Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 29 (20.7.1934)
- Date
- 1934-07-20
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 GEMEIN DEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELlülONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 20. Juli 1934 Reihe des Christentum und dann auch des Islam, habe Israel eine doppelte Religionsgeschichte: Die eine, die sich innerhalb des engen Kreises des Hauses Israels abspielt, und die andere inner* liall> dir weiteren Grenzen der christlichen Kirche und der Welt des Islam, Auch diese seien ein Teil von Geschichte und Zukunft der Religion Israels, ein Teil des Weges vom Anfang, dem Bündnis Gottes mit Israel, her tu dem Ziel messlanischer Erfüllung. Die Aufgabe Israels sei eine doppelte geworden. Es habe die Pflicht, seine eigene Religion zu bewahren, und ebenso, so seltsam dies klingen möge, auch die, Mahner und Unter für den weiteren Kieis /u sein. Die Religion Israels sollte das religiöse Oewissen dei Religionen sein. Diese Pflicht müsse erfüllt werden. Niehl durch Rhetorik, sondern durch religiös beseelten I e b e n sernst, d u r c h d ie .Wacht des religiös e n L ebens, durch die Standhaftigkeit, die den Religiösen vor Vermengung mit Fremdem und unlauterem schützt. Religiöser tieist bedinge religiöse Verantwortung für die Religionen. Verantwortung aber sei stets auf die Zukunft gerichtet. So sichere die Doppelnatur seiner Aufgabe Israels Zukunft als religiöse Gemeinschaft. Zu dem gleichen Thema sprach auch Dr. Claude Q. Monte- Ii nie: Bestimmung sei ein sehr großes Wort; solle man darunter den Schicksalsweg oder den schließlichen Untergang des Menschengeschlechtes verstehen? Der Begriff Bestimmung enthalte etwas Abschließendes, aber es sei möglich, dal! das Menschengeschlecht noch nach lünfzigtausend Jahren auf der Erde sein wird. Die Phantasie könne sich unmöglich damit befassen was die Religion in so ferner Zeit bedeuten werde. Man könne sich nur fragen, was für eine Stellung das Judentum innerhalb eines einigermaßen absehbaren Zeitraums einnehmenwird. In jungen Jahren, erklärte Dr. Montefiore, habe man ihn gelehrt, eher an ein messianisehes oder goldenes Zeitalter als an einen Messias und das Jüngste Gericht zu glauben. Man habe ihm gesagt, es sei Aufgabe der Juden, dicht beisammen zu sitzen und stillezuhalten. Er wiirde wohl gerne wissen, wieviele Juden in Europa und Amerika an diesem Glauben noch in einfältiger inniger Oliubigkeit festhalten. Er wisse es nicht: aber für viele von uns beginne dieser besondere Olaube ZU welken. Auch die Victorianische Lehre vom steten allmählichen Fortschritt beginne dahinzuschwinden. Die allgemeine Ansicht gehe jetzt daliin, daß die Lrde letzten Endes unbewohnbar sein wird, daß die Kultur verdorren und verfallen wird, bevor der letzte Mensch erfriert und zugrundegeht. W ir mögen der Ansicht sein, dall ein grölierer Prozentsatz menschlicher Wesen in Europa heute ein glücklicheres, volleres Leben führt als jemals, mit einer höheren Moral und Gedankenwelt, auf einer höheren Stufe menschlicher Güte als dies 1231 der l all war. Wenn wir dies glauben, könneil wir dann auch glauben, dall es im Jahre2634 ebenso sein wird? Das sollte uns genügen, wenn wir es können. Wir brauchen nicht weiter zu gehen. Wir brauchen (ilauben an moralischen Fortschritt, um (ilauben au religiösen Fortschritt fassen zu können. Er könne bloß hoffen, dali die Bestimmung der Juden als Religionsgemeinschaft die sein werde, einigen Nutzen und W ert für die Aufrechterhaltung des Gottesglauhens zu haben. Rabbiner (iermain Levy-Paris bezeichnete es als Mission des Judentums, Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft zusammenzufuhren. Lr wurde es gern sehen, wenn die ganze Welt monotheistisch Wire und die übrigen Religionen gemeinsam mit dem Judentum daran arbeiteten, ein Reich des Geistes auf der Erde zu errichten. Dr. Bruno Italiener, Hamburg, führte aus, das Gefühl der Fremdheit, das er empfunden habe, als er nach London kam, sei gewichen, sobald er sich im Kreise der Jüdischen (iemeinde befand. Die Zeit sei gekommen, dall das religiös-liberale Judentum mehr Nachdruck auf (iemeinde, 'leset/ und Autorität als auf das Individuum und seine Freiheit lege. Rabbiner Dr. Diene mann, Ottenbach, bezeichnete es als wichtigste Aufgabe für die Juden, nach Heiligung des Alltags zu streben. Die (iemeinde sei etwas anderes als eine Suininierung des Willens der Einzelnen. Sie stelle ein (iruppeiibcwußtscin von solcher Macht dar, dall sie ihren Geist und Willen den Einzelnen auferlegt. Jüdische Zeitschau Der Altmeister des Schach Emanuel Lasker tritt wieder auf den Plan. Am 11. Juli beginnt in Zürich ein < iroßmcistcr-Schachturnier, an dem der hervorragende jüdische philosophische Schriftsteller und einstige Schachweltmeister Dr. Lmanuel Lasker teilnimmt. Lasker war von 18**4 1921 Weltmeister. Seit seinem Unterliegen gegen Capahlanca auf Cuba, das der damals herrschenden tropischen Hitze zugeschrieben wurde, trat Lasker nicht mehr auf. Nach neunjähriger Pause nimmt er nun wieder, 66 Jahre alt, an einem internationalen Schachturnier teil. Lasker lebt in London. An dem Turnier in Zürich nehmen noch sechs Großmeister teil: Weltmeister Dr. Aljechin, Dr. Bernstein, Bogoljubow, Luwe, i lohr und Nimzowitsch. Prof. Julius Guttmann an die Universität Jerusalem berufen. Der Dozent für Philosophie an der Lehranstalt (früher Hochschule) für die Wissenschaft des Judentums in Berlin Prof. Julius Guttmann ist an die Universität Jersulem berufen worden und wird Deutschland, vorlaufig für ein Jahr, in einigen Wochen verlassen. Von den Hörern des Kulturbundes deutscher Juden, dessen Vortragskommiasion er angehört hat, verabschiedete sich Prof. Julius Guttmann mit einem tiefschürfenden Vortrag über „Kant und das Judentum". Die Zuhörerschaft brachte dem scheidenden Gelehrten lebhafte Ovationen dar. An der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums wirkte Prof. (iuttmann seit dem Jahre 1919. Unsere Gemeinde. Zuschriften an die Schriftleitung des Gemeindeblattes. Sämtliche Zuschriften an die Schriftleitung des Gemeindeblattes sind wieder an Herrn Gemeinderabbiner Gustav Cohn, Walter- »Iiimel-Straße 10, zu richten. „Luftschutz, auch für die jüdische Bevölkerung!" am 9. Juli veranstaltete die O.-Or. Leipzig des RjE eine Gemeinde- und Mitgliederversammlung unter der Devise: „Luftschutz auch für die jü< dische Bevölkerung". Es sprach der Adjutant der Bezirksgruppe I Leipzig des Reichsluftschutzbundes e.V. Herr Müller: Es war uns Bedürfnis, zur Aufklärung an die jüdische Bevölkerung Leipzigs heranzutreten, und es war uns selbstverständlich, uns dabei an die Kameraden zu wenden, die einst mit uns zusammen im Weltkrieg die Heimat verteidigt haben. Denn der Luftschutz soll nach dem Willen der Regierung das ganze Volk, auch den jüdischen Teil, der in Deutschland ilcimathodcn und Heimatsitz gefunden hat, umfassen. Wenn auch Juden nicht aktive Mitglieder des Reichsluftschutzbundes werden können, da der Bund unter direkter Führung des Reichsluftfahrtministeriums steht, so will der Bund doch seinen Schutz allen Volksteilen uneingeschränkt zuteil werden lassen. An Hand zahlreicher Lichtbilder schilderte der Redner die Gefahren, die der Bevölkerung Deutschlands angesichts der zentralen Lage des Landes und der gewaltigen Fortschritte der Luftwaffen drohen, legte die organisatorische und technische Durchbildung des RLB dar und schloß mit dem dringenden Appell au die jüdischen Bewohner zu verständnisvoller Zusammenarbeit mit dem Reichsluftschutzbund. Ehrung eines Leipziger Jüdischen Sportarztes. Dr. Willi Michaelis-Leipzig, der bis zum Jahre 1933 Vorsitzender des Deutschen Ar/tebundes zur Förderung der Leibesübungen war, ist von dem italienischen Spoi tärztebund, der „1 edera/ione italiane degli Medici sportivi" zum Ehrenmitglied ernannt worden. Amtliche Bekanntmachungen Betriebe unter Aufsicht des orthodoxen Gemeinderabbinats. Wir geben wiederholt bekannt, welche Betriebe unter Aufsicht unseres orthodoxen Gemeinderabbinats stehen. Nur für Waren aus diesen Betrieben übernimmt das Rabbinat die Verantwortung in bezug auf das Kaschrus, Fleisch und Geflügel: Moses Bild, Gerberstraße 41, M. Frischer, Packhofstraße 11/13, Üsias Kohn, Lohmühlgasse 17, Sally Löb, Ranstädter Steinweg 7, Jacob Schussheim, Plauensche Straße 3/5. Milch und Butter: J. Bartfeld, Eutritzscher Straße 5, Chaim Zipser, Nordstraße 35, Hof (Wohnung: Berliner Str. 18), Rittergut Gundorf (Bestellungen durch H. Kreutner, Färberstr. 16). Backwaren: Salonion Lotrowski, Berliner Straße 13, Selig Scheinowitz, Gerberstr. 40 und Keilstr. 9, SchmekUer, Nordstraße 25 und Ranstädter Steinweg 45. Speisehäuser: Chmelnitzky, Reichsstraße 22, Manelis, Nikolaistraße 36. Gottesdienste Gemeindesynagoge. Sabbatgottesdienst: Freitag, 20. Juli, Abendgebet 19 Uhr mit Predigt (Rabbiner Cohn); Sonnabend, 21. Juli, Morgengebet 9 Uhr, Nachmittagsgebet 20,35 Uhr; anschließend Lehrvortrag (Rabbiner Cohn). Tischoh B'aw. Sonnabend, 21. Juli, Abendgebet 21,07 Uhr; Sonntag, 22. Juli, Morgengebet 7,30 Uhr, Narhmittagsgebet 13 Uhr: Tischoh B'aw-Ausgang 21,03 Uhr. Morgengottesdienst an Sonn- und bürgerlichen Feiertagen 7,30 Uhr, werktags 7 Uhr, Abendgottesdienst 19 Uhr. Gemeindesynagoge. Sabbatgottesdienst: Freitag, 27. Juli, Abendgebet 19 IJhr. Sonnabend, 28. Juli, Morgengebet 9 Uhr, Nachmittagsgebet 20,25 Uhr; anschließend Lehrvortrag (Rabbiner Cohn), Abendgebet 20,50 Uhr. Morgengottesdienst an Sonnu. bürgerlichen Feiertagen 7,30 Uhr, werktags 7 Uhr, Abendgottesdienst 19 Uhr. Vom I. August an findet der Gottesdienst an Wochentagen nicht mehr statt. Ez-Chaim-Synagoge (Otto-Schill-Str.) und Talmud Thora-Synagoge (Keilstr.): Freitag, den 20. Juli: Abendgebet 19 Uhr. Sabbat, den 21. Juli: Morgengebet 8,30 Uhr; Mincha 17 Uhr; Ausgang 21,07. Sonntag, den 22. Juli: Tisch'oh B'aw: Morgens 7 Uhr; abends 19.45 Uhr. Wochentag: Murgengebet 7 Uhr, Abendgebet 19.15 Uhr.