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Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1938-07-15 · 28 (15.7.1938) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
14 (1938)
Issue
28 (15.7.1938)
Date
1938-07-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHES OEMEINDEBLATT LEIPZIQ 15. Juli 1038 ,' Nr. j dik, Rabbi Uricls, dahinsiecht, dessen Lehre sein Her/ angezogen und gleichsam gesprengt hat. Aber der stille Held der wunderbaren Novelle „Und das Krumme wird gerade" (deutsch von Max Strauß) ist durchaus kein Chassid, sondern ein schlichter, frommer Jude. Menasche Chajim Ha-Kohen muß sein Weih Krcindel Tscharne verlassen, um auf der Wanderschaft von milden Gaben soviel zu sparen, dal! er sein herabgekommenes Hauswesen wiederherstellen könne. Unterwegs verkauft er sein gutes, auf seinen ehrlichen Namen lautendes Empfehlungsschreiben an einen gewissenlosen Bettler, verliert aber den Erlös im Rausch in einer Schenke. Er muß langer wandern; jener Bettler stirbt; man findet bei ihm das Empfehlungsschreiben; Menasche Chajim gilt fortan als tot. Seine vermeintliche Witwe heiratet einen andern, wird von diesem Mutter eines Kindes; der Totgeglaubte kehrt zurück und sieht, daß sein Weib unwissentlich in Sünde lebt. Da vollbringt er die große Entsagung, sich in die Einsamkeit eines Friedhofs zurückzuziehen, durch Fasten und Kastel i seinen Körper dem Tode näher zu bringen, und seinen Tod als Qtrade zu erbitten und zu empfangen. — Auch die köstliche Erzählung „In Herze n der Meere" handelt zwar von der Fahrt einer kleinen Gruppe von Chassid im nach dem heiligen Lande; doch ihr Hcl<\ R. Chananja, vollbringt seine edelste Tat, indem er nach Zeugen für den Tod eines übel beleumundeten Mannes erfolgreich sucht, um die Witwe nach rabbinischer Vorschrift der „Verlassenschaft" im entreißen. Das neueste, größere Werk Agnons liegt ganz auf dem Gebiet ■ der Folklore; es heißt „Jamim noraim", d. h. Die Hochtage, im Lichte der Überlieferung und Legende. So wollen wir denn auch nicht voraussagen, was dieser reiche und edle Geist in Zukunl uns noch schenken könnte. Genug und übergenug ist es bereits, ihm zu danken mit Jejaschcr kochacha. Aus den Fragebogen des Hilfsvereins Die brennendste Frage für jeden einzelnen Juden in Deutschland lautet wohl heute: „Wann und wohin werde ich auswandern können? — Wie erhalte ich das Visum usw.?" Gleich danach aber drängen sich andere Fragen auf, vor allem das I*roblem: „Wie wird sich mein Leben nach der Auswanderung gestalten? Wird es mir gelingen, eine wirkliche neue Heimat zu finden, oder wird es ein Umherziehen ohne festen Halt geben?" — Der Hilfsverein der Juden in Deutschland, dessen große und schwere Aufgabe in der Betreuung der gesamten nichtpalästinensischen Auswanderung besteht, hat über das Schicksal der schon Ausgewanderten eine Fülle von Material gesammelt, das als Grundlage für die weitere Beratung der Auswandernden dient. Als eines der besten Mittel, die Ausgewanderten wirklich zum Reden über ihre wesentlichsten Erlebnisse in Übersee zu bringen, haben sich die sog. ,.grünen Fragebogen" erwiesen, die der Hilfsverein in Tausenden von Exemplaren verschickt und in Hunderten bereits sorgfältig beantwortet zurückerhalten hat. Hier werden dem Auswanderer ganz prä/ise Fragen gestellt: Welches war Ihr ursprünglicher Beruf, welches ist Ihr jetziger? Wie lang ist Ihre Arbeitszeit? Wie hoch ist Ihr Verdienst? Wie verteilen sich Ihre Ausgaben auf die verschiedenen Hauptposten, wie Nahrung, Kleidung, Wohnung usw.? Wie sind die Schulverhältnisse? Mit wem verkehren Sie (deutschen Juden, Osljuden, Landesbevölkerung), usw.? — Überblickt man das eingegangene Material, so ergibt sich eine ungeheuere Buntheit der Schicksale — und im grollen und ganzen die beruhigende Gewißheit, daß die meisten der Antwortenden eine produktive Einordnung in Übersee allmählich gefunden haben. Greifen wir einige dieser Schicksale heraus, um auch der jüdischen Öffentlichkeit dadurch einen Einblick in das Leben unserer Auswanderer zu verschaffen. Geändert ist im folgenden nichts als die Namen. Da ist Hans Bloch, ehemals Angestellter aus der Teppich- und Qardinenbranche, l'HH) geboren, unverheiratet. Seit Januar 1037 in Buenos Aires; hier zuerst zweiwöchige Arbeitssuche. Daun Stellung als Spider in einer Seidenfabrik. Stundenlohn 50 Centavos. Arbeitszeit 8 Stunden täglich. — „Mit welchen Schichten verkehren Sie vorwiegend?", will der Fragebogen wissen. „Ich verkehre mit keinem und habe keine Zeit, da ich spanisch lerne", lautet die Antwort. Anders Herr Wertheimer, ebenfalls in Buenos Aires. ,.In gesellschaftlicher Hinsicht", so schreibt er, „habe ich gar keine Schwierigkeiten. Wir verkehren in allen Kreisen ohne Unterschied." Trotzdem kannn Herr W. von sich sagen, daß sein Leben nicht gerade leicht ist. Fünf Monate eifrigen Studiums waren notwendig, um die Landessprache notdürftig zu erlernen. „Durch die klimatischen Verhältnisse", konstatiert der jetzt 4S jährige, ..lernt man hier, besonders in fortgeschrittenem Alter, viel schwerer als drüben". Aber die Anfangsseliwierigkeiten scheinen überwunden zu sein. Herr W. sucht sich und seine Familie jetzt durch Vertretungen zu ernähren. Das Monatseinkommen ist jedoch naturgemäß „noch ganz unbestimmt". Frit/ Bergmann, 58 Jahre alt, betrieb in IX'utschland ein Herrenartikel- und Pelzgeschäft. Etwas Kapital stand ihm zur Verfügung. Damit ist er 1037 nach Neu-Secland gegangen, wo er sieh eine Kuhfann gekauft bat Hier arbeiten er und sein 28 jähriger Sohn „oft zwölf Stunden täglich". An Sparen ist noch nicht zu denken. Aber in zwei Jahren hofft er soweit zu sein. Hans Hamburger, 38 Jahre alt, wanderte mit Frau und drei Kindern nach den Vereinigten Staaten aus. Da ihm ein nicht unbeträchtliches Kapital zur Verfügung stand, beteiligte er sich dort an einer Transportgesellschaft, und zwar in Cansas City. Sein Monatseinkommen ist verhältnismäßig sehr hoch — 450 Doli.! Aber das ist, wie Herr H. schreibt, „natürlich kein Maßstab", da er ja an dem Unternehmen beteiligt ist. Auf die Frage: „Vor welchen Fehlern möchten Sie besonders warnen?", antwortet H.: „Trotz der von mir begangenen Fehler ist es falsch, nichts zu riskieren und zu keinem Entschluß zu kommen. Viele Einwanderer tun das." Und dann gibt er einen Rat, den der Hilfsverein allen von ihm betreuten Nordamerikafahrern immer und immer wieder, aber leider oft vergeblich, erteil^ „Ich harte", so heißt es auf dem Fragebogen, „die Anhäufung größerer Mengen oft berufsloser Juden aus Deutschland in den Riesenstädten des Ostens für gefährlich und bedenklich, sowohl für die Einwanderer, als auch für die Einwanderung." — Ein Umschichtler: Franz Alexander, jetzt in Cali (Colum bi c n), war ehemals Vertreter. Dann lernte er schweißen. Seit Mitte 1037 betreibt er in Cali selbständig eine Schweißerei. Seine Familie — er ist verheiratet und hat 2 Kinder — blieb vorerst in Deutschland. De Verdienst in Cali ist noch gering, 50 Doli. (col. Pesos) im Monat. Davon müssen die Kosten für die Werkstatt mit 20 Doli. bestrittei> werden, weitere 20 Doli, gehen für Kleidung drauf und 10 Dol.. bleiben zum Leben. Bei diesem Etat muß man sich einrichten. Her; Alexander tut das. Vor allem dadurch, daß er sich an die columbianische Kost gewöhnt, „weil deutsche Küche bedeutend teurer ist" Freilich ist diese Umstellung nicht ganz einfach. „Von allen Einwanderern", so schreibt der Befragte, „haben es nur vier Mann (ich eingeschlossen) fertig bekommen, längere Zeit cohimbianisch zu essen.'* Trotz mancher Entbehrungen ist Alexander optimistisch. Er hofft, daü sich sein Betrieb günstig entwickeln wird. Sein ganzes Streben ist naturgemäß darauf gerichtet, Frau und Kinder sobald als Möglich nachkommen zu lassen. Eine unverheiratete Frau, Grete Berliner, jetzt 37 Jahre alt, ist Anfang 1037 nach J ohan n es b u r g gegangen. Beruf in Deutschland und in Johannesburg Stenotypistin. Jetzige Arbeitszeit von 8,Jf) bis 5.30 Uhr. Monatseinkommen 10 Pfd. Davon kann Frl. Berliner zwar keine Ersparnisse machen, aber doch ihren Lebensunterhalt bestreiten. Auf die Frage, was sie falsch gemacht habe, erfolgt die Antwort: „Da'! ich nicht früher hierher gekommen bin." Schließlich eine Akademikerin: Berta Horn, 1807 geboren, war n Deutschland Ärztin. Durch Inserat in einer medizinischen Zeitschritt tritt sie mit einem Hospital in Adelaide in Verbindung. Sie wird eng. - giert und fährt nach Australien. In dem doitigen Krankenhai.s arbeitet sie gegen ein Gehalt von 200 austr. Pfd. (2000 Goldmark) pro Jahr, nebst freier Station — ein Einkommen, von dem sie sogar etwa! zurücklegci kann. Die Position von Frl. Dr. Horn bietet freilich keii C Oaranti.- für die Zukunft; denn der Vertrag mit dem australischen Hospital läuft jeweils nur auf ein Jahr. Wie häufig er verlängert wird, ist ungewiß. Für welche unserer Auswanderer ist aber die Frage nach der Zukunft geklärt? Ali unsere Menschen, die in der Ferne ein neues Lehm beginnen, müssen täglich den Kampf um die Existenz aufs neue aufnehmen Rückschläge und Enttäuschungen bleiben dabei nicht WH Aber die Fragebogen des Hilfsvereins zeigen, daß unsere Menseln n den Willen ha Inn, das Schicksal zu meistern, daß sie eine Einsatzbereitschaft besitzen, die auch durch Mißerfolge nicht erschüttert wild- 20 Jahre Hechaluz Der Weltwrband des Hechaluz hat in diesen Wochen sein 20 jähriges Bestdien gefeiert. Über das Grundsätzliche in der Stellung des Hechaluz äußert sich in einem Glückwunschschreiben die Histadriit dahin, dal! O iindung und ArlK-it des Hechaluz als die umstiüvendste Be.vcgung in der jüdischen Geschichte seit dem Untergang des Staates zu bezeichnen sei „Andere Völker, die auf dem Boden leben, auf dem sc verwurzelt sind, waren nicht von einer derartigen Umwälzung abhängig; darum war et nicht möglich, den Hechalu/ in Nachahmung der Bewegungen in anderen Völkern aufzubauen. Vielmehr konnte die* nur in einer diesem Volke allein gemäßen Weise geschehen, aus seinem durch Quellen der Not und des Segens geflossenen Wesen. Die ehaluzischen Hachscharahkibbuzim einerseits und die landwirtschaftlichen Siedlungskibbuzim andererseits und zwischen ihnen das Mittelländische Meer, auf dem sie mit den Licdc der Hoffnung und der Zukunftsschau hinüberfahren. ... Die Reihen des Hechaluz in der Golah, da< sind die Reihen der Reserven für die Arbeiter in Erez Israel. Die Erkenntnis der einen Sendung und der einen Verpflichtung hat uns zu einer Bewegung zusammengeschlossen, deren Gemeinschaft siegt über Ein/elbestrebungen Wir wollen wachen über dieses Wunder! Die Jobelfekru der Landwirtschaft, die im Lande wirkte im Altertum, und die junge Jubelfeier des Hechaluz in der Golah — sie alle sprechen das Gleiche: daß wir am Abschluß eines Abschnittes

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