Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 16 (22.4.1938)
- Date
- 1938-04-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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H6 DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEM EIN DE ZU LEIPZIG ANGEMELDET BDMSONDERBEAUFTRAGTEN DES REICHSMINISTERS FURVOLKSAUFKLARUNG UND PROPAGANDA BETR.ÜBERWACHUNG DER GEISTIG UND KULTURELLIATIGEN JUDEN IM DEUTSCHEN REICHSGEBIET. 22. APRI L 1 938 / 21. NI S SAN 5 6 9 8 14. JAHRGANG / NUMMER 16 Dr. Ernst Petuchowski Ueber altjudischa Musik. i. Vor einiger Zeit hatten wir Gelegenheit, an gleicher Stelle zu dem heute so aktuellen Thema »Jüdische Musik" Stellung zu nehmen. Wir kamen dabei zu dem Schiuli, daß eine neue jüdisch-nationale Musik bereits im Entstehen begriffen ist, daß sie aber nur im eigenen Land gedeihen könne. Als eine Grundvoraussetzung erkannten wir die intensive Beschäftigung mit der hebräischen Sprache. II. Naturgemäß taucht hierbei auch die Frage nach der altjüdischen Musik auf Die jüdische Musik nun, die bis zur Tempelzerstörung (70 n. Chr.) gepflegt wurde, gehörte zweifellos in die Gesamtgruppe der orientalischen Musik. Zahlreich sind die Andeutungen über Synagogalmusik, aber auch über Volks- und Oebrauchsmusik von Jubal, dem Stammvater der Instrumentalmusik, an bis zur Restauration des Tempelgottesdienstes durch Esra und Nehemia. Zahlreich und wertvoll sind aber auch, besonders in den letzten Jahren, die Forschungen auf diesem Gebiet Wir verweisen hier auf die grundlegenden Arbeiten des Berliner Professors Curt Sachs, unter denen ein Versuch der Entzifferung einer babylonischen Hymne zu erwähnen wäre. Auf den Wiener Komponisten Egon Wellesz, einem Schönberg-Schüler, der mit zu den bedeutendsten Wissenschaftlern speziell auf dem Gebiet der orientalischen Musik zu zählen ist. Ferner auf den Musikforscher A. Z. Idelsohn mit seinem wisenschaftlich gut fundierten Werk: Geschichte der jüdischen Musik. So zahlreich die Andeutungen über die Pflege und Ausübung dieser Musik sind — auch im Midrasch und Talmud finden wir viele Hinweise in dieser Richtung —, so gering ist die Zahl der Belege, die uns aus der Frühzeit der uklischen Musik überkommen sind. III. Wir können hier nur aus analogen Fällen auf das Aussehen dieser altjüdischen Musik unsere Schlüsse ziehen. So muß u. E. die griechische Musik, die einen großen Einfluß auf die orientalische Musik ausübte und von der genau entzifferte Tondenkmälcr vorhanden sind, zu Hilfe genommen werden. Bei dieser uns erhaltenen griechischen Musik können wir die auch heute noch vorherrschenden Wesensmerkmale der orientalischen Musik genau erkennen. (Es sei hier auf des gleichen Verfassers Aufsatz in einer der letzten Nummern dieses Gemeindebla'tes verwiegen). Noch einmal sei hier Idelsohn mit seinem zehnbändigen hebräisch-orientalischen Melodienschatz, einer wahren Fundgrube der Wissenschaft, zitiert. Nicht hoch genug kann auch der Wert seiner Sammlung jemenitischer Melodien veranschlagt werden. Immer wieder muß man aber den Talmud zu den Forschungen heranziehen, weil man aus ihm z. B. die Art der Anwendung der Instrumente, die Art der Ausübung der Musik ersehen kann. IV. Wir dürfen aber hier einen Mann nicht übergehen, dessen Arbeiten uns mit ein Schlüssel zur Erforschung der altjüdischen Musik sein dürften. Es ist der bekannte Komponist und Musikforscher Professor Dr. Salomon Rosowsky. Er war Milgründer der seiner zeitigen Petersburger »Gesellschaft für jüdische Volksmusik"' und lebt seit über einem Jahrzehnt in Jerusalem. Dort hat er im besonderen Studien über die altbiblischen Kantilationen, über die Neginoth, die Akzente der Bibel, angestellt. Rosowsky's Forschungen haben ganz neuartige Ergebnisse von fundamentaler Bedeutung gezeitigt. Das Resultat seiner vieljährigen Arbeiten, die er im Auftrag der Hebräischen Universität in Jerusalem unternommen hat, hat nun Rosowsky in einem Werk niedergelegt, dessen praktischer Wert für die Entwicklung der jüdischen Musik von großer Bedeutung werden kann. V. Im ersten Teil dieser Arbeit behandelt Rosowsky den Schabbath- Vortrag des Pentateuchs. Nach der Rückkehr der Juden aus der babylonischen Gefangenschaft hatte Esra den rezitativischen Vortrag der Bibel angeordnet. „Tropen" werden die Zeichen, die die Singweise der Bibel darstellen, genannt. Teils stehen sie unter, teils über den Worten. Wir besitzen 28 Typen dieser Tropen. Sie können als die uns überlieferten Notenzeichen der Juden des Altertums angesehen werden. Es bedeutet nun nicht etwa jede Trope einen Ton, so wie es bei unserer heutigen Notenschrift der Fall ist. Im Gegensatz hierzu stellt jede Trope eine Folge mehrerer Töne vor. Manchmal sogar eine Folge von IS Tönen — wie z. B. beim Schalscheleth. Es gibt sechs Hauptgruppen für den Vortrag der Bibel: 1) Für die 5 Bücher Mosis am Schabbat h 2) Für die 5 Bücher Mosis an den hohen Feiertagen 3) Für den Vortrag der Hattarah — also für die Propheten 4) Für das Buch Esther am Purim 5) Für die Bücher Ruth am Schewuoth, Koheleth am Sukkoth, Schir Haschii im am Pessach 6) Für Echa am 9. Aw. VI. Die wissenschaftliche Bedeutung von Rosowskys Arbeit ist ungeheuer groß. Sie wird Rückwirkungen auf die vergleichende Musikwissenschaft im allgemeinen, im speziellen auf die Erforschung der altjüdischen Musik, aber auch auf die Erforschung des gregorianischen Chorals haben. Die Arbeit Rosowskys wird auch nicht ohne Einfluß auf die Entwicklung unserer heutigen jüdischen Musik bleiben. Fügt man nun alle die erwähnten Quellen — die des Talmud und des Midrasch mit einbegriffen — zusammen, so spärlich s:e auch sein mögen, so kommt schon annähernd ein Bild der altjüdischen Musik zum Vorschein. JIWO. Wenigen innerhalb unserer Gemeinde dürfte bekannt sein, daß mit diesem Kennwort eine wissenschaftliche Einrichtung bezeichnet wird, die Anspruch auf allgemeinste Beachtung erheben darf. Vor etwa dreizehn Jahren erfolgte in Wilna die Gründung des Jiddischen Wissenschaftlichen Instituts - so lautet der volle Name 'las sich die Aufgabe stellte, die in der jiddischen Sprache erscheinende Literatur aller Art methodisch und systematisch zu sammeln und zu bearbeiten und darüber hinaus eine Art Zentralstelle für indische Wissenschaft überhaupt zu werden. Seine stärkste Verbreitung hat das Institut in Polen, Litauen und Amerika, d. h. in den Ländern, in denen das Jiddische als Volkssprache gepflegt und von innen heraus zur Schaffung jiddischer Literatur geführt hat. In den dreizehn Jahren des Bestehens hat „JIWO" eine Reihe wertvoller wissenschaftlicher Forschungen angeregt und in ihren Publikationen herausgegeben. In verschiedenen Sektionen werden Spezialarbeiter /um Teil auch in Kursen, durchgeführt. Besonderes Interesse wird der Erforschung der jüdischen Folklore zugewandt, und gerade auf diesem Gebiet sind durch die sich ständig mehrende, in verschiedensten Qebieten tatige Mitarbeiterschaft wertvolle Sammlungen, sowohl an Gegenständen, wie an Aufzeichnungen entstanden, die den Linzelarbeiten zur Grundlage dienen. Die Verbindung zwischen der Zentrale und den Lorschern und Forschlingen wird durch eine Reihe periodischer Zeitschriften hergestellt, die über den Verlauf der Arbeiten unterrichten. Kürzlich haben wir in unseren Blättern auf eine Sonderausgabe der Monatssschrift „Jl WO-Blätter" hingewiesen, die dem Andenken von Perez gewidmet war und neben einer Reihe von bedeutsamen Aufsätzen über einzelne Lebensphasen des Dichters eine stattliche Zahl von /um grollen Teil bisher unveröffentlichten Briefen wiedergab. Daneben besteht ein Mitteilungsorgan, das in gewissen Abständen über die organisatorischen und verlegerischen Vorgänge des Instituts berichtet: Jedies tun Jiddischen wissenschaftlichen Institut. Das let/te Heft beginnt mit einer kurzen Übersicht Ober die diei/ehnjährige Arbeit und berichtet über die letzten wissenschaftlichen Unternehmungen. Es enthält IL a. eine „Anweisung far Forschungen wegen der Geschichte fuu jiddische Jischuwim". In der Richtung der Bestrebungen von „JIWO" liegt es, eine möglichst Umfassende Bibliothek aus allen Gebieten jüdischen Wissens zusammenzustellen. Mit besonderer Aufmerksamkeit wird tlie Abteilung „Jüdische Zeitschriften aller Welt" bearbeitet. Vor einigen Jahren schon erließ „JIWO" einen Aufruf, sie hierbei zu unterstützen. Ober die daraufhin dem Institut während der Jahre 1935 1937 zugegangenen periodischen Zeitschriften ist kür/lieh eine Zusammenstellung erschienen, die einen interessanten Einblick in die gegenwärtig in