Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 22 (3.6.1938)
- Date
- 1938-06-03
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/6492399-5968792-5990711--314-4880583- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
UND NACHRICHTEN 61ATT PER GEM EIN DEVERWAL^ TUN6 DERISRAELITISCHEN RELIGI0NSGEME1NDEZU LEIPZIG ANGEMELDET BEIM SONDERBEAUFTRAGTEN DFS REICHSMINISTERS 3. JUNI1938/// 4. SIWAN5698 14. JAHRGANG / NUMMER 22 Was hat das Buch Ruth uns heute noch zu sagen? Zum Wochenfeste. Von Rabbiner M e Nach alter, rabbinlscher Anordnung soll am Tage der Gesetzgebung (chag haschowuoth) im Q'ttesdienst das Buch Ruth gelesen werden. Wie kam man dazu, dieses Buch der Meiligen Schrift einzureihen? Welche Brücke führt vom Inhalt dieses Buches zum Gedankenkreis des Schowuothfestes? Versetzen wir uns in die Zeit der Geschehnisse, die den Rahmen des Buches Ruth füllen. Der Hintergrund ist düster. Moralische und soziale Anarchie im jüdischen Lande. Die Zeit: schefot haschoftiin, als man, wie die alten Kommentatoren sagen, die Richter richtete, der Angeklagte seine Richter zurechtwies, ihnen ihre eigenen ethischen Gebrechen vor Augen hielt. Hungersnot wütet im Laude. Der Geist der Gemeinschaft ist geschwunden, kein Führer, nur zersprengte Scharen. Ein Mann wäre im Lande gewesen, der wirtschaftlich und sozial unabhängig, hätte helfen können, und dieser Mann ist Elimclcch. Elimelcch aber versagt. Er entflieht dem Lleud der Gesamtheit, er entwindet sich der (iemeiuschaft, der er entstammt, in verantwortungslosem Egoismus. Er entflieht in sein eigenes Verderben. Lr stirbt -. Seine söhne nehmen moabitische Frauen (Moab waren die Feinde Israels) — verfallen der Assimilation — und sterben. Iiier SChlieBt der erste Akt des zur Tragödie gewordenen Schauspiels, und der Zuschauer hat eine Etappe jüdischer Geschichte und jüdischen Geschickes miterlebt. Wie hat er das Erlebte zu deuten? Der l inzeine ohne die Oesamtheit, ohne das Bewußtsein der Verpflichtungskraft dem Gesamtkörper gegenüber, ist ein wurzelloses Qebildc, das, losgelöst vom Hcitnathodcu seines naturgegebenen und gottgewollten Milieus, eingeht, - verdorrt. Dies ruft der erste Teil des Ruth-Buches dem jüdischen Volke zu. lam cd, Leipzig. Und nun das zweite Geschehen in der I landlung des „Richter- Idylle»". Wie ist dies für uns zu deuten? Noomi, die Witwe Elimelechs - müden Fußes wankt sie in die ihr zur Fremde gewordene Heimat. Ruth, ihre Schwiegertochter, will bei ihr bleiben, obwohl ihre Schwiegermutter sie nach ihrer Heimat schicken will. Aber Ruth antwortet in einer historisch und programmatisch gewordenen Antwort: „Dein O'tt sei mein O'tt, dein Volk sei mein Volk!" Die religiöse Idee der Thora und die nationale Idee des jüdischen Volkes zeigen sich hier in unzerreißbarer Einheit und die Moabiterin Ruth weist dem jüdischen Volke mit diesen Worten seinen Weg durch die jüdische Geschichte. Noch ein weltumspannender Qedanke ist es, den die Aufforderung Noomls an Ruth, bei ihrem Volke zu bleiben, hier seinen Ausdruck findet. Wohl ist das Gesetz der Thora für das jüdische Volk geschaffen. Wohl kann Israel die Scholle seines Landes nur bebauen, wenn sie geheiligt ist durch den Geist des jüdischen Gesetzes. Die Moabiterin Ruth wäre ein gleichgeachtetes (ilied der menschlichen Gesellschaft für die Jüdin Noomi geblieben, wenn sie sieh nur zu den Geboten der Menschlichkeit bekannt hätte, auch wenn sie nicht in den Pflichtenkreis des jüdischen Gesetzes eingegangen wäre. Denn das Judentum verlangt nur von Israel die Befolgung der Lehre, kennt keine andere Mission als die, Jen Völkern sein Leben vorzuleben. Ruth aber wird für ihre Treue belohnt. Sie wird die Stammutter Davids, dessen Todestag nach einer Oberlieferung unserer Weisen gerade das Wochenfest, der Tag der Gesetzgebung, ist. David aber ist für das jüdische Volk das Sinnbild des Erlösers geworden, der in sich den Gedanken der religiösen Erneuerung und der nationalen Renaissance umfallt, das Symbol jüdischer Hoffnung: David inelech jisrael chaj wekajam! Die Himmel rQhmenl Psalm 10. Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und seiner Hände Wirken verkündet die Eeste. Der Tag sprudelt dem Tage die Rede zu, und die Nacht raunt der Nacht die Kunde. Nicht Rede, nicht Worte, deren Schall uuhörbar wäre: in alle Lande geht aus ihr Klang und bis ans Ende der Welt ihre Worte. Dem Sonnen ball setzt er ein Zelt an ihnen. lind er, wie ein Bräutigam, der hervortritt aus seinem Gemach, frohlockt wie ein Held, zu durchlaufen die Bahn. Am Ende der Himmel ist sein Aufgehen und seine Wende an ihren Grenzen, und nichts ist verborgen vor seiner Glut. Die Lehre Gottes ist vollkommen, erquicket die Seele, das (iesetz Gottes ist bewährt, macht Toren weise, die Befehle Gottes sind recht, erfreuen das Herz, das Gebot Gottes ist lauter, erleuchtet die Augen, die Verehrung (iottes ist rein, besteht ewiglieh, die Rechtssprüche (iottes sind wahrhaft, allesamt gerecht, ja, köstlicher als (iold und viel Icingold und süller als Honig und Wabenseim. Auch dein Knecht wird durch sie gemahnt, in ihrem Erfüllen ist großer Lohn. Versehen wer bemerkt sie? Von Unbewußtem halte mich rein! Auch vor den Frechen bewahre deinen Knecht, dall sie nicht herrschen über mich. Daun bin ich ohne Tadel und rein von schwerer Schuld. Möchten gefallen meines Mundes Worte und meines Herzens [Sinnen dir, (iott, mein I eis und mein Erlöser. In dritter, wesentlich vermehrter und überarbeiteter Auflage ers hien im Vortrupp, Jüdischer Buchverlag, Ausgewählte Psalmen, eingeführt von Dr. Meier Spanier. Schon der Umstand, dali dieses Buch wiederholt aufgelegt werden konnte, spricht beredter als Worte es sagen können, von dem Widerhall, den es gefunden hat. In der 1 at braucht man nur wieder in dem Buche zu blättern, um zu erkennen, wie ausgezeichnet es der Verfasser verstanden hat, in die Welt dieser, aus der Tiele jüdischen Eühlens geborenen gläubigen Lieder einzuführen und Gedanken und Stimmungen der Verhältnisse, unter denen sie zum ersten Male gesungen wurden, nachzuzeichen. Nichts vermag den wertvollen Gehalt dieses Werkes so eindringlich vor Augen zu führen, wie ein Blick in das Buch selbst. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages geben wir als Beispiel die Einführung in Psalm 10. wieder, zugleich eine schöne Würdigung des Offenbarungsgedankens. Die Redaktion. Dieser Psalm, uns durch den Gesang so wohl vertraut, bietet in seinen Einzelheiten und in seiner Zusammensetzung viel Schwieriges. Manches erscheint rätselhaft, ein geistreicher moderner Forscher will sogar in dem ersten Teil des Psalms geradezu eie altorientalisches Rätsel entdecken. Wir halten uns an die populäre Grundauffassung, die mit ihrer Geltung von zwei Jahrtausenden immerhin die Ehrfurcht des Alters verdient, und an den ergreifendsten und schönsten Kommentar des Liedes: Beethoven hat mit der majestäti-