Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 4 (26.1.1934)
- Date
- 1934-01-26
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIOIONSOEMEINDE ZU LEIPZIG 26. Januar 1934 lassung ein hauswirtschaftliches Lehrjahr ermöglicht wird. Dir Gedanke, daß Sicherheit häuslichen Könnens Jeder Frau in Notzeiten die Möglichkeit gibt, sich ihr Brot zu verdienen, wurde immer wieder von neuem betont. Noch ist eine sehr große Zahl von Htfushaltstellen zu besetzen. Wenn auch damit zu rechnen ist, dafl in Deutschland durch wirtschaftliche Schwierigkeiten die Zahl der jüdischen Häuser, die sich Hausangestellte leisten können, nachlassen wird, so wird die Möglichkeit einer Eheschließung immer mehr vom hauswirtschaftlichen Können der Frau abhängen. Es sind daher neben den staatlich konzessionierten jüdischen Haushattungsschulen, die zugleich auch Ausbildungsstätten für spätere Sozialberufe sind, hauswirtschaftliche Ausbildungskurse notwendig. Neben diesen Kursen müssen auch die jüdischen Anstalten (Altersheime, Kinderheime usw.) Platz für Praktikantinnen haben. Niemand kann Meister werden, ohne Qeselle gewesen zu sein. Nach der hauswirtschaftlichen Ausbildung ist ein Praktikantinnenjahr in einer Anstalt, welche die junge HiHskrafl sich in einen wohlorganisierten Betrieb einordnen lallt, ihr aber schon eine Teilverantwortung gibt, sehr wertvoll. Aber nicht mu Anstalten haben die Aufgabe, sich zur Verfügung zu stellen, sondern auch die jüdische Hausfrau hat die Verpflichtung, sich als Lehrmeistern! des judischen jungen Madchens anzunehmen. Es wird in heutiger Zeit so viel von sozialer Verpflichtung gesprochen. Diese bestellt nicht nur im Bereitstellen von Geld, sondern im personlichen Sichcinsetzcn. Jede jüdische Krau, die ein jüdisches .Wadchen aufnimmt und anlernt, leistet eine jüdischsoziale Tat; denn sie gibt einem jungen Menschen praktisch-verwertbare Kenntnisse mit auf den Lebensweg. Nicht jede jüdische Hausfrau ist /ur Lehrmeisterin geeignet, auch dann nicht, wenn sie über ein gutes hauswirtschaftliches Können verfugt. Viel wesentlicher noch als dieses ist ihr menschliches Verantwortungsgefühl, ihr soziales Pflichtbewußtsein. Jüdische Frauen, die in der Not eines stcllcnloscnMenschcn eine willkommene Ausnutzung«- möglichkcit erblicken und unter der Maske der Menschenliebe bei geringstem Lohn größtmöglichste Leistung erwarten, die kein Verständnis dafür haben, daß ein junger Mensch Freizeit braucht, haben nicht die notwendigen sozialen Voraussetzungen. Schon manchem jungen Menschen, der mit Idealismus in seinen Beruf ging, ist dieser durch das Verhalten der altereu Generation zerbrochen worden. Gerade der erste Einblick in die Welt der Erisenen ist für junge Menschen sehicksalbestinimend. Nach ihm formen sie sich ihr Lebensbild. Für die jüdische Hausangestellte bedeutet ihr neuer Beruf zumeist eine aullere und innen' Umstellung. Diese zu erleichtern, ist menschliche Pflicht, zumal in einer Zeit, da alle mütterlichen Kräfte der judischen Frau hellwach sein sollten, um nicht nur Verständnis für die eigenen Kinder, sondern für jeden jungen judischen Menschen aufzubringen. Der Beruf der jüdischen Hausangestellten ist ein Problem, bei dem auf beiden Seiten noch viel berechtigtes und unberechtigtes Vorurteil zu überwinden sein wird. Ebenfalls ein starker Appell an die Mütterlichkeit der judischen I rau war die von Bertha Pappenheini eingebrachte Resolution gegen Massenverschickung judischer Kinder ins Ausland. Es ist gegen jedes Naturgesetz, wenn die einzelne Mutter sieh \ >n ihrem Kinde trennt, aber es ist ebenso Unnatur, wenn die jüdische (jcsainthcit Zerreiliung der jüdischen I ainilie, unseres letzten Glücksreservoirs gutheißt Es ist von den deutschen Juden als (jimtheit so viel Verantwortungsbewußtsein, so viel Solidarität zu fordern, daß es möglich w ird, allen jüdischen Kindern in Deutschland eine einfache, gesunde, jüdische I rziehung zu geben und nicht aus falscher Sentimentalität auf das Beste, die Formung der Jugend Jüdische Zeitschau. 75 Jahre „Israelit". Mit dem soeben begonnenen Jahrgang ist „Der Israelit", das Zentralorgan des orthodoxen Judentums in Deutschland, in das 75. Jahr seines Bestehens getreten. Der Verlag weist bei dieser Gelegenheit daran) hui. dali das Blatt infolge der Verarmung zahlreicher Leser, die sich den Weiterbezug nicht mehr leisten können, in eine ernste wirtschaftliche Krise geraten ist. Dennoch lasse der Verlag den Mut nicht sinken, „in dem tiefen Bl ußtsein, daß vielleicht noch nie seit dreiviertel Jahrhunderten ein Blatt mit den geistigen Traditionen des „Israelit" der deutschen zu verzichten. Diese Gedankengänge kamen in folgender Resolution zum Ausdruck: „Die 12. Delegiertentagung des jüdischen Frauenbundes im Januar 1934 in Berlin bringt zum Ausdruck, daß der Zusammenhalt der Familie gerade in heutiger Zeit die stärkste Stütze für Kinder und Eltern bedeutet. Deshalb ist die Trennung von Eltern und Kindern ein Entschluß von größter Tragweite, der erst nach eingehender, ernster Überlegung und Beratung und Prüfung gefaßt werden kann. Vor allein wendet sich der jüdische Frauenbund gegen Massen Verschickung von schulpflichtigen Kindern." Um jüdischen Kindern ihr Aufwachsen in Deutschland unbeschwerter und sorgloser zu gestalten, ist größtmöglichster Ausbau jüdischer Schulen eine gerade von jüdischen Muttern zu erhebende I 'orderung. Besonders schwierig ist in dieser 1 rage die Lage der jüdischen Kleinstadtjugend. Ls sind alle Möglichkeiten zu prüfen, um den dort wohnenden jüdischen Kindern den Besuch jüdischer Schulen in benachbarten Großgemeklden zu erleichtern. Die äußere Situation der kleinen Gemeinde bringt verschärft eine Trennung von der nichtjüdischen Umgebung mit sich. Die Juden, hier besonders schmerzhaft ihre Isoliertheit empfindend, können in ihrem allzu kleinen Kreise kaum irgendeine kulturelle Arbeit leisten. Pflicht der in den grollen jüdischen Zentren lebenden Juden ist es, ihnen in ihrer seelischen und geistigen Not beizustellen. Aufgabe der grollen Ortsgruppen des jüdischen Frauenbundes ist es, den kleinen Frauenvereinen, die in ihren Kleingemeinden zumeist Trager der gesamten Wohlfahrts- und kulturellen Arbeit sind, anregend, beratend, fördernd zur Seite zu stehen. Solidarität muH in der Verbundenheit aller Juden untereinander in der Arbeit für und miteinander zum Ausdruck kommen, aber auch in der Oesamthaltung der Juden. Verantwortliche Arbeit nach innen, würdevolles Auftreten nach außen, müssen den jüdischen Menschen der Jetztzeit kennzeichnen. Darum wendet sich der jüdische Frauenbund in folgender Resolution an alle jüdischen Kreise: „Es sind aus verschiedenen Orten Mitteilungen an uns ergangen, daß jüdische Organisationen und Vereine Festlichkeiten veranstaltet haben, und auch öffentliches Erseheinen beobachtet wird, wie es in starkem Gegensatz zu dem Sinne unserer Zeit und der Schwere unseres jüdischen Erlebens stellt. Es sind auch dauernde Einrichtungen getroffen worden, deren Tendenz völlig dem widersprechen, was der deutschen Judenschaft in Vortragen, Buchern, Kanzelreden und Mahnungen aller Art nahegebracht wird. Die in der 12. Delegiertentagung des jüdischen Frauenbundes in Berlin versammelten Frauen wollen hierdurch in großem Lrnst zum Ausdruck bringen, dali sieh weile Kreise durch solches Verhalten verletzt fühlen. Wirtschaftlicher Vorteil irgendeiner jüdischen Stelle ist keine Entschuldigung für die Förderung von Unternehmungen, die aus Gründen der Selbstachtung besser unterblieben. Wir bitten auch die jüdische Jugend und vor allem ihre Führer, für ihre F röhlichkeit maßvolle und verinnerlichte Formen zu suchen." Allen Beratungen voraus ging die Neuwahl des Vorstandes und der Bundesvorsitzenden. Bertha Pappenheim, die geistige Schöpferin des Frauenbundes, sah nun ihr Lebenswerk zum zweitenmal in andere Hände übergehen, t rau Bettina Brenner, ihre Nachfolgerin seit 1924, die uns Leipziger Frauen besonders nahesteht, hat ihr Amt, das einen so grollen Pflichtenkreis bedingt, aus beruflicher Behinderung niedergelegt. Frau Ottilie Schönewald, Bochum, ist an ihre Stelle getreten, l erner traten in den Vorstand neu ein: I rau Prof. Cora Berliner, Frau Dr. Hildegard Böhme, Frau Margaret! Wachsmann, Breslau, Frau Bertha Fränkcl-Flircntreu, München. E. C. Judenheit vor allem, und darüber hinaus der gesamten jüdischen Gemeinschaft, so sehr vonnöten war, um neben den mit tausend Zungen verkündeten Irrlehren eines blut- und traditionslosen Konüssioualismiis und eines die Religion degradierenden, im tiefen < irunde auf Nachahmung beruhenden jüdischen Rassennationalismus das Banner der alten, unverfälschten uinationalen Offenbarungsreligion des sinaitischen Judentums furchtlos zu entfalten." Gleichzeitig wird angekündigt, daß (las Blatt im neuen Jahrgang eine neue Beilage unter dem Titel „Oota und Gculla, Blätter der jüdischen Selbstbesinnung" erhalten soll, an der Oberrabbiner Dr. Joseph Carlebach Ständig mitarbeiten wird.