Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 17 (29.4.1938)
- Date
- 1938-04-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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IJDUHE IND NACHRICHTENBIATT DER GEM EIN DEVERWAL^ JN6 DER ISRAELITISCH EN RELIGlONSGEMEiN DE ZU LEIPZIG ABGEMELDET BEIM SONDERBEAUFTRAGTEN DB REICHSMINISTERS GE1SH6 UND KULIUREUKNJUDEN 1 DEUTSCHEN REICHSGEBIET. 29. APRIL1938/28. NISSAN5698 14. JAHRGANG / NUMMER 17 Oeorsrr Uocfz: Eltern und Kinder. Nach dem Peßachfest. Wie alljährlich so war auch diesmal der Schabbat haggadol der Auftakt für die jet/t hinter uns liegende Peflachzeit „Siehe, ich sende euch Elia den Propheten, bevor der grolle und furchtbare Tag des Ewigen kommt; er wird das Her/ der Väter zurückwenden ZU den Kindern und das Her/ der Kinder ZU ihren Vätern . . .", lasen wir aus dem Buche Maleachi. Aber der „grobe und furchtbare Tag des Ewigen", wie Maleachi ihn schildert, sieht anders aus als unsere Vorstellung von Pcßach als dem jüdischen Freiheit*- fest („S'man cherutenu"), anders auch als unsere Vorstellung vom messianischen «eich. Denn der Prophet schildert nicht einen Tag der Freiheit und des Friedens, sondern einen Tag des Gerichts und des Grauens, „brennend wie ein Ofen'' (Mal. i, I1)). Aber vielleicht liegt der Irrtum bei uns, vielleicht, sicher sogar haben wir uns eine falsche Vorstellung von dem Kommen der Freiheit gemacht. Ls gibt da in unseren Pellach-Haggadoth Bilder Moses, Mirjam und die Israeliten am Schilfmeer, unmittelbar nach dem wundersamen Durchzug, das bekannte Siegeslied singend - und, wie gesagt, in einigen unserer Bücher, glücklicherweise nicht in allen, tragen sie sehr kostbare, seidene (Fewänder und außerordentlich gepflegte Frisuren. Man darf ohne deshalb als Spötter angesehen zu werden — wohl getrost sagen: genau so haben unsere Altvordern nicht ausgesehen bei ihrer Wanderung durch Meer und Wüste. Der Weg ZW Freiheit ist stets beschwerlich und gefährlich, und jeder Frühling kommt im Wettersturm. Das wissen wir, die wir selber wieder auf Wanderung ZU neuen Zielen begriffen sind. Und noch eines wissen wir: ein Teil der prophetischen Weissagung hat sich bereits erfüllt: die Herzen der Eltern Sind den Kindern wieder zugewandt. Vorbei die Zeit, in der jüdische Eltern beileibe nicht alle, aber es kam doch vor ihre Kinder zwingen wollten, ihr Leben nach den elterlichen W ünschen statt nach der eigenen Natur und Neigung einzurichten: Söhne mit wissenschaftlicher Begabung wurden manchmal /um Kaufmannsberuf genötigt, mir damit sie die väterliche Firma weiterführen, oder umgekehrt, wissenschaftlich weniger Begabte /um Studium, nur damit der Vater einen Akademiker /um Sohne habe; Töchter und Söhne oft aus ähnlichen Rücksichten zu Eheschließungen veranlaßt, die nicht ihren eigenen Wünschen entsprachen. Das ist anders geworden: die jüdischen Eltern haben den Egoismus in sich bekämpft auch Liebe kann bekannt lieh egoistisch sein und tun alles, um die Kinder auf den Weg /u führen, der heute notwendig ist; glückstrahlend, wenn auch unter Tränen, erzählen sie, wie ihre Kinder in weiter Lerne „auf neuer Erde und unter einem neuen Himmel'' festen Lull gefallt haben. Es wäre zu wünschen, daß die Kinder dies alles, was ihre Eltern für sie tun, voll ermessen, daß es nicht so sei, wie Frieda Mehl er gedichtet hat von den Müttern gedichtet hat, aber es gilt genau so auch von den Vätern: „Die Kinder wissen nichts von ihren Muttern, Sie sehen und sie kennen sich allein. Wir Alten leben hinter festen (iittern, Kein Blick durchdringt das Dunkel, das uns schlitzt. Wer schätzt die Liebe, die er stets besitzt, Um die er nie gelernt hat, bang zu zittern?'' An und für sich ist immer die Trennung für die Zurückbleibenden schwerer als für die Scheidenden. Die Scheidenden erleben auf der Fahrt tausend neue Eindrücke, stehen am Ziel vor tausend neuen Aufgaben. Den zurückbleibenden Eltern aber war oft die „Ausrüstung und Abfertigung'' der Kinder die letzte grolle Aufgabe; nun ist die Leere doppelt fühlbar, da mit der Ausreise der Kinder auch die Beschäftigung aufhört, die vorher alle Kräfte in Anspruch nahm. Und ferner: als vor fünfzehn oder zwanzig Jahren die Eltern einander ehelichten, da wollte er sie und sie ihn; aber seit ilie Kinder da waren, hat die Ehe einen anderen, neuen Inhalt erfahren. Wie bei einem Hause, bei dem man zuerst das Qebiude aufgeführt und dann erst das Fundament daruntergelegt hätte; da aber nun das Haus auf dieses Fundament sich stützt, wird es ihm unter den Mauern fortgezogen. Die Kinder sollten daran denken, daß hier in das besondere jüdische Schicksal etwas allgemein Menschliches lüueinspielt auch sie werden in ihren Ehen diese Umwandlung erleben, daß /war er sie und sie ihn geehelieht hat, daß aber später die Kinder der gemeinsame Lebensinhalt beiiler werden und sie Schmerzen erleiden werden, sobald ihre Kinder dereinst sich auf eigene büße stellen was aber doch Sinn und Ziel aller Generationen ist. Darum: wie ihr einst um die Liehe eurer Kinder bangen werdet, so denkt daran, daß jetzt eure Eltern um eure Liebe bangen; nehmt nicht die Liebe, die eure Eltern euch erweisen, als Selbstverständlichkeit, sondern laßt in dieser Zeit da Eltern und Kinder in einer einheitlich geprägten Schicksalsgemeinschaft miteinander stehen, da der Eltern Hcrz.cn ganz nur an euch und eure Zukunft denken Herzen sich wieder hinwenden ZU euren Eltern. Auerbach es einmal ausgesprochen hat: „Was ein Mensch in der Welt auch tue, groß und weitwirkend, hat er nicht seine Eltern erfüllt, so ist alles andere hinfällig." In vielen jüdischen Häusern wird in diesem Jahre der Seder- Abend der letzte gewesen sein, den Litern und Kinder noch gemeinsam serbracht hallen; in vielen standen ilie Stuhle bereits leer, auf denen früher die Kinder am Sedertisch zu sitzen pflegten. Aber die Liebe, die wirkliche und das heißt: die gegenseitig geübte Liebe kennt keine Trennung; sie schlägt geistige Brucken, und oft genug führt sie auch ZU einer wirklichen, räumlichen Wiedervereinigung. So wie der Stammvater Jakob seinen Söhnen nach/og: Wajjered Mi/raijmah. anuß haddibur al-pi, „Er zog nach Ägypten, gezwungen durch göttlichen Befehl" (Pcßach-Haggada), und so wie Mose ausrief: Biu'areuu uwiskcneuu neleeh: „Mit unsern Jungen und mit unseren Alten wollen wir ziehen" (2. Mose Kl, »I). laßt So da auch eure wie Bert hold und sei Pflicht es noch so gegen seine Tagung des Jüdischen Frauenbundes Im Lehnitzer Heim des Jüdischen Frauenbundes fand vom l~t. bis 30. März 1938 eine Sitzung des (iesamtvorstandes statt, zu der etwa 50 Frauen aus dem Reich erschienen waren. Vertreter der Reichsvertretung, der Jüdischen Gemeinde Berlin, der Wizo nahmen an der Tagung teil. Der erste Tag war der internen Bundesarbeit gewidmet. Anschließend an den Geschäftsbericht, den Hannah Karminski erstattete, wurde berichtet, was in Zusammenarbeit mit dem Hilfsverein der Juden in Deutschland in den verschiedenen Orten zur Förderung der Fiauenauswanderuns geschieht. Ausbildung* fragen, Probleme der Fürsorgearberl wurden ausführlieh behandelt. Uber die Reichsheime des JFB in Neu-Isenburg und Wyk auf l'öhr, über seine Kinderschutzzentrale in Elberfeld und die in Düsseldorf zentralisierte ErbohmgsfÜTSOrge referierten die jeweiligen Kommissionsvertreterinnen. Linen besonderen Raum nahm schon an diesem Tage die Aussprache über Palästiuafragcu ein. Da die neuen Finwandcrungsbcstinimuugen für das nächste Halbjahr Jugendlichen Zertifikate gewährleisten, wenn sie ZU Ausbildungs/wecken nach Palästina gehen und ihr Unterhalt sichergestellt ist, wurde die Ausrüstung und Versorgung dieser Jugendlichen als vordringliche Aufgabe anerkannt. Allen Nähstuben des JFB., allen Haushaltungssehulcn und Vorlehren soll nahegelegt werden, in den nächsten Monaten nur für die Ausrüstung von Chaluzim und Chaluzoth ZU arbeiten. Verstärkte Mitwirkung des Judischen Frauenbundes an der Aufbauarbeit in Palästina hatte bereits der Redner lies ersten Abends, Dr. Franz Meyer, in seinem Referat über „I raueuarbeit in und für Palästina" gefordert: Unterstützung der Sozialarbeit, Mitwirkung an den pädagogischen Aufgaben, insbesondere in den Aushildungsstätten. Als besonderes Problem, dessen Lösung die Milarbeit der I rauefl verlangt, w urde die Einwanderung und Eingliederung älterer Menschen in Palästina dargestellt. Die Veranstaltungen der nächsten Tage fanden unter der Mitwirkung der „Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung I rankfurt a. M." statt. Der /weite Tag brachte zwei Arbeitsgemeinschaften unter dem Oesamtthema „Judentum als Lebensgrundlage". Sinn dieser Arbeitsgemeinschaften war, zu untersuchen, wie das jüdische Erleben der letzten Jahre fruchtbar gemacht werden kann für Menschen, die auswandern, auch wenn sie draußen vor ganz andersartige Aufgaben gestellt sind. Der erste Teil der Ar-