Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 42 (19.10.1934)
- Date
- 1934-10-19
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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19. Oktober 1031 Das Bildzeichen des Hilfsvereirri mag unser Leitstern sein: die Hände, die sieh gegenseitig lassen, die sich leiten und stützen, dall niemand erkennen kann, wer der (iebende und wer der Nehmende ist! Soll doch Hilfe so geleistet werden, dall der im Augen« blick Schwache durch die Selbstlosigkeit und Vornehmheit des Spenders nicht herabgesetzt, sondern zu ihm emporgehoben wird. Versuchen wir so /u handeln, und Goldmaniis (ieist wird aus unserer Mitte nie entschwinden. Vorstand des Hilfsvereins israelitischer Gewerbetreibender. Die Angehörigen der jungen Generation, die sich in unserem Kreise zusammengefunden haben, fuhrt ein mitleidloser Schicksals- Schlag ZU der bitteren Pflicht des Nekrologs. Wir beklagen in dem Heimgang unseres verehrten Dr. Felix Qoldmann nicht nur den Verlust des Vorsitzenden unserer Vereinigung, sondern auch den eines menschlichen Vorbilds, zu dem wir voll Bewunderung aufblicken durften. Konnten wir bereits als seine Schüler den weiten Hereich seiner geistigen Persönlichkeit empfinden und erfahren, so sehen wir es als eine uns zuteil gewordene, besondere Fügung an, auch spater durch gemeinsames Arbeiten mit ihm menschliche Bereicherung, geistige Förderung und weltanschauliche Klärung gewonnen zu haben. Beispielgebend war er uns in selbstloser Hilfsbcrcitschaft.Opfcrfrcudigkeit und Duldsamkeit. Wir verehrten das unermüdlich Kämpferische seines Wesens und erblickten in ihm den Verfechter eines eigenwertbewußten, starken und seiner inneren Kraft vertrauenden Judentums. Er, dem Disput niemals gleichbedeutend mit Streit war, entfaltete seine überragende und zugleich liebenswürdige Geistigkeit beim Meinungsaustausch im Kreise ihm innerlich verbundener Menschen. Er war der berufene Mittler /.wischen den Qenerationen, ihren Idealen und Forderungen. So wird Dr. Felix Qoldmann in unserer Gemeinschaft unvergessen sein und als unvergängliches Vorbild in unserem dankbaren Herzen leben. Gesellige Vereinigung deutsch-jüdischer Berufstätiger. Kiii Schüler nimmt Abschied . . . Der letzte Gm ß der jüdischen Jugend an ihren Dr. Qoldmann S.A. von Dr. Fritz Grübel. Eine menschliche Hindung, die gerade bei uns, den Enkeln und - hoffen wir es: auch den Vätern eines Volkes der Lehre und des Lernens, eine ganz eigene Festigkeit und Innigkeit hat, ist das Verhältnis des Schillers zum Lehrer. Aus dieser Lebensverbundenheit — nicht etwa nur aus einer romantischen Jugenderinnerimg leite ich mein Recht her, namens aller jungen Juden seiner Gemeinde Abschied zu nehmen vom geliebtesten meiner Lehrer; Erinnerung, Dank und Qelöbnis zu sprechen dein Lehrer und väterlichen I reund I elix Qoldmann s. A. Zu Heginn der Bildungstagung, die vom schweren Schatten tiefster Trauer einer ganzen Gemeinde umdüstert war, wurde das bittere Wort gesprochen, daO die Jugend ihrem Wesen nach den Lehrer, den Erwachsenen, nicht verstehen könne, dal! daher Undankbarkeit des Schulers etwas Natürliches, Selbstverständliches sei. Ober die Richtigkeit dieses Satzes zu streiten, ist hier nicht der Ort. Vielleicht kann ihm aber angefügt werden, dall bei allem Unverstand des kindlichen und jugendliehen Menschen die rein gefühlsmäßige Erfassung des Charakters des Lehrers dem jungen Schüler meist besonders gegeben ist. Kinder und junge Menschen sind oft grausame, aber selten ungerechte Richter über die „Erwachsenen", die ihre Lehrer sind. Und dall dieser Gerichtshof, der spricht aus dem naturnahen Gefühl für gut und böse, für echt und falsch, für stark und schwächlich, dall seine jungen Schüler an „ihrem Dr. Goldinann" in Liebe hingen, dall sie ihn verehrten und — höchstes Ziel eines Lehrers: ihm vertrauten, beweist allein schon die ganze echte, männliche, reine Menschlichkeit des Verewigten, wir Schiller fühlten, dall uns hier niemand „öffentlich Wasser predigte", der „heimlich Wein trank". Wenn er immer wieder den Satz: „Liebe deinen Nächsten; er ist wie du!" in den Mittelpunkt jüdischen Seins und Sollens stellte, so spürten wir keinen falschen Ton, so fühlten und wußten wir: hier spricht ein Mensch, der selbst zuerst Ernst macht mit dem, was er von seinen Schillern, was er von jüdischer Jugend verlangt. Nie hatten wir Jungen im Gespräche mit ihm das die Generationen entfremdende Gefühl, er nähme uns und unsere Probleme nicht ernst, da sie ihm „dem Erwachsenen" bereits gelöst seien. Nein, mit jedem einzelnen von uns rang er, der so viel Reifere, Erfahrenere, um alle die unzähligen I ragen und Probleme, die einem jungen Menschen und noch besonders einem jungen Juden unserer Zeit auf der Seele brennen; er half und befreite aus seelischen und geistigen Nöten, wie er in wirtschaftlicher Not Unzähligen Freund und Retter war. Kein falsches Pathos schreckte uns junge Menschen ab und keine fade „Neutralität" in den Eragen jüdischer Gemeinschaftsgestaltung. Er bekannte seine Auffassung und kämpfte ritterlich um und für sie mit uns wie mit seinesgleichen, ein jugendlicher Geist mit jungen Menschen. Stets aber stand im Vordergrund das Wort: Iwri anochü, der demütige Stolz auf sein Judentum; wies er uns durch seine Lehre und sein Leben den vorurteilslos alle Juden — gleich welcher Herkunft und welcher Partei — umfassenden Gemeinsamkeitssinn. Aus tiefem Wissen mit klarem Verstände, aus gütigem Herzen mit Witz und überlegenem Humor arbeitete er mit uns, fuhrte er uns. Er war uns nicht nur Lehrer in der Schule, sondern auch Freund im Leben und deshalb gerade ein echter Lehrer im schönen jüdischen Sinn. Gehörte er auch vielen Schichten und Menschen unserer Gemeinde, der ludenheit überhaupt: wir jungen Juden nehmen es als sinnvolles Zeichen und als heiliges Vermächtnis in all dem schweren Unglück des Hinscheidens von Felix Qoldmann s.a., der Schickung, deren Sinn zu verstehen, unsere armen Kräfte nicht ausreichen, da:', er in der letzten — wie er versicherte: ihm im Augenblick eingegebenen - Jörn Kippur-Predigt seines Lebens, der jüdischen Schule, der jüdischen Bildung jüdischer Jugend das Wort sprach Und wir jungen Juden von Leipzig antworten diesem für ein ganzes gesegnetes Leben sinnvollen Zeichen durch das verpflichtende Symbol: der Brennpunkt des jüdischen Jugendlebens, das jüdische Jugend heim Leipzigs, es trägt seit dem düsteren 28. Tischri 5695 7. Oktober 1934 den Namen: F e 1 i x - G o 1 d m a n n - H e i m der jüdischen Jugend. Solange junge Juden in geineinsamer Aibeit ein gemeinsames Heim in unserer Gemeinde besitzen, soll dieser Name sie mahnen, zu sein wie Eelix Goldinann S.A.,Rabbiner von Leipzig: ein ganzer Jude und das heißt: ein menschlicher Mensch! Trauerkundgebungen. Anläßlich des Hinscheidens unseres Qemeinderabbiners Dr. Goldmann s. A. haben eine ganze Reihe von Trauerkundgebungen stattgefunden, die in würdigster Form Zeugnis für die Schätzung und Verehrung des heimgegangenen Rabbiners ablegen. — Im Reichs bund jüdischer Frontsoldaten entwarf Dr. Alfred Jacobe ein Hild Dr. (ioldmanns als Geistlichen, als Mensch und als Kämpfer. -- Uber die in der Ez-Chaim- Synagoge gelegentlich des 8. Gemeindeabends erfolgte Würdigung wird an anderer Stelle berichtet. — In der Geselligen Vereinigung d euts c h-j ü d isch e r Berufst ä t i g c r rief Dr. Herbert Lindemann dem Vorsitzenden und geistigen Führ I Worte des Dankes in die Ewigkeit nach. Ihr besonderes Gepräge erhielt eine Trauerfeier der jüdischen Jugendorganisationen dadurch, daß hier zum ersten Male alle im lugendring vereinigten Bünde sich zusammengefunden hatten und ergriffen den Worten der Redner, Dr. Grübel, Dr. Goldhahcr und Dr. Brande folgten. Besondere Herzlichkeit strömte der Kundgebung aus, die der H i I f s v e r e i n der israelitischen Gewerbetreibenden dem mehr als anderthalb Jahrzehnte im Vorstande, mehrere Jahre auch als Vorsitzender tätigen Dr. Goldmann widmete; die Geileiikworte sprach Dr. Soloweetschik. In der Leipzig- Loge zeichneten Rechtsanwalt Dr. Löwenheim, Rabbiner Dr. Löwcnstamni, Spandau (Vertreter der (iroßloge), Gemeinderabbin r Gustav Cohn, Syndikus Sabatzky und Ernst Schiein das Bilil des Heimgegangenen mit besonderer Hervorhebung seines Wirkens im Kreise der Loge und des Ordens. Die Synagoge Beth je- Ii ii il a veranstaltete einen Hesped des Herrn Rabbiner Melamed. Im Jüdischen E r a u e n b u n d wurde die Winterarbeit mit warmen Gedenkworten eingeleitet. Auch im Ausschuß des Wohlfahrtsamtes wurde die Arbeit mit herzlichen Worten des Gedenkens und des Dankes wieder aufgenommen. — Am Sonntag, den 21. Oktober, wird die R e I i g i o n s s c h U I e I ihres heinigegangenen Direktors gedenken. ftn all unsere jüdisdien Hausfrauen! ergeht die ebenso dringende wie henüdie Bitte, jetzt vor Beginn der kalten Witterung ihren Hausrat gründlich zu durchsuchen und alles, was ihnen nur irgendwie entbehrlich ist, an getragener Männer- und Frauenkleidung an Kindergarderobe, Wäsche aller Art der M-Xkiderslelle, Xumbcldlstrate 13 zur Verfügung zu stellen. Cs darf nldti sein, daß es jüdische Menschen in unserer Stadt gibt, die wegen notdürftiger Kleidung frieren. ts dort nldit sein, daß jüdische Erwerbslose, daß jüdische alte oder kranke Menschen auf ihrem Lager die notwendigsten Wäschestücke entbehren müssen. Kommt alle und helft, so lange Ihr es aodi könnt! Auf tele/. Anruf 21382 werden alle Sachen schnellstens abgeholt. Wohlfahrtsamt der Israelit, tettgtonsgemetnde iu Cetpzkj