Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1938-09-23 · 38 (23.9.1938) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
14 (1938)
Issue
38 (23.9.1938)
Date
1938-09-23
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/6492399-5968792-5990729--424-4880679
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

>3. September 1938 / Nr. 38 JÜDISCHES OEMEINDLBI.ATT LE1PZIO Seite 3 Rosch-Haschana-Wunsch der Reichsvertretung An der Wende der Jahre ist es uns geboten, deutlich das zu sehen, was ist, und klar zu erkennen, was sein soll. Lastender noch als in früheren Jahren war jetzt Monat um Monat die Schwere des Geschehens auf uns gelegt. Keinem ist es erspart geblieben. Alles Außere unseres Daseins wurde davon erlaßt und bedrückt, und immer wieder drohte es auch das Innere unseres Lebens zu ergreifen, unserer Seele den Atem zu nehmen. Wie oft haben uns Zweifel umringt, wie oft hat fast Verzweiflung uns überwältigen wollen. Wir wissen um alles, was gekommen, um alles, was da ist. Um so fester und bestimmter wollen wir deshalb unseren Blick dahin richten, wo unsere Geschichte es uns klar zeigt, wie in allen unseren Generationen Versunkenes wieder zur Zukunft geworden ist, wie sich uns stets das Leben, das bc endet schien, erneuert hat. Auch wir sehen es jetzt, wie neue Stätte der Heimat überall auf Erden von unserer Jugend errungen wird, wie damit auch für die Älteren ein Platz sich zuzurüsten beginnt. Wir dürfen stolz auf das sein, was unsere jüdischen Menschen, in neuen Formen des Daseins arbeitend, für sich und für uns alle vollbringen. Wohl ist es ein langsames Werden und ein mühevoller Weg; aber alles, was bestehen soll, verlangt seine Zeit und fordert sein Bauen, Stein um Stein. Wir Juden sind das Geschlecht, das zu erwatten vermag; die Geduld ist unsere Kraft. Von einem hängt alles ab, davon, daß wir wissen, was sein soll. Wir sollen unseren großen Glauben, den Glauben unseres Judentums, in uns wahren, in uns lebendig erhalten. Das bleibt uns doch gegeben, daß wir in ihm leben, in ihm unsere Kinder erziehen können. Und nur wo er ist, wird uns wahrhaft Stätte unserer Zukunft bereitet sein. In ihm wollen wir alle fest sein, in Schlichtheit und Geradheit, in Echtheit und Rechtschaffenheit, die einen zur Ferne hinausziehend, die anderen eine Stunde, die auch sie zu Neuem führt, erhoffend. In unserem Glauben haben wir immer aufrecht da gestanden. Wir Juden sind das Geschlecht, das des Ewigen gewiß ist. So wir mit Gott sind, wird Gott mit uns sein. Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland Baeck Hirsch Rabbiner Dr. S. Samuel: Die Freude in Gott Zum Roschhaschono-Festc 5699 Wenngleich in der Begehung unserer heiligen Feste daliein und in den Gottesdiensten im Laufe der Zeiten gar mancher Wandel sich vollzogen hat, so ist ihr Orundcharakter ihnen doch von Anbeginn aufgeprägt und in den wichtigsten Zügen unverkennbar erhalten geblieben. Dies gilt sowohl von ihrer Bedeutung, als besonders von ihrer Stimmung. Unser Pessach war immer Dankgefühl für Erlösung aus der Knechtschaft; Sehabuoth Hochgefühl für Erwählung am Sinai; Sukkoth (ilücksgefühl für Sehnt/ und Gek-it aus der Wüste ins gelobte Land, wo Gott den Eintesegen schenkte, an dem auch die Bedürftigen teilhatten. Jörn liakip[>urim war stets ein Tag der Kasteiung und Läuterung, dessen ganze Hoheit und Herrlichkeit uns freilich erst die Misehna offenbart. Nur Roschhaschono ist seinem Wesen nach nicht leicht /.u deuten. Der I.Tag des 7. Monats und doch Anfang alles Seins, Schöpfung von Weltall und Menschheit; Tag des Posauuenhalls, der alle Wesen unter (iottes Gericht stellt; Tag des Gedenkens und Erinnern; selbständig erhabener Ecsttag und wiederum als erster der 10 Bulttage Herold eines größeren. Welche Stimmung ist ihm angemessen? In einem der letzten, historischen Bücher der h. Schrift, in Nehemia Kap. 8 v 1—13, lesen wir die Schilderung eines Roschhaschonofestes, die uns die Antwort darauf geben kann. Wir wollen uns vergegenwärtigen, in welcher Lage die OemeiiKlü sieh befand, die damals zum Feste versammelt war. Mehrere Jahrzehnte waren bereits vergangen, seitdem die Rückkehrer aus Babel, dem Befreiungsedikt des Königs Koresch folgend, Jerusalem wieder bewohnen, dem Ewigen im neu errichteten Heiligtum dienen, die Umgebung langsam besiedeln durften. Doch ein rechtes Gedeihen wollte sich nicht einstellen. Die Verteidigung und Entfaltung eines religiösen und kulturellen Eigenlebens erforderten Menschen, über die sie nicht verfügten. Stadt und Tempel verfielen, die Mauern lagen in tiefem Schutt, die Bevölkerung versank in der heidnischen Umwelt; selbst von den Oräbern der Ahnen verloren siel» die letzten Spuren. In dieser äußerst kritischen Gefahr erstand ihnen Rettung durch das Auftreten zweier Männer, Esra und Nehemia, die in hohen Vertrauensstellungen am persischen Hofe bewährt, von diesem zu Leitern der Gemeinde bestellt wurden. Während es Nehemia gelang, in der erstaunlich kurzen Frist von 52 Tagen die Mauern Jerusalems von Holz und Stein wiederherzustellen, wirkte der Schriftgelehrte Esra, den untre Weisen einen zweiten Mose nannten, unablässig daran, durch Gottes Gesetz einen geistigen Wall für Volk und Stadt zu errichten. Weder Sabbat noch Festtag versäumte er, Wort und Sinn der Lehre zum Gemeingut des Volkes zu .machen, sie vorzutragen und zu erläutern. „Dies ist die Lehre!", das war seit jenen Tagen und bis heute der Mittelpunkt der Versammlungen des Volkes. So auch an jenem 1. Tischri, wo die Gemeinde wie ein Mann auf dem Platze vor dem Wassertorc um die Tribüne geschart war, von der das Gotteswort verlesen ward. Wir erfahren nicht, welcher Abschnitt es war; aber eine tiefe Bewegung ergriff das Volk, und die Festteilnehmer begannen zu weinen. Sogleich sprachen Nehemia und Esra ihnen zu Herzen und riefen: Heilig ist dieser Tag dem Ewigen, eiterm Gotte, darum trauert und weinet nicht. Geht, eßt Üppiges und trinkt Süßes schicket Gaben dem, der nichts bereitet hat: aber die Freude in Gott sei eure Stärke. Ihrer schmerzlichen Gefühle sollten sie Herr werden; selbst über Bußstimmung und Zerknirschung die Oberhand gewinnen, Freude in (iott in ihre Herzen einziehen lassen. Vielleicht dünkt es manchem zuviel verlangt, an einer Jahreswende, wo so oft Schmelzliches aus der Vergangenheit auf uns einstürmt und die Zukunft ohne Lichtstrahl erscheint, das Herz der Lreiule zu öffnen. Wir begreifen aber leicht, daß Freude in (iott alles andre ist, als Lustbarkeit oder Vergnügen. Schein der Ausdruck der Schrift „chedwa" ist im Unterschied zu „simcha" eine höhere Wonne, eine innere Heiterkeit der Seele. Diese Heiterkeit nannte der edle Denker Hajjim Steinthal einmal den schönsten Ertrag idealer Gedanken, die allmählich unser ganzes geistiges Wesen, unser Denken, Fühlen und Wollen beherrschen und uns innerlich beglücken, auch ohne Glück von außen. Solches Glück will uns die Religion au unserin Feste schenken, indem sie alle unsre Oedanken zum höchsten Weltenlenker emporfflhrt, der auch unser Geschick in treuen Händen hält. Sie will uns damit nicht nur eine zuversiehtlichere Stimmung einflößen, sondern Mut und Kraft, in seinem rHenste nicht zu erlahmen, mag die Welt noch soweit entfernt davon sein, einen einzigen Bund zu bilden, um seinen Willen zu erfüllen. Die Alten lehrten: der Geist Gottes ruht auf dem Menschen nicht im Zustand seiner Trauer, vielmehr in seiner Freude. Selbst ein Prophet wie Elisa, so erinnerten sie uns, war einmal in so schmerzlichen Trübsinn verfallen, daß kein OottcswoH mehr sieh einfinden wollte, bis er sich einen Saitcnspiek r erbat, der vor ihm spielte und seine Seele löste. Auch in den Lehrhlusern, wo das Gesetz erörtert wurde, sollte Heiterkeit zwischen Lehrern und Schülern herrschen. Und wer in der Ausübung religiöser Pflichten anstatt einer Lust nur eine Last sah, also von der „simchas m:/wa" nichts empfand, hatte ihr die Innigkeit und Wärme geraubt. „Dienet dem Ewigen mit Freude" war vielleicht das schönste Psalmwort, das wir einmal a's Inschrift an einem Aron hakodesch angebracht fanden. Daß die Alten sehr wohl den Unterschied der Freude in Gott am Roschhaschono von aller andern Festtagsfreude kannten, bewiesen sie durch die Frage in der Gemara (32b): weshalb wird kein H illel am Roschhaschono gesungen? R. Abahu legt diese Frage d u Engeln in den Mund und läßt Gott selber den Bescheid erteilen: Ein König sitzt auf dem Throne des Gerichts. Bücher der l ebenden und Bücher der Toten sind vir ihm aufgesehlagen; da sol'te Israel Lieder anstimmen'-' Sogar Jörn hakippurim. unser großer SOhnetag, ist ein Festtag der Seele; und manch' einer hat ihn den schönsten Tag seines ganzen Jahres genannt. Dennoch können wir das Gefühl nicht bannen, daß in manchen Jahren die Freude in Gott besonders hart mit Schmerz und Wehmut kämpfen muß und doppelt schwer den Zugang zu unsern Herzen findet. Selbst wenn wir an unser rein persönliches Leid nicht denken, die eignen Sorgen unterdrücken wollten, so umgibt uns doch soviel Leid der Brüder, daß wir nicht unempfindlich bleiben können. Wer hätte gedacht, daß den hoffnungsvollen Siedlungen in Erez Israel

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.