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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1934-08-17 · 33 (17.8.1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
10 (1934)
Issue
33 (17.8.1934)
Date
1934-08-17
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIOIONSOEMEINDE ZU LEiPZIO 17. August 193' Der Ruf nach Einigkeil sagt Nathan Birnbaum - ist nicht neu in der Judenheit. Nur daß er heute, entsprechend der aufs äußerste gestiegenen Not. drängender, mau möchte fast sagen, herrischer erhoben wird. Die Parteien und Personen, die ihn für die Gesamtheit oder für größere oder kleinere jüdische Gruppen erheben, verlangen von denjenigen, an die sie ihn richten, Unterwerfung unter ihre, der Einigkeitsforderer, Anschauungen, während sie es für selbstverständlich halten, daß ihre eigene Meinung die maßgebende, die zur Einigkeit wegweisende ist. So wie man heute die Einigkeil sucht, wird man sie nie erreichen. Auch Einheit, und sie erst recht, setzt Rufer und Gerufene, I uhrer und QefQhrte voraus. Aber nicht nach einem Schema, das auch für jede andere Gemeinschaft gelten könnte, sondern solche, die fuhren kraft Ihres Wissens um das Wesen des jüdischen Volkes, bzw., die sich fuhren lassen, weil sie dieses verkörpern. Es gibt nur einen Weg, um wieder ZU einer jüdischen Einheit, und das heißt zu einer echten, organischen Einigkeit zu gelangen: Wiederherstellung der wahren Knesses Jisroel, der jüdischen Welt- oder Allgemeinde unter geistlich-weltlicher Leitung, mit Zentralrepräsentanz und Landes- und Ortsvertretungen, Wenn nicht in diu letzten anderthalb Jahrhunderten die unseligen, unschöpferischen Säkularisierungs- und Assimilierungsideen mit solcher Heftigkeit die Judenheit befallen hätten, so hatte die Judenheit nach der Emanzipation keine vornehmere Sorge haben dürfen, als ihre Volks- und (ilaubciisgeincinschaft ZU einem festen Gefüge, das selbsttätig Winde, Autorität und Einigkeit erzeugt, umzugestalten. Und erst heute, wo alle die Voi Stellungen einiger gesättigter und anmaßender Generationen in ihrer zähen LedernhcH entlarvt sind, wo sich die Juden eine Lektion geholt haben, die sie nie mehr vergessen werden, die sie aber trotz, aller zeitgenössischen Eindringlichkeit noch immer nicht recht begreifen ... Gewiii, die Sache ist nicht so einfach. Es müssen religionsgesetzliche Voraussetzungen geklart und erfüllt und ein geeignetes, neues, geistliches 1 uhrcrmatcrial muH erst erzogen werden. Das braucht Zeit, und es gibt doch Aufgaben, die im Augenblick Antwort, d. Ii. eilte rasch hergestellte, halbwegs zureichende Einigkeit verlangen. Aber gerade deshalb ist es um so dringender, mit jener anderen Arbeit, die eine Dauerwirkung von gewaltigem Ausmaß, die uns Einheit verspricht, zu beginnen. Verkünden muß man sie! Das Volk für sie gewinnen! Die zagenden Führer zum Wollen zwingen! Ehe es zu sp.it wird, ehe der letzte Rist sclbstrcttcndcr (lestaltungskraft aus dein judischen Volke geschwunden ist. (JTA.) Der südafrikanische Prozeß um die „Zionistische Protokolle". Wir hatten kürzlich über einen Sensationsprozeß in Johannesburg berichtet, in dem der Rabbiner gegen drei Mitglieder der Orauhetndenorganisation wegen Verleumdung Klage fuhrt; es war behauptet worden, daß in der Synagoge von Port Elizabeth ein Dokument gestohlen worden sei, aus dem der Nachweis für die Echtheit der „Protokolle der Weisen von Zlon" zu erbringen wäre. Im Verlaut der Verhandlung hatte der sachverständige (iutachtcr seine Überzeugung dahin ausgesprochen, daß das Dokument aus inneren und äußeren Gründen als falsch bezeichnet werden müsse. I her den an Sensationen reichen Prozelf werden weitere Sensationen berichtet: David Hermanns (Iiivier, der Herausgeber der Qrauhemden-Zeitschrilt ,,Kapport", veröffentlicht eine Erklärung, in der er sich von der antisemitischen Grauhemdenbewegung lossagt. In einer der letzten Gerichtsverhandlungen in dem Prozell hatte er erklärt, die ganze Geschichte mit dein Dokument erscheine ihm nunmehr lächerlich, früher aber habe er an sie geglaubt. Auf die Frage des Vorsitzenden Sir Thomas (iraham, ob Olivicr die ehrliche Oberzeugung habe, dais lach (einer seiner beiden Mitangeklagten) kein Fälscher, Meineidiger und Intrigant sei, dalt er diese Dokumente nicht selbst zusammengebraut habe, sondern dall sie echt seien, hatte Olivicr geantwortet: „Ich darf keine Lüge in diesem Prozeß sagen. Olauben Sie nicht, daß bloße Oefüble sprechen können? Warum muH ich sie zum Ausdruck bringen?" Schon früher hatte der Angeklagte Inch, der behauptet hatte, dac angebliche „Dokument" aus der Synagoge geholt zu haben, versucht, sich von dem Prozeß zurückzuziehen, indem er erklärte, die ganze Bewegung sei auf die „überhitzte Atmosphäre" Zurückzuführen. Der Vorsitzende erklärte jedoch, dall eine solche Zurückziehung in diesem Augenblick nicht mehr möglich sei. Das Urteil wir., für die nächste Woche erwartet. V.'anderunterkünfte des Reichshundes jüdischer Frontsoldaten. Der Reichsbund judischer Frontsoldaten hat ein vorläufiges Vcrzeii hnis der von ihm geschaffenen Wanderunterkünfte herausgeg!>cn. Das Verzeichnis wird Mitgliedern des Hundes und anderen Interessenten gegen Übersendung eines Freikuverts (Porto 4 Rpf.) übermittelt Unsere Gemeinde. Zur Eröffnung des neuen Beth-Chaluz. auf dem Bar Kochha- Platz. Das Ziel des Hechaluz in Deutschland ist, die gesamte jüdische Jugend aller Riehtungen zu erfassen, und sie zu arbeitenden, produktiven, jüdischen Mensehen, die die neue jüdische < leseilschaft in Lrez Israel mit aufbauen wollen, zu erziehen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen die Menschen, die nach Erez Jisrael kommen, schon körperlieh und geistig vorbereitet sein. Diese Vorbereitung ist die Erziehung, Belehrung und Arbeit, die in den Snifim (Ortsgruppen) des Hechaluz in Deutschland geleistet wird. Die Menschen, die zum Hechaluz kommen, werden in Gruppen eingeteilt und machen mindestens eine 1 »jährige geistige Vorbereitung (Iwrith, Tenach, jüdische Geschichte, Zionismus, Palästinakunde usw.) durch. Der Sinn dieser geistigen llachschara liegt zunächst In einer Aufklärung über unsere Aufgabe und unser Ziel. Dann soll nach dieser geistigen Vorbereitung erst die Umstellung zur körperlichen Arbeit erfolgen. In zwei Formen wird heule die körperliche Umschichtung geleistet: 1. die Chaluzim arbeiten bei Bauern, Handwerkern usw. auf Privatstellen und leben zu Hause oder bei dem Arbeitgeber; 2. die Chaluzim arbeiten in eigenei Wirtschaft oder in Plivatstellen, leben aber in der Gemeinschaft eines Beth Chaluz (Haus der Chaluzim). Um nun die Verbindung von geistiger und körperlicher llachschara zu fördern und die kulturelle und geistige Arbeit fortzuführen, muß der Hechaluz mein Wert auf die zweite Lorin legen. Der Hechaluz in Leipzig, der dieses Jahr 30 Menschen nach Palästina schickte, der 5(1 Menschen auf llachschara außerhalb Leipzigs hat, der 210 Mitglieder heute in Leipzig umfaßt, von denen auf llachschara in handwerklichen (Schlosserei, Tischlerei, Batihandwerk usw.), landwirtschaftlichen und hauswirtschaftlichen Stellen, 90 Menschen arbeiten, hatte bis jetzt nur ein Beth Chaluz (Elsterstr. 7), das bisher 14—l(i Chawerim umfaßte. Am 2(>. S. 1934 eröffnet der Snif Hechaluz, Leipzig, mit Hilfe aller Snifim des Gaues Sachsen ein 2. Beth Chaluz auf dem Bar Kochba-Platze. Da dieses sich auf freiem Gelände befindet, wird hier die Möglichkeit geboten, eine kleine Eigenwirtschaft (Qemüsewirtschaft, Hühnerzucht) zu gründen. Dieses neue Beth Chaluz wird 20 Chaluzim Unterkunft bieten, iö Chaluzim und Chaluzoth werden von jetzt ab in den beiden Bathe Chaluz leben, um geistig und körperlich für Palästina umgeschichtet zu weiden. Das neue Beth-Chaluz auf dem Bar Kochba-Platz stellt am 20. 8. 1934 tagsüber der Besichtigung offen. „Für die Schuljugend". Die Werbimg für die „B e i t r a g s k a r t c für Hilfe und A u f b a u" steht in jedem Monat unter einem besonderen Motto. Wenn auch die Erträgnisse der Sammlung gleichmäßig allen Arbeitsgebieten zugute kommen, soll durch diese Einteilung Gelegenheit gegeben werden, in jedem Monat auf einzelne der wichtigsten Probleme und Aufgaben auf dem Oesamtgebiet von Hilfe und Aufbau hinzuweisen. Wichtiger als alle anderen Aufgaben ist die Sorge für die kommende Generation. Es genügt aber nicht allein, dafür Sorge zu tragen, daß körperlich kräftige und gesunde Menschen heranwachsen; ebenso bedeutsam ist die Arbeit im Dienste geistiger Schulung. Wer den Wunsch hat, daß unsere Kinder als innerlich ungebrochene und aufrechte Menschen heranwachsen, der muß flu die jüdische Schule sein. Deshalb wirbt der Monat August „Für die Schuljugend". Nur auf der j ü d IS eh e n S c Ii u I e erwirbt das jüdische Kind das Maß von jüdischem Wissen, das es braucht, um sein Judentum als einen Quell höchsten Stolzes und als einen lebensspendenden Segen zu empfinden. Nur auf der jüdischen Schule findet es im Kreise gleicher Kameraden die Atmosphäre freudiger Zusammenarbeit, die die Grundlage jeder wahren Erziehung ist. In angespanntester Arbeit ist es im Laufe eines Jahres gelungen, bereits ein Drittel aller jüdischen Schulkinder auf jüdischen Schulen unterzubringen, die zum größten Teil erst in dieser Zeit entstanden oder ausgebaut worden sind. Unter Vermeidung aller überflüssigen Ausgaben lind hier Stätten wahrhaft jüdischer Erziehung entstanden in denen Lehrer und Schüler eine lebendige Einheit bilden. Für viele Kinder, in deren Elternhäusern Not und Sorge des Alltags herrschen, sind Stätten der Lr holung geschaffen worden Kinder, denen daheim kaum das Notwendigste gegeben werden kann, finden hier Altersgenossen, mit denen sie spielen, zu denen sie sich aussprechen und denen sie sieh mitteilen können, in Zusammenarbeit mit Einrichtungen der jüdischen Wohlfahrtspflege ist diesen Kindern die Möglichkeit gegeben, auf Spielplätzen gemeinsam herumzutollen, an Wanderungen teilzunehmen Sport zu treiben und vor allem eine ausreichende Ernähr u n e. zu finden. Schulspeisungen, die I ruhstuck und warmes Mittagessen gewähren, Kinderhorte, die dem jüngeren Schul kind einen Aufenthalt zum Spielen gewähren, K i n d e r I e s e statten, die dem alteren geeignete geistige Nahrung bieten, ei gänzen die Arbeit der Schule. Die hellende und fürsorgende Betreuung der jüdischen Schul kinder, die die allgemeinen Schulen besuchen, ist hierbei ein be solideres Aufgabengebiet. Die Durchführung der notwendigen Maß nahmen der Wohlfahrtspflege und Förderung auf den jüdischen Gebieten macht bei der größeren Schwierigkeit der Erfassung diesei Kinder besondere Anstrengungen der beteiligten Stellen notwendig. Erst im Zusammenwirken aller dieser Entrichtungen wird es uns möglich sein, eine junge Generation heranzuziehen, die an Leib und Seele gesund Lst. Darum helft unseren Schulkindern! Schafft und erhaltet jüdische Schulen! Erhaltet die Stätten der Er holung und der Kräftigung für das jüdische Schulkind! Nehmt alle eine Beitragskarte für Hilfe und Aufbau! Ihr erhaltet und sichert die Zukunft unserer Jugend und damit des des deutschen Judentums! Auskunft erteilt das Fürsorgeamt der Israel. Religionsgemeinde, Telefon 21382.

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