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Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1938-02-25 · 8 (25.2.1938) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
14 (1938)
Issue
8 (25.2.1938)
Date
1938-02-25
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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%b. 2. 38. »MMIM UND NACHRICHTENBLATT PER GEMEINDEVERWAL^ TÜN6 DER ISRAELITISCHEN REU6IÖNS6EM EINDEZU LEIPZIG ANGEMELDET BEIM SONDERBEAUFTRAGTEN DES REICHSMiNISTERS HJRVOIKSAUFKIARUNG UND PROPAGANDA BEIR.QBERWACHU N6 DER GEISTIG UND kUUU RELL TÄTIGEN JUDEN IM DEUTSCHEN REICHSGEBIET 25. FEBRUAR 1938/24. AD AR 1.5698 14. JAHRGANG / NUMMER 8 Dr. Sally Rabinowitz: Vom ostjüdischen Sprichwort. Für die Erkenntnis und Beurteilung des Charakters eines Volkes bietet sein Schatz an Sprichwörtern ein wichtiges Mittel, da er seine Anschauungs- und Denkweise, seine Sitten und Gebräuche treu widerspiegelt. Wie nun das Ostjudentur., innerhalb des Qetamtjudentunii eine in ihrer Eigenart streng umgrenzte Gruppe mit eigenen sprachlichen und literarischen AusdnicUsformen bildet, so ist auch in folkloristischer Hinsieht die Betrachtung der ostjfidischen Sprichwörter außerordentlich ergiebig für die Kenntnis der Denk- und Gefühlsweise, der Welt- und Lebensanschauung, des Humors und Witzes im OStjÜdischen Kaum. Aus ihrer gedanklichen und sprachlichen Prägung kann man die ganze ändere und innere Geschichte dieses jüdischen Volksteils herauslesen: die Welt des biblischen und talinudisch-midraschischen Schrifttums, Sprache und Sprachgebrauch der deutschen und slawischen Wirtsvolkschaften, die Tradition des eigenen Milieus mit seinen großen Nöten und kleinen Freuden all das erscheint in scharfen Strichen auf diesen Scheidemünzen der jiddischen Alllagssprache und gestattet, eine gleichsam aus seiner Geschichte hei ausdestillierte Gesamtauschauung des Ostjudcntums über alle Fragen der Welt und des Lebens abzuleiten. I.eider ist dieser ungeheuer reiche Schatz jüdischer Lebensweisheit noch nicht im entferntesten erschlossen; bilden doch die ca. KKK) ostjüdischen Sprichwörter, die die 1908 erschienene Sammlung von Ignaz Bernstein und Benjamin Segel enthält, nur einen kleinen Bruchteil der im jüdischen Osten und seinen Wcltdcpendancen umlaufenden ostjüdi- Khen Sprichwörter. Line kleine Auswahl möge vor Augen führen, welch reiche Lebensweisheit diese knappen Sprüche bergen. „A geschwir is a gute Sach bei jenem untern orm" (Lin Geschwür ist eine gute Sache unter dem Arm des Nächsten) ist typisch für die unbekümmerte Drastik, mit der eine landläufige Erkenntnis formuliert wird. Menschliche Dummheit bietet schönes Material: „A narr is an ejbiger kaljeke" (Ein Narr ist ein unheilbarer Krüppel) ist eine leidenschaftslose Feststellung, während in dem Wort „Lr klärt, wie der käs klimmt in krappel arajn" auf den beschränkten Menschen, der die einfachsten Dinge nicht begreift und sich z. B. den Kopf darüber zerbricht, wie der Käse in die Kräppelchen, die doch von allen Seiten geschlossen sind, hineingekommen sein mag), die blutige Ironie in ein anschauliches Bild gekleidet wird. „Der szejchel (d. i. der Verstand) kocht im backt1' lehrt, daß auch Verrichtungen untergeordneter Art vom Ventand geleitet werden müssen. Die bei Juden so beliebte „Mischpochologie", die versucht, zwischen zwei wildfremden Menschen auf abenteuerlichen Umwegen eine Verwandtschaft zu konstruieren, verspottet das rätselhaft anmutende Wort ,Leids fuß podkewes an ejnikel", was bedeutet: der neue „Verist „ein Lnkel vom Huf vom Fuß meines Pferdes". Recht nachdenklich sind die Sprichwörter „As men nemmt araus dos ferd 'tun stall, meg nun dem stall farbrennen", was, wieder sehr drastisch, O besagt: nach der Hochzeit sind dem Ehemann die Schwiegereltern audte ja —« JÜDISCHE WINTERHILFE i Zählung 0er hilfoberciten Jubcn in DeutfchlanO r-rS----. | g Voranzeige: Käehwte Pfundwammlnng am So im lag, 4*m <>. Mary, 193*._I £7. Februar 1938 Ablieferung der Formulare für die Kartothek der im Bezirk der Leipziger Gemeinde wohnhaften Juden. Im Einvernehmen mit der Behörde weisen wir nochmals daraufhin, daß die Fragebogen von sämtlichen Juden im Sinne des Reichsbürgergesetzes auszufüllen und abzuliefern sind. Diese Verpflichtung trifft sowohl die deutschen Staatsangehörigen als auch die Staatenlosen und die ausländischen Staatsaugehörigen Da ein sehr großer Teil der bei uns angeforderten Fragebogen bisher nicht zurückgeliefert worden ist, stellen wir hiermit im Einvernehmen mit der Behörde eine letzte Frist bis zum 11. März 1938. Wer die Fragebogen überhaupt noch nicht abgeholt hat, kann sie vom Montag, den 28. Februar 1938 bis mit Freitag, den 4. März 1938, vormittags zwischen 10 und 12 Uhr, im Anmeldezimmer des Gemeindeamtes, Walter-Blümel-Straße IC, entnehmen oder unter genauer Angabe der Namen sämtlicher Personen, für die die Fragebogen angefordert werden, und unter Einsendung eines mit 16 Pfg. frankierten Freiumschlages bei uns bestellen Die Ablieferung der Fragebogen kann entweder durch Zusendung durch die Post oder durch persönliche Abgabe während der Amtsstunden in der Kanzlei des Gemeindeamtes, Walter- Blümel-Straße 10, werktags von 8 — 17.30 Uhr, erfolgen. Wir machen darauf aufmerksam, daß wir diejenigen Personen, die trotz dieser Veröffentlichung ihre Fragebogen nicht ausgefüllt einreichen oder die Formulare garnicht abholen, listenmäßig zusammengefaßt der Behörde zu melden haben. Leipzig, den 21. Februar 1938. Der Vorstand der israelitischen Religionsgetneinde zu Leipzig gleichgültig, und „Men soll sich nit auston, bis men lejgt sich Schloten" man soll sich nicht ausziehen, ehe man schlafen geht—, welches davor warnt, seine Habe bei Lebzeiten anderen zu üt ergeben. Hier ist schon ein Schuß Philosophie enthalten, der immer stärker wird, je mehr der Gedanke sich dem Metaphysischen nähert. „Gott is an alter kunzeninacher" (Gott ist ein erfahrener Zauberer) entspringt aus mutigem Gottvertrauen in schwerer Not, ist also noch unkompliziert und ohne Hintergedanken. Wenn aber das Sprichwort Gott und den Menschen gegenüberstellt, ergeben sich tiefe, prachtvolle Antithesen. „Gott schtroft der mensch is sich nojkem" (Göll straft der Mensch nimmt Rache), oder „l'ar gott bot men mojrc far menschen muß men sich üiten" (Vor Gott hat man Furcht vor Menschen muß man sich hüten) das sind Worte von vernichtender Haiti' der Erkenntnis. Das deutsche, in dieser Fassung etwas verschwommene Sprichwort „Der Mensch denkt (iott lenkt" erscheint in: Jiddischen in der Form: „Der mensch dacht gott lacht" wie in ein grelles Scheinwerferlicht getaucht, das die lächerliche Fragwürdigkeit menschlichen Plauens unbarmherzig scharf aus dem Dunkel reißt. Und aus dem prachtvollen Wort „As gott wollt WOjnen af der erd, wollten ihm ilie menschen

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