Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 39 (30.9.1938)
- Date
- 1938-09-30
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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UND NACHMEMSIAII DER GEMEINDEVERWAl' LEIPZIG AJhiGEMELPET BEIM SONDERBEAUFTRAGTEN DB REICHSMINISTERS GEISTIG UND KULTURELLTÄTIGEN JUDEN IM DEUTSCHEN REICHSGEBIET. 30. SEPTEMBER 1938 5.TISCHRI 5699 14. JAHRGANG NUMMER 39 Dr. Martha Wertheimer Versöhnung mit der Welt Eine Jörn Kippur-Betraehtung. Die Tage der Umkehr /wischen Rosch Haschana und Jom Hakippurim, diese Tage des Besinnens und inneren Neubeginnens liegen zwischen Schofarrufen. An ihrem Anfang steht das Dröhnen des Aufbruchs, das an den beiden ersten Tagen des neuen jüdischen Jahrs die Rechenschaft für das Vergangene fordert, an ihrem Ende, am Ausgang des Versöhnungstages, schrillt jener letzte Aufschrei des Schofars, der nach einer jüdischen Legende die Decke des Himmels durchstößt und endlich die Einheit zwischen Gott und seinem Volke erzwingt. Einen Tag lang hat Israel um die Versöhnung mit seinem Vater und König gefleht. Zwischen Gebet und Gebet kehrt wiederholt das Sündenbekenntnis wieder, von dem selbst manche unter uns meinen, sie müßten es ja nicht gerade so und nicht in allen seinen Teilen sprechen, sie könnten sich nicht, ohne zu lügen, selbst Taten vorwerfen, die sie nicht begangen haben. Aber gerade hier entfernen sich solche Menschen vom eigentlichen Wesen jüdischer Haltung. Der Jude, der am Versöhnungstag ein Schuldbekenntnis wiederholt, von dessen Einzelheiten er sich da und dort frei fühlen dürfte, nimmt bewußt die Schuld anderer auf sich, nicht weil er sie getan hat, sondern weil er sie nicht verhindern konnte. Es wäre eine furchtbare Last, die wir, mit solcher Lebensauffassung und Gesinnung, zu schleppen hätten, eine Last, die uns zu Trübsinnigen und völlig Verzweifelten machen müßte, wenn uns zum Adel eines solchen hochgespannten Verantwortungsbewußtseins nicht auch die Kraft zum Sich-Versöhncn gegeben worden wäre, die Gnade eines solchen Tags der Versöhnung. Man darf den Unterschied nicht verkennen: es geht nicht um Sühne, es geht um Versöhnung. Sühnen heißt nur, für eine Tat so bezahlen, daß sie abgegolten ist. Versöhnung aber ist mehr als ein äußeres Wiedergutmachen. Versöhnung ist nicht mit einer Handlung allein zu erreichen. Versöhnung verlangt eine Umformung der Gesinnung und der persönlichen Haltung. Darum ist der Jom Hakippurim vor allem ein Tag des Friedenmachens, vor allem des Fricdeninachens mit uns selbst. Das ist eine Aufgabe, die für den jüdischen Menschen immer wieder ausgesprochen werden muß, für diesen Menschen, der unter dem l>iick von Heimatlosigkeit und immer neuem Aufbruch überall da zu einem Unsicheren geworden ist, wo ihn die Lehre und die Geschichte der Väter nicht staudfest wenigstens im Irrealen gemacht haben, für diesen jüdischen Menschen, der sich erst in unseren Tagen wieder, mit aller Härte des Wegs und allem Glanz der neuen Aufgabe, die Realität eines neuen Volks- und Staatslebens zurückzuerobern wünscht. Jeder Jude in unserer engeren Lebensgemeinschaft in Deutschland hat es in den letzten Jahren beweisen müssen und muß es täglich neu beweisen, daß er die Kraft zu diesem Frieden mit sich selbst in sich trägt. Wer sie nicht hat, verfällt in das geduckte, unwürdige, feige Ausweichen vor sich selbst, in eine Sucht nach billiger Verbrämung seines Lebens mit den Werten anderer« weil er sich der eigenen unveräußerlichen Wirte des Juden* tums nicht mehr bewußt zu werden vermag. Der Versöhnungstag, der die Erinnerung an alle Not Israels in seinen Gebeten und Liedern her* aufbringt, fordert angesichts des heldenhaften Bewahrens jüdischer Werte und jüdischer Gesinnung, wie sie viele Generationen vor uns vermochten, den eigenen Einsatz, aber nicht als Notbehelf, sondern im Frieden mit sich selbst, im lebenbejahenden Glauben an sich selbst, im Entschluß, Jude zu sein, nicht als ein Trotz* dem, sondern als eine blühende, kraftvoll gegenwärtige Wirklichkeit. wir wollen los von dem Typ des Zerrissenen und Gebrochenen unter uns, mit dem unsere Künstler noch zu oft kokettieren, los von der weinerlichen Beschönigung von Tatsachen, los von dem platten Mitleid mit uns selbst. Wir wollen Frieden macheu, soweit es noch nicht geschehen ist, in uns selbst, mit uns selbst. Das heißt aber auch: Versöhnung mit der Welt. Sie ist nicht nur ein Hinnehmen der gegebenen Tatsachen, nicht nur ein tüchtiges „Mach das Beste daraus". Sie ist auch die Bejahung der Werte überall wo wir sie sehen und finden. Man wä c hst nicht davon, daß ein anderer unter uns klein bleibt. Tausende von uns haben die Grenzen Deutschlands hinter sich gelassen und müssen zusehen, daß sie in ihren neuen Wohnländeru ihren rechten Frieden mit Brauch und Landessitte machen, Tausende leben noch neben uns im scheinbar gewohnten Leben oder seinen unbequemeren Abwandlungen und sollten zusehen, daß sie aus dem Horchen und Warten zum klaren Einsehen ihrer Situation und zum Verstehen der neuen Notwendigkeiten kommen. Man kann niemanden zur Liebe und zu leidenschaftlichem Bekennen jüdischen Wesens und seiner zeitgeborenen neuen Aufgaben zwingen. Aber man kann immer wieder vor falscher Lebensrichtung w a r n e n , und keine Stunde ist für diese Warnung richtiger, als die vor dem Tage, an dem wir die Versöhnung mit uns selbst zu machen berufen sind. Wir Juden müssen aus der Zerrissenheit heraus, und nicht nur aus der im eigenen Herzen. Es gibt eine Zerrissenheit unter uns selbst, in unserer Gemeinschaft, die zu Auseinandersetzungen in den jüdischen Gremien, um vermeintliche Machtpositionen führt; sie dringen nicht zu den Schlichten und Gläubigen, die ihr Schicksal still denen anvertrauen, die zur Leitung und Beratung gerufen wurden. Aber wir sehen als Ergebnis dieser doch tatsächlich vorhandenen Kämpfe eine Verzettelung und Verminderung der noch vorhandenen jüdischen Kräfte, die wir für die positive Arbeit dringend brauchen. Der Tag der Versöhnung ist einer, der Rechenschaft fordert. Wir geben sie, jeder einzelne, mit unserem „Wir haben gesündigt". Wir geben sie mit der Frage: „Hast du deiner Verantwortung auch deiner Gemeinschaft gegenüber genügt? Hast du genug getan, um das Böse in der Welt zu mindern und die Heiligung des göttlichen Namens zu vermehren?" Keiner von uns hat ein bedingungsloses Ja dazu zu sagen. Wir wissen es. Aber jeder von uns kann einen Entschluß dazu geben, der dahin geht, daß wir aus der Verkrustung mit eigenen und parteilichen Interessen herausmüssen! Das Tekia am Ende des Vcrsöhnuugstags hat die Kraft, den Himmel zu durchdringen? Dann muß es auch die Kraft haben, die Starrheit durchzureißen, die unsere jüdische Gemeinschaft befallen hat. Jahrbücher und Kalender Das Jahr des Jüdischen Frauenbundes. 5609-—1938/39. (Preise: für den Umlegekalender RM. 2,—, für den Wandabreißkalender RM. 2,50, für die Metallunterlage RM. 1,50.) Es würde im Grunde genügen, mitzuteilen, daß auch in diesem Jahre „das Jahr des Jüdischen Frauenbundes" erschienen ist; es wäre damit angezeigt, daß ein in seinem Inhalt wie in seiner Gestaltung ausgezeichneter Kalender für das eben begonnene Jahr 5699 vorliegt. Diese Gabe hat nun schon eine gute Tradition; man könnte sie daraufhin, ohne viel zu prüfen, für seinen Schreibtisch erwerben, gewiß, kein Blatt umzuwenden, ohne ein wertvolles Bild oder ein interessantes Stück aus dem jüdischen Schrifttum betrachten zu dürfen. Wir können uns jedoch damit nicht begnügen; müssen vielmehr einiges über den Leitgedanken hinzufügen, unter den diesmal Bilder und Texte zusammengestellt sind. Es ist ein reizvoller Versuch, Familienbilder daraufhin zu betrachten, „wie sich der Einzelne im Laufe seiner Entwicklung, das Gesicht der Familie in Generationen erhält oder verwandelt". Ähnlichkeiten etwa zwischen Moses Mendelssohn und seinem Enkel Felix Mcndelssohn-Bartholdy, zwischen Paula Ollendorff und ihrer Enkeltochter, oder unter Geschwistern, wie etwa den Kindern von Moritz Manheimer oder von Eduard Magnus, festzustellen. Aber auch wieder zu sehen, wie das Antlitz keineswegs der persönlichen Besonderheiten entbehrt, die der Charakter