Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 29 (20.7.1934)
- Date
- 1934-07-20
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Mipne Chatoenu Zum 9. Aw. Das üaluthproblem ist unter der Wucht der geschichtlichen Entwicklungen der jüngsten Gegenwart zum Gegenstand ernster Betrachtungen auch solcher Juden geworden, die zuvor an ihm vorübergegangen waren. Es mochte ihnen scheinen', als ob die fortschreitende Kultur den Rest der t rage, der noch verblieben war, bald zur letzten Lösung bringen würde. Sie inulitcn bei allem Optimismus erkennen, dali dieses „bald" recht weit in die Zukunft gerückt worden ist, und dali sieh damit das Problem doch als bei weitem schwerer erweist, als sie hatten gelten lassen wellen. Sie müssen sich mit ihm befassen, weil sie nun selber mit Ihn fc tig werden müssen. Was ist Gallith? Vielfach wird es mit Diaspora gleichgesetzt, mit der Tatsache, dali die Juden zerstreut unter den verschiedenen Völkern der Welt leben. Doch wird damit das Wesen dieses Begriffs keineswegs getroffen. Die Zerstreuung als solche ist etwas den Juden keineswegs Eigentümliches, Je vielfaltiger die Beziehungen zwischen den Völkern geworden sind, desto mehr ist es ZU einer Art Austausch von QUedern der Völker gekommen So leben heute .Willioiien aller Völker im Aiislaiule und sehen sieh der Notwendigkeit gegenüber, die seelischen und kulturellen Schwierigkeiten zu überwinden, die aus dieser Tatsache erwachsen. Man könnte in Anbetracht dosen die Besonderheit der jüdischen Diaspora darin erblicken, dali die im Aiislaiule lebenden Qlieder anderer Völker ja ein Heimatland hinter sich wissen, in das Sie sich jederzeit zurückziehen können, wenn die Umstände es erfordern, während, wie man unbedenklich sagen darf, den Juden eine solche Rückkehr in ihr Heimatland versagt ist. All ilie vielen Jahrhunderte, in denen die Zerstreuung der Juden eine vollkommene geworden ist. war die Möglichkeil für sie, ihre läge im l ande der Vater zu verbringen, eine so seltene und ist, bei aller Qroßartigkeit des in Palästina erreichten und in stetem Fortschritt befindlichen AufbaUS, gemessen an der Gesamtzahl der Juden in aller W elt, auch heute noch so beschränkt, dali der Vergleich des in der Zerstreuung lebenden Juden mit irgendeinem anderen in fremdem Lande lebenden Volksteil nicht zutrifft In der Tat ist der Oaluthbegriff nicht zur gleichen Zeit entstanden, in der die Zersetzung der Juden unter die Völker eingesetzt hat. Die jüdische Diaspora reicht um ein erhebliches weiter zurück. Als der Tempel am 9. Aw des Jahres 7ll n.U.Z. in I nimmer sank und damit die Geschlossenheit des wirklichen Lebens der Juden in Palästina ihr Lude fand, lebten schon, abgesehen von den in Babylonien lebenden Resten der nach der ersten Verbannung dorthin geführten Juden, recht beachtliche Teile des jüdischen Volkes außerhalb ihre- Landes, in Kleinasien, in Griechenland, in Italien, an der Nordküste Afrikas und nach den sagenhaften Oberlieferungen sclbsl schon in den Kastellen der Römer in der Gegend des Rheins. Andererseits bedeutete die Zerstörung des Tempels im Jahre 70 noch keineswegs den restlosen Zwang für alle Juden, das Heimatland zu verlassen. Trotz stetiger Abwanderung blieb noch Jahrhunderte lang Palästina der Boden für einen Groliteil des jüdischen Volkes, und gestattete den in dieser Zeitdauer außerhalb des I andes lebenden durchaus wieder die Rückkehr in ihre Heimat. Oaluth wird die Zerstreuung durch eine seelische Einstellung, .Ii. .Mider besonderen jüdischen Denkungsari hervorgeht, und die sich durch die Tatsache der Zerstörung des jüdischen Heiligtums dem jüdischen Bewußtsein aufgeprägt hat. Das Dasein des jüdiichen Volkes erhält von Beginn an seinen Sinn durch die Verbindung von nationalem und geistig-seelischem Sein. Das Volk Israel, daaus Ägypten zieht, um in Kanaan, dem Lande der Erzväter, in I r< iheit sein Volkstum zu entfalten und zur Verwirklichung zu führen, wandert unmittelbar zum Berge Sinai, wo es das Gottesgesetz empfingt Und im Verlaufe seiner ganzen < leschichte, durch die Richter- und die Könijjszcit hindurch und aus der Wirksamkeit der Propheten sich immer stärker ausprägend, erhält das Leben des jüdischen Volkes seinen Silin erst durch das Streben nach Verwirklichung der Gottesidee und ihrer Lehre. Darum künden die Qottesminaer dem Volke, das sich von dieser Auffassung jüdischen Seins entfernt hat, den Zusammenbruch. Darum gipfelt die Belehrung und die politische Mahnung der Propheten in der Forderung nach Umkehr zum Göttlichen. Darum Ist die Klage nach dem ersten und nach dem zweiten Zusaminenbrueh, die Klage, in der der Galuthgedanke zum Ausdruck kommt, dali alles Unheil als göttliche Fügung aufzufassen ist, dali die erhaltenen Schläge eine höhere Bestimmung im Volke zu erfüllen hauen: die Selbstbesinnung, die Rückkehr zu dem fiir das jüdische Sein bestimmenden Sinn. Darin ruht die Besonderheit der jüdischen Diaspora, dali der zum Verlassen des Heimatlandes gezwungene Jude mit sieh die Thora trägt, mit sieh die heiligen Bücher der Propheten nimmt und dabei das Bewußtsein „mipne chatoenu", alles Unglück, unter dem wir zu leiden haben, geschieht, „wegen unserer Sünden". Und darin liegt unsere Schuld, dali noch Immer ein tiefer Abgrund zwischen der uns obliegenden Lehre und ihrer Verwirklichung durch uns klafft. Über all den Gebeten, die sich an Stelle des zertrümmerten Dienstes im Heiligtum entwickelt haben, über all der FQDe des jüdischen Brauchtums, das seine bindende (iewalt in all den Jahrhunderten bewährt hat, lagert diese Empfindung: wir haben nachzusinnen über unsere Schuld; im Leide soll nicht die Klage und die Anklage gegen wen auch immer außerhalb unser gerichtet sein. Der Qedenktag der Zerstörung des Tempels ist neben all den vielen anderen Formen, in denen diese jüdische Stimmung Ausdruck gefunden hat, ein besonders beredter Beleg dafür. Die Klagen, die bei der gottesdienstlichen Eeier dieses Tages angestimmt werden, gipfeln immer wieder in dem von Jeremias in seinen Klageliedern (3,40) geprägten (iedanken: „Durchforschen wir unseren Wandel und ergründen ihn, und lasset uns zurückkehren zum Herrn." Und bis hinein in unsere Tage hat der Gedenktag der Zerstörung des Tempels immer wieder dieses Qaluttlbewußtsein, dieses Forschen nach der Verschuldung an dem jüdischen Sinn des Daseins gepflegt und zur steten Selbstbesinnung aufgerufen. — Hinter uns liegen Jahrzehnte, in denen es scheinen mochte, als ob die Beschwernisse, die das Zcrstrcut-Lcbcn-Müssen mit sich brachte, ihr Ende gefunden haben, oder doch in naher Zukunft restlos verschwunden sein würden. Stärker denn je empfinden wir die Leiden der Diaspora an dem Trauergedenktag dieses Jahres. Gedenken aber kann für den Juden nur Sinn haben, wenn es im Oaiuthbewußtsein erfolgt, in dem (iedanken, dali wir „zurückkehren" müssen. Es ist nicht zu verkennen, dali dieses Bewußtsein in unserer Gemeinschaft lebendig geblieben ist, wie weit auch in Zeiten des Aufstiegs die Entfernung vom jüdischen Leben vor sich gegangen ist. Die Erage nach der Schuld wurde sofort aufgeworfen, als der so furchtbar uns treffende Umbruch erfolgte. Mit tiefem Schmerz allerdings muß beobachtet werden, dali noch immer das Bestreben darauf gerichtet ist, die Schuld bei anderen zu suchen und weniger das eigene Verschulden erkennen zu wollen; dali noch viel zu wenig in den jüdischen Gruppen das Gewicht darauf gelegt wird, aus begangenen Fehlern die Rückkehr zur erkannten wahren Aufgabe zu erstreben, als vielmehr in verderblicher Selbstgcrechtigkcit zu glauben, man dürfe sich selber freisprechen von jeglicher Schuld, man habe selber den einzig wahren Weg für die Erhaltung, für die Zukunft des Judentums erkannt und schon seit laugein betreten, und müsse nun die Andersdenkenden, die sich noch immer nicht zur gleichen Anschauung bekehrt haben, als die an dem ganzen Unglück Schuldigen verantwortlich machen. Es liegt eine tiefe Lehre darin, daß die Überlieferung und Geschichte den zweimaligen jüdischen Zusammenbruch auf den Kampf der Juden untereinander zurückführen. Dali der salomonische Tempel ein Raub der Mammen wurde und schließlich durch innerjüdischen Streit herbeigeführt worden ist; und ebenso: der zweite Tempel wäre nicht den Horden des Titus zum Opfer gefallen, wenn die einzelnen Gruppen zur rechten Zeit ihre höhere Pflicht erkannt und, den Meinungsstreit begrabend, sich zur Erhaltung des Heiligtums zusammengefunden und -geschlossen haben würden. Wieder gedenken wir der Zerstörung des Tempels, tun es in diesem Jahre in besonders starker Erkenntnis des Galuthproblems, und wenn in unserer Vorstellung die rauchenden Trümmer des stolzen Tempels zu Jerusalem vor uns erstehen, dann soll zugleich in uns das Bewußtsein gestärkt werden: wegen unserer Schuld droht unserer Zukunft Gefahr, wegen unserer eigenen Schuld. Darin haben wir gefehlt und tragen Schuld an der Zer-