Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 7 (16.2.1934)
- Date
- 1934-02-16
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Alsdann gibt der Vorsitzende Kenntnis von der Errichtung einer Dr. Hellmuth Gottlieb-Stiftung und einer Verein-Casino-Stiftung. Es wird beschlossen, von denjenigen Qemeindemitgliedern, die nicht /ur Einkommensteuer veranlagt sind, einen Beitrag zu den (ieraeJndelaateu zu erheben. Anschließend folgt eine nichtöffentliche Sitzung. Der Vorsitzende eröffne! die üemeindesitzung vom 29. Januar 1934 mit einem warmempfundenen Nachruf auf den verstorbenen Gemeindeverordneten Herrn Joske und sprich! Herrn Hodes das BeHeid der Versammelten anläßlich des Ablebens seiner Oattin aus. Alsdann begrüß! er Herrn Erich Kaufmann, der anstelle des Herrn Hugo Kaufmann als neues Mitglied der Versammlung einberufen worden ist. Herr Breslauer sprieht dem Gemeindevorsteher nochmahl in diesem Kreise anläßlich seines kürzlich stattgefundenen 70. Geburtstages und 25 jährigen Jubiläums als Mitglied der Gemeindevertretung die her/liebsten Qfückwünsche aus. Dieser dankt für die ihm erwiesenen Ehrungen. Es wird in die Tagesordnung eingetreten und der Haushaltplan für 1033 34 (I.April 1933—31. März B)S4) vorgelegt und dessen späte Einbringung begründet. Der Vorsitzende bittet, mit Rücksicht auf das nahe bevorstehende Ende des Rechnungsjahres von einer Debatte abzusehen. Es spricht nur ein Redner /ur Sache. Mit einer kleinen Änderung wird der Hausbaltplan gemäß der Vorlage angenommen. Hierauf wird der Steuersat/ mit '31»"" der Malistabsteuer festgesetzt. Der in der letzten Gemeindesitzung gewährte Ausschuß zur Änderung des Gemeindestatuts hat eine Vorlage vorbereitet, die den Mitgliedern der Gemeindevertretung zugegangen ist. Nach einer kurzen Aussprache wird diese Vorlage genehmigt und der Vorstand zur Neufassung der Statuten ermächtigt. Die Änderung des Statuts tritt mit sofortiger Wirkung in Kraft. Auf Grund des neuen Statuts werden einige Mandate für erledigt erklärt und die hierdurch notwendig gewordenen Zuwahlen /ur Gemeindevertretung vorgenommen. Zur Erweiterung des Gemeindevorslandes werden die Herren Dr. Loebenstein und Dr. Fleiß zu Mitgliedern desselben gewählt. Die Herren Dr. (ioldhaber und Metzner werden mit beratender Stimme in den Vorstand entsandt. Alsdann wird ein Antrag des Bar-Kochba-Vereins um Übernahme einer Bürgschaft für eine Hypothek /ur Ablösung von Schulden vorgetragen. Da die Angelegenheit noch der Klärung bedarf, wird ein Ausschult von fünf Mitgliedern eingesetzt, der die Sachlage genau prüfen und der nächsten Gemeindesitzung entsprechende Vorschläge unterbreiten soll. Hierauf wird ein Bericht des Herrn Schick über die gärtnerische Lehrstelle in Burghausen /ur Verlesung gebracht und genanntem Herrn der Dank für seine Mühewaltung ausgesprochen. Herr Dr. Pietrkowski hat mitgeteilt, ilalt er sein Amt als Mitglied der Gemeindevertretung wegen Wegzugs aus dem Gemeindebezirk niederlegt. Der Vorsitzende spricht ihm für die bisher im Interesse der Gemeinde geleisteten Dienste seinen herzlichsten Dank aus und wünscht ihm eine glückliche Zukunft. Es folgen noch Anfragen über das (icmeindehlatt und über die Fleischpreise. Der Haushaltplan wird in der nächsten Nummer veröffentlicht. Ein Märchen von der Menschlichkeit Lessings „Nathan" al> Gastspiel des Kulturbundes deutscher Juden zu Berlin Veranstaltung des jüdischen Ausschusses für Kunstpflege am I. Februar 1934. Zur Zeit, da in Frankreich die Schriften der sogenannten „Aufklärer" bereits Hand anlegten an den ehemals mächtigen Bau des feudalen Königtums, da dieses Königtum mit seiner Aristokratie so wirklichkeitsfremd geworden war, daß es an dem Geist und dem Sehau>piel seiner schlimmsten Feinde sich ergötzte, begannen auch in den unzählig Vielen Staaten deutscher ZlUlgC Stimmen laut ZU werden, die alles Althergebrachte beiseiteschieben, für immer ausstreichen wollten, um den Rechten Platz ZU schaffen, „die in den Sternen hingen", um einer als natürlich empfundenen Menschlichkeit im Sinne höchster Freiheil des Einzelnen Platz zu schaffen. In ilieser gewaltigen Bewegung des IS. Jahrhunderts, die gegen Ende des Jahrhunderts /ur Oründung der Vereinigten Staaten von Nordamerika und /um Ausbruch der französischen Revolution gefuhrt hat und die zur Grundlage der Neuschöpfung der meisten europäischen oder europäisierten Staaten geworden ist, war ein kleiner I eil eines Unu-rahschniücs dieses Glaubensbekenntnisses /ur llumaiut.it ilie I oulcrung, dalt, da alle Menschen gleich sein sollten, mau auch die Juden aus ihrer S mdcrstelluu^ lösen müsse. Es war weit mehr eine Sache der Logik der Henker und Politiker der französischen Revolution, als eine Sache des Her/eiis, als mau beim Neubau des für den Staaten bau des 19. Jahrhunderts maßgebenden französischen Staates durch desetz die Qhettomauern im wörtlichen und übertragenen Sinne des Wortes niederlegte. Wer will, kann heute noch nachlesen, wie wenig freudig erstaunt sehr vie|.- Abgeordnete des damaligen französischen Parlaments wann, daß in Verfolg der von ihnen so fanatisch verfoehteiun Ideen nun plötzlich auch die Juden emanzipiert werden müßten, ganz zu schweigen von den lebhaften Protesten der damaligen franzosischen Judenheil dagegen, daß die Emanzipation, dieses Qeschcnh der Logik der französischen Revolutiousmanner. sich auch auf ihre Glaubensgenossen im Osten erstrecken solle, nämlich auf die Juden des Elsasses und des Rheinlandes. Deutschland blieb es vorbehalten, durch den Mund eines der grollten M.inner, denen das deutsche Volk den Ehrentitel der Dichter und Denker zu verdanken hat, der Emanzipation der Juden nicht nur aus starrer denkender Logik, sondern aus menschlicher, fühlender Seele das Wort zu reden. Lessings Drama „Nathan der Weise", das er geformt und gebaut hat um eine Ringnovelle des ersten Novellisten der Weltliteratur, des Italieners Boccaccio, hat in schönster und reinster Eorm in dem alles andere als judenfreundlichen IS. Jahrhundert die Erage der Judenemanzipation zu einem Hauptgegenstand genommen. Absichtlich spreche ich nur von einem Hauptgegenstande und nicht von dem Hauptgegenstand, denn so tief empfunden im „Nathan" auch der Oedanke der Judenemanzipation sich ausdrückt, er ist nicht das alleinige und nicht das primäre Objekt des Schauspiels. Der tragende Gedanke war und bleibt für Eessing die Emanzipation von jeder konfessionell gebundenen Religion auf der Grundlage einer tiefreligiösen Menschlichkeit. In einer seiner Vorreden zum „Nathan" sagt Eessing klar und deutlich, welche Idee ihm die Feder geführt hat: „Nathans Gesinnung gegen alle positive Religion ist von jeher die mein ige gewesen." Festhaltend an der grollen biblischen Auffassung, dal! alle Menschen als Ebenbilder (Kittes geschaffen sind, und au dem gewaltigen Gebot unserer Thora, man solle seinen Nächsten lieben, wie sich selbst, sind fiu Eessing die Religionen oder Konfessionen mehr oder weniger Bruderzwist veranlassende, im Orunde nicht unterscheidharc Schmuckstücke. Von dieser Idee ausgehend entwickelt der Dichter, daß zwischen Christ und Jude und Muscrm an kein Unterschied ist und demnach nicht gemacht werden darf. Mit großer OenUgtUlUlg muH es aber erfüllen, dal! der Dichter, der glaubt, einzig und allein das hohe Lied der Menschlichkeit singen zu dürfen, in Kurzen und klaren Worten gerade das als allgemeine menschliche Forderung ausspricht, was zu den tiefsten Inhalten des Judentums gehört, indem er am Anfang seines Dramas Nathan den beiden vor Engelschwärmereien den Menschen vergessenden Frauen sagt- Oot! lohnt Gutes, hier detail, auch hier noch . . . Begreifst du aber. Wieviel andächtig Schwärmen leichter, als (int handeln? Mit dieser I rage gibt Nathan ein klares Bild dafür, dali er, höchstwahrscheinlich ohne und gegen den Willen seines Dichters, Jude ist, daß '-r dem (ilauben anhingt, den mir einmal ein großer Mensch jüdischer Abstammung und judischer Seele, der in unseren Tagen in deutscher Sprache schreibt, als die zutiefst menschliche Religion unter allen Bekenntnissen der Welt bezeichnet hat.