Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 19 (11.5.1934)
- Date
- 1934-05-11
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEiNDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELlQIONSüEMEINDE ZU LEIPZIG 11. Mai 1934 Assimilation — Dissimilation. l >;■> führende Organ des Nationalsozialismus, der „Völkische Beobachter", veröffentlichte am 25. April einen Aufsatz von Lutz Lenders: ..Zum Problem der Dissimilation'4, dem in der jüdischen Presse aller Richtungen eingehende Betrachtungen gewidmet w erden. Dies mit um so größerem Recht, als das Problem in unseren eigenen Diskussionen seit Monaten einen grollen Raum einnimmt. Alle diese Betrachtungen gehen ganz besonders auf die Schlußfolgerungen ein, die der mit den innerjüdischen Vorgängen wohlvertraute Verfasser an seine grundsätzlichen Darlegungen knüpft: „Dissimilation" als Gegensatz zur „Assimilation" kann — ebenso wie diese — nur von den Juden selbst ausgehen. Wenn der Arierparagraph den Juden von einer Betätigung in der deutschen Politik und Kultur ausschaltet, so ist das -- wie manche meinen keine „Dissimilation", da ei nur einen alliieren Zustand regelt, aber auf das Innere des Juden zunächst keinen Einfluß hat. Wir können die Juden nicht anders, nicht jüdisch machen. Das ist ihre Aufgabe. W ir können nur darauf achten, daß nicht wieder dieses deutsch-judische Durcheinander entsteht, in dem der Jude sich als Praeceptor germaniae ausgeben, und als Repräsentanten deutscher Kultur fühlen konnte. Dafür ist die Ariergesetzgebung da. Vom nationalsozialistischen Standpunkt aus, konsequent zu Ende gedacht, wäre es nur zu begrüßen, wenn nun die Juden ihrerseits die äußere Grenzziehung des Arierparagraphens mit der inneren Grenzziehung der „Dissimilation" beantworten würden. „Dissimilation" das ist die grobe Chance der deutschen Juden, durch den Aufbau einer eigenen Gefühls- und Vorstellungswelt von sich aus einer unfreiwilligen Situation einen Sinn zu geben, sie zu einer freiwilligen umzugestalten, und ihr so den Diktatcharakter zunehmen." Dali es an einem Verständnis für diese „Chance" bei den Juden noch fehlt, glaubt Lutz Lenders am Beispiel des Kulturbundes deutscher Juden feststellen ZU können. ..Wenn freilich der sogenannte judische Kulturbund glaubt, sich durch die unermüdliche Aufführung von ausgerechnet „Nathan der Weise" einführen ZU müssen, so ist das eine hilflose Geschmacklosigkeit, die zeigt, dali man dort den Wink nicht verstanden hat. Der Kulturbund, der unter Leitung von so entschlossenen Assimilanten wie Dr. Singer und Hab steht, hat überhaupt eine bemerkenswerte Scheu, spezifisch jüdische Motive in seine Arbeit hineinzutragen, obwohl die jüdische Literatur, besonders auch die Hebräische und Jiddische, genügend Stoff bieten könnte. So freilich ist „Dissimilation" nicht gut möglich. Aber vielleicht wird einmal eine Umgestaltung der jüdischen Schule das nachholen, was der Kulturbund versäumt. Aber das ist schließlich nicht unsere Sache, Für uns genügt der Arierparagraph und eine ergänzende Erziehung des Volkes. Dissimilation der Juden würde diesen in allererster Linie selbst zugute kommen, die sich sonst ständig durch den Arierparagraphen kulturell depossedierf vorkommen müssen, weil sie wenn man den „Kulturbund" als Malistab nehmen wollte! offenbar über eigene Kultur nicht verfügen oder nicht verfügen wollen, die Ihnen einen geistigen Standort, eine geistige Heimat geben könnte." Der ..Israelit" (Nr. IS. 3. Mai) akzeptiert bereitwillig „die Grundthese des Verfassers von der Notwendigkeit einer freiwilligen Obersetzung der Arielgesetzgebung ins wesenhaft J iidische ,ui> unserer religiösen Weitauffassung heraus", ohne damit anzuerkennen, „daß diese Ariergesetzgebung in der Art, wie sie aufgezogen und durchgeführt wurde, den Grundsätzen der politischen Ethik im Geiste des Judentums entspricht". Iis wird dann ausgeführt: . wir erblicken in der Tat in dieser Ariergesetzgebiing einen sichtbaren Fingerzeig der G'ttcsw altung, die ihrem Volke schon vor Jahrtausenden, lange bevor dieses Volk den Leidensweg seiner Zerstreuung unter alle Nationen der Erde betrat, du Gefahr der ,.Assimilation", des w aawad'tem bagojim, des allmählichen Ve r 1 o r e n g e b eil s unter den Völkern vor Augen hielt und ihm sein w aawdil etchem min haainim lih'joth die Notw endigkeit des „Oesschiedenseins", des deutlichen „Unterschiedenseins" von der Umwelt, also die Notwendigkeit der Dissimilation als Voraussetzung einer dauernden G'tthörigkeit auf die Seele band. Jahrhundertc hindurch haben die weisen Führer des jüdisch ii Volkes in allen Golusktndern diese Parole des „l'nühn- Ilch-Seins" bis ins Kleinste und Äußerlichste durchgeführt, . . . Sie wußten und wissen es im Osten noch heute —, was an diesen „Äußerlichkeiten" hängt, und wie aus der äußeren Lebensform mit zwingender Gewalt mächtige Formkräfte - dem Individuum unbewußt — ins Innerste der Gesinnung und der Anschauung hineinwirken. . . . Die Emanzipation war es, die in diese eiserne Mauer jüdischer Eigenkultur Bresche schlug. . . . Man schied . . . Form und Wesen und tröstete sich mit dem Gedanken, dali auch in dem seiner äußeren Erscheinung nach völlig assimilierten Juden eine jüdische Seele wohnen, Gefühls- und Vor- Stellungswelt weiter ihre Nahrung aus den ewigen Quellen der G'tteslehre schöpfen könnten, wenn auch von frühester Jugend an in voller Allgewalt die fremde Kultur aus Verkehr und Lektüre, aus Schule und Gesellschaft in diese Seele und in diese Gefühls- und Vorstellungswelt hineinwirkten. . . . Wenn jetzt von der gleichen Seite, die die politische, gesellschaftliche, zum Teil auch die wirtschaftliche Emanzipation der deutschen Juden um der Reinheit des deutschen Volkstums willen zurücknehmen zu müssen glaubt, uns Juden kulturelle Selbstbesinnung gepredigt wird, so nehmen wir diesen Rur, weil er von unserem eigenen geschichtlichen Gewissen legitimiert wird, durchaus ernst. . . . Nur müßte auch die Gegenseite sie (die Mahnimg) ernstnehmen. Wie soll aber beispielsweise der Kulturbund deutscher Juden hebräische und jiddische Literatur pflegen, solange kein Publikum vorhanden ist, das Hebräisch und Jiddisch versteht, kein Dichter, der das, was uns bewegt, in hebräischer oder jiddischer Sprachform kündet oder gar aus jüdischer Seele gestaltet und kein Musiker, der die tiefsten Offenbarungen jüdischer G'ttvcrbundenheit und jüdischen Weltgefühls in der Polvphonic der Töne zum Ausdruck bringt? Die jüdische Schule ist's, die wir brauchen; darin hat der nationalsozialistische Mahner vollkommen recht. Möge er seinen Einfluli dahin geltend machen, daß der neue Staat, ohne dessen Willen und Helfen die deutschen Juden gerade auf diesem für sie lebenswichtigen Gebiete ohnmächtig sind, dem Aufbau eines urwüchsigen elementaren und höheren j ü d i s c h e n Schulwesens seine wohlwollende Unterstützung leiht . . ." Die „Jüdische Rundschau" (Nr. 3t, 27. April) weist darauf hin, dali „das Motto von der Assimilation der Juden" seit über hundert Jahren „als Oberschrift über den Bedingungen" stand, „die die Umwelt den Juden für ein Zusammenleben gegeben hatte, und die auch die Juden von sich aus zuinnerst akzeptierten". Damit war die Tendenz verbunden, „dali der nationale Charakter des Judentums, den man zur Zeit der Emanzipation deutlich ausgeprägt vorfand, abgeschliffen werde, damit die Juden als isolierte Einzelne in das Gcscllschaftsgehäudc eintreten könnten wobei man überhaupt Staat und Gesellschaft als eine Summierung Einzelner empfand. ... Das Ende des A s s i m i I a t i on s p r o zesses als eine den (iesetzen der Umwelt entsprechende Erscheinung mußte in dem Augenblick kommen, in dem die Vorstellungen der Welt iiber die Struktur der Gesellschaft sich grundlegend wandelten. An die Stelle der Auffassung von ihrem Aufbau durch Linzeine trat der Gedanke von der Einordnung des Linzeinen in die Gemeinschaft, ja der Satz, dali der Einzelne seine eigentliche Ausprägung überhaupt nur durch seine Zugehörigkeit zur Gemeinschaft erhalte. Staat und QeseUschafl erscheinen dadurch nicht mehr als Erzeugnisse aus einer Stimulierung der Kräfte Einzelner, sondern sie sind Kraftquellen, die eine autonome Entstehung besitzen und dem Individuum erst die Möglichkeit des Schaffens geben. Damit war die Lösung der Judenfrage in dem althergebrachten Sinn e ü herholt. ... Wenn heute . . . da» Probleiu der Einordnung der Jude:: so aktuell ist, dann in erster Linie aus dem Gefühl heraus, dal über die Mali nah inen, die etwa die Ariergesetzgebung enthält, hinaus für die deutschen Juden ein neues Lebensprnizip gefunden werden muli. ... In der Tat ist die Situation der deutschen Juden dann außerordentlich schwierig, wenn sie sich nur als Objekt der Ariergesetzgebung empfinden, ohne daß es ihnen gelingt, wieder selbst aktiv schöpfersich tätig zu werden. .., In der Tat ist ein Kriterium der Bewährung für die deutschen Juden die Frage, ob sie es verstehen, die Zeichen der Zeit zu deuten und die ihnen liegenden Kräfte zu entfalten. . . . (Fortsetzung folgt.)