Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 37 (16.9.1938)
- Date
- 1938-09-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Dr. Martha Wertheimer Start in den Optimismus Die jüdischen Sportler in Deutschland haben gegen die Mitglieder ihrer Gemeinden als Gesamtheit eine Beschwerde, die immer wiederkehrt: sie finden, daß bei ihren Wettspielen und Wettkämpfer) die Plätze rings um das Spielfeld oder, die Aschenbahn entlang bei weitem nicht genug mit Zuschauern besetzt sind. Sie beklagen das als einen Mangel an Interesse von Seiten der jüdischen Öffentlichkeit an der Arbeit des jüdischen Sports, als einen Mangel an Verständnis für die Leistung der jüdischen Sportvereine, die sich freilich nicht nur mit sensationellen Torziffern oder mit Maßband und Stoppuhr feststellen läßt. Denn es ist eine volkspädagogische Leistung von Ausmaßen, die wahrscheinlich erst eine Generation nach uns gewertet werden körnten; es ist die Erziehung des jungen Juden und damit des künftigen jüdischen Volks, die da an Traiuiugsabenden auf dem Sportplatz und dem' Turnboden als Weg und Ziel erscheint. Dafür spricht die Erscheinung dieser jüdischen Jugend, die nichts mehr von dem stubcnhockerischcu Typ von einst an sich hat, diese Jugend mit schlanken, hochgewachsenen, durchtrainierten Leibern, mit frischen, offenen Gesichtern, eine Jugend mit Kampfgeist und Disziplin. Wer in den letzten Sommerwochen diese Jugend bei ihren Spielen und Icichtathtctischcn Kämpfen um die Meisterschaften gesehen hat, der hat gelernt, daß die ewigen Klagen um den „Nachwuchs" müssig sind. Denn es erweist sich: wenn die. Vereine auch noch so sehr unter dem Schwund* an Funktionären leiden, wenn Abteilungsleiter auswandern, Trainer und Sportlehrer knapp werden, — aus den Reihen der Jugend, die eben noch selbst erzogen wurde, treten die neuen Erzieher, treten die Mitarbeiter in die Lücke, und die Arbeit geht weiter, solange noch Jugendliche da sind, die Lehrer und Trainer brauchen. Die Erziehung, die da gegeben wird, erfaßt zunächst — wie könnte das hei einer rechten Pädagogik anders sein — den einzelnen, zum mindesten im Ziel, wenn auch der pädagogische Weg, Lehre, Ermahnung, Richtigstellung, Aufzeigen von Fehlern, Hilfen für die Verbesserung der Leistung oft der ganzen Gruppe oder Riege gegeben wird. Gedacht ist dabei aber an die körperliche und charakterlichc Vervollkommnung des einzelnen. Es ist dabei selbstverständlich, daß die allgemein gültigen Begriffe von Sportlichkeit hier im jüdischen Sport ebenso allgemein: gelten, daß man unsere Jungen und Mädel zu sauberen, fairen Menschen erziehen will, die von der guten Leistung da< Refcht zu einem gesunden und fundierten Selbstbewußtsein hernehmen. Nichts stärkt das Selbstbewußtsein so sehr wie ein Erfolg, von dem man selbst weiß, daß er mit harter Arbeit, Selbstüberwindung und Selbstzucht verdient ist. Wir brauchen eine jüdische Jugend mit dem Willen zum Sieg nach einem harten, fairen Kampf, aber auch eine, die eine Niederlage, weil der Gegner besser war, ohne Wimpemzucken hinnimmt, auch nicht den kleinsten Versuch macht, die Leistung des Gegners herabzusetzen, damit die eigene schwächere Leistung damit beschönigt werde. An« ständig unterliegen, ohne dabei Minderwertigkeitsgefühle zu kriegen und die am Ende noch mit einem verkehrten Geltungsbedürfnis zu überschreien, ist das Zeichen des echten, stabilen Charakters und bei unserer, gerade unserer Jugend ein wichtiges Erziehungsziel. Es ist ein Beweis von guter Disziplin, und mit ihr Hand in Hand geht der rechte Gehorsam. Unsere Menschen, die seit Jahrhunderten immer nur Objekt der Geschichte waren, kommen leicht zu einem falschen Begriff von Freiheit, taumeln in ein Sichgehenlassen, sobald Schranken fallen, die vorher um sie aufgerichtet waren. Hier zu erziehen, hier Menschen dahin bringen, daß sie dem erkannten Outen willig dienen, zurückzustehen wissen, wo es um eine Sache geht, die eigene Freiheit am Recht des andern enden lassen und stumm gehorchen, auch wenn sie widersprechen möchten, eben weil es um die Sache geht, das lernt man auf dem Turnbodcn und1 beim Training. Im Sport gibt es keine Diskussionen über Recht und Unrecht, da messen Maßhand und Stoppuhr die Leistung, da fügt man sich dem Trainer — oder man kann mit dem gleichen Maßband und der Stoppuhr die Folgen der Eigenbrötelei und des falschen Geltungsbedürfnisses messen, was man leider auf anderen Gebieten des Lebens nicht kann. Auf dem Sportplatz gilt die Autorität, und man lernt den Mund halten und weiterarbeiten. In diesen Tagen, in denen fast alle unsere Oedanken und der weitaus größte Teil unserer Pläne und unseres Tuns auf die Auswanderung gerichtet ist, erscheinen solche Er/iehungsergcbnisse in einem andern Licht. Sie sind Rüstzeug für unsere Jungen, die mit solcher Disziplin, mit solchem Kampfgeist und der rechten Abschätzung der eigenen Leistung überall den Kampf ums Dasein leichter bestehen werden als andere, die sich die Härte des „Durchstehens" nicht im Sport erworben haben. Hart im Nehmen wird mau nicht nur für den Boxring, die charakterliche Kraft, ein Rennen, auch wenn es aussichtslos scheint, doch zu Ende zu kämpfen und nicht aufzugehen, erwirbt man nicht nur für die Aschenbahn und die Regattastrecke. Das sind auch nicht nur Bilder, die sich im Reden über pädagogische Ziele gut machen, sondern sehr ernste, völlig phraienlote Berichte über unsere eigenen Erziehungserfolge im Sport. Dazu kommt, daß ein guter Sportler überall in der Welt sehr viel leichter Anschluß an neue Kameraden findet, weil er ihnen gar nichts über sich zu erzählen braucht, weil er ihnen weder mit Empfehlungen noch mit Selbstdarlegungen eine Meinung über sich beibringen muß. Sie merken es sehr rasch, wes Leibes und Geistes Kind einer ist — es ist an der Stoppuhr und in der Erregung eines Fußballkampfs zu sehen, es ist zu merken, an der Art, wie einer einen Sieg verträgt oder eine Niederlage anständig verwindet. Aber wir reden hier von judischen Sportlern, von unseren Manschen, die wir liebhaben, die uns jeder ein/ein angehen, weil sie als Gesamtheit die Zukunft und die Erscheinung des jüdischen Volks sind. Wir Juden haben heute wahrhaftig den glühendsten Optimismus, den ei Überhaupt auf dieser Welt gibt, wir glauben an uns selbst, an unser Volk und unser Land, trotz aller Schwierigkeiten. Und wir wissen: überall unter den Völkern, die in Zerrissenheit und ohne kraftvollen Staat leben mußten, hat die turnende und sport- .Ausgabe von Freikarten für den 0olfesdiensl an den hohen Seiertagen ■ Auf Grund der Gesuche um Bewilligung von unentgeltlichen Einlaßkarten zu den Keiertags-Gottesdiensten, wird die Verteilung von Freikarten im Gemeindeamt, Waltar* Blümel-Str. 10, 2. Stock an folgenden Tagen vorgenommen: .MiHiroch. den 2f. September 193«, iiachiiiillags 16 'Uhr Freikarten auf die Namen mit dem .liifanaaburhaiaben A X Aonneralao. den 22. September 1938, tiachinillg. 1~e Wir I reikarien auf die Namen mit dem ./fnfaiigabiirJialabeii M—Z Es wird nochmals darauf hingewiesen, daß im Hinblick auf die große Nachfrage nach Synagogenkarten ein Anapruch auf Zuteilung von Freikarten in einer bestimmten Synagoge nicht anerkannt werden kann. ■ Beschwerden gegen den zugeteilten Platz sind zwecklos. ■ Wie im vorigen Jahr wird auch in diesem Jahr der größte Teil der Freikarten für den Hilfsgottesdienst in der Wochentags-Synagoge der Ez Chaim-Synagoge ausgegeben werden. Es können nur Freikarten zugeteilt werden, für die bereits schriftliche Gesuche im Gemeindeamt vorliegen. Die Auagabetage und Zeiten sind pünktlich einzuhalten. Leipzig, den 13. September 1938. •der f'orsiatid der israelitischen fteligionsgemeinde su £eipsig