Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 44 (2.11.1934)
- Date
- 1934-11-02
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 .Wacht; die Presse, als die siebente Großmacht, ist mehr als Druckerschwärze auf Papier, sie ist die eigentliche Bildnerin der öffentlichen Meinung. Die jüdische Presse nimmt eine Sonder- Stellung ein. Hinter ihr steht keine Macht; sie hat die Aufgabe, die Stimmung in Qeist und Haltung umzuformen, öffentliche Meinung und Presse stehen in Wechselwirkung. Nach dem Umbruch hat die jüdische Presse an Bedeutung gewonnen, in Deutschland existieren <>5 jüdische Blätter; die jüdische Presse versucht /ur Meinungspresse /u werden. Im Ausland soll unsere jüdische Presse als Regulator der Meinungen wirken. Die jüdische Presse bringt den weltanschaulichen Standpunkt heraus, will aber auch den Willen zur Einheit der deutschen Juden /um Ausdruck bringen. Die jüdische Presse hat doppelte Aufgaben bei der Berufsum Schichtung (Alter und Jugend). Bei Kunstkritiken hat die Presse gegebenenfalls auch gegen Publikumsnieinung ZU gehen und verantwortungsbewußt zu sein; sie muß den Mut haben, das Publikum zu erziehen. Eine wichtige Aufgabe ist die Verbindung mit den Leuten, die auswanderten, damit sie den Kontakt mit der deutschen Welt nicht verlieren; wir dürfen nicht rosenrot färben, damit die Leute wissen, wie es draußen ist. Die Jugend kann sie im richtigen Sinne beeinflussen. Ihr einen Teil des deutschen Erlebens ZU vermitteln, ist eine wesentliche Aufgabe. Die Presse ist also die Plattform der öffentlichen Meinung; sie ist ein Olück für die jüdischen Menschen, sonst würde das Judentum in Verfall geraten. Herzlicher Beifall dankte der Rednerin für die hochinteressanten Ausführungen. H. S. Zum 90. Geburtstag Friedrich Nietzsches. Anläßlich des 00. Geburtstages von Friedrich Niet/sehe referierte in der „Oeseiligen Vereinigung deutsch-jüdischer Berufstätiger" Herr Rechtsanwalt a.D. Dr. Rudolf Neumann über „Die Gedankenwelt Friedrich Nietzsches". Leben und Werke des großen Einsamen von Sils-Maria fanden in dem Vortragenden einen sachkundigen Interpreten. An Hand umsichtig ausgewählter Leseproben aus dem reichen Sehaffen des so oft mißverstandenen Umwerters aller Werte, der auch in der ludenfrage seine geistige Selbständigkeit bewiesen hat, wurde der interessiert folgenden Zuhörerschaft ein belehrender und genußreicher Abend vermittelt. Für die Existenzerhaltung der deutschen Juden. Im Landesverband des C.V. machte Syndikus Sabatzky zum vorstehenden Thema kürzlich folgende Ausführungen: Als die Gesetzgebung des Jahres 1933 mit ihren Auswirkungen wie ein elementares Ereignis von ungeheuerer Wucht über die deutsche Judenheit hereingebrochen war, war es für eine Organisation, wie den Central verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der sich seit mehr als vierzig Jahren zur vornehmsten Aufgabe gemacht hat, in den Kampf für die geistige und wirtschaftliche Existenzerhaltung der deutschen Judenheit einzutreten, selbstverständlich sich aller derer anzunehmen, die unter der Wucht der Ereignisse zusammenzubrechen drohten. Keine Stellung, keine Schicht der deutschen Judenheit war ausgenommen; und so gab es für den Centraiverein eine Fülle von Aufgaben zu erledigen, die sowohl auf kulturellem insbesondere aber auf wirtschaftlichem Gebiete lagen. Durch den Centralvcrein und seine Landesverbände mußte eine Betreung aller, durch die Umwälzung erfaßten Juden im höchsten Ausmaß erfolgen, ganz gleich, ob es sich um Mitglieder und Anhänger des Central verein« oder um sonstige Juden handelte. Wie in allen Landesverbänden, so zeigte sich auch innerhalb des Landesverbandes Mitteldeutschland die Notwendigkeit, schnell nicht nur den einzelnen Betroffenen, sondern auch ganzen Gemeinden mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Ganz besonders macht sich diese Hilfe auch für die kleinen und kleinsten Gemeinden notwendig. Hier saßen oft Juden in verzweifelter Stimmung, die der neuen Situation nicht Herr zu werden wußten, und denen schnellste Hilfe zu Teil werden mußte. So hat sich denn der Landesverband Mitteldeutschland auch gerade der jüdischen Menschen in den kleinen Orten auf das stärkste angenommen. Die Vertreter des Landesverbandes besuchten aus diesem Grunde weit über 200 Orte, und gerade in den kleinsten Orten wurde diese Hilfe aufs dankbarste anerkannt. Ueberaus notwendig war es in einer großen Anzahl von l allen, vor voreiligen Schritten zu warnen, die dahin zielten, eine verhältnismäßig gesicherte Existenz am jeweiligen Ort aufzugeben und ins Ausland abzuwandern. Hier bedurfte es oftmals starken Nachdruckt, um übereilte Schritte aufzuhalten, und heute erkennen die Betreffenden dankbar an, daß der Rat, der damals durch den C. V. gegeben wurde, richtig und nützlich war. Aber nicht allein die kleinstädtischen Juden wollten betreut sein Auch in den grollen Gemeinden gab es eine Fülle von Arbeit und die jüdisch-wirtschaftlichen Beratungsstellen des C.V., von denen es in Mitteldeutschland eine in Leipzig und eine in (Chemnitz gibt, wurden auch von Angehörigen der großen Gemeinden aufs stärkste in Anspruch genommen Im ersten Augenblick schien es im Bereiche des Landesverbandes in zwei Berufskategorien die Lage ganz, besonders verzweifelt, und es sah so aus, als wenn die Angehörigen dieser Berufe infolge ihrer Ausschaltung restlos der öffentlichen Fürsorge anheim fallen würden. Der eine dieser Stände war aber der Warenhausangestellten, die von den Betrieben, die sich nach der Umwälzung gleichschalteten, fristlos auf die Straße gesetzt wurden. Hier war es dem C. V. möglich, durch Anrufung der Arbeitsgerichte und Vertretung vor ihnen dafür zu sorgen, daß die die fristlosen Entlassungen als ungerechtfertigt anerkannt und lediglich gesetzliche Kündigungsfristen als berechtigt erklärt wurden. Der zweite Stand, der gänzlich ausgeschaltet war, waren die Markthändler Die überwältigende Zahl aller Stadtverwaltungen erklärte, daß sie nichtarische Markthindler auf den Märkten und Kleinmessen nicht mch zulassen wolle. Flier mußte Schritt für Schritt das Recht behaupte werden, und es ist festzustellen, daß die Centraibehörden den berechtigte. Wünschen der jüdischen Markthändler ihr Ohr nicht verschlossen habei Heute ist es so, daß die Markthändler ihrem Gewerbe wieder nachgehe: können, obgleich es noch immer eine Anzahl von Städten gibt, die dejüdischen Händlern Schwierigkeiten machen; jedoch konnte der gan, Stand davor bewahrt bleiben, zu Fürsorgeempfängern herabgedrückt r werden. Wichtig war auch das, was für die selbständigen Geschäftsleute Handelsvertreter, Industrielle und insbesondere für den Finzelhändk getan werden konnte. Wegen Benachteiligung und Ausschaltung jüdische Firmen aus den verschiedensten Gründen konnte die juristisch Wirtschaft liehe Beratungsstelle des Landesverbandes in einer großen Reihe von Fället mit Erfolg vorgehen. Auch gegen die Behinderung jüdischer Betriebe führer konnte nach Anrufung der zuständigen Stellen mit Erfolg einge schritten werden. Auch die Lage der freien akademischen Berufe erforderte eine besondere Betreuung dieser Berufsangehörigen. So mußte gegen Diffamierung und Ausschaltung wider jüdische Rechtsanwälte Stelluug genommen werden, soweit diese über die gesetzlichen Bestimmungen hinaus geschahen, und die Ausschließung jüdischer Ärzte und Zahn behandler von den Krankenkassen, den öffentlichen, wie den privaten, erforderte die sorgsamste Bearbeitung. Auch hier war es möglich, manche wirtschaftliche Existenz zu retten und den Betroffenen und seine Familie vor dem Verhungern zu schützen. So wurde tatsächlich allen Bemfsaiigehörigen geholfen. Hier waren es Landwirte, dort Handwerker oder ungelernte Arbeiter, dort wieder Musiker, Schauspieler, Kunstmaler oder Redakteure, denen Rat und Hilfe zu Teil werden mußte. Viele, die durch Ausbürgerungsgesetz bedroht waren, ihre deutsche Staatsangehörigkeit zu verlieren, mußten betreut werden, und hier wai es durch Nachweis dadurch, daß eine große Anzahl von ihnen sich für die deutsche Sache in Krieg und Frieden Verdienste erworben hatte, möglich, sie vor dem Da i oklesschwert der Staatenlosigkeit zu bewahren Auch in kultureller Beziehung mußte eingeschritten werden. Insbesondere dagegen, daß versucht wurde, Juden vom Besuch bestimmtet Schulen, Fachschulen und Hochschulen oder von den Examen auszu schließen. Die vorstellenden Ausführungen zeigen, welch ein reiches Tätigkeitsfeld der C. V. zu bearbeiten hatte, und es ist festzustellen, daß alle von ihm Betreuten einschließlich der Fälle, in denen die Ratsuchenden weltanschaulich auf .mderem Boden stehen, diese Tätigkeit aufs dankbarste anerkannt haben. Für alle diejenigen, die bisher der Tätigkeit des C. V. gleichgültig gegenüber standen, ergibt sich daraus die Verpflichtung dafür zu sorgen, daß auch in der kommenden Zeit die segensreiche Arbeit des C. V. weiterhin durchgeführt werden kann. Es gilt auch hier das Wort; „Vereinter Kraft gar oft gelingt was einer nicht zustandebringt! Bevorstehende Veranstaltungen 3. November: Zionist. Vereinigung: Kundgebung. 5. November: Arbeitsgemeinschaft des Schwesternbundes. 7. November: C.V.-Vortrag Amtsgerichtsrat i. R. Dr. Fritz Golcischmidt. 11. November: Staatszionist. Organisation: Kundgebung. 12. November: RJF.-Mitgliederversammlung. 13. November: Frauenverein Ruth, Gemütliches Beisammensein. 19. November: Jüd. Frauenbund: Edith Herrnstedt-Öttingcn. 20. November: Gemeindcabend. 20. November: Handarbeits-Ausstellung; Heiterer Nachmittag. 21. November: Handarbeits-Ausstellung: Konzert Leo Schwarz, Hei: i Chitrik. 24. November: Gottlieb-Streichquartett, Kammermusikabend. 26. November: Frauengruppe des C. V. Vortrag Julius Bab. 29. November: Konzert auf zwei Flügeln: HaTina Schlesinger und Anna Suwalsky-Burstein. 6. Dezember: Jüd. Frauenbund: Abendvortrag Prof. Cora Berliner. 8. Dezember: Chanukkafest des R. j. F. Amtliche Bekanntmachungen Gärtnerei des neuen Friedhofes. Es wird darauf hingewiesen, daß Blumen- und Grabschmu k zu handelsüblichen Preisen stets zu haben sind. Bei größer. :n Grabschmuck empfiehlt es sieh, rechtzeitig durch Fernspr. 538 81 Bestellungen zu erteilen. Die (iräber werden jetzt gegen Frost eingedeckt. Falls hiei nr noch nicht die Gebühren entrichtet sind, bitten wir, diese umgeht nd an die Kasse des neuen israelitischen Friedhofs - - Postscheckkonto Leipzig Nr. 4932 zu zahlen. Soweit Aufträge zum Eindecken gegen Frost noch nicht erteilt sind, bitten wir. diese schnellstens 'M gleichzeitiger Zahlung der Gebühren, deren Höhe sich nach der verlangten Ausführung richtet und über die die Fricdhofsvcrwaltnng Auskunft gibt, aufzugeben. Leipzig, den 26. Oktober 1934. Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. Gottesdienste Gemeindesynagoge. Sabbatgottesdienst. Freitag, 2. November, Abendgebet 16,45 Uhr. Sonnabend, 3. November, Morgen-