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Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1938-04-01 · 13 (1.4.1938) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
14 (1938)
Issue
13 (1.4.1938)
Date
1938-04-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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«iWÄII LEIPZIG ANGEMELDET BEIM SONDERBEAUFTRAGTE DES RFICHSM1N1STERS 1 ' illl 1. APRIL 1938 /29. AD AR II. 5698 14. JAHRGANG / NUMMER 13 Die „Vierte Alijah". Im Jüdischen Verlag Berlin ist kür/.lich der 2. Band clor großangelegten Geschichte der „Zionistischen Bewegung'1 von Adolf B (i h in erschienen. (Adolf Böhm, „Die Zionistische Bewegung", II. Band: 10IS 1925.) Der erste, 1921 erschienene Band, gab eine Darstellung, der Bewegung bis /um Weltkriege. Die Entwicklung der Geschehnisse, in deren Mittelpunkt Palästina steht, hat den ursprünglichen Plan, das Werk in zwei Bänden abzuschließen, durch das ungeheure Anwachsen des Stoffes gesprengt. So umfaßt der vorliegende Band nur die (ieschichte in den Jahren 1918 bis 1925; die Fortführung bis in die neueste Zeit soll in einem dritten Bande gegeben werden. Als ein mit historischem Blick begabter ausgezeichneter Sachkenner erweist sich Adolf Böhm auch in diesem zweiten Bande. Niemand, der sich mit dem Ablauf der Vorgänge, mit ihrem Zusammenhang und ihrem Sinn eingehend vertraut macheu möchte, wird au diesem ürundwerk vorübergehen können. Wir entnehmen ihm die nachstehende Probe, die auller den gekennzeichneten Eigenschaften des Werkes auch noch die weitere bezeugt, dall auch zur gegenwärtigen Situation in der von Böhm gegebenen Darstellung wertvollste Aufschlüsse geboten werden: * Die Einwanderung der Jahre 1924 -1925 wird, wie erwähnt, „Vierte Alijah" genannt. Ihr Charakter war von der früheren Alijoth völlig verschieden. Waren bisher die Olim (Einwanderer) fast ausschließlich ihrer zionistischen Gesinnung wegen nach Palästina geströmt, so kam jetzt auch ein Element ins Land, das dort eine Zuflucht vor Bedrückung und Verfolgungen suchte. Für die zionistische Theorie, die das Gemeinwesen in Palästina als eine reale Notwendigkeit für die Juden crkl.M, war dies eine Bestätigung durch Tatsachen. Doch diese Theorie verkündet gleichzeitig, dall das Land nur dann für eine maximale Zahl von produktiv beschäftigten Menschen tauglich gemacht werden kann, wenn durch die nation.il jüdische Organisation und ihre Mittel die Voraussetzungen dafür geschaffen werden. Denn Palästina war und ist kein Land hochentwickelter Wirtschaft wie Amerika, wohin der Jude gehen konnte, um eine Existenz zu finden, ohne sich um das Schicksal seiner Gemeinschaft zu kümmern. Eine solche rein individualistische Einstellung, die charakteristisch war für die aus Handel und Handwerk stammenden Leute der „Vierten Alijah", war das Neue gegenüber den frühereu Einwanderungswellcn. Zum erstenmal kam ein Strom von mittleren und kleinen Kapitalisten ins Land, die gewohnt waren, nur privatwirtschaftlich zu denken, mehr oder weniger kleinbürgerlichen Charakter hatten und städtisch-gewerbliche Erfahrungen und Neigungen besaßen. Sie gingen deshalb vorwiegend in die Städte, vor allem nach Tel Aviv, und verursachten einen grollen Aufschwung dieser Stadt. Es begann eine Art „Boom", die Grundstückspreisc Stiegel in raschem Tempo, neue Häuser wuchsen aus dem Boden, die Zahl der Gesehäftsläden vermehrte sich täglich, zahlreiche Kleinindustrien und -gewerbe wurden von den Neuankömmlingen eingerichtet. Die verantwortlichen Zionisteu sahen „mit einem heiteren, einem nassen Auge" diese Entwicklung vor sich gehen. Die grolle Einwanderung und die fieberhafte Tätigkeit im Laude warcH ihnen nach den „mageren" Jahren seit 1920 eine besondere Genugtuung; aber das Bewußtsein, der verderblichen Bodenspekulation nicht entgegentreten zu können, weil keine Vorsorge getroffen war, aus öffentlichen Mitteln (etwa solchen der Stadtverwaltung) oder mit Hilfe des K. K. L. eine Bodeuieserve zu schaffen und die Regierung selten Boden zur Verfugung stellt, drückte auf das soziale Gewissen der Zionisteu. Die überhastete Art, in der die Einordnung einer so grollen Anzahl von Einwanderern erfolgte, brachte auch andere Schäden mit sich. Der Bauzustattd der neuen Häuser war infolge der Schnelligkeit, mit der sie fertiggestellt wurden, und dem damals noch herrschenden Mangel an gutausgchildctcu judischen Fachhaiul- «rerkem ein schlechter. Die Mieten waren hoch, teils wegen der hinaufgetriebenen Bodenpreise, der teuern Facharbeiterlöhne und besonders der ungünstigen Verhältnisse auf dem Kreditmarkt — niedrige Belehnungsgrenzc (5t)" „), kurze Fristen (10—15 Jahre), hoher Zinsfuß teils wegen der stürmischen Nachfrage nach Wohnungen, der das Angebot nicht nachkommen konnte. Dadurch wurde die Oberfüllung der Unterkünfte gefördert und ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung, der die Mieten nicht erschwingen konnte, gezwungen, in Baracken und Zelten zu wohnen. Die Überfüllung in den einzelnen Branchen durch Geschäfte gleicher Art ließ befürchten, daß die Juden in Palästina, anstatt zu den direkt produktiven Berufen zurückzukehren, dort — wie in den Städten Osteuropas -■ durch Gründung von zahlreichen Läden weit über den Bedarf einander gegenseitig die Lebensmöglichkeit erschweren würden. Von dieser Sorge bedrückt, sprach Weizmann in einer Rede in Jerusalem (am 11. Oktober 1924) davon, dall die Einwanderer verstehen müßten, dall die Juden ihre nationale Heimstätte nicht nach dem Muster von „Dzika und Nalewki" (bekannte, von Juden bewohnte Straße in Warschau) erbauen wollten. Dieses Wort wurde ihm von den Vertretern der bürgcrlich-privatwirtschaftlich eingestellten Gruppen des „Eth Liwnoth" und des Misrachi sehr übelgenommen. Und Weizmann wurde unterstellt, dal) er gegen die Interessen dir bürgerlichen Juden eingenommen sei. Weizmann antwortete darauf, der Zionismus sei eben als Protest gegen die historischen Kräfte entstanden, die an der ungesunden Berufsschichtung der Juden in der Diaspora schuld sind. Daß diese „kleinbürgerliche" Alijah auch bleibende Werte geschaffen hatte, war Übrigens nicht nur die Meinung der Vertreter dieser Schicht, sondern selbst ein Führer der Arbeiterschaft, Josef Sprinzak, damals Leiter des Arbeitsamtes der Z. E., hat auf dem XIV. Kongreß den Nutzen anerkannt, den die Vierte Alijah dem Lande gebracht hat. Tatsachlich zeigte es sich später, daß diese vielgeschmähte Vierte Alijah für Palästina von großem Vorteil gewesen war: Die erste sprunghafte Vergrößerung der Stadt Tel Aviv wie das schnelle Wachstum des jüdischen Jischuw im Lande überhaupt und die Anbahnung einer klein industriell CT! Entwicklung von zukunftsversprechendem Habitus war ihr Werk. Von der zionistischen Leitung war das Entstehen von Industrien lange angestrebt, eifrig propagiert und in jeder Weise, auch durch kleine Kredite, gefördert worden. Doch erst die Vierte Aliiah brachte den Nachweis für die Lebensfähigkeit der mittleren und kleinen Fabriken. Inzwischen waren in Haifa und Umgebung auch einige große Unternehmungen gegründet worden. Sir Herbert Samuel begleitete diese industriellen Fortschritte mit sehr großen Hoffnungen und sagte über sie in seinem Abschiedsbericht (1925): „Wenn diese Entwicklung im gegenwärtigen Mallstab anhält, so werden in einer einzigen Generation Jaffa und Haifa die wichtigsten Industriezentren des Mittleren Ostens werden." Im Jischuw begann damals eine Bewegung, so weit als möglich nur Landesprodukte, „Tozcreth Haarez" (worunter im jüdischen Kreis freilich nur Waren jüdischer Produzenten Palästinas verstanden wurden), zu kaufen. Ihr lag nicht nur die Erwägung zugrunde, daß selbstverständlicherweise durch erhöhten Konsum von Landesprodukten mehr jüdische Arbeiter in der Industrie beschäftigt werden können und der Import ausländischer Waren zurückgedrängt wird; es hatte sich außerdem schon damals erwiesen, dall diejenigen, die eine große Chance für die Industrialisierung Palästinas in den Absatzmöglichkeiten für ihre Produkte in den Nachbai l indern als gegeben annahmen, sich getäuscht hatten. Diese Länder — Syrien und Ägypten — entwickelten unter Zollschutz und sonstiger Unterstützung der Regierungen eigene Industrien, die umgekehrt infolge der dort gezahlten niedrigen Arbeitslöhne in Palästina konkurrenzfähig sind. Aus Syrien, das nach Palästina zollfrei einfuhren kann, entwickelte sich tatsächlich mit der Zeit ein industrieller Export (neben dem relativ großen in landwirtschaftlichen Produkten) nach Palästina. Daher ist dessen Industrie hauptsächlich auf die Eroberung des heimischen Marktes augewiesen.

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