Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 35 (2.9.1938)
- Date
- 1938-09-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHES GEMEINDEBLATT LEIPZIG 2. September 1038 [ Nr. T Einig«! ausgewählte Beispiele mögen auch dem Nichtfachmann zeigen können, auf welche Weise diese (Charakterbildung im Unterrieht erreicht werden kann. Am wichtigsten hierfür ist der Unterricht in der Geschichte. Unserer Jugend tut not, daß sie die Geschichte unseres Volkes nicht nur als eine Geschichte des Leidens und Duldens ansieht. Sie soll diese Geschichte auch als eine heroisehe empfinden. Die Menschen, die wir in die Welt hinaussenden, werden sich überall unter erschwerten Umstanden zu behaupten haben. Und dafür ist es doch überaus wichtig, ob ihnen die Schule durch einen so aufgefaßten Geschichtsunterricht eine gewisse Harte vermittelt hat. Wir sehen gewöhnlich im mittelalterlichen Juden einen Menschen, der aus einer Verfolgung in die andere herübergeht. Wie falsch das ist, kann an dieser Stelle im ein/einen nicht aufgezeigt werden. Der Heroismus des mittelalterlichen Juden zeigte sich gerade in seiner jüdischen Unerschütterbarkeit. Wenn diese Menschen wandern mußten, und bekanntlich ist das ja immer der Fall gewesen, so kamen sie doch niemals auf den Gedanken, ihrem Judentum untreu zu werden. Man rufe in einer solchen jüdischen Schule in lebendiger Darstellung jungen Menschen jüdische Geschichte vor Augen. Man beschwöre den Cieist der Vergangenheit und zeige ihnen, dall das eine einzigartige Leistung war, unter solchen Umständen die jüdische Substanz durch die Jahrhunderte zu erhalten und zu bewahren, und man wird erreichen, dall ein Schüler, der dies, aus beredtem Munde erfährt, eine Verpflichtung für sich selbst spürt. Wenn auch nicht in so starkem Malle wie der Unterricht in der Geschichte, so kann auch der Unterricht in den anderen Fächern des allgemeinen Wissens zu einer Befruchtung des Charakters beitragen. Ob es sich hierbei um Literaturgeschichte, ob es sich um Lrdkunde oder Naturwissenschaft handelt, all das wird, ohne dall man das Eigenleben der Fächer anzutasten braucht, doch dem von uns gesteckten Ziele dienen können. Es gab eine Zeit, in der man etwa die Erzählungen der Bibel so ein wenig von oben her ab fromme Märchen sbzutun gewöhnt war. Welch neue Ausblicke lassen sich herausarbeiten, wenn man etwa die biblische Darstellung der Sintflut mit den neuen Theorien über die Entstehung des Mittelmeers zusammenbringt! Gewiii, für die Wahrheit unserer Thora mag dies belanglos erscheinen, aber für die jugendlichen Menschen ist es doch nicht ohne Bedeutung, zu erkennen, dall das. was unsere Väter seit Jahrzehnten geglaubt haben, auch in der modernsten Wissensehaft seine Unterbauung findet. Mag es mit diesen Andeutungen genug sein, die Einzelheiten dürften ja auch mehr die Fachleute interessieren. Ein Volk, das wie das unsere zerstreut unter den anderen Völkern lebt, kann sehr leicht schwere Wunden an seiner Seele davontragen. Die Unsicherheit mancher Juden folgt gleichmäßig; aus dem Gefühl ihrer scheinbaren Minderwertigkeit und aus einer Überheblichkeit, die letzlich aus der gleichen irrigen Annahme herstammt. Der Menschentyp, der uns heute als der ideale vorschwebt, wie er aus einer solchen jüdischen Schule hervorgehen kann, soll in gleicher Weise fern sein von Anmaßlichkeit wie von Unterschätzung der eigenen Art. Vor unseren Augen steht ein neuer Typ jüdischer Jugend, kein Trutzjudentum, auch kein Muskcljudentum, gewiß ein sportlich ertüchtigtes Judentum, aber auch ein Judentum, das den Kämpfen, die das Leben nun einmal bringt, nicht mit Klagen gegenübersteht, das sich nicht bemitleidet und nicht bemitleiden Hißt, ein Judentum, das im Kampfe um sein Dasein dieser kämpferischen Bestimmung der Menschen gerecht wird, das in gleicher Weise aut seine Vergangenheit stolz ist, seine Gegenwart mit Würde erträgt und auf eine Zukunft hofft. Barnet Licht Abraham Zwi Jdelsohn Soeben werden wir von der Nachricht erschüttert, daß der bedeutende Musikgelehrte Abraham Zwi Idelsohn in Johannesburg in Afrika plötzlich verschieden ist. Uns Leipziger Juden berührt das Hinscheiden dieses Mannes besonders, denn mit unserer Stadt ist sein Name aufs engste, verknüpft. Idclsohn besuchte das Leipziger Konservatorium und war Schüler auch meines hochverehrten Lehrers Prof. Salomon Jadassohn; viele von Idelsohns Werken wurden von Leipziger Musikverlegern herausgegeben. Auf das innigste verbunden ist er mit dem sehr beliebten, ehrwürdigen OlxTkantor unserer Gemeinde, Herrn Hillel Schneider, mit dessen Tochter sich Idelsohn 1002 vermählte. Der Name Idelsohn gehört zu den ersten der großen Musikwissenschaftler, vor allem auf dem Gebiete der jüdischen Musik ist er der bedeutendste lielehrte unserer Zeit. Um eine gründliche wissenschaftliche Würdigung seiner Werke zu geben, wurde bei deren Vielseitigkeit ein ganzes Buch zu schreiben sein, es soll darum hier nur ein Umriß seiner Entwicklung und seines überreichen Schaffens gegeben werden. Abraham Zwi Idelsohn wurde am 14. Juli 1882 in Filzburg Ihm Linau (Kurland) geboren. Lr besuchte die höhere Deutsche und Hebräische Schule, wurde von seinem Vater im Talmud unterrichtet und zeigte schon in frühester Jugend große Liebe zu Musik und Gesang. Lr trat in Libau in den Synagogenchor ein, später ging er naen Königsberg in den Synagogenchor zu Eduard Bernstein, wo er gleichzeitig das Kantorenfach studierte. Um seine Musikkenntnisse zu vertiefen, ging Idelsohn nach Berlin ans Stern'sche Konservatorium, wo sich Prof. S. Jadassohn seiner im besonderen annahm. Er nahm eine Berufung als Kantor nach Johannesburg (Südaffrika) an. doch da sein stärkstes Interesse der Forschungsarbeit auf speziell orientalischem Musikgebiet galt, fand er in Johannesburg nicht das Arbeitsfeld, das er suchte. Fr begab sich 1006 nach Jerusalem, und hier konnte er sich voll und ganz, in seinem 16 jährigen Aufenthalt, seiner großen Lebensaufgabe zuwenden. Seine musikalische Forschungsarbeit fand reichen Boden in den Überlieferungen der vielen jüdischen Stämme, die sich hier erhalten hatten und in engen Gemanschaffen ihren eigenen Gottesdienst hielten. Da lebten Juden aus Persien, Syrien, Mesopotamien, Buchara, Marokko, Italien, Deutschland, Polen, Yeinen, Balkan, Daghestan, Qalizien, Litauen und Ungarn, die ihre traditionellen liturgischen Gesänge streng hüteten. Alle, auch die kleinsten Abweichungen in den Motiven sammelte er und hatte dabei oft mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. F.r legte hier die Grundlage zu seinem großen Werk, die liturgischen Gesänge, die Volksweisen, die Gesänge der Chassidim, der Aschkenasim, der jüdisch-deutschen Volkslieder, wissenschaftlich zusammenzufassen. Mit seinem Werk „Hebräisch orientalischer Mehnli enschatz" (12 Bände) ha! sich die jüdische Musik einen Plata in der wissenschaftlichen Musikgeschichte erobert Er reiste in mehrere Länder, England, Amerika, Deutseliland und l isten eich, um uber seine Sammlungen Vorii ige zu halten; und da er einer der ersten war, der seine Forschungsergebnisse aus lebendigen Quellen (nicht aus Büchern) schöpfte, erregte er damit großes Aufsehen. AK er 1023 eine zweite große Vortragsreise durch ganz Nordamerika machte, fanden seine Ausführungen solch begeisterte Aufnahme, daß man ihm 1924 in Cincinnati am „Hebrew Union College" einen Lehrstuhl für „Jüdische Musik" errichtete. Hier wirkte er mit seinem großen Wissen und entfaltete in seinen Vorlesungen eine segensreiche Tätigkeit. Erweitert wurde dies durch seine Erfolge als Komponist. Die amerikanischen Juden gaben ihm den ehrenvollen Auftrag, den musikalischen Teil des Gottesdienstes zu verbessern und neue Synagogengesänge zu schaffen. Schon während seiner Kantorcutätigkcit in Jerusalem, wo er den ersten gemischten (-bor gründete, komponieitJ er sehr wirkungsvolle synagogale Gesänge für Kantor und Chor, die er unter dem Titel „Sehire T'filla" herausgab. Ein großes Verdienst hat sich Professor Idelsohn auch damit erworben, daß er sich mit besonderer Liehe des jüdischen Kindergesanges angenommen hat. Er gab eine umfassende Sammlung hebräischer und deutscher Lieder für Schulen heraus; auch ein Singspiel „Erntefest-Sukkothfeier" für Kinder, außerdem viele hebräische und deutsche Lieder. 1922 komponierte er eine Oper in hebräischer Sprache, „Jephta", zu der er den Text selbst verfaßte. Neben dieser überaus umfangreichen Tätigkeit bat sich Idelsohn auch schriftstellerisch an vielen Musikzeitschriften betätigt. Bis vor kurzer Zeit hat der große Gelehrte seine Wirkungsstätte am „Hebrew Union College" in Cincinnati innegehabt, bis er krankheitshalber wieder nach Johannesburg übersiedelte. In Abraham Zwi Idelsohn verliert das Judentum einen seiner großen Männer! Das Werk der Jugendalijah: 3000 Jugendliche in Palästina Die Jugend-Alijah hat bekanntlich innerhalb der gültigen Einwanderungs-Schedule Zertifikate ohne numerische Beschränkung erhalten. Dadurch ist es der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugend-Alijah möglich, bis zum 1. Oktober 1038 etwa 800 Jugendliche zur Alijah zu bringen. Bis jetzt sind bereits 167 Jugendliche nach Palästina ausgewandert, und zwar folgende Gruppen: nach Ciewa 20 Jugendliche in das Ahawah-Heim 25 in das Iwdi-Heim 12 „ nach Kfar Jecheskel 50 „ nach Ain Charod 60 „ Im Laufe der Monate August und September werden noch etwa 500 Jungen und Mädchen nach Palästina kommen, und zwar folgende Gruppen: nach Merchawia 25 Jugendliche nach Kirjath Anawitn 30 ,. Ausgabe der Synagogenkarten Die Erneuerung der Synagogenkarten findet vom 15. August bis 9. September 1938 in der Zeit von 9,30—12,30 Uhr im Gemeindeamt, Walter-Blümel-Straße 10' statt. Karten, die nicht reditzeitig abgeholt sind, werden anderweit vergeben. Eine schriftliche Erinnerung erfolgt nicht. Leipzig, den 5. August 1938. Der Vorstand der israelititischen Religionsgemeinde zu Leipzig