Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1938-09-02 · 35 (2.9.1938) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
14 (1938)
Issue
35 (2.9.1938)
Date
1938-09-02
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/6492399-5968792-5990725--401-4880659
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

ÜND NACH R1CHT EN BIATT DERGEMEINDEVERWA1/ iUNG DE R ISRAELI TISCH E N RELIG10NS6EM El N DE ZU LEIPZIG AN6EMELPET BEIM SONDERBEAUFTRAGTEN DES REICHSMINISTERS 2. SEPTEMBER 1938 6. ELLUL 5698 14. JAHRGANG NUMMER 35 An unsere Gemeindemitglieder! In das Dunkel dieser Tage, in denen die jüdische Gemeinschaft angesichts ihres immer enger werdenden Lebensraumes vergeblich nach ausreichenden Möglichkeiten der Auswanderung Ausschau hält, und die Ergebnisse der Konferenz von Evian noch nicht zu greifbaren Erfolgen geführt haben, leuchtet ein Strahl der Hoffnung: die Jugendalijah unserer Kinder nach Erez Israel geht in unverändertem Tempo weiter. Gerade unsere Gemeinde, die ein unverhältnismäßig großes Kontingent von Jugendlichen für die Jugendalijah stellen durfte, ist diesem segensreichen Werk auf's Engste verbunden. Wir wissen, daß hier unseren Kindern eine Möglichkeit geboten wird, sich im zarten Alter und gleichsam spielend in die mannigfaltige Problematik eines Lebens im l^ande der Väter einzugliedern, wo sie zu lebenstüchtigen und lebensfrohen Menschen erzogen und für ein hartes, aber, vom Willen zu Aufbau und Erneuerung erfülltes jüdisches Leben vorbereitet werden. Der Name der greisen Henriette S z o 1 d , dieser herrlichen Frau, die sich die Betreuung der aus Deutschland stammenden Jugendlichen zur Lebensaufgabe gesetzt hat, ihr hohes Pflicht- und Verantwortungsgclühl nürgen dafür, daß die Erziehung der Kinder in beruflicher, harakterlicher, jüdischer Hinsicht so geleitet und gefördert wird, wie es den Interessen der Jugendlichen, ihren Eltern und der jüdischen Gesamtheit entspricht. Im Rahmen des gültigen Einwanderungskontingents hat die britische Mandatsregierung der Jugendalijah diesmal außergewöhnliche Möglichkeiten eingeräumt, in dem sie ihr Z er t ifikate ohne numerische Beschränkung zugesagt hat. Diese bevorzugte Regelung macht es der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendalijah möglich, unter Berücksichtigung der z. Zt. in Palästina vorhandenen Ausbildungsplätze bis zum 1. Oktober 1938 insgesamt S00 Jugendliche zur Einwanderung nach Palästina zu bringen, von denen bereits 167 Jungen und Mädchen die Alijah angetreten haben. Der großen Bedeutung dieser Sache entsprechend, wird unsere Gemeinde einen Gemeindrabend am Montag, den 5. September 1938, 20.30 Uhr, im Kulturbunds aale des Battenberg-Theaters (Tauchaerstr. 32) veranstalten, der der Darstellung der Probleme der Jugendalijah gewidmet sein soll. Nach einleitenden Worten des Gemeindevorstehers, Herrn Carl Goldschmidt, Leipzig C 1, Humboldtstr. 9, und einem Bericht von Frau Czaczkcs, Leipzig C 1, Humboldtstr. 2. die soeben aus Palästina zurückgekehrt ist über ihre Eindrücke von der Jugendalijah, spricht Herr Dr. Georg Lubinski. Berl in-Charl., Kantstr. 158 von der Reichsvertretung der Juden in Deutschland über „Jugendalijah". Zu dieser Kundgebung sind die Mitglieder unserer Gemeinde herzlichst eingeladen. Leipzig, im August 1938. Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. Dr. Willy Cohn, Studienrat a. D. Die Judische Schule als Stätte jüdischer Charakterbildung Auch vor «lern Umbruch haben wir im Deutschen Reich schon jüdische Schulen besessen. Unter ihnen kann man deutlich zwei verschiedene Typen unterscheiden, auch wenn man von der religiösen Richtung absieht. Einmal gab es Schulen, die lediglich jüdische Schüler und jüdische Lehrer vereinigten, deren Lehrziel aber ausichlicbikh das Lehrziel der allgemeinen Untcrrichtsanstalten war rnd die sich von diesen Unterrichtsanstalten lediglich dadurch linterschieden, da II in ihnen judischer Religionsunterricht erteilt wurde. Die anderen jüdischen Schulen waren Schulen, die schon damals aus dem Gedanken heraus entstanden, daß für den jungen jüdischen Menschen eine gründliche jüdische Durchbildung in der /.eit seines Werdens unbedingt notwendig sei. Diese Schulen enttandeu gänzlich unabhängig von luderen Bedingungen, nur aus tidischen Begebenheiten heraus. Es ist bekannt, dall in judischen Kreisen diese Schulen auf starke Gegnerschaft stießen. Vor welche jüdisch-erzieherische Situation stellt uns nun die Gegenwart? Dürfte es denkbar sein, die Schulen des erstcren Typus in unveränderter I orm weiterzuführen, oder ist es notwendig, ihre erzieherische Grundlage umzudenken? Sind wir nicht innerlich verpflichtet, aus 'licsem mehr oder weniger äußerlichen Zusammensein jüdische! I einer und jüdischer Kinder eine wahrhaft jüdische Gemeinschaft herzustellen? Diese Trage heute aufwerfen, hcilit sie bedingungslos bejahen. Unsere Zeit verlangt, daß ein jüdisches Geschlecht erzogen wird, welches wirklich in seiner geistigen Haltung durchaus ungebrochen ist. Man mag über jene jüdische Schule, die der Lmanzipationszeit voranging, denken wie mau will. Lins ist sicher, dall sie die Menschen zu ungebrochenen Juden erzogen hat. — Und das ist dasjenige, was auch heute wieder notwendig ist. In welchen Lächern auch immer ein jüdischer Lehrer in einer jüdischen Schule zu wirken haben wird, Grundlage muH bleiben, daß er selbst in seinem Judentum tief verankert ist. Ein Teil der Kinder, die heute auf jüdischen Schulen innerhalb tles Reiches ausgebildet werden, wird seine Zukunft in Lrez Israel finden. Ein anderer Teil wird in andere Länder gehen. Vom jüdischen Standpunkt aus ist uns um diejenigen am wenigsten bange, die in das Land der Väter heimkehren. Aber wir müssen auch verhindern, daß die andern hinausgehen, ohne eine wirkliche Fundierung im Judentum gefunden zu haben. Hier trägt die jüdische Schule eine gewaltige Verantwortung für die Zukunft unseres Volkes. Wir brauchen Juden, die auf ihr Judentum stolz sind und die in ihm eine stolze Aufgabe sehen und eine Verpflichtung aus ihm spüren. Demjenigen, der als Laie einer solchen jüdischen Schule begegnet, fällt es zunächst auf, dal! in ihr ein judischer Religionsunterricht nicht mehr stattfindet. Diese Form des Religionsunterrichtes stellte wohl auch nichts anderes dar als eine Ausgleichung an die Lebensformen der Umwelt. In einer solchen jüdischen Schule, in der alles auf das gemeinsame Erleben des Judentums abgestellt ist, steht im .Wittelpunkt des Unterrichts die wöchentliche Besprechung des Tnoraabschnittes, die die Grundlage des jüdischen Jahres vermittelt. Das jüdische Lest ist etwas, das im Erleben der Kinder einer solchen Schule systematisch vorbereitet wild. Wie pft kann man erleben, daß von den Kindern auch neues jüdisches l eben auf die Elternhäuser zurückspringt, daß Litern von dem jüdischen Werden ihrer Kinder erschüttert, versuchen, das Versäumte eines laugen Lebens wieder gutzumachen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.