Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 25 (24.6.1938)
- Date
- 1938-06-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 2 JÜDISCHES G E M E I N D E B L A T T LEIPZIG 24 luni i03S i Nr. 25 gehend, so sind sie, oft wörtlich, dem Schiklbürgerbuch entnommen. Welches unter diesem Titel 1508 erschienen ist. Die ursprüngliche Ausgabe von 1507 hieß noch „Laienbuch" und es ist kurios, dall sein Verfasser sich hinter dem Pseudonym „M. Aleph Beth Ginic!" versteckte. Es ist anzunehmen, dall diese Geschichten lange vor ihrer Drucklegung mündlich in deutschen Landen im Schwange waren, und ihr Weg in den jüdischen Gsten ist 'mit den Wanderungen der Juden aus Deutschland nach Osteuropa hinreichend erklärt. Dort finden wir nun all die schönen Geschichten wieder, wie das Mondlicht in Säcken gefangen wird, oder der ganze Mond im Wasserfaß, die Mären vom Mühlstein, der sich bergab selbständig macht, von den unentwirrbar verschlungenen Beinen, die der Fremde mit einem Stockhieb zur Rnson bringt und der darum als Zaubere hochgeehrt wird, und vieles andere mehr. Diese Geschichten sind aus dem Schildbiirgerbuche einfach ins Jiddische übersetzt, ohne dal! das jüdische Milieu sich bemerkbar macht. Anders wird es schon, wenn bestimmte Baulichkeiten in Erscheinung treten, wie das Rathaus der schwergeprüften Schildbürger, das ohne Fenster i:nd Türen, dreieckig und gegen alle schweißtreibenden Bemühungen unverrückbar in den Geschichten steht. An Stelle des Rathauses tritt bei den Chelmern die sie ungleich wirksamer repräsentierende Schul, und die Schul ist es auch, die dann der grolle Brand vernichtet, den in der Schildbürgergeschichte der „Mätishund" entfacht. Aber hier, in der Chelmcr Fassung, spricht schon an einer Stelle die jüdische Gass' mit und bringt einen spezifisch jüdischen Ton hinein, nämlich dort, wo die Chelmer auf die verrücktesten Lösungen verfallen, um die Katze umzubringen. Da wird auf der Gemeindeversammlung beschlossen, die Katze durch Herabwerfen vom Dach zu töten, vorsorglich aber bestimmt, vorher den Schammes mit der Katze zusammenzubinden. Der Schammes bricht sich natürlich das Genick, und die Volksgeschichte unterläßt nicht, an dieser Stelle einen pietätvollen Nachruf einzuschalten: ,,Den Schammes hat man nebbich begraben müssen — gefallen als Korhan (Opfer) für ganz Jisroel." Zu diesen übernommenen Geschichten hat der jüdische Volkshumor immer wieder neue ersonnen, deren Zahl Legion ist. und in Jüdische Zeitschau Sitzung des Zentralausschuß des Allgemeinen Rabbinerverbandes. 1 kt /entralausscliuß des Allgemeinen Rabbinerverbandes hielt seine Jahrestagung am 8. Juni in München ab. Der Vorsitzende Baeck begrüßte die Erschienenen, er wies darauf hin; wie notwendig im Augenblick die Zusammenfassung aller Kräfte sei, wie sehr der einzelne Rabbiner angesichts des allerorten für die Auswandernden zu leistenden Neuaufbaus sich als Rabbiner im Gesamt- Judentum und nicht nur als Rabbiner seiner Gemeinde fühlen müsse, überstlandesgcrichtsrat Neumeyer begrüßte im Namen der Münchener Gemeinde und gab einen geschichtlichen Rückblick auf die Rechtsordnung der jüdischen Gemeinden in Bayern. Ein wissenschaftliches Referat hielt Bruno F i n k e I s c h er e r, München, über „Die neuesten Ausgrabungen in Syrien und Kleinasien". Eschelba eher, Düsseldorf, referierte über „Probleme des religiösen Lebens in unteren Tagen". An dieses Referat schloß sich eine längere Debatte an. Die Beratung wandte sich dann der Erörterung der Entwürfe für die Gemeindesatzungen zu, und in eingehender Aussprache wurden die seitens der Rabbiner dazu zu gebenden Anregungen benannt. Ausführlich wurde besprochen, was man tun könnte, um den jungen Rabbinern und den in der Ausbildung befindlichen eine Wirkungsmöglichkeit in der Welt zu erschließen, und was getan werden könnte, um den Lebensabend der alten Rabbiner zu sichern. Die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums schließt, wie ihr erster Vorsitzender, Professor Dr. Eugen Mittwoch, bei der Mitgliederversammlung am 16. Juni berichten konnte, das abgelaufene Geschäftsjahr — es war das 35. — mit einem befriedigenden Ergebnis ab. Sie konnte ihre Publikati:>nstätigkeit nach den verschiedensten Richtungen hin fortsetzen. Ihr Organ, die Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums i>t weiter regelmäßig erschienen. An größeren Einzelwerken wurde die Sifra-l bersetzung Professor Dr. Jacob Winters herausgebracht. Die Herausgabe des Sifre zu Deuteronomium macht Fortschritte; von dem (icsanttregister zu den 75 ersten Bänden der Monatsschrift konnte Teil I erscheinen und Teil II zum Druck gegeben werden. — I ber die Vorarbeiten zum 2. Bande der Germania Judaica, der die Zeit von 1238 bis 1350 umfassen wird, machte I^otes,or Dr. Ismar Llbogen aufschlußreiche Mitteilungen. Danach werden bei den Vorarbeiten die sicdlungsgeschichtlichcn Probleine, die sozialen Bedingungen und die rechtlichen Verhältnisse stärker, als bei der Anlagt des Werkes geplant sein mochte, im Vordergrund stehen, während die tielehrtengeschichte für diese Periode ein wenig zurücktreten wird. Es ist gelungen, einen Stab geeigneter Mitarbeiter zu schaffen. Für viele Gegenden, besonders Mitteldeutschland, alx-r auch z. B. Westpreußen, Posen und Österreich liegen schon last alle Artikel vor. Rechtsanwalt Dr. Klee übermittelte bei dem Punkte „Anträge der Mitglieder" verschiedene Anregungen für weitere Arbeit. Nach Erledigung verschiedener geschäftlicher Angelegenheiten schloß der Vorsitzende die Versammlung mit dem Ausdruck der Hoffnung, daß diesen ist das Milieu der jüdischen Gaas' und das Typische ihrer Bewohner schon absolut selbstverständlich. Diese Schildbürger sind alle schon jüdische Männer und Frauen; alle Funktionäre erscheine!', und alle Berufe, der Parneß und der Schammes, der Schuster und der Schneider, und natürlich in starkem Maße der Row, den sonst die humoristische jiddische Volkserzählung ziemlich respektvoll behandelt, der aber hier nichts anderes sein kann, als Narr unter Narren. Jedenfalls ist seine Entscheidung in der entzückenden Geschichte von den Dielen des Badehauses, über die sich die Parteien der „Gehobelten" und „Ungehobelten" nicht einigen können, — die Entscheidung nämlich, die Dielen zu hobeln, aber mit der gehobelten Seite nach unten zu legen, in ihrer grandiosen Lösung, die beiden Teilen gerecht wird, leuchtender Weisheit voll. Natürlich sind auch die Anlässe zu den Geschichten und ihre Schauplätze rein jüdisch geworden: man zählt fürs Minjan in Schul die Anwesenden mittels einer Sandkiste, die Frage, wie man dem Schammes das Schulklopfen in der Früh erleichtern kann, wird auf geniale Weise gelöst, und was sich mit der sich beispielloser Beliebtheit erfreuenden Mikwe abspielt, ist voll tiefnuellenden Humors, l Iberhaupt ist die humoristische Haltung der Geschichten — der guten natürlich, denn es gibt auch alberne und witzlos brjsh.ifte — gutmütig nachsichtig und von einer wannen Heiterkeit des Herzens). Die Geschichte z. B., welche erzählt, weshalb in der Chelmer Gemeindechronik für alle Zeiten verzeichnet ist, daß ein Melamed keinen Koffer mit Rädern besitzen dürfe, ist eine Perle goldenen Humors in schönster jüdischer Fassung. Überall im ostjüdischen Bezirk entstehen immer neue Chelmer Geschichten, in denen sich oft die Schauplätze der fortschreitenden Kultur und Technik anpassen. So hat schon im Jahre 1017 Noach Prihitzki eine -- übrigens wenig geistreiche — Geschichte aufgezeichnet, worin ein Chelmer Api'kores am Schabbcs im Auto fährt. Die Chelmer Naronim sind unsterblich geworden und wandeln mit uns durch die wechselnden Zeiten. Und das Walten lebendigen jüdischen Volkshumors wird uns bald Geschichten bescheren, worin die Chelmcr am Radio, im Flugzeug;*ler gar in der Stratosphäre ihre lustigen Possen treiben werden. die Gesellschaft auch im laufenden Jahre ihren Aufgaben in möglichstem Umfange gerecht werden könne. In den Ausschuß zugewählt wurden die Herren: Rabbiner l>r. Alexander Altmann-Bcrlin, Dr. jur. Alfred Karger-Berlin und Rabbiner Dr. Adolf Kobcr-Köln a. Rh. Millionenaktion für Thorazwecke in Amerika. Nach einem Bericht des „Israelit", wurde auf der vor kurzem abgehaltenen Konferenz des „Orthodoxen Kehillothverbandes in Amerika" u. a. beschlossen, einen Betrag von einer Million Dollar zum Zwecke der Befestigung des religiösen Judentums und seiner Institutionen aufzubringen. 100000 Dollar sollen sofort für jüdische religiöse Erziehungszwecke flüssig gemacht werden, und zwar zunächst für die Gründung von Talmud-Thora-Schulen und die Verbreitung und Vertiefung jüdischen Wissens an Plätzen, wo religiöse Erzichungsinstitute nicht vorhanden sind. Ein großes Komitee hat die sofortige Ausführung der Beschlüsse in die Hand genommen. — An der Konferenz, beteiligten sich die prominentesten religiösen Persönlichkeiten von Amerika, die alle zum Ausdruck brachten, daß eine aktive Tätigkeit zur Stärkung des religiösen Geistes unter den Juden Amerikas eine unabweisbare Notwendigkeit sei. Landwirtschaftliche Berufsausbildungsstätten für religiöse Jugendliche. Im Zusammenhang mit verschiedenen Meldungen in der jüdischen Presse weisen wir darauf hin, daß der Bachad (Brit Chaluzim Datum) seit längerem ein ausgedehntes Hachscharawerk für religiöse Jugendliche im Alter von 15 Jahren aufwärts unterhält. — Die berufliche Ausbildung erfolgt in Betrieben, die von der Reichsvertretung als Ausbildungszentren bestätigt sind. — An landwirtschaftlichen Ausbildungsstätten verfügt der Bachad über die Lehrgüter Geringshof bei Fulda, Steckelsdorf bei Rathenow und Börnsdorf bei Leipzig. — Im Ausland bef.ndcn sich landwirtschaftliche Hachscharastätten in Italien, Dänemark und Holland. — Bei der Errichtung dieser landwirtschaftlichen und handwerklichen Stellen ist besonders Wert darauf gelegt worden, die Ausbildung in einem geschlossenen einheitlichen religiösen Milieu erfolgen zu lassen. — Auskunft über die Bedingungen der Aufnahme in den vorhandenen landwirtschaftlichen bzw. handwerklichen Ausbildungsstätten erteilt der Brit Chaluzim Datiim, Berlin W 50. Augsburger Str. 60. Aus sachsischen Gemeinden Gedenkfeier in Dresden. Am 21. Juni 1K38 wurde dar Grundstein zur Dresdner Synagoge gelegt. Der Bau dieser Synagoge bedeutete „in Wahrheit «lue Grundsteinlegung der Israelitischen Kcligionsgemeinde solbsi". Durch die Synagoge wurde die Einheit der in Dresden lebenden Juden geschaffen, die Iiis in die neueste Zeit hinein ernstlich niemals gestört wurde. In schlichter Feier soll die R r i n n e r u n | an den bedeutsamen Einschnitt in die Geschichte der Gemeinde begangen werden. Die letzte Nummer des Dresdner Gemeindcblaltes ist der Erinnerung an die Entstehung der Synagoge gewidmet. In ihr nehmen der IBMlllfllfnlimml» Gemeindevorsteher, Max Lesaer, Rabbiner