Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1938-04-08 · 14 (8.4.1938) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
14 (1938)
Issue
14 (8.4.1938)
Date
1938-04-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/6492399-5968792-5990702--259-4880536
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2 JODISCHES OEME1NDEBLATT LEIPZIG 8. April 193« / Nr. 14 ihrer Zeit von der Vergangenheit haben. Sie begründen eine Autorität der Schriftauslegung mit dem Recht, Takkauoth — Anordnungen zu erlassen, die bisweilen aus religiösen und aus sozialen Grüiir den neue Auslegungen von Thoraahschnitten darstellen. Diese Takkauoth, die nur diesem obersten Gerichtshof in der Quaderkammer zustehen, sind dazu bestimmt, der Erhaltung und Verbesserung der Weltordiiung zu dienen, deren Grundgesetz die Thora ist. Sie werden selbstverständlich im Geiste der Thora verordnet, und um ihren Willen zu erfüllen, stehen aber in ihrer Wirkung formal bisweilen offenkundig im Gegensatz zum Wortlaut der Thorabestinimung, wie etwa beim Prollbol. Dieser oberste Gerichtshof findet nach dem Sturze des Tempels seine Fortsetzung in der Akademie. Ihre Hauptaufgabe wurde die Systematisieruns und Fortbildung des gesamten Lehriuhalts der Thora, die Weiterentwicklung der Halacha, die dann in der Mischna, später im Talmud ihren schriftlichen Niederschlag findet, l>as ist in ganz knappen Strichen das äußerst interessante Ergebnis, zu dein Zucker durch seine Untersuchung gelangt. Iis bestärkt in der besonderen Beleuchtung, die die geschichtlichen Vorgänge von der Betrachtung der jüdischen Verwaltungsorgane aus erfahren, die Auffassung, dal! die Pharisäer als die treuen, aber auch als die mutig fortschreitenden Hüter der Thora zu erachten sind. Ihnen dankt das Judentum seinen Bestand, weil sie die Zeichen der Zeit nicht Übersahen und sieh durch die Bedenken der starr am Worte der Thora haftenden Saddukler nicht beirren ließen. Dadurch, und nicht minder durch zahlreiche wichtige und wesentliche Aufhellungen in einzelnen Fragen ist Zuckers Werk ein ungemein wertvoller Beitrag zur Klärung der Geschichte des Pharisäertums. Bevölkerungsbewegung jüdischer Groß- und Mittel-Gemeinden 1933—38 (Sämtliche Zahlen amtlich, jedoch z.T. geschätzt!) Gemeinde: Seelcnzalil: Im Jahre 1937: 1933 1937 1938 Geburt Eheschi. Tod Anw« Ansbach 250 140 119 1 0 0 23 Augsburg 107t) 800 750 2 3 16 62 Bamberg 812 712 619 3 3 19 37 Bremen 1314 118» 1094 5 3 22 83 Breslau 19722 17498 16582 117 113 408 929 Bruchsal 511 350 274 0 3 13 63 Darmstadt 1100 720 636 1 6 14 50 Frankfurt a. M. a) Isr. Gem. 26158 21489 202^)1 89 88 335 1669 b) I.R.O. 2900 2700 19 5 40 180 Halle a. S. 1300 1000 9(10 3 6 15 30 Heidelberg 1200 850 660 2 2 18 35 Kissingen 300 150 110 0 0 5 25 Knill 17998 13915 13054 62 58 190 1178 Krefeld 1517 1532 1476 2 15 25 51 Leipzig 10500 — 9000 70 75 143 430 Lmluinshafen 1162 772 6)2 5 6 15 68 Mannheim 640i 4850 4530 10 21 80 477 München 9005 8000 6500 22 24 152 400 Nürnberg 7000 5000 4582 5 16 97 300 Regensburg 480 330 300 3 2 6 18 Stettin 2584 1936 1762 9 11 39 71 Stuttgart 4841 4196 37-H 11 10 58 353 Wiesbaden — — 1763 2 7 33 113 Würzburg A n merkung 2200 1490 1237 4 8 60 253 zu Fr nikfurt M.: In der Scclenzahl von 1933 mit 26158 sind ca. 3800 Mitglieder der Isr. Rel.-Ges. enthalten. Jüdische Auswanderung aus Bayern 1937: Vom 1. 12. 1936 bis 31. 12. 1937 sind aus Bayern 1461 Juden ausgewandert. Davon gingen 851 nach USA., 167 nach Palästina, 134 nach Südamerika, 55 nach England. 55 nach Holland, 37 nach der Schweiz, il nach Italien, '29 nach der Tschechoslowakei, 28 nach Südafrika. In 16 weitere Staaten gingen weniger als 20 Personen. Die Binnenwanderung betrug 8SS Personen, davon 304 Innerhalb Bayerns. Hans Lamm. Bericht über die Gemeindesitzung vom 21. März 1038. Herr Gemeindevorsteher Goldschmidt begrüßte die neu eingetretenen Gemeinde verordneten, die Herren Abisch Frankel und Jakob Ader, und dankte Herrn Katzenstein, der die Vertretung des beurlaubten Verwaltungsdirektors, Herrn Dr. Grübet, übernommen hat. I iauplgcgcnstand der Tagesordnung war der I laushaltplau für das Rechnungsjahr 1938 39, der von Gemeindevorstand und Finanzausschuf] ><i weitgehend vorbereitet war, dal! die Gcmcindcsitzuug ki im Veränderung an dem Zahlen werk vornahm. Es wurden aber bi i der Besprechung der einzelnen Abschnitte Anregungen und Vi ünsche geäußert, deren Beachtung der Gemeindevorstand sich angelegen sein lassen wird Darauf fand der Haushaltplan entsprechend der Vorlage einstimmige Annahme. Uber den Steuersatz der Gemeindeanlage 1938 wird später Beschluß gefaßt werden. I He bisherige Steuerordnung wurde um ein Jahr verlängert mit ein« i Änderung, die eine Ausdehnung der Steuerpflicht in gewissen I illen über den Monat hinaus, in welchem die Gemeindemitglicdschaft erlischt, vorsieht. Es wurde mitgeteilt, daß die Steuerermäßigungen für Kinder und Verwitwete, die bisher für die Einkommensteuer galten, durch die Änderung des Einkommensteuergesetzes aber nun für Juden in Fortfall gekommen sind, für die Gemcindeanlage auch weiter bestehen bleiben. (Es wird hierzu auf die Bekanntmachung im üeineindeblart vom 11. März 1938 wegen Anmeldung der zu berücksichtigenden Kinder verwiesen.) Dem Bar Kochba wurde ein Beitrag zur Bereinigung von Grundstückslasten bewilligt; ferner wurde die Zustimmung zur Annahme eines Grabpflegevermächtnisses erteilt. Der Flaushaltplan stellt sich wie folgt dar: F.inn. Einn. Aus«. Ausg. Soll Soll Soll Soff 37/38 38 39 37 3S 38/39 I: Kultus 7200 8360 63287 66663 II. Bildungswesen1) u. Jugendbetreuung 28530 23130 87750 79907 III. Soziale Arbeit-) 29900 27461 119206 117881 IV. Bestattungsu. Friedhofswesen 40015 41165 48261 44767 V. Vermögensverwaltung 22830 25204 62026 60738 VI. Allgemeine Verwaltung einschl. Steuervcrwaltung 16900 15160 81863 83843 Beiträge au die Reichsvertretung und den Sachs. Gemeindeverband — — 2 KHK) 26130 VII. Versorgung und Unterstützung von Angestellten, deren Hinterbliebenen u. ä. — — 39 139 40206 insgesamt 145405 140480 525532 520135 VIII. Rechnungsausgleich (Steuerb e d a r f) 380127 379655 525532 520135 >) Hierin ist lediglich der Zuschußbedarf der jüdischen Schulen enthalten. Die Ausgaben, die die jüdischen Schulen aus eigenen Einnahmen (insbesondere Schulgeldern) decken, sind im Ociueimlehaushaltplan nicht mit aufgeführt. -) II er in ist lediglich der Zuschußbedarf des Sozialamtes enthalten. Die Ausgaben des Sozialamtes, die aus außerordentlichen Mitteln (insbesondere Spenden für Hilfe und Aufbau) gedeckt werden, sind im Uemeindcliausliahplan nicht mit aufgeführt. Unsere Gemeinde. 80. Geburlstag. Am O.April vollendete Herr Leopold Müller in weiten Kreisen der Gemeinde persönlich geschätzt und verehrt, sein 80. Lebensjahr. Den Besuchern der Gemeindesynagoge ist der Jubilar, der, soweit nur irgend sein Gesundheitszustand es ihm erlaubt, regelmäßig den Gottesdienst besucht, eine vertraute und beliebte Erscheinung, besonders auch dadurch, daß er seit vielen Jahrzehnten das Amt eines Synagogeiikominissars gewissenhaft ausübt. Auch an dieser Stelle seien ihm herzlichste Glück- und Segenswünsche dargebracht: möge ihm in Gemeinschaft mit seiner Gattin und im Kreise der Familie noch recht viel Freude beschieden sein. Frauenbcratungsstclle des JUd. Frauenbundes im Hilfsverein. Gtjethestr. 1. Die Sprechstunde findet nur Mittwochs von 17 18 Uhr statt. Wir bitten, sich streng an diese Zeit zu halten. Entlassungsfeier der Jüdischen Schulen. Zu einer Feierstunde fanden sich Vertreter der Gemeinde, des Schulvcreins, Eltern, Lehrer und Schüler am Abend des 31. März zusammen, um ein für das jüdische Schulwerk denkwürdiges Ereignis zu begehen. Waren auch schon in früheren Jahren Zöglinge der Carlebach'tchen Schule in Leipzig zur Reifeprüfung gelangt, so ist jetzt zum ersten Male die Vollrcifcprüfung unter staatlicher Aufsicht und Leitung an der Schule selbst abgehalten und mit gutem Ergebnis abgeschlossen worden. Zehn Schülern und Schülerinnen konnte das Zeugnis der Hochschulreife zuerkannt werden. Direktor Dr. Welke rs heimer brachte die Bedeutsamkeit dieser Tatsache zum Ausdruck und verband damit eine Bewertung der jüdischen und allgemeinen Bildungsei erneute in ihrem harmonischen Zusammenspiel bei der Gestaltung des jüdischen Menschen: Wie einst in den Vortagen jenes Nissan und Pessach des biblischen Berichts machen sich die jungen Menschen an ihren Weg im Vollbesitz ihrer beruflichen Fähigkeiten und im Bewußtsein ihrer Lebensaufgabe als Mensch und Jude. Unter Segenswünschen der Schule und ihrer Lehrer händigte der Direktor den Abiturienten die Zeugnisse aus. — Als Vorstand des Schulvereins richtete Dr. Kuritzkes ernste und doch ermunternde Worte an die abgehenden Schüler, indem er ihnen die vielgestaltigen Wege schilderte, die die jüdische Jugend beschreiten muß, um zu ihrem nicht kleinen Teile zur Sicherstellung der jüdischen Zukunft und zur Ehre des Judentums beizutragen. — Aus dem Liternkreise dankte Prof. Not Ii mann der Schule für die Erziehungsarbeit. Für die Abiturienten sprach Alice Rose in schlichter und klarer Rede das aus, was sie alle bewegte, die jetzt die Schule verlassen. Dankerfüllten Herzens, aber auch mit Wehmut wenden sie sich mm ihren eigentlichen Berufen zu, ihre Wege gehen auseinander, alle aber stehen weiterhin im Banne ihrer alten Schule und ihrer Grundsätze, die mit Eifer und Hingabe zu befolgen Ehrenpflicht bleibt. Im gleichen Sinne verabschiedete sich die Volksschulangehörige Hanni Schcinowitz namens ihrer Kameraden von der jüdischen Schule, indem sie ein inniges Bekenntnis zur Sendung des jüdischen Volkes und zum Lande der Väter ablegte. Der Direktor ehrte noch eine Reihe von Schülern durch Obergabe von Buchprämien für Leistung und Führung. — Den künstlerischen Teil des Abends bestritten Chor und Orchester unter Leitung des Musiklehrers Nicderland; Storch und Freimann gaben ein Klaviersolo, Elli Honig sprach ein wohlgeformtes AJ> scluedtwort. Sn.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.