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Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1938-08-05 · 31 (5.8.1938) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
14 (1938)
Issue
31 (5.8.1938)
Date
1938-08-05
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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liND NACHRICHTEN BIATT DER6EMEINDEVERWAL' LEIPZIG A^GEMELPET BEIM SONDERBEAUFTRAGTEN DES REICHSMINISTERS IVMMl UND PROPAGANDA BETR.ÜBERWACHL1 NG DER i 5. AUGUST 1938 8. AW 5698 14. JAHRGANG NUMMER 31 Einigung. Zum Tisch'oh b'Aw. Mit lebhafter Genugtuung begrüßen alle, die nur irgend mit \ngclcgennciten des jüdischen Lebens befaßt sind, die Nachricht «Mi der Gründung des Reichs Verbandes der Juden in Deutschland. Damit wird ein Plan Wirklichkeit, der seit Jahrzehnten die Gedanken aller weitblickenden Juden beschäftigt hat. Ist auch das eine zu bedauern, daß er erst jetzt Oestalt gewinnt, so :nuß doch der Freude Ausdruck verliehen werden, daß er wenigstens jetzt feste Form erhalten kann. Aber diese Freude muß mit der Erkenntnis verknüpft werden, daß es mit der Gründung des Reichsverbandes nicht sein Bewenden haben darf, daß er vielmehr -.eine Festigung in dem uneingeschränkten Willen aller erfahren muß, ihn als ein Instrument der Einigung und der stärkenden Einigkeit zu pflegen. In diesen Tagen erinnern wir uns wieder des Zusammenbruches indischer Staatsgcschlossenheit, der Zertrümmerung des Tempels als der zentralen Stätte jüdischer Gottesverehrung. Es ist oft genug festgestellt worden, daß die Zerstreuung der Juden in die verschiedensten Länder nicht erst mit dieser jüdischen Katastrophe ihren An- 'ang genommen hat: schon seit der ersten Vernichtung des Tempels, ja noch früher, haben Teile des jüdischen Volkes außerhalb des jüdischen Landes gelebt. Die Zahl größerer jüdischer Siedlungen in imlercn Ländern hat sich während der Zeit des zweiten Tempels stark vermehrt: in Ägypten und in Kleinasien, in Alexandrien und in 'vom bestanden stattliche jüdische Gemeinden, und auch in den römischen Niederlassungen am Rhein hatten Juden ihre Stelle. Aber wo immer auch Juden lebten: Palästina blieb ihnen das jüdische i and, die Heimat, Jerusalem mit seinem Tempel blieb der Mittelpunkt, dem sie sich zugehörig fühlten. Wenn sie beteten, dann vereinigte sich ihre Andacht mit dem aufsteigenden Rauch der Opfer les Altars; denn sie wußten, daß zur gleichen Zeit die Priester im Tempel den täglichen Dienst verrichteten, und daß die Opfer als olche aller Juden aller Länder gebracht wurden. Und venn die Abgesandten Jerusalems kamen, dann gab man ihnen in illcn Ländern, aus dem Bewußtsein der Einheit heraus, die diu in Zerstreuung lebenden Juden mit denen im jüdischen Lande umchloß. Das alles verfiel, als die römischen Legionäre die Brandackel in den Tempel schleuderten, als die schützenden Mauern der ls unbezwinglich erachteten Zionsstadt zusammenbrachen. Darin liegt die furchtbare Katastrophe, die mit dem 9. Aw das jüdische Volk traf, daß nun die Zerstreuung zur Galuth wurde; den Kindern war das Haus genommen, das sie immer wieder brüderlich zusamment eschmiedet gehalten. Es ist gewiß aus der Tiefe jüdischen Empfindens heraus zu er- I lären, wenn die Überlieferung die Ursache für die ganze Tragik vieses Zusammenbruchs in der Uneinigkeit zweier Familien, des I amza und des Bar Kamza, erblickt. So drückt sich die Erschütterung .ii>er die Tatsache aus, daß der Sturz* der starken Feste Jerusalem /mündest beschleunigt wurde, weil in der belagerten Stadt, ■ igesichts des waffenstrotzenden Römerhecrcs, der Eigensinn der 1 arteien nicht schwieg, weil das Bewußtsein der Verantwortung für dal ganze Volk nicht vermochte, die Leidenschaft zu bändigen, mit .1 r man seine eigene politische Idee vertrat. Es ist den Nachfahren n cht gegeben zu entscheiden, wie die Dinge sich entwickelt haben wurden, wenn eine Voraussetzung anders gewesen wäre, als es tat- Ü ehlich war; ob etwa Jerusalem hätte gehalten werden können, wenn n cht die aufgespeicherten Getreidevorräte mutwillig verbrannt worden wäicn, um den Kampfwillen zu steigern. Man mag überzeugt sein, 0a8 den kriegsgeübten Legionen auch die Zionsfeste auf die Dauer nicht hätte widerstehen können. Und dennoch ist es begreiflich, wie »■•geheuer niederbeugend der Gedanke war, daß auch in der Notzeit Mhwenter Belagerung politische Engstirnigkeit den einigen Willen jfcr Verteidigung zerbrechen konnte, daß nicht alle, restlos alle K'äfte sich einmütig zusammenfanden, um in der Verbindung die »ü'-'in mögliche Gewahr für eine Sicherung der Zukunft zu schaffen. In der Bewahrung jener Sage von den» Hader des Kamza mit w Kamza wurde die geschichtliche Forderung nach Mäßigung aus- Reichsverband der Juden in Deutschland Am 27. Juli ist hei einer Tagung des, Rates der Reichsvertrctung in Berlin die Gründung des Rcichsvcrhandes der Juden in Deutschland beschlossen worden. Der Beschluß wurde in nachstehender Resolution niedergelegt: „In dankbarer-Würdigung der Tatsache, daß die Einigung der Kräfte des Judentums in Deutschland wie die Zusammenfassung seiner Mittel nun weiter zum Ziele hingeführt worden ist, sind Präsidialausschuß und Rat über folgende Grundlage und Richtung der gemeinsamen Arbeit einig: Die für die Juden in Deutschland und ihre Gemeinden beschlossene neue Satzung hat die Autorität der Reichsvertretung und die darin gegebene einheitliche Fuhrung von neuem bestätigt. Die ernstesten Aufgaben liegen vor uns. In einer Lage, die seit Jahren auch in der. an Prüfungen reichen Geschichte unseres Volkes kaum ihresgleichen hat, haben wir uns nicht ohne Erfolg darum bemüht, das drohende Gespenst des Chaos zu bannen. Allem, was auf uns eindrang, haben wir unser (iottvertrauen und unsere Selbstachtung entgegengesetzt. Die Aushöhlung unserer Existenz haben wir mit der planmäßigen Erziehung und Schulung, mit der Vorbereitung zur Wanderung nach einer Stätte aufbauender Arbeit beantwortet. Wir haben eine innere Ordnung aufgerichtet und neue Formen der seelischen und materiellen Selbsthilfe erschlossen. Der Reicht verband wird alles daranzusetzen haben, diesen Weg fortzuführen und weitere Möglichkeiten zu finden. Aber es kann auch kein Zweifel darüber bestehen, dall dieser anhaltenden außerordentlichen Anspannung aller Kräfte ihre Grenzen gesetzt sind. Immer enger ist der Bereich unseres Daseins geworden. Die Ausschaltung aus Beruf und Wirtschaft gibt den größten Teil der Juden in Deutschland einer dauernden Arbeitslosigkeit preis. Unsere Kräfte drohen zu versagen. Wir dürfen darum nach dem Beistand ausschauen. Wir vergessen keinen Augenblick, daß eine um Frieden und Sicherheit bangende Welt nicht ihre ganze und stete Aufmerksamkeit uns zuwenden kann. Wir vergessen nicht, daß aucl» in anderen Ländern unsere Brüder ihre schweren Sorgen und ihre Not kennen. Aber wir dürfen für uns doch das, was uns gewährt zu werden vermag, erwarten: die Öffnung von Grenzen für Reihen von Menschen in geregelter Einwanderung, einen baldigen Plan der Erstellung von vorübergehenden Notsied lungen für arbeitskräftige Gruppen. In uns lebt die Sehnsucht nach einem opferbereiten Leben in der freien Luft der Welt. In uns ist der Wille, unser Dasein mit Werken eines friedlichen Auf bans zu verbinden. Mögen diese Worte in vorgerückter Stunde weithin gehört werden!" geprägt, die sich die Juden in Rücksicht auf das Ganze in der Verfolgung ihrer jüdisch-politischen Gedankengänge auferlegen sollten. Wie viele wertvolle und wichtige Planungen sind daran gescheitert, daß diese Lehre des L'ntergangs Jerusalems so oft unbeachtet blieb. Die Bestrebungen zur Schaffung eines Gesamt/usammcnschlusses der Juden in Deutschland sind ein Beleg dafür. 1860 wurde — in Leipzig, auf Initiative des Leipziger Gemeindevorstehers Moritz Kohner — der Deutsch-Israelitische Gemeindebund begründet. Er sollte die Tausende von jüdischen Gemeinden zu einem Ganzen binden, um eine Reihe von Aufgaben zu lösen, die über den Rahmen der einzelnen Körperschaften hinausreichten, beispielsweise jüdische Einrichtungen für geistig Zurückgebliebene u. ähnl. zu schaffen, und um die kleineren Gemeinden instand zu setzen, ihren Obliegenheiten gerecht zu werden: Gottesdienst und Religionsunterricht, indem ein Lastenausgleich herbeigeführt wurde. Die kleinliche und engherzige Haltung einiger Hundert Gemeinden verhinderte, daß der Ring geschlossen wurde. Das gleiche Schicksal erfuhren 1904 der Verband der Deutschen Juden, und in den folgenden Jahren und Jahrzehnten alle Versuche, zu einer Gesamtorganisation der Juden zu gelangen.

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