Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 36 (9.9.1938)
- Date
- 1938-09-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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UNO NACHRICHTENBIATT DER GEMEINDEVERWAL^ LEIPZIG ABGEMELDET BEIM SONDERBEAUFTRAGTEN DES RFICHSM1N1STERS 9. SEPTEMBER 1938 13. ELLUL 5698 14. JAHRGANG NUMMER 36 Der Kulturbund wirbt Recht betrachtet sollte es nach vierjähriger Arbeit nicht mehr als notwendig erscheinen, die Aufgabe, der der Jüdische Kulturbund dient, zu beleuchten. Dali dies dennoch nicht unterbleiben darf, findet die einzige Erklärung nur in dem Widerstreit, der sich in den jüdischen Menschen unserer Tage gebieterisch geltend macht. Es unterliegt keinem Zweifel, daß Juden für alle kulturellen Werte lebendiges Interesse besitzen, dali künstlerisches Schaffen in jeder Form eine starke Anziehungskraft auf sie ausübt. Beweis dafür ist der Eifer, mit dem Juden die Theater, die Konzertsäle, die Kunstsammlungen aufgesucht haben und mit dem sie die Lindrücke, die sie dort empfangen hatten, wie alle geistigen Bewegungen, die ihnen in Vortragen oder Büchern nahegekommen waren, durch Aussprachen oder Büchcrlcscn zu vertiefen unablässig bemüht gewesen sind. Diesem inneren Verlangen kam der Jüdische Kulturbund bei seiner Gründung entgegen; er wollte in einer Zeit, die die Juden in ihren eigenen Lebensraum wies, durch die von Juden dargebotene Kulturleistung dem naturgegebenen Recht des Juden auf Freude und Erhebung durch die Welt des Schönen genügen. Wenn jetzt, beim Eintritt in ein neues Arbeitsjahr, die Leiter unserer hiesigen Kulturbundarbeit ihren Ruf an diejenigen richten müssen, die noch immer abseits stehen, s > liegt dem nicht etwa bei den jüdischen Menschen eine Preisgabe dieses Sinnes für die Werte der Kultur zugrunde. Viele Hunderte glauben die Aufgaben, die der Tag ihnen aufzwingt, höher steilen zu müssen, ais das Verlangen nach gelegentlicher Hingabe der Gedanken und Gefühle an Eindrücke, die von diesem einen beherrschenden Ziele ablenken. Wir wissen: viele ringen sich nur schwer zu einer solchen Entsagung durch. Sie glauben, es vor sich und ihrer Zukunft nicht verantworten zu können. Zeit und Geld für kulturelle Veranstaltungen zu verwenden. Die zwei oder drei Stunden, in denen sie sich in den Bann einer Veranstaltung ziehen lassen, und die regelmäßigen Mitgliedsbeiträge, die sie zahlen müssen, erscheinen ihnen als Beeinträchtigung ihres Sinnens und Sorgens um ihre Zukunft. Sie glauben, darin einen Genuß sehen zu müssen, den ihnen ihre gegenwärtige Lage unüberhörbar verbietet. Bei allem Verständnis für derartige Erwägungen kann jedoch nicht eindringlich genug vor der Gefahr gewarnt werden, die eine Entscheidung nach dieser Seite in sich birgt. Es ist nicht wahr, daß die Aufnahme kultureller Eindrücke als ein Luxus anzusehen ist: dem, der weitblickend die Erfordernisse des Tages erkennt, erscheint sie vielmehr als eine Lebensnotwendigkeit. Diese Stunden, die uns in eine andere Welt entrücken, andere Zeiten, andere Menschen, andere Lebensschicksalc, andere Landschaften erleben lassen, die uns durch die (icwalt der Harmonien in die reinsten Sphären des Schönen versetzen, machen wertvollste Kräfte wieder frei, nehmen das Gefühl der Enge, weiten das Auge und das Herz und geben ihm dadurch die Frische, mit der allein der Weg aus den Sorgen heraus freigelegt werden kann. Wir wissen es alle, wie oft wir, in der Stimmung des Tages befangen, keine rechte Neigung verspüren, uns nun einer solchen Ablenkung zu überlassen und wie wir dann doch gelöster, befreiter, glücklicher wieder heimkehren, wenn wir uns dazu aufgerafft haben, die Stunde zu nützen. Wer hätte nicht schon dutzende Male dies au sich erfahren: man fühlte sich abgespannt, müde, behauptete, man sei gar nicht mehr aufnahmefähig fiir eine Darbietung, und wenn man dann doch diese Anwandlung von Schlaffheit überwand, fast unmerklich gespannt wurde und unter den Eindrücken, die man in sich aufgenommen hatte, die Entspannung deutlich verspürte, dann pries man die eigene Energie. Das dauernde Sinnen und Grübeln und Sorgen vernebelt den Blick. Die besten Einfälle, die fruchtbarsten Erkenntnisse kommen meist nicht, wenn man alle Gedanken starr auf einen Punkt gerichtet hält. Sie enthüllen sich, wenn man einmal sich selbst vergessen, sich von dem Drucke losgelöst hatte. Wer dies erwägt, kann nicht mehr zweifelhaft sein, daß seine Entscheidung zugunsten des Kulturbundes fallen muß. Konnte man früher von einem naturgegebenen Recht auf Freude sprechen, so muß heute von einer Pflicht zur Freude gesprochen werden. Sie dient der Selbsterhaltung. Oft ist die Frage aufgeworfen worden, wie es verstanden werden soll, daß die jüdische Lehre für gewisse Zeiten die Hingabe an die Freude als eine religiöse Pflicht aufgestellt hat. Heute wird dies auch denen verständlich, die den tiefen Sinn dieser Auffassung in Zweifel gestellt hatten. Unsere Geschichte zeigt, daß die Juden in Erfüllung dieser Lehre sich in Notzeiten früherer Jahrhunderte die Hingabe an die Freude bewahrt haben; sie lehrt aber auch, daß sie gerade dadurch sich fähig gemacht haben, sich KU erhalten. Auch unsere Zeit soll sich diese Lehre zu eigen machen. , )~] Rabbiner Gustav Cohn. Kulturbund?? - Kulturbund!! Mancher unserer Freunde wird meinen, daß in einer Situation, wo die Sicherung der bloßen Existenz mehr als fraglich ist, und fast alle unter uns nach neuen Ländern Ausschau halten müssen, es unangebracht und sinnlos erscheint, wieder einmal vom Kulturbund zu sprechen und auf seine Bedeutung hinzuweisen. Diese Zweifel hören wir oft, wenn wir einen erheblichen Teil unserer freien Zeit und unserer Nerven für die Erhaltung des jüdischen Kulturbundes, seine Programmgestaltung und seinen organisatorischen Zusammenhalt einsetzen. Aber es wäre ein schlechtes Zeichen für das kulturelle Niveau unserer Judcnheit, wenn sie die unabänderliche Liquidation ihrer Position in Deutschland in eine solche Panik ausarten ließe, daß sie in den kommenden, gewiß nicht leichten, Monaten ohne alle kulturellen Bedürfnisse auszukommen vermeinte. Es ist ja nicht der erste Rückzug, den unser altes Volk erlebt — niemals aber gab der Wanderer den Anspruch auf, Träger und Erhalter eines Kulturvolkes zu sein. Auch vor einem Jahre wurden wir von manchem gewarnt, irgendwelche Hoffnungen auf unsere Werbung zu setzen, und doch gelang es uns bis vor einigen Monaten, den höchsten Mitgliederbestand unseres Bundes zu erhalten. Auch die Leistungen konnten sich sehen lassen. Neben dem nun schon als selbstverständlich empfundenen, immer glanzvollen Berliner Operngastspiel hatten wir eine ganze Reihe von Theateraufführungen, die sich überall sehen lassen konnten, von Konzerten und Gastspielen mit auswärtigen und heimischen Künstlern, das viel bejubelte Revuegastspiel der Berliner Jüdischen Kleinkunstbühne unter Max Ehrlich — alle berechtigten Ansprüche einer jeden Geschmacksrichtung wurden nach Möglichkeit — es war nicht immer einfach — berücksichtigt. Denken Sie doch zurück an manch einen „Großen Abend'' — es war doch eigentlich recht unterhaltend im Kulturbund, durchaus mit Niveau, die Ansprüche an das Programm stiegen. Und alles dies durch Juden, Für Juden ... Haben Sie manchmal nachgedacht, wieviel Liebe (und wieviel Ärger oft) an die Organisation und die Vorbereitungen gewandt war, bis der Kulturbund dieses doch recht achtbare Niveau erreicht hatte?! Die Zeiten sind gewiß bitter ern>t geworden, aber wir haben doch im Jüdischen Kulturbund etwas geschaffen oder gefunden, was auch dem Juden, der mit all seiner Energie die Auswanderung betreibt, ein Stück kultureller Heimat geworden ist. Auch im schwersten Zeitpunkt unseres Erlebens wollen und müssen wir den Kulturbund erhalten; und ich schreibe diese Ansicht gewiß nicht vom Standpunkt eines organisatorischen Geltungsbedürfnisses — es ist tatsachlich so! Für jeden Juden, der weggeht, muß ein neues Mitglied geworben werden, damit unsere Kraft nicht erlahmt. Auch der Vorstand braucht die Treue der Mitglieder zu ihrem Bunde — das Gefühl ist notwendig, daß solange als irgendmöglich jede lebenswichtige Organisation für unsere Menschen hier intakt gehalten werden muß, gerade für die, die noch nicht gehen können. Nichts ist heute notwendiger als brüderliches, verständnisvolles Zusammenhalten, der Jude unserer Zeit braucht nach dem schweren Alltag Erhebung und Unterhaltung durch den jüdischen Künstler, der Künstler wiederum braucht das Publikum, um Arbeit und Brot zu haben. Wer wollte entscheiden, wer den anderen nötiger hat?! Wir versuchen auch in diesen Wochen wiederum ein Programm