Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 28 (15.7.1938)
- Date
- 1938-07-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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A 1 UND NACHMCHTENblATT DERGEMEINDEVERWAL^ ■ UN6 DER ISRAELITISCH EN REL1G10NSGEMEINDEZU i riivnr« LEIPZIG GEMELDET BEIM SONDERBEAUFTRAGTEN DES REtCHSMINlSTERS 15. JULI 1938 16. TAMUS 5698 14. JAHRGANG NUMMER 28 Dr. S. Samuel: S. J. Agnons Jobeljahr Wir wissen zwar, dal) es mit den Brach- und Jobeljahrcn der Bibel etwas .inderes auf sich hatte, als mit den Lebensjahren des einzelnen Menschen; daß sie nämlich der Scholle dienten, die er bebaute. Zweifellos kam aber auch über den Menschen dann eine feierliche Stimmung, wenn die heilige Zahl von Jahren sich siebenmal Vollendete, der Jobelhall ertönte und ein iedcr zu seinem Besitztumc und seiner Familie zurückkehrte. Dies hat der ircischaffende Dichter Agnon nicht mehr nötig; von seinem Besitze, dem;:ottverlichenen Felde der Poesie, ist er niemals verdrängt worden; es hat •it. . ir-:-. lia -l...« ZridUMIW von Krnst Kaufmann-Leipzii; vielmehr immer reichere rruchte dem h ' ' Besitzer und allen Mitgenießenden hergegeben. Und wenn seine entere Familie nicht nur, sondern seine weitere die jüdische Gemeinschaft ist, so ist der Sohn der jüdisch-polnischen Stadt Buczacz, daselbst 1888 geboren, längst mit den Seinen nach Jerusalem, der lieiligstcn Stätte der Welt, übergesiedelt, in Erfüllung tiefer Sehnsucht. Schon einmal fand Agnon in diesen Blättern eine Würdigung durch Fritz Meir Fraenkel (Jahrg. 12, Nr. 9 vom 28. Febr. 1936), als die 6 bändige Ausgabe seiner sämtlichen Erzählungen (kol sippurim) im Schocken-Verlage vorlag (5695). Sic gewährte Überblick über ein schaffen, das aus ureigensten, bodenständigen, im weiten Bezirk des 'udentiims verzweigten Wurzeln seine Säfte zog, fast ausschließlich tis jüdischen Quellen, jüdischem Geist und Schicksal gespeist wurde, ind für das die übrige Welt nur Randerscheinung war. Wer den jüdi- •chen Bezirk klein, eng und armselig findet, besonders wenn er dabei an die polnisch-russische oder galizisch-ruthcnische Umwelt denkt, ie ihre Schatten auf jenen warf, wird notwendig auch die Gestalten und Erlebnisse der Agiionschen Dichtungen, zumal in ihrem auf sie ugeschnittenen, hebräischen Gewände gering anschlagen. Wer sich ■ber bemüht, unter der fremdartigen Hülle und altertümlichen Gebärde den Menschen zu finden, „aufs Herz zu sehen", wird in eine Atmosphäre erhabener, seelischer Schönheit versetzt, und von Sehn- ■ ucht erfaßt, zu ihrer Gemeinschaft zu gehören. Und er wird zugeben, dafl für alle diese Erzählungen die durch das heilige Schrifttum gereihte hebräische Sprache die angemessene ist, und letztere in ihrem Stil, ihren Eigentümlichkeiten und Schönheiten auch in der besten i bertragung viel verlieren muß. Es war in den schwersten Kriegsjahren, wo mit so manchen jiidi. - hen Erzählern auch Agnon bei uns bekannt wurde. Die Sammelsrhriften, die uns den Osten literarisch erschlossen, mochten „Treue". :had gadja", „Buch von den polnischen Juden" oder wie immer li-ißen, nirgends fehlte ein Beitrag aus seiner Feder; sei es eine Skizze, ein Momentbild, eine Kurzgeschichte, letztere vielleicht nur wiedererzählt aus dem reichen Schatze jüdischer Folklore. Die billige Huchem Schocken brachte schon in Nr. 5 einen Kranz dieser Kurzerzählungen heraus, in die schönste, die „Vom Kopftuch", ist sicher ein Ausschnitt aus den Jugenderinnerungen des Dichters verwoben. Andre, wie der „Aufstieg", von einer Seele handelnd, die sich in Sehnsucht nach den lichtesten Gotteshöhen verzehrte, und die den Körper wie ein zu schwaches Gefäß zerbrach, lassen ein Motiv aufklingen, das in späteren Dichtungen wiederkehrt. Ja, eine uns lieb gewordene Gestalt gewinnt einen neuen Namen; ihr Gedächtnis wirkt über dm Tod hinaus in späteren Menschen. Mag sein, daß wir das jüdische Lehen der Kleinstadt, die Gesellschaft in ihrer Gliederung und ihrem Erwerb, an ihrem Alltag, Sabbat und Festtag, mit ihren Typen, dem Rabbi, dem Vorsteher, dem Armen, dem Händler, dem Fuhrmann; vor allein das Lehrhaus und den Jünger, auch ins Perez, Scholem aleichem, Frischmann, Asch und Mendele in liebevoller und realistischer Zeichnung eingehend kennengelernt hätten: ohne Agnon hätte ihnen aber die letzte Weihe gefehlt. Schon von dem 28 jährigen Dichter schrieb Martin Buber an Leo Herrmann (am 25. März l<)16): „Er ist berufen, ein Dichter und ein Chronist des jüdischen Lebens zu werden; des einen, das heute stirbt und sich verwandelt, aber auch des andern, «erdenden, unbekannten. Galizier und Palästinenser, Chassid und Pionier, trägt er in seinem treuen Herzen die Essenz beider Welten im Gleichgewicht der Weihe." Eine solche ist auch seinen größeren Erzählungen, Novellen und Lebensbildern aufgedrückt. Da gibt es ganze Zyklen, die der treuen, wartenden Liebe gewidmet sind; andre den Erinnerungen oder Hoffnungen Israels und der Sehnsucht nach dem heiligen Lande mit seinen Erinnerungsstätten und Verheißungen; wieder andre handeln von der Wunderkraft der Gebete oder von den altjüdischen Pflichten, z.B. der Aufnahme von Gästen und der Ausstattung armer Bräute. Man hat behauptet, daß Agnon die chassidischc Frömmigkeit und Lehre bevorzuge, daher dem kühleren, schulmäßigen, aber nicht minder werktätigen Judentumc nicht immer gerecht werde. Er müßte kein Dichter sein, wenn er die stärkere Lebensnähc und Volkstümlichkeit des Chassidismus nicht lieben sollte, ihre Innigkeit und Mystik, unterstützt durch Freude an Gesang und Rhythmus. Er verehrt den Alten von Mierzeborze, den Baalschem, und den großen Maggid von Mesritsch; flicht häufig Aussprüche vom Bcrditschewer, Kosnitzer, Lubliner, Apter und Sassower ein, und zitiert das Wort: „Wohl ist kein Unterschied zwischen Jude und Jude; aber ein solcher zwischen den Seelen. Es gibt vom Kopf regierte Seelen, d. h. nur vom Verstände; und sog. Fersenseelen, d. h. solche, die sich durch die gute Tat erweisen." Und diese findet er nicht nur bei Chassidim, sondern ebenso bei ihren Widersachern, den Misnagdim. In den anfänglich so heftigen, unbrüderlichen Streitigkeiten beider Gruppen steht der Dichter auf Seiten der Chassidim, die damals nicht als Zerstörer des Bundes, Trunkenbolde und Taugenichtse geächte* werden durften. Auf seinem liebevollen Verständnis für die um ein inneres Licht Kämpfenden beruht seine erschütternde Erzählung „Der Verstoßene", in der ein vornehmer Jüngling, R. Gcrschom, von der Hohen Schule bereits mit der Krone der Tora geschmückt, und verlobt einer edlen Jungfrau, unter dem Fluche des gekränkten Zad- Unsere Gedanken ziehen in diesem Jahre voller Sorge, aber doch in steter und starker Zuversicht zu dem Lande der Väter hin. Neues soll dort beginnen, Neues will der Beginn für uns zumal bedeuten. Theodor Herzl's Todestag spricht darum in diesem Jahre mit besonderer Eindringlichkeit zu uns. In allen unseren Gemeinden wird sicherlich dem Gedenken dieses Tages sein lebendiger Ausdruck gegeben werden. Die Reichs Vertretung der Juden in Deutschland Dr. Baeck