdische Denker der spanischen Zeit in ihrer Treue zur Lehre wankend gemacht, sondern ihre Durchdrungenheit von ihrer Wahrheit nur bestärkt und die Klarheit ihrer Erkenntnis so g - steigert, daß sie vielen Irrenden zu Führern werden konnten. Bei einer ganzen Reihe einzelner Anschauungen und Übung» I kennen wir ihren außerjüdischen Ursprung. Die Engel- und Dämon entehre, nicht auf judischem Hoden gewachsen, is» dem Judentum entsprechend vergeistigt worden und hat die Grundlagen sein et QlaubensaufftSSUng nicht erschüttern können. Die „Jahrzcit" ist zu einer der tiefst verwurzelten Einrichtungen judischer Rcligiosi: it geworden, obwohl sie nicht ursprünglich aus dem Judentum erwachsen, erst im Mittelalter übernommen worden ist. So wird auch vieles, was in unserer Zeit in das Denken der Juden von außen her eingedrungen ist, vieles, was auf die destaltung des jüdischen Lebens Einfluß gewonnen hat, als Bereicherung des Judentums wirken, wenn es im jüdischen (ieiste auf* genommen wird. Fr muß das Primäre bleiben, der Ausgangspunkt für alles, was unser Leben angeht. Die Assimilation, die Jüdisches aufgibt um des Fremdartigen willen, muß endgültig abgeschlossen sein. Der neue Aufstieg, der überall im jüdischen Leben unserer Tage verspürt wird, wird verwirklicht werden, wenn alles Jüdische zum beherrschenden Faktor wird. Dann wird Fremdartiges ohne