Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 29 (23.7.1938)
- Date
- 1938-07-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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MDNACHWCHTENBIAIT OERGEMEtNDEVERWAL^ NGDERISRAatTISCHEN REU6I0NS6EME1NDEZU LEIPZIG ABGEMELDET BEIM SONDERBEAUFTRAGTEN DES RFICHSMIN1STERS FÜRVOLKSAUFKIARUN6 UND PROPAGANDA ^.ÜBERWACHUNG DER GEISTIG UND KULTURELLTÄTIGEN JUDEN IM DEUTSCHEN REICHSGEBIET 23. JULI 1938 24. TAMUS 5698 14. JAHRGANG NUMMER 29 Dr. Martha Wertheimer, Berlin: Schibbolet Die einfache hebräische Vokabel für das Wort Ähre, „Schibbolet", t in unsere Geschichte eingegangen, weil ihre Aussprache einst, n Kampf Jeftas gegen die Söhne Efrajims, mm Erkennungsnd Loszeichen geworden war. Die aus Efraim konnten das Schin des Anfangs nicht als Zischlaut, sondern nur wie ein S ausprechen, und daran erkannten ihre Verfolger, Jeftas Krieger aus iilead, ob sie Freund oder Feind vor sich hatten. Ein Schibbolet hat seitdem im Leben der Juden noch öfter eine Rolle gespielt, und im Leben der Juden in Deutschland im letzten Menschenalter war solch ein Schibbolet für manchen Aufstrebenden in schweres Hindernis; diejenigen, mit denen er zu tun hatte, verlangten das Loszeichen, mit dem sie ihre Zugehörigkeit zu einer bctimmten Gesellschaftsklasse oder den Höhestand ihres Vermögens usweisen sollten. Der Doktortitel war solch ein Schibbolet des Kastengeistes unter uns Juden geworden, — und besonders die Frauen egten Wert darauf, damit ihren gesellschaftlichen Rang als ..Frau Doktor" darzutun — und wenn ein Unbekannter in einem gutbürgerichen jüdischen Kreise auftauchte, wurde das Schibbolet mit Zahlen >enannt, und sein Gewicht empfing es von dem Begriff des Versorgtseins. Das Schibbolet bekam Namen von Vereinigungen, von Klubs, von Familien, es war immer da, so oder so, und wer das Losungs- /eichen nicht trug, der hatte es schwer. Gewiß, Tüchtigkeit setzte und setzt sich am Ende immer durch, das glauben wir auch, aber >hne Schibbolet hatte sie es schwerer, schwerer oft als Unbegabtlieit mit einem Schibbolet. Zu der Erkenntnis dieser vergangenen Dinge, vor der wir uns nicht scheuen sollen, denn nur die Fehler, die man erkannt hat, kann nan in der Folge vermeiden und bessern, zu dieser Erkenntnis gesellt sich die Hoffnung, daß es sich unter uns Juden in Deutschland nun anders lebe. Auch die sehr Fernstehenden, auch die Juden am Rande, hat das gemeinsame Schicksal erfaßt, und willig oder unwillig, sie haben als ihr Schibbolet von heute das Judesei n zu betrachten. Die Güter, die einmal Mittelpunkt des Urteilcns und der Lebensbedingungen waren, Geld, Titel, Berufsautsticg, sind gegenüber den lieißigen, geschickten Arbeitshänden unwichtig geworden. Man hat eine bedeutend andere Auffassung vom Handwerk als Beruf, von Landwirtschaft als Aufgabe gewonnen. Sicheningen für die Zukunft sehen Elternaugen heute bei Kindern und Schwiegerkindern nicht mehr in der Mitgift oder der Stellung, sondern im persönlichen Können und Leisten, in Fertigkeiten, die den „normalen Berufen" angehören, das heißt, denen, die überall und von jedem Volk zuerst gebraucht werden, in den Berufen, die mit Nahrungsbeschaffung, Kleidung, Bau und Gewerbe zu tun haben. Dazu kommt — oder muß man schreiben, „käme?1 — das Schibbolet des Judeseins, das in allen I ebensumständen die Kraft erschließt, einer Gemeinschaft verpflichtet anzugehören, das den Frieden der klaren inneren Einstellung gibt und die Stütze unserer Geschichte und Überlieferung. Keiner von uns, der sich dem Zauber dieses Loszeichens entziehen kann, wenn er im andern den Juden erkennt, den Bruder seines Schicksals, den Mensrhen seines Volks. Es wäre wundervoll, wenn das Schibbolet „Ich bin Jude" wirklich von solch allgemeiner und breiter Wirkung wäre, wie wir es hier zu schildern versucht haben. Die jüdische Wirklichkeit in Deutschend sieht aber, obwohl vieles von dem eben Gesagten wahr ist, kider etwas anders aus. Das Schibbolet „Ich bin Jude" hat mit den Jahren seine stützende, befriedende Kraft zum Teil eingebüßt. Und mitten im gemeinsamen Schicksal haben sich so allerlei kleine Teil- Schibbolim herausgebildet, die aber offenbar die unselige Kraft haben, zu Trennungszeichen zwischen Juden und Juden zu werden. Auch dies eine Erkenntnis, vor der wir uns nicht scheuen dürfen. Vogel-Strauß- Politik können wir uns im innerjüdischen Leben in Deutschland nicht leisten, denn unserer Generation ist die Aufgabe zugefallen, anständig und ehrlich zu liquidieren, und wer von uns in andere Länder der Welt hinaus geht, muß es im jüdischen Bewußtsein tun, mit der vollen Wucht der sittlichen und geistigen Argumente für sein Judentum und damit für sich selbst und seinen inneren Frieden. Trennungsstriche zwischen Jude und Jude, und seien sie noch so leicht, werden von den Unsern wie schmerzliche Enttäuschungen empfunden, und die Bitterkeit über eine unbrüderliche Haltung und Handlung wächst sich leicht zu einer Erbitterung aus, die die Atmosphäre in unseren Gemeindehäusern und den Büros der Vereine bedenklich verschlechtert. Solch ein Sthibbolet ist zur Zeit das, was man so „Beziehungen" nennt. Schon hat sich wieder die Meinung unter unseren Menschen gebildet, man könne ohne „Beziehungen" nichts erreichen, nichts bei der Beschaffung der Auswanderungspapicre, nichts bei der Erlangung einer Stelle, nichts sogar bei dem Wunsch nach maßgeblichen Auskünften. Und da das „Semper aliquid haercr" menschlich allgemein befunden wird, da in den Gedanken und dem Verhalten der Leute, die einen solchen Verdacht gleich mitbringen, sich Mißtrauen befindet und ausdrückt, ist die Klarheit der Verhandlungen und die Güte der Meinung voneinander von vornherein gefährdet. Wer also auf einem Posren sitzt, der ihn, in die Lage bringt, einem Fragenden oder Bittenden etwas bewilligen zu sollen, muß in seinem Verhalten doppelt vorsichtig sein, muß gerecht und sachlich bis in die Kleinigkeiten bleiben, damit ja nicht die Auffassung entstehen kann, dem Bittsteller habe die „Beziehung" gefehlt. Es ist immer gefährlich, für andere Menschen ein Ja oder Nein aussprechen zu müssen, mit dem gewichtige Entscheidungen verbunden sind. Um so weniger darf eine solche Position dazu führen, daß man aus noch so guten Gründen — Zeitmangel, Überlastung, Übermüdung sind solche Gründe i— mit dem Besucher ungeduldig verfährt, eine Sache liegen läßt und hinauszieht, Briefe erst nach Wochen beantwortet und dergleichen mehr; alles Dinge, die sich leicht in eine Sachbearbeitung hinein einschleichen. Noch weniger aber darf es dazu führen, daß man auch nur im leisesten Gedanken bei sich selbst, sich für etwas Besseres, etwas Überlegenes hält, zu der Arbeit und Leistung nun auch ein gewichtiges Auftreten fügt, dieses leichte Sichspreizen und Getue, das der Könner niemals nötig hat, also alles das, was man so das „sich umgeben" nennt. Schlimmste Erscheinung aber ist es, daß man aus Bequemlichkeit, um ein Nein, um eine klare Stellung zu vermeiden, zum Jain-Sager wird, daß man Menschen, die heute ja vielfach von der Hoffnung her leben, Versprechungen macht und dabei schon weiß, daß man sie niemals halten kann oder wird. Wir können es uns nicht leisten, in unserer jüdischen Gemeinschaft irgendein anderes Schibbolet aufkommen zu lassen als die erlaubte, die geforderte Losung „Ich bin Jude". Von dieser Losung heikommt uns das Bewußtsein der rechten Verantwortung, des Gefühls brüderlicher Liebe, das alles tut, um dem andern, der ohnehin geschwächt ist, Zweifel und Bitterkeit zu ersparen. Unser Schibbolet kann weder „Beziehung" noch Geld oder Stellung sein, unser Erkennungswort ist in der Stunde der Erwählung Abrahams ausgesprochen worden, als er zum Anfang eines Volks bestimmt wurde: Gerechtigkeit und Recht. Auf diesen Tugenden ruht die Verheißung, und sie im Leben unserer Gemeinschaft vertun, heißt das heilige Erbe der Väter verschleudern. Zur Konferenz von Evian Die Reichs Vertretung der Juden in Deutschland teilt mit: Wie bereits bekanntgegeben worden ist, waren während der Auswanderungs-Konferenz Vertreter der jüdischen Wanderungsorganisationen in Deutschland unter Führung der Reichsvertretung mehrere Tage in Evian anwesend, nämlich das geschäftsführende Vorstandsmitglied der Reichsvertretung, Dr. Otto Hirsch, der Leiter ihrer Wanderungsabteilung, Dr. Paul Eppstein, das Vorstandsmitglied des Hilfsvereins der Juden in Deutschland, Dr. Werner Rosenberg, und für das Palästina-Amt der Jewish Agency for Palestine das geschäftsführende Vorstandsmitglied des Keren Hajessod in Deutschland, Dr. Michael Traub. Die jüdische Öffentlichkeit in Deutschland hat einen Anspruch darauf, zu erfahren, wie die Delegation ihre Aufgabe auffaßte und wie sie diese Aufgabe erfüllte. Es kam darauf an, darzutun, in