Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 26 (1.7.1938)
- Date
- 1938-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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UHDNACHRICHTENBLATT DERGEMEINDEVERWAL^ IUN6 PER ISRAELITISCH EN REUGI0NS6EM EINDE Zü LEIPZIG ANGEMELDET BEIM SONDERBEAUFTRAGTEN DES REICHSMINISTERS 1. JULI 1938 2. TAMUS 5698 14. JAHRGANG NUMMER 26 Dr. Fritz Becker (Köln): Wirtschaftshilfe Im Rahmen der Tätigkeit der Reichs Vertretung der Juden in Deutschland kommt der Wirtschaftshilfe gewiß nicht die geringste Bedeutung zu. Aber wenn man sich bewußt ist, daß die Bedingungen unseres Lebens in Deutschland heute völlig andere geworden sind, als man es noch 1933 oder 1934 annehmen konnte, und wenn man berücksichtigt, wie beschränkt die Möglichkeiten einer zentralen Stelle sind, um wirkliche, konstruktive Wirtschaftshilfe zu leisten, dann wird man keine allzu großen Erwartungen an derartige Maßnahmen knüpfen, sich vielmehr darüber klar sein müssen, daß es mehr oder minder „transitorische" Maßnahmen sind, die den Liquidationsprozeß weder aufhalten wollen noch können, sondern daß der Zweck im wesentlichen der ist — wie das der Arbeitsbericht selbst ausdrückt —, die Menschen, „solange als irgend möglich, von der wohlfahrtspflegerischen Betreuung fernzuhalten". Wir kennen alle die neuen Erschwerungen, die für die Berufstätigkeit der Juden im Jahre 1Q37 eingetreten sind. Der Bericht streift beispielsweise die Berufe, die mit der Urproduktion oder dem Vertrieb landwirtschaftlicher l*rodukte sich befassen, die jüdischen Handwerker, die Vertreter und Provisionsreisenden, die jüdischen Angehörigen des ambulanten Gewerbes und vor allem die jüdischen Viehhändler. Die bekannte Neuregelung über die Zulassung zum Beruf des Viehverteilers hat vor allem zahlreiche Familien in Hessen und im Rheinland schwer getroffen. Besondere Schwierigkeiten ergaben sich auf dem Realkreditmarkt für die Ablösung von Hypotheken auf ländliche Grundstücke. Hier konnte nur in einzelnen I alten 'und nur auf indirektem Wege geholfen werden. Ähnliche Schwierigkeiten bei städtischen Grundstücken konnten in einem Teil der Fälle von der Reichsvertretung gemeinsam mit der F. W. I. bzw. ■■mein Bankenkonsortium überbrückt werden. In denselben Zusammenhang gehört die Umstellung der jüdischen Buchverlage und Buchvertriehe. Von etwa 200 jüdischen Buchhand- I ingen sind nur 60 in die Neuregelung einbezogen worden. Auch deren Existenzfähigkeit erscheint zweifelhaft, da sie den Bedarf der jiklischcn Bevölkerung an allgemeiner Literatur, Schulbüchern usw., nicht decken dürfen. Von all diesen Maßnahmen und dem insgesamt beschleunigt fortschreitenden Liquidatiousprozeß sind besonders schwer betroffen die jüdischen Angestellren. Was der Arbeitsbericht hierüber sagt, ist zu bekannt, als daß man es wiederholen müßte. Man kann nur mit allem Nachdruck den Satz unterstreichen, daß, wo immer es möglich ist, jüdische Arbeitsuchende von jüdischen Betriebsinhabern berücksichtigt werden sollen. So beschränkt die Möglichkeiten hierfür sind, so glauben wir nicht, daß der Appell an die „selbstverständliche Solidaritätspflicht" bisher immer geholfen hat. Von der Mögk'hkeit, gemäß der fünften Anordnung zur Durchführung des Vierjahresplanes eine angemessene Anzahl älterer Erwerbsloser einzustellen oder gegen jüngere Arbeitskräfte einzutauschen, haben nach dem Bericht der Reichsvertretung die jüdischen Betriebsinhaber durch Anforderung von jüdischen Arbeitsuchenden bei den Arbeitseimtern in erfreulichem Maße Gebrauch gemacht. Allerdings fallen nur größere Betriebe unter diese Anordnung. Besondere Bedeutung hat daher die Arbeitsvermittlung ins Ausland erlangt, wohl der idealste Fall und oft die einzige Möglichkeit, die Auswanderung zu vollziehen. Auf Grund entsprechender Verhandlungen wurde erreicht, daß Anträge auf Vornahme von Auslands- Vermittlungen bei den Landesarbeitsämtern gestellt werden können und daß insbesondere der bisherige jüdische Arbeitsnachweis Berlin nach seiner Auflösung im Rahmen der Wirtschafts-Hilfsstelle Berlin Anträge auf Genehmigung von Auslandsstellen zur Vermittlung Öffentliche Mahnung der ruckständigen Gemeindeanlagen Die Lage der Gemeinde erfordert es heute, daß wir uns mit einem dringenden Appell an das Verantwortungsgefühl unserer sämtlichen Gemeindemitglieder wenden. Die gesamte Arbeit der Gemeinde ist nur möglich, wenn jedes Gemeindemitglied seine Gemcindeanlage pünktlich entrichtet. Diese Pflicht gilt für die noch rückständige Gemeindeanlagc 1937 in gleicher Weise wie für die bereits fällige 1. Vorauszahlung auf die Gemeindeanlage 1938. Jedes einzelne Gemeindemitglied muß sich dessen bewußt sein, daß die Verzögerun g seiner Zahlung die Gemeindearbeit in schwerste Gefahr bringen kann. Der Gemeindevorstand ist in diesem Jahr mehr als je genötigt m i t allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln den Eingang der Gemeindeanlagen herbeizuführen. Es ergeht deshalb an alle Gemeindemitglieder, die mit ihren Gemeindeanlagenzahlungen in irgend einer Weise im Rückstand sind, die dringende Mahnung, ihre Gemeindeanlagenschulden schnellstens abzudecken, wenn sie vermeiden wollen, daß der Gemeindevorstand ihnen gegenüber auch die äußersten Mittel e-greift, die ihm zur Beitreibung Ihrer Leistung zur Verfügung stehen. Jegliche Verzögerung in der Zahlung der Gemeindeanlage ist ein schwerer Verstoß gegen die einfache Pflicht jedes Juden, für die Arbeit der jüdischen Gemeinschaft einzustehen. Leipzig, den 28. Juni 1938. Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. einreichen und sie nach erfolgter Genehmigung in der indischen Presse bekanntgeben kann. Die Zahl der jüdischen Erwerbslosen in Deutschland wird auf etwa 40 (KK) gesehätzt, d. h. mehr als 10»'o der jüdischen Bevölkerung. Die Zahl ist gegenüber dem Vorjahre gleich hoch geblieben trotz der beträchtlichen Verminderung der Zahl der jüdischen Bevölkerung. Sie beruht außerdem auf Schätzungen, da eine genaue statistische Erfassung nicht möglich ist. Da die private Arbeitsvermittlung am 1. Januar 1037 eingestellt werden mußte, da femer direkte produktive Wirtschaftshilfsmaßnahmen von zentraler Stelle nicht getroffen werden können, blieb als wesentlichste Hilfsmaßnahme die Kredithilfe. Ihre Träger sind wie bisher in erster Reihe die jüdischen Darlehnskassen gewesen, deren .Mittel von den Gemeinden und amerikanisch-jikiischen Organisationen stammen. Die Darlehnskassen sind zusammengefaßt in der Zentralstelle für jüdische Darlehnskassen e. V., aus deren Bericht für das Jahr 1937 einige Angaben h er wiedergegeben seien. I Aut Grund eines Reorganisationsplanes wurde die Zahl der mit amerikanischen Krediten arbeitenden Kassen 1937 von 68 auf 35 vermindert. So gibt es jetzt 13 Bezirks-, 10 Orts- und Bezirks- sowie 12 Ortsdarlehnskassen. Dazu kommen noch 10 Ortsdarlehnskasscn, die ohne amerikanische Gelder arbeiten. Kombinierte Orts- und Bodrkskassen befinden sich u. a. in Köln, Aachen und Essen, ein.- Ortskasse in Düsseldorf.