Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 43 (23.10.1938)
- Date
- 1938-10-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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28. OKTOBER 1938 3. MARCHESCHWAN 5699 14. JAHRGANG NUMMER 43 Heinemann Stern Das judische Bildungsproblem Viele Jahre war die „jüdische Schule" ein heißumstrittene! Problem, Heute ist sie eine Wirklichkeit. Nicht nur, weil die äußere Wandlung des jüdischen Daseins dahin geführt hat; ihre Notwendigkeit ist auch innerlich anerkannt. So kommt ein Werk über die „Didaktik der jüdischen Schule" (In Gemeinschaft mit Fachlehrern bearbeitet von Dr. Heineinann Stern, Rckt.ir der Mittelschule der jüdischen Oemeinde in Berlin. Berlin [l<)38|. Vortrupp, Jüdischer Buchverlag, Preis RM. 1,80) einem vielempfundenen Bedürfnis entgegen. In 13 Kapiteln werden Allgemeine Didaktik und Spezielle Didaktik von berufenen Fachkräften behandelt. Alle einschlägigen Probleme und alle die vielfältigen Stoffgebiete werden „in jüdischer Schau" dargestellt. Besonders dankbar werden die „Umschichtlcr" unter den Lehrern das Werk begrüßen, jene Lehrkräfte, die sich „gleichsam über Nacht in die jüdische Schule" gestellt sehen. Aber auch Väter und Mütter, die ihre Kinder bewußt und verständnisvoll führen und erziehen wollen, denen au Klarheit darüber gc'egeu ist, wohin der Unterricht der jüdischen Schule zielt, welches seine Qnmdlagen und seine Absichten sind, auch sie werden gerne zu diesem Buche greifen und auch für sich selbst Werlvollste Aufschlüsse und Anregungen in ihm finden. — Wir geben hier mit geringfügigen Auslassungen das Kapitel wieder, das sich mit dem jüdischen Bildungsproblem beschäftigt. Die Redaktion. * Ausgangspunkt für die Darstellung sind die von der Reichsvertretung der Juden in Deutschland herausgegebenen und vom Reichserziehungsministerium gebilligten „Richtlinien zur Aufstellung \on Lchrpläncu für jüdische Volksschulen" ... Die Bildungsidee die Spitze und Krönung jetler Bildungstheorie — findet ihren umfassenden und zusammenfassenden Aisdruck in dem Satze: „Die Schule soll von einein sich selbst begreifenden jüdischen (leiste durchdrungen sein." Ans der Sprache der Philosophie in die der Didaktik ubertragen, heißt die;: Ziel der Bildung Ol» JÜDISCHEN WINTERHILFE (und der gesamten Erziehung selbstverständlich) ist der jüdische Mensch, di r sich seines Judeseins durch die Auseinandersetzung mit den KuHurachöpfungen seines - eben des jüdischen - Qeistes bewußt werden soll. Welches sind nun diese Kulturschöpfungen? Welche Kulturgüter müssen Bildimgsgüter werden, damit der Grundforderung der Bildungsidcc Genüge geschehe? Erstens Hebräisch. De Sprache ist die erste, unmittelbare .Wallifestation des Volksgeistes. Ob ein Volk eine hohe oder niedere, eine einseitige oder vielseitige Kultur habe — eine Sprache, seine Sprache hat es auf alle Fälle, sofern es überhaupt ein Kulturvolk ist. Die Sprache ist „objektiver Geist", d. h. sinnfällige, realisierte Form der Volksseele schon an und für sich, ohne jede Rücksicht auf den Inhalt. Die Sprache ist ferner dem Range nach erste, der Wirkung nach stärkste Aiisdrucksform des Gemeinschafts- und Lebenswillens. In seiner Sprache erkennt ein Volk sein.' Einheit und seine Lebendigkeit. Darum kämpft jedes in seiner geistig-seelischen li\istenz bedrohte Volk zunächst um seine Sprache. Den hebräischen Unterricht intensiv und extensiv so auszugestalten, daß er den weiteren Bildungsbedürfnissen und praktischen Forderungen genüge, ist somit der erste Schritt zum Bildungsziele hin. Sobald wir Hebräisch nicht mehr als Kulturgui au sieh, sondern als Form des kulturschöpfcrischcn judischen (ieistes ansehen, dessen Inhalt nunmehr in das Buckfeld tritt, kommen wir zum zweiten wesentlichen Element judischer Bildung: das ist die Religion. Unsere Religion ist die originale Schöpfung des Judentums, unser religiöses Schrifttum ist unsere klassische Literatur, und unsere religiösen Ideen bilden den hauptsächlichsten Beitrag des Judentums zur Weltkultur, zur Entwicklung der Menschheit, als deren lebendiges Glied es sich fühlt. Mit der Herausstellung der Religion als des zentralen Bildungswertes neben der Sprache sol! nun keine Polemik gegen den nationalen Gedanken im modernen Judentum und den daraus sieh ergebenden politischen Bestrebungen eröffnet weiden, und ebensowenig soll damit ein Bekenntnis zu einer bestimm* ten Form des religiösen Judentums abgcligl sein. Denn jeder Zeit soll das Recht zur Formung ihrer Existenz aus ihrem Wollen und aus ihren Bedürfnissen heraus unbestritten bleiben. Aber es soll damit gesagt sein, daß ein Judentum, das den Willen Int, seine B'Mung auf wesenseigener Grundlage aufzubauen, auf seine einzig.- original Schöpfung und auf sein klassisches Kulturgut zurückgreifen muß. Ein Judentum, das die Bindung an seine geschichtliche Vergangenheit erhalten will, muß da nun auch religiöses Judentum sein, und die jüdische Schule muß in Konsequenz, dieser Erkenntnis auch dein Hebräisch der Bibel und des Gebetbuchs die entsprechende Stellung einräumen. „Was der Mensch sei, erfährt er nur durch Geschichte" (Dilthey). Mit dieser Kennzeichnung ihres höchsten Bildungswertes ist auch der Jüdischen Geschichte der PI tz als tragender Pfeiler der Bildung neben Hebräisch und Religion angewiesen. Von Abraham, dein ersten Juden, fuhrt der Weg des Juden durch die Zeiten und Zonen zum lebenden Geschieht, was auf diesem unendlich langen, verwirrend verflochtenen Schicksalsweg durch, an und um Juden geschehen ist, wie das Judentum zu den verschiedenen Zeiten und in seinen vielfachen Lehcnsräumeii sein Dasein sinn- und zwecks oll zu gestalten suchte und wie freundliche und feindliehe .Wachte an seinem So-sein geformt und gestaltet haben, das alles macht den Inhalt der Jüdischen Geschichte aus, aus dem die Schule d s Bildungswertige auszuscheiden und zu einem überschaubaren (lefflge zusammenzufassen hat. Mit Hebräisch, Religion und Jüdischer G.eschicht.' ist der innere Kreis der jüdischen ßildungsmächte geschlossen. Fs ist ein Dreiklang von reinster Harmonie, eines lebt durch das andere: denn wie wäre Religion ohne Hebräisch, Jüdische Geschichte ohne Bibel denkbar? So kostbar sie als Kulturgüter nun auch s'nd, so hochirflF Morgen Sonntag: Pfundsammlung