Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 20 (18.5.1934)
- Date
- 1934-05-18
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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S.ite 2 QEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELlQIONSüEMEINDE ZU LEIPZIG__18. Mai 1934 kulturellen Werken zum Stillstand gekommen ist. Die Arbeit jüdlicher Forscher an judischen Fragen, die nicht aktuell sind oder nicht praktisch ausgewertet werden können, ist vollkommen zu* ruckgedrängt: an keiner Stelle darf Interesse erwartet werden für 1 >inge, die nur der Förderung der Kenntnis und der Erkenntnis um ihrer selbst willen bestimmt sind. Sie sind deshalb auch überall verschwunden: der Forscher ist /um Schweigen verurteilt. Ebensowenig aber werden die Stimmen der künstlerisch Schaffenden vernommen. Von /ahlreichen Kräften, denen der Umschwung der Lage eine freie Entfaltung im Rahmen der allgemeinen kulturellen Bestrebungen genommen hat, war eine Hinwendung zum jüdischen Kulturkreise erwartet worden. Bisher vergeblich. Der Meinungsstreit, der überall im Hinblick auf das Programm der Kulturbünde entbrannt ist, entspringt zuerst aus der Enttäuschung darüber. Es fehlt nicht so sehr an dem Willen, in dieser Arbeit das Jüdische angemessen zu betonen, als vielmehr an dem Material, um diesem Willen Oenüge zu tun. Man sage nicht, das Vorhandene genüge. Es ist nicht mannigfaltig genug, nicht immer wertvoll genug, vor allem nicht eingängig genug, um die bekümmerte jüdische Seele dieser Tage ZU packen, ihr gerade das ZU bieten, wonach sie begehrt. Es fehlt das künstlerische Werk, das, aus dieser Zeit geboren, verwandte Saiten mitschwingen lällt, fehlt der adäquate Ausdruck jüdischer Empfindungen. Vielleicht liegt der QrUItd darin, dal! der für solches Schaffen berufene Jude sich zu weit vom jüdischen Fuhlen entfernt hatte; die Monate, die seine Bereitschaft ZU jüdischer Kulturleistung geweckt haben, reichten noch nicht hin, es stark genug ZU machen, um machtvoll /um künstlerischen Ausdruck durchzubrechen. Es ist wohl eine Hinwendung /um Jüdischen erfolgt, aber sie ist noch nicht in die Tiefe gedrungen, weil der Boden noch zu wenig vorbereitet war, um das Erlebnis verständnisvoll aufzunehmen und fruchtbar zu machen. Aber es ist noch ein anderes. Auch das Kulturverlangen der Juden scheint einer Lähmung anheimgefallen zu sein. In der ersten Erschütterung, als die früher gegangenen Wege plötzlich verbaut waren, regte sich ein starkes soziales Begehren: man muB jüdischen Künstlern, die aus ihrer Bahn geworfen wurden, Gelegenheit geben, ihr Können zu pflegen; man muß die jüdische Solidarität betätigen und die Erhebung durch die Kunst im Kreise der Schicksals- und Leidensgenossen suchen, da man an den allgemeinen Stätten der Kunstpflege nicht gerne gelitten ist. Doch gar ZU schnell verflüchtigten sich solche Gedanken. Tausenderlei Gründe hört man zur Rechtfertigung der Interesselosigkeit gegenüber den kulturellen Bestrebungen. Der Tag zu heiß, zu kalt; der Weg zu weit; es hat so heftig geregnet; ich gehe nicht zu Rezitationen sondern nur zu musikalischen Veranstaltungen; ich habe nichts für Liederabende übrig, sondern nur für Instrumentalmusik; ich gehe nicht in der Woche aus; ich bleibe grundsätzlich am Sonntag zuhause, usw. usw. Und man empfindet nicht das Beschämende all dieser vermeintlichen Entschuldigungen, hinter denen sich doch in Wahrheit nur ein Mangel an Kulturwille verbirgt. Denn was anderes als kultureller Tiefstand ist es, wenn geringfügige Äußerlichkeiten hemmen können, wo es sich um seelische oder geistige Erhebung handelt, wenn man nicht freudig diese oder jene äußere Unzulänglichkeit in Kauf nimmt, um sich einen nachhaltigen Genuß, ein Labsal für das Gemüt, eine Bereicherung des inneren Wissens vermitteln zu lassen! Das alles steht in so krassem Widerspruch zu der früheren lebhaften Anteilnahme an allen kulturellen Dingen, dali manche Kritiker schon den Verdacht aussprachen, was früher den Anschein eines Kulturwillens erweckte, sei in Wahrheit nur Banauscntum gewesen. Wie dem auch sei: das Schowuosfest soll zur Selbstbesinnung mahnen. Kulturelles Streben war für den Juden nie Luxus, den man in bedrängter Zeit zugunsten der Erfordernisse des Alltags preisgeben durfte, sondern galt immer als Lebensnotwendigkeit. Jüdisches Leben verliert seinen tieferen Sinn, wenn es nur äußere Existenz, nicht auch, und über allem, seelisch befriedigendes Dasein bedeutet. Und das kann nur durch die Pflege der kulturellen Aufgaben gewonnen werden. Die früheren jüdischen Geschlechter haben ihre Kraft für die Oberwindung der äußeren Lebensnöte aus ihrem Kulturbesitz geschöpft. Auch heute muh die so notwendige innere Widerstandskraft der Juden durch die Bewahrung kulturellen Strebens gefestigt werden. Auch die Schaffensfreude jüdischer Dichter und Künstler wird gesteigert werden, wenn das Verlangen nach Kulturwerken sichtbar ist. Rabbiner Gustav Cohn. Assimilation — Dissimilation. Die Fortsetzung der Wiedergabe von Äußerungen der jüdischen Presse zu dem Thema „Assimilation — Dissimilation" beginnt hier mit Ausführungen aus der „Jüdischen Rundschau". Die Schriftleitung. Wenn heute . . . das Problem der Einordnung der Juden so aktuell ist, dann in erster Linie aus dem Gefühl heraus, dal! über die Mallnahmen, die etwa die Ariergesetzgebung enthalt, hinaus für die deutscheu Juden ein neues Lebcnspriuzip gefunden werden muß. ... In der Tat ist die Situation der deutschen Juden dann außerordentlich schwierig, wenn sie sich nur als Objekt der Ariergesetzgebung empfinden, ohne daß es ihnen gelingt, wiedei selbst aktiv schöpferisch tätig zu werden. . . . In der Tat ist ein Kriterium der Bewährung für die deutschen Juden die Frage, ob sie es verstehen, die Zeichen der Zeit zu deuten und die in ihnen liegenden Kräfte zu entfalten. . . . \X ir haben unsererseits niemals geleugnet, daß wir all das, was heute von weiten Teilen des deutschen Judentums in ,,K u 11 u r b e t r i e b" gemacht wird, nicht als eine echte Renaissance jüdischer Werte bezeichnen k ö n n e n. Auf der anderen Seite darf man nicht verkennen, welche besonderen Schwierigkeiten gerade das deutsche Judentum bei den Bemühungen zu überwinden hat, selbst wieder „judischer" zu werden, da es weitgehend assimiliert ist und ein Prozeß, der ein Jahrhundert dauerte, nicht in wenigen Monaten auch nur zu einem geringen Teile rückgängig gemacht werden kann. Wir glauben, daß die starke Beziehung, die das deutsche Judentum heute zu Palästina besitzt, eines der wesentlichsten Mittel sein wird, um eine echte Renaissance des deutschen Judentums herbeizuführen. Palästina ist ja für uns nicht nur ein ein Ort neuer Sammlung der Juden und nicht nur eine Chance ihrer gesellschaftlichen Gesundung, sondern der Punkt, an dem der Inbegriff der jüdischen Leistung aus unserer Vergangenheit in eine lebenskräftige Form der Gegenwart transformiert wird. Wir meinen, daß die Wirkung Palästinas in dieser Beziehung auch im deutschen Judentum sichtbar werden muß. Hierfür allerdings ist entscheidend wichtig die Gestaltung des Erziehungswerkes der deutschen Juden. Wenn Lenders in seinem Aufsatz in diesem Zusammenhang auf die jüdische Schule hinweist, so liegt hierin gewill eine richtige Erkenntnis. Ausbau und innere Ausgestaltung der jüdischen Schule sind der wichtigste Garant dafür, daß das deutsche Judentum nicht als eine Gruppe, deren frühere Lebensstellung umgeformt wurde, in Deutschland lebt, die aber im übrigen Illusionen nachgeht, sondern daß es in seinem Kreise und unter Respektierung der im Zusammenleben verschiedener Gruppen gegebenen Grenzen ein eigenes Leben aufbaut, das gerade unter den Gesichtspunkten als ein Wert betrachtet werden kann, die im neuen Deutschland maßgebend sind." Die „Jüdisch-liberale Zeitung" (Nr. 35/36 vom 4. Mai) hebt hervor, daß die Judenfrage, worüber man sich selten klar wurde, „in erster Linie Judentumsfragc ist, womit freilich die Bedeutung für die Sorge um die Menschen, die des Judentums lebendige Träger sind, nicht verkleinert werden soll. . . . Alle an der Erhaltung der jüdischen Gemeinschaft arbeitenden Kräfte" haben