Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 26 (29.6.1934)
- Date
- 1934-06-29
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 29. Juni 1934 Pflicht, denen, die den schweren Entschluß gefaßt haben, ihr Vaterland zu verlassen, bei der Qründung einer neuen Existenz zu hellen. Der I lilfsverein berat Auswanderer nach allen Ländern, mit Ausnahme von Palästina. Bisher hat er bei der Auawanderung nach vierunddreißig überseeischen Landern mitgewirkt. Für die Erfordernisse der Auswandererhilfe brauchen wir die materielle und moralische Unterstützung unserer Mitglieder. Wir wissen, wie stark die deutschen Juden heute in Anspruch genommen sind, durch Verpflichtungen im engeren Familienkreile und gegenüber der Gesamtheit. Es sollte aber keinen deutschen Juden und keine deutsche Jüdin neben, die nicht Mitglied des 1 lilisvereius sind. Nie stand der Hilfsverein vor ernsteren Aufgaben, nie war der Zusammenschluß der deutschen Juden notwendiger als heute. Nur das Bewußtsein der treuen Mitarbeit aller wird uns die Kraft geben, die Verantwortung zu tragen und das W erk fortzusetzen!" Hierauf erstattete der Vorsitzende des Hilfsvereins, Dr. Marc Wischnitzer, den Bericht über die Arbeit des Hilfsvereins im Jahre 1933, der Schatzmeister Dr. Siegmund Wassermann den Finanzbericht. Im Anschluß an Worte des Dankes, die dein Vorstand und dem Büro des Hilfsvereins durch mehrere Teilnehmer an der Generalversammlung gewidmet wurden, erteilte die Versammlung dem Vorstand einstimmig Entlastung. Bemerkenswert sind auch die Ausführungen, die Rabbiner Dr. Baeck in den im Namen des Zcntralausschusscs der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau an den Hilfsverein gerichteten Dankworten machte. Er wies darauf hin, daß die Reichweite der Arbeit des Hilfsvereins j e t /1 eine viel größere g e w o r d e n ist. In der Arbeit, die sich sonst vielleicht mit ihren Oedanken und Hoffnungen auf ein Jahr erstreckte, muH er heute seinen Blick auf Generationen richten. Es muH an das Schicksal der Jugend gedacht werden, für sie ein neues Leben aufzubauen. Dadurch hat die Arbeit ihre Größe bekommen, ihre Ideen, ihre Weite, ihre besondere Bedeutung. Es ist vielleicht nicht immer genügend bekannt, wie der Hilfsvereitl vor neue Probleme gestellt worden ist, vor Probleme, die eben in der Arbeit für eine neue Generation bestehen. Alle seien dem Hilfsverein aufrichtig dankbar, dali er diese neue und grolie Arbeit sich ZU eigen gemacht und dal! er mit geschulten Kräften diese neue Arbeit übernommen hat, dali er ZU seinem Teil in der Zusammenarbeit mit all denen, denen diese Aufgabe anvertraut ist, mitwirkt, dali er in dieser Arbeit jung geworden ist. Dafür seien alle ihm aufrichtigen, grollen, besonderen Dank schuldig. Jahresversammlung der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft adentums. In der kürzlich abgehaltenen Mitglieder-Versammlung der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums wurde festgestellt, daß die Gesellschaft während des Berichts-Jahres 1933 116 Mitglieder verloren hat, während 55 Mitglieder neu eingetreten sind. Die Mitgliederzahl betrug am 1. Januar d.J. 1325. Der verhältnismäßig geringen Verminderung an Mitgliedern und Mitgliedsbeiträgen steht leider ein erheblicher Ausfall an Subventionsleistungen der Jüd. Gemeinden und sonstigen Organisationen gegenüber. Die Oesellschaft versucht, das dadurch entstandene Defizit durch vermehrte Werbung und Einschränkung der Ausgaben auszugleichen. Die von der Oesellschaft herausgegebene „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" wurde im Berichtsjahre in dem normalen Umfang von 30 Druckbogen herausgegeben. Die Veröffentlichungsreihe der „Schriften" wurde fortgesetzt durch das sehr günstig aufgenommene Buch von A. Kaminka: Beiträge zur Erklärung der Esra-Apokalypse und zur Rekonstruktion ihres hebräischen Urtextes. Zur Zeit ist eine größere Anzahl von Publikationen in Druck oder in Vorbereitung. Insbesondere steht die Herausgabe des 2. Teiles des 1. Bandes der „Germania Judaica. und des Werkes von Albert Lewkowitz: „Das Judentum und die geistige - Strömungen des 19. Jahrhunderts" unmittelbar bevor, auch das Generalregister für Bd. 1 —75 der Monatsschrift befindet sich im Druck. Ausschuß und Vorstand der Gesellschaft wurden in der bisherigen Zusammensetzng einstimmig wiedergewählt. Eine Thora-Rolle für Marannen in Braganza. Auf Veranlassung des Mitgliedes des Vorstands der Berliner Jüdischen Oemeinde Dr. Alfred Klee, der vor kurzem von einei Reise nach Spanien zurückgekehrt ist, hat die Jüdische Gemeinde zu Berlin eine Thora-Rolle für die Marannen-Gemeinde in Braganza gestiftet. Im Rahmen eines in der Alten Synagoge in der Heidereuter Oasse abgehaltenen Gottesdienstes fand in Gegenwart von Mitgliedern des Gemeindevorstands, der Repräsentanten-Versammlung, der Reichsvertretung der deutschen Juden und des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden die symbolische Übergabe der Thora-Rolle an die Marannen-Gemeinde statt. Rabbiner Dr. Freimann hielt eine Ansprache, in der er die Bildung der Marannen-Gemeinden, die Jahrhunderte lang im Verborgenen an jüdischen Bräuchen festhielten, als einen neuen Aufbruch in der Geschichte der Juden kennzeichnete. Wenn heute die Berliner Oemeinde fernen Glaubensbriidern durch Überlassung einer Sefer-Thora das Studium der Lehre erleichtern will, so solle damit bedeutet werden, daß der religiöse Zusammenhang über alle Trennung hinweg gewahrt werden soll. Die Entgegennahme der Thora-Rolle möge diese Verbundenheit in besonderer Weise dartun und den Stiftern müsse es Befriedigung gewähren, daß das Schriftwort „Ki mi-Zijaun teze Thauroh" diesmal in „Ki m'Aschkenas teze Thauroh', abgewandelt werden könne. Qott erhöre diejenigen, die sich, auch wenn sie selbst hilfsbedürftig sind, als hilfsreich erweisen. Der Vorsitzende des Vorstands der Berliner Jüdischen Oemeinde Direktor Heinrich Stahl erklärte, die Oemeinde sei heute zwar nicht in der Lage, reiche Geschenke zu geben, sie setze aber ihren Stolz darein, den Brüdern in Braganza das Qotteswort zu ermöglichen. Nachdem Dr. Alfred Klee das Seier für die Gemeinde in Braganza übernommen hatte, schilderte er in fesselnder Weise, in welcher geistigen und seelischen Verfassung er die Mitglieder der Marannen-Gemeinden angetroffen hat, und wie sie ihm als ihren höchsten Wunsch den, eine Thora-Rolle zu besitzen, übermittelt haben. Diese Bitte, die er an den Vorstand der Berliner Oemeinde weiterleitete, habe bei diesem ein williges Ohr gefunden. Mit den beiden Vorrednern hoffe er, daß das Geschenk der Berliner Gemeinde zum Aufblühen jüdischen Lebens in den alten Marannen-Oemeinden beitragen werde. Arbeitsbeginn der F. W. I. Der Aufrichtsrat der vor kurzem ins Leben gerufenen F.W. I., Gesellschaft /ur Förderung wirtschaftlicher Interessen von in Deutschland wohnhaften oder wohnhaft gewesenen Juden m.b.H., Berlln-Charlottenburg 2, Kantstr. 158, trat zu einer konstituierenden Sitzung zusammen. Zum Vorsitzenden wurde Herr Ministerialrat a.D. Dr. Gtto Hirsch, gesehäftsführendes Vorstandsmitglied der Reichsvertretung der deutschen Juden, zum stellvertretenden Vorsitzenden Herr Justizrat Dr. Julius Brodnit/, Vorsitzender des Centraivereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gewählt; ferner gehören dem Aufsichtsrat noch die Herren Dr. Leo Löwenstein, Vorsitzender der Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, Dr. Siegfried Moses, Vorsitzender der zionistischen Vereinigung für Deutschland, Direktor Heinrich Stahl, Vorsitzender des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, an. Die Geschäftsführung erstattete über die Tätigkeit der Gesellschaft in Berlin und im Reich in den ersten Wochen ihres Bestehens Bericht. In den einzelnen Arbeitsgebieten der Gesellschaft (Wirtschaftsberatung, Grundstücks- und Hypothekenwesen, Verwertung und Betreuung von Unternehmungen, treuhänderisches Inkasso, Revisionen von jüdischen Organisationen und Körperschaften) wurde die Arbeit aufgenommen und die Bearbeitung zahlreicher Einzelfälle übernommen. Der weitere Ausbau der Arbeit der F. W. I. wird in enger Zusammenarbeit mit allen zuständigen Stellen und jüdischen privatwirtschaftlichen Kreisen erfolgen. Sanitatsrat Dr. Alfred Pelser, Vorsitzender der Berliner jüdischen Reformgemeinde. Der ITA wird mitgeteilt: Der Vorstand der Jüdischen Reformgemeinde hat durch einstimmigen Beschluß Herrn San. Rat Dr. Peiser als Nachfolger des verstorbenen Vorsitzenden Paul Pincus zum Vorsitzenden der Jüdischen Reformgemeinde gewählt. San. Rat Dr. Peiser hat bereits seit vielen Jahren sein Interesse an jüdischen Angelegenheiten in der weiten Öffentlichkeit bekundet. Er hat sich dabei stets für eine eindeutig deutsche Haltung der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland eingesetzt und die Vertiefung der jüdisch-religiösen Werte in zeitgemäßer Gestaltung gefordert. Insbesondere hat er sich auch in Angelegenheiten der jüdischen Ärzteschaft betätigt. Unsere Gemeinde. Zuschriften an die Schriftleitung des Gemeindeblattes. Sämtliche Zuschriften an die Schriftleitung des Gemeindcblattes sind in der Zeit bis zum 13. Juli an die Israelitische Rcligionsgemeinde, Waltcr-Blümcl-Straße 10, zu richten. Der Hilfsverein Israelitischer Gewerbetreibender c. V. im Jahre 1933. Trotz der Ungunst der Zeiten konnte der Hilfsvcrcin Israelitischer Gewerbetreibender, der bald in das fünfzigste Vereinsjahr gehen wird, seine Aufgaben auch im Notjahre 1933 fortführen. Den veränderten Zeitumständen entsprechend war es ihm gewill nicht möglich, dieselben Summen au Geld aufzubringen und zu verausgaben, wie es in den vergangenen Jahren der Fall gewesen ist. Aber seine Leistungen, die sieh aus der nachfolgenden Tabelle ergeben, lassen sieh sehr wohl sehen. RM. 2926. Mitglieder-Unterstützungen, ,. 2504. Kranken-Unterstützungen, 1505. Witwcn-Unterstüt/iingcn, „ 2055. Mitglieder -I )arlehns-Auszahlungen, -Iis. - Nkntmitglieder-Unterstützungen, „ 2180. - Invalidenrenten, „ 1U0. Fürsorgeunkosten, „ 8027.— Kinderbeschenkung, 1595. Darlebuskassa-Auszahlungen RM. >5<><>0. . Aus der Übersicht ergibt sich, daß mehr als RM. 25000.— für Zwecke der Wohlfahrt aufgewendet werden konnten. In Wirklichkeit sind es weit mehr, denn bei der Kinderbcscheukiing sind die Sachspenden nicht in ihrem vollen Werte aufgenommen worden. In trüber Zeit eine solche Leistung aufzuweisen, ist immerhin ein erhebliches Verdienst. Aus (iründen, die sich durch die allgemeine Lage ergaben, ist im Jahre 1933 eine Generalversammlung nicht abgehalten worden. Seinen Mitgliedern und Freunden will der Hilfsvcrcin auf diesem Wege wenigstens einen kurzen Rechenschaftsbericht übermitteln. Daß ein Verein mit so umfangreichem Tätigkeitsgebiet es verdient, dadurch unterstützt zu werden, daß Keine Hille ohne Opfer! ] [ Hehneil gegeben ist doppelt gegeben!