Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 20 (20.5.1938)
- Date
- 1938-05-20
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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LEIPZIG ABGEMELDET BEIM SONDERBEAUFTRAGTEN DES REICHSMINISTERS 20. M A I 1 9 3 8 / / / 19. I J A R 5 6 9 8 14. JAHRGANG / NUMMER 20 Konfrontation. bemüht, die sichtbar ZU ,,J iul i s c Ii c Buchverlas Im Betrachtunsen über die gegenwärtige jüdische Lage begegnet häufig ilcr Begriff „Konfrontation". Ein Fremdwort, das, könnte man glauben, omie weitere? durch das deutsche „Gegenüberstellung" zu ersetzen wäre. Das trifft nicht zu. Das Fremdwort ist in einem besonderen Sinne gebräuchlich geworden, den man hei dem deutschen Ausdruck nicht Sogleich mitdenkt. Konfrontiert werden im Oerkhtsleben der belastende Zeuge und der Angeschuldigte; man geht von der Meinung aus, daß niemand die Unwahrheit, die er Über einen Menschen, von diesem nicht gesehen, aussagen mag, wiederholen w ird, wenn er ihm vor das Auge treten muß; ihm ins Gesicht hinein ZU lugen, wird ihn die natürliche Scheu, das Gewissen hindern. Kr wird nicht die Stirn frons Stirn - haben, seine Verleumdung aufrechtzuerhalten, wenn der andere ihn unmittelbar als Schurken hinstellen kann. Die gegenwärtige jüdische Lage erheischt als erstes Erfordernis, um ihr gewachsen /u bleiben, die unbedingte Klarheit über das, was ist. Nur, wer die Wirklichkeit sieht, nicht heller, aber auch nicht düsterer als sie ist, sondern gemu so wie sie ist, wird auch offenen Blick dafür haben, was ihm zu tun obliegt. Das aber vermag nicht jeder Mensch: nicht nur der Vogel Strauß steckt den Kopf in den Sand, wenn er Unangenehmes wittert. Darum ist für den Juden heule „Konfrontation" mit der Wirklichkeit notwendigste Notw endigkeit. Die jüngere Generation weiß das. Sie ist unablässig jüdische l äge zu analysieren, tun ihre Wirklichkeit machell. Versuche dieser Art stellt eine Schriftenreihe Wirklichkeit heute" dar (vom „Vortrupp'', jüd herausgegeben), deren erste I lefte eben vorliegen. Hans Joachim Schoeps eröffnet die Reihe mit Ausführungen „Zur jüdisch-religiösen Oegenwartslage". In durchaus zutreffender ('haraktcristik zeigt er die Wandlung, die sich in den letzten hundert Jahren in der Haltung des westeuropäischen Juden /um jüdischen Glauben und zum jüdischen Oesetz vollzogen hat: „Die jüdischen Theologen haben ... Menschen vor sich, ... die überhaupt nicht mehr einzusehen vermögen, warum sie <Wh bemühen sollen, dal! (lott ihnen zum (iegenstand der Erkenntnis werden solle." So besagt die „nüchterne Auskunft über unsere Situation", dali die Emanzipation ein viel schicksalsschwererer Einschnitt in der jüdischen Geschichte war als der Untergang des jüdischen Staates: damals wurde K. Jochanan ben Sakkai zum Erretter des Vaterlandes, indem er die l iktion begründete, der Judenstaat sei gai nicht untergegangen, sondern lebe durch das Gesetz fort. Und damit wurde bewirkt, dal! Judentum und Judcnheii Bestand hatten. Den Reformrabbinern des 19. Jahrhunderts ist aber nicht gelungen, den Gehalt des Judentums in die neue Aera zu übersetzen. ..Was übrig bleibt", ist eine „Disharmonie zwischen Lehen im (iesetz und modernem Wirklichkcitsbcwulltscin". Mit voller Rückhaltlotigkeit zeichnel Schoeps diese religiöse (icgenwartslage, um dann ZU prüfen, ob es einen Zugaugsweg zum Judentum gebe. Lr findet ihn in der durch die Zeitlage wieder akut gewordenen religiösen Frage nach dem Sinn des Leidens, das der Jude wegen seiner Abstammung, also ohne eigene Schuld, ZU tragen habe. Darauf antworte die in unserer Bibel verzeichnete Geschichte: aus ihr ersehe der Jude seine aus der Aiiserwahluug Israels /um Bundesvolk (iottes ihm obliegende Sendung und die Verleugnung dieses Faktums durch ihn selbst wie durch viele Ahuengesehlechtei. Das führt ihn dann zu der Aufgabe, die Verwirklichung des Bundes mit allem Ernst zu erstreben und als Mittel dafür die Verwirklichung des (iesetzes zu erkennen: er wird aus ihm die Offenbarung Gottes hindurchspüren und sie schließlich in ihrer ganzen QröBe glauben. Unzweifelhaft darin muß diesen Gedankengängen beigepflichtet werden - ist das Leiden der Juden das Moment, von dem das Wiedererwachen des Glaubens seinen Ausgang nehmen wird. Dabei aber wird so sehen wir die Lage die Versenkung in die Bibel kaum /um Ausgang, sondern nur /u einein ersten Ziel /u bestimmen sein. Der Theologe muß auch sich selbst der Wirklichkeit konfrontieren und wird dann feststellen müssen, dali eben hier die Barriere ist, die den Weg versperrt: auch der Glaube an die Bibel als glaubwürdige geschichtliche Quelle und damit an ihr Gesetz ist verlorengegangen: Fakta sind die „Erwählung" und die „Offenbarung" aber nur für den, der glaubt. Soll dieser Glaubensström wieder freigelegt werden, so muß die Geschichte nachbiblischer Zeit, vor allein des Mittelalters, verständnisvoll betrachtet werden. Was in ihren Büchern verzeichnet ist, Überzeugt auch den heutigen Juden; muH er als Dokumente, als Urkunden gelten lassen. Dem, der nicht nur an der Oberfläche haften bleibt, muß aus diesen Zeugnissen der Glaube an den Bestand des Judentums zufließen, der Glaube an die im Judentum und damit in dem Juden dauernd wirkende Kraft, die ihren Quell im jüdischen Altertum und dein Niederschlag seines Geistes, der Bibel, hat. Solcher Glaube läßt dann ein neues Licht auch auf unsere Ur-Schrift, unser Ur-Zeugnis fallen und bestätigen, was uns darin über göttliches Walten und über das dadurch bestimmte Wesen jüdischen Seins gesagt wird. — Mit Recht wurde die Betrachtung über die religiöse Gegcnwartslage an die Spitze der Schriftenreihe gestellt: sie ist doch wohl das Kernproblem bei dieser Konfrontation; sie begegnet deshalb mehr oder welliger auch in den weiteren Heften, (iewili würde auch die Zeichnung, die Günter Friedender über „Jüdische Jugend zwischen (iest ei n und Morgen" entwirft, nicht die Form eines Alarmrufci erhalten haben, wenn die Jugend gläubig wäre. Der mit der Lage unserer Jugendlichen besonders gut vertraute Verfasser weist selber darauf hin, dali er bewußt verallgemeinert und vergröbert habe. Aber auch, wenn wir die gebotenen Abstriche vornehmen, bleibt noch genug Trostloses übrig, worüber sich keineswegs alle diejenigen hinreichend Rechenschaft ablegen, die es anseht. Ericdländer legt dar, dali es für jüdische Jugend keinen Lebensraum mehr gehe. Familie und Heini bedeuten ihr nichts mehr; nervöse Gereiztheit und Unruhe, nicht minder aber die dauernd zunehmenden Selbsteinschränkungen der jüdischen Häuser rauben dem jungen Menschen die Freude am Heim; die Schule hört mehr und mehr auf, ihm ein ausfüllender Lebensbezirk ZU sein; der Beruf, in den er eintritt, befriedigt ihn nicht, da nur der Oedanke an das Nützliche, Praktische, nicht aber au die Neigung für seine Wahl ausschlaggebend waren; so bleibt als Zuflucht die Freizeit, die ihm etwas sein könnte. Soweit er einem Bunde angehört, nicht nur als gezähltes, sondern als innerlich erfaßtes Glied des Bundes, hat er da seinen ihn erfüllenden Raum. Aber wenigstens Sil v. II. aller jüdischen Jugendlichen sind in keinem Bunde. Ihnen also bleibt nichts; die ungeheure Gefahr uuili gesehen werden, dali sie seichtem Vergnügen verfallen; dali das Kino ihr Denken verfälscht, sie auf Eis- Flirt treibt und sie haltlos absinken 128t. Die auf Versuche zu praktischen Vorschlagen, Feststellung, dali solche Jugend im Auslände können, wo neben selbstverständlichem bedielen, zum ranz, zum Betrachtung verzichtet sie gipfelt alier in der nie wird Wurzel fassen , ndc ruflichen Können eine „aus gesundem Selbstvertrauen fliel Energie" zur < lewinnung neuer Seßhaftigkeit unerläßlich ist. Das Problem der Familie bildet den Gegenstand einer drillen Abhandlung: Hanns Reißner stellt es unter den Gedanken: „Tain ilie auf Wanderschaft". Er nimmt als Beispiel die Familie eines Rabbi aus der /weiten Hälfte des IS. Jahrhunderts und zeigt, wie seine Nachkommen, im Januar UtJI insgesamt 396, immer mehr und immer weiter verstreut wurden und w erden, so dal! das Grundgct'ühl „Familie", bei den Juden ein integrierendes, sieh verfluchtigen mußte. Dieser eine l all ist typisch geworden. Darum siehl ei die Familie, soweit es sich um andere als l'alästiuawanderung handelt, gefährdet; der Halt, den sie stets gab, und der schon heute nicht mehr die alte Eestigkeit zeigt, könnte völlig schwinden. Uni so dringender wird sein Ruf, dali der Familiensinn mit wandere, daß jeder Wanderer ihn sich sichere durch eigene I amihciigründung und Pflege jüdischen Zusammenhangs in der jüdischen Gemeinschaft des Landes, zu dem er kommen wird. Die jüdische Wirklichkeit heute stellt uns mit alledem vor bedeutsame Erziehungsaufgaben, in erster Linie für die Jugend. Ihnen geht Hein/ Frank, Erzieher in den Baruch-Auerbachsehen Waisenerziehungsanstalten, im vierten Heft noch besonders nach, in dem er die „G e g e n wartsauf ga b e n j ü d i s e her J u g e n der Ziehung" untersucht. Immer noch fehlt zahlreichen jüdischen Eltern das Verständnis dafür, daß bei der Berufswahl der Wunsch nach sozialem Aufstieg der Kinder nicht mehr ins Gewicht fallen darf, daß sie hingegen auch die soziologischen Prinzipiell berücksichtigen