Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 24 (17.6.1938)
- Date
- 1938-06-17
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/6492399-5968792-5990713--328-4880595- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
iüü DER GEMEINDEVERWAI/ TUN6DERtSRAaiTlSC LEIPZIG AJHGEMELPET KEIM SONDERBEAUFTRAGTEN DES REICHSMINISTERS 17. JUNI 1938 18. SIWAN 5698 14. JAHRGANG NUMMER 24 Dr. Martha Wertheimer, Bertin: Der Blick zum Fenster. In den geistigen und seelischen Äußerungen dar luden in Deutschland ist seil Monaten eine Einheitlichkeil in Erscheinung ^etr ten. wie mc leider bei uns immer mir im passiven Verhalten f st'.'is'ellen ist, nährend sin noch immer niclit tu einem einheitlichen Handeln gefühlt hat. K» ist die Übereinstimmung, die in allen Gesprächen alltags irilt. gleichviel, ob di<'S Gespräch von SWCien oder in ein'in kleinen Bekanntenkreis oder in aller Öffentlichkeit von einem Rednerpult aus oder in einen) jüdischen Blatt geführt wird. Die Notwendigkeit, jüdische tnswanderang vorzubereiten, möglichst vielen der [Intern in einem Lande über See oder da und dort auch in Europa neue Möglichkeiten des Broterwerbs für sieh und die Ihren su geben, ist zwar eine allgemeine Erkenntnis unter uns, aber wir begegnen ihr, troti der Bemühungen von Zweckrereinigunaun, jüdischen fiemninrton und der Reichs Vertretung der Juden in Deutschland offenliar doch inner nur individuell, jeder für Sich und die Seinen. Als Grund für diese Haltung mögen die ersehwerten Einwanderungsbodintiungon in allen Landern der Erde gelten, aber mil .liesein Grund isi norb keine Berechtigung für diese Haltung aufgezeigt l'nsere Juden, in Deutschland, soweit s1' ■ ihre Auswanderung schon angeleitet haben mler noch in den Vorbereitungen und Planen stellen, deichen Menschen, die wartend in einem Zimmer sitzen. Sie haben den Klick auf die Türe geheftet], sie warten darauf, daß diese Türe aufsehen soll. Und während sie warten, reden sie miteinander: von dem. vas iiuui durch diese Türe mit hinausnehmen wird und darf, wa man zurücklassen muß, reden von Möbeln, Kleidern. Werkzeugen, Geld, von den Papieren, die für si" diese Türe allein Offnen können, von \ffidaviis, Chumsden, Zertifikaten, von den Briefen, die sie an ihre Verrandten über See geschrieben haben, von den Hoffnungen, die sie daran impfen, von den Enttttttchangen, die sie fürchten, und daß sie dann licht wissen, was sie tun sollen. Unsere Menschen, die mit d im Blick ur Türe sitzen, sind wie Menschen, di nur noch zu redeil und ::u hören ermögen, wobei wir nicht verkennen wollen, daß die meisten dieser ledenden bereits anfangen, auch den Siin des Hörens einzuhüllen. Ihre Gespräche sind Monologe geworden und gl ichen dem lauten Reden eines .indes, das sich die Ahr»! \or dem Alleinsein vertreiben will. Keiner, ler solche, (iesprache im Wartezimmer führt, hört überhaupt n ich hin. »M der andere sagt. Mau hört nur für sich heraus, man sprich! nicht ueinander, sundern von sich selbst. Es ist offenbar, dalj über der Sorge, die materielle Substanz in d u neuen Lebenskampf hinüber zu retten, die seelische Substanz ii schwinden anfängt. Schwindet sie aber wirklich, so gehen asers Menschen in das andere Land mit weniger Mitteln, als wenn sie nur den Stab in der Hand hiitten wie unser Vater Jaakoh, als er das Zell und die reichen Herden Jizchaks vertieft. Sie zehren ihre celi sehen Energien auf, während sie BSft dem lil.ck zur Türe ilzen und Monologe halten, weil sie fergntSM haben, dal! hinter ihnen ii diesem Zimmer ein Fenster ist, weil ihnen der Blick durch dieses Fenster, der Rück ins freie abbanden gekommen ist Es tut not, dali wir liejenigen, die Wartend nur auf die Türe starren, au der Schuller fassen und sie umdrehen und sagen: ,,Sieh hinaus1 Hab endlich in diesen Tagen hier auch wieder einmal Alicen, statt eine unaufhi.rlch red aide /.unge und ein vom Hören übermüdetes Ohr!" Sehen! Können es die Unsern nicht mehr? Der lilick aus dem Fenster liedentel die Begegnung mit Gottes weitem Himmel, dem Wachstum auf der geschaffenen Erde, dem Lehen und Tod ihrer Geschöpfe, die erschütternde Erkenntnis von den Gesetzen alles S ins, vom Wechsel /.wischen Blütezeit und Winterschlaf, die Hinwendung zu dem Licht der Sterne, mit deren Aufgang und Niedergang Israels Leben von Göll selbst verheißend verglichen wurde. Wo sind die Menschen unter uns Juden, die im vertrauten Kreit von solchem Dlick aus dem Fenster sprechen, deren Gespräche sich dem Widerschein dieses Illicks in den Werken der Weisen und der KOntllet zuwenden und die davon den Schwung, die Zuversicht, die persönlichen Energien gewinnen, ohne die man keinen Lebenskampf zu ['ihren vermag? Allenfalls, dalj wir einander an einige von jenen Werten erinnern, die wir gerade im Judentum durch alle Zeiten hindurch erhalten und zur (»uelle unserer Kräfte gemacht haben: die Familie und die Verpflichtung auf die Hilfsbereitschaft eines Juden für den andern. Aber von den vielen übrigen Werten, die uns freilich im Ghetto des Mittelalters allmählich abhanden kamen, ist auf einmal kaum noch die Rede: von der Schönheit der geschaffenen Welt und der Herrlichkeit ihres Schöpfen und von der Ehrfurcht vor allem, was MentchenantUtt 'rügt Wir sind in tiefahr, den Zusammenhang mit der weiten Well einzubüßen. tierade in der Zeit, in der wir uns vorbereiten, körperlich in diese Weite zu geben, in der wir in den Zusammenhängen mit den Reichen des Erdballs, McnSehentun und -lassen und dem. was es bestimmt, denken mfiOten, begeben wir uns träge des seelischen Zusammenhangs mit den Kräfleipiellen jedes einzelnen von uns und unseres \ o'ks. Es bedarf keiner Ausdeutung, »as die Hinwendung vu Naturerkenntnis und Natnrschönheit uns vermittelt. Wir wissen auch alle, welch ein Rüstzeug wir der Wissenschaft Europas, seiner Bildung, seinem Kunstschaffen für unsere seelische und geistige Widerstandskraft verdanken. Wir glauben fromm an die Verpflichtungen des Judentums aul Ii chttsinn und Menschenliebe, diese! Judentums, das unserem Ich die Weile des Wir hinzugefügt hat und mit seinem „Du sollst" <b.....ttgen Kreis des Egoismus für unsere F.inzelgegenwart und unser Volksleben der Zukunft an i■ j- Das alles umfaßt ein einziger Rück aus dem Fenster! Aber wer tut ihn ohne Hilfe? Sie sitzen un l starren auf die Türe. Und wenn sie durch sie hindurchgehen, g Den sie mud >, jetzt schon verbraucht, blind fui den Weg. den ihnen der Wirk .111^ dem Fenster im voraus hätte zeigen können und müssen. Wir sind Juden. Das heißt uns. den einzelnen sich nicht selbst überlassen, ihm von der Gemeinschaft her Hilfe bringen. Dies - Hilfe aber darf sieh nicht im Materiellen erschöpfen — auch Berätung ist in diesem weiter gespannten Sinn nur materiell —, sie uiuli von denen her, die dazu berufen sind, auch die Hilfe bringen, die auf Erhaltung der seelischen Energien abzielt. Das aber gtchiehl durch die Herstellung eines lebendigen Zusammenhangs j des einzelnen untei uns mit den unverlierbaren Gütern des Herzens und des Glaubens Er geht uns verloren, wenn wir nicht aufhören EU reden, zu reden und immer nur in der ersten Person. Rechtsanwalt Dr. H. Löwenheim: Die Bewertung des judischen Vermögens. Die Verordnung vom 86. April 1938 schreibt nicht nur die Anmeldung den jüdischen Vermögens in Deutschland vor, sondern auch seine Bewerten«. Jede Bewertung enthält ein Urteil auf Grund eines Vergleichs, aus- ' Irückl durch den allgemeinen Wertmesser G 'ld Das Ergebnis wird also je naeh dem Vergleichsobjekt ebenso verschieden sein n e neb der subjektiven Einschätzung des Urteilenden. Man kann einen II >gensland abschätzen nach dem Ertrag, den er abwirft (Ertragswert), oder nach dem Kapital, das er repräsentiert (Kapital- oder Substanswert; und dieses Kapital wird wieder verschieden sein je nachdem, ob s als Teil im Kähmen einer Vermögensgesamtheil eingestuft wird (Teilwert) oder für sich allein steht, ob die Verwertung seines Stoffes (Materialwert! oder der Nutzen seiner Verwendung (Gebrauchswert) in Präge kommt, oder ch es verkauft oder beliehen werden soll (VeräuBeningswert Im letzteren