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Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1938-02-18 · 7 (18.2.1938) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
14 (1938)
Issue
7 (18.2.1938)
Date
1938-02-18
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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UHDNACHR1CHTENWÄTT DER-GEMEINDEVERWAL^ 1ÜH6DERISRAELIT1SCHEN RELI6I0NS6E IS. FEBRUAR 1938/17. ADAR 1.5698 ANGEMELDET BEIM SONDERBEAUFTRAGTEN DES REICHSMINISTERS FURYOLKSAUFKLÄRUNG UND PROPAGANDA BETR.QBERWACH U NG DER GEISTIG UND KU Uli REIL TÄTIGEN JU DEN IM DEUTSCHEN REICHSGEBIET. 14. JAHRGANG / NUMMER 7 Ernst Petuchowski: Wesensmerkmale der europäischen und orientalischen Musik. dar oft hrgegnen wir in Musikwerken, besonders in denen von Komponisten neuerer Zeit, Stellen, die in uns die Vorstellung von der Welt des Orients erwecken wollen. Wir denken dabei z. B. an Gustav Mahlers „Lied von der Erde", Puccinis „Turandot", Richard Strauß' ..Salome-' u. a. Zugleich haben wir aber doch dabei die nnz richtige Empfindung, daß die Komponisten solcher und ähnlicher Werke dem europäischen Kulturkreis angehören. Was ist es nun, was uns dort als fremder Bestandteil erscheint? Worin besteht eigentlich der Unterschied zwischen der europäischen und der orientalischen Musik. Diese Frage muß aufgeworfen werden, will man schließlich die Wesensmerkinale unserer im Werden begriffenen jüdischen Musik erkennen. Es sei zunächst der Versuch gemacht, die äußeren Unterscheidungsmerkmale festzustellen, die unsere europäische Musik von der des Orients trennen. Dabei verstehen wir unter äußeren Merkmalen diejenigen, die im Harmonischen, im Akustischen liegen, im Gegensatz zu denen, deren Basis das psychologische Moment ist. Bei einem derartigen Versuch gelangen wir zu dem entscheidenden Ergebnis, d.iß das Denken und Fühlen des Europäers mehr auf die Harmonie als auf die Melodik gerichtet ist. Mithin also zum vertikalen mehr als zum horizontalen Hören neigt. Selbst bei einem schlichten Volkslied z. B. liegt die Melodie auf dem Fundament der Harmonik. Anders aber liegen die Verhältnisse bei der orientalischen Musik. Hier ist das durchaus Primäre die Melodik. Auch wenn sie manchmal akkordlich untermauert ist. Demi die Akkordik ist hier eine mein uder weniger entbehrliche Zutat. Werfen wir einen Blick auf die frühchristliche Kirchenmusik, können wir feststellen, daß eine Harmonik nicht existiert. Denn die psahuodiereude Gcsangsmanicr wurde vom jüdischen Tempelgesang übernommen. Und diese beruht eben auf dem linearen Prinzip. Mit dem Hinzukommen der Akkordik vollzieht sich dann der prinzipielle Unterschied zwischen der orientalischen und der europäischen Musik. Ein Unterschied, der sich im Laufe der Jahrhunderte immer mehr bemerkbar machte. Der Kontrast Melodik- -Harmonik, den wir als ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal feststellen konnten, prägt sich in der modernen europäischen Synagogenmusik sehr slark aus. Das Rezitativ des Vorbeters zwar zeigt uns deutlich in seiner Melodik Spuren orientalischer Musik. Doch die zahlreichen mehrstimmigen Chöre bewegen sich durchaus in der Harmonik des althergebrachten europäischen Tonsysteins. Es sind eben unsere Synagogalgesänge Werke von Komponisten, deren Schaffen durchaus im europäischen - also im harmonischen — Klangbewußtsein verwurzelt sind. Als ein weiteres Unterscheidungsmerkmal können wir den Aufbau der Melodie ansehen. Es ist ein ünuidgesetz der europäischen Musik, dal! dieser Aufbau iaktiuäßig fest abgegrenzt ist. Wir haben es zumindest in der klassischen und romantischen Epoche, weniger bei den Modernen — in der Regel mit 4bz.w. 8-taktigen Perioden zu tun. In der orientalischen Musik gibt es zwar auch eine taktmäßige Abgrenzung der Melodie, es kommt ihr aber bei weitein nicht die fundamentale Bedeutung wie in der europäischen Musik zu. Vorwiegend herrschen in der orientalischen Musik die freien Rczitative, die ein so straffes- Gefüge, wie sie die 4-taktige Periode darstellt, nicht zulassen. Vom Psychologischen heraus muß man die verschiedenartige Vormachtstellung der beiden Tonarten Dur und Moll verstehen. Während der Europäer, im besonderen der westlich orientierte, zumeist unter wirtschaftlich besseren Verhältnissen lebt, daher das hellere und frischere Dur bevorzugt, verwendet der Orientale - - und ebenso der ihm in seinen Lebensbedingungen nahestehende Slawe - in seinen Kompositionen das schwermütige und düstere Moll. Unsere europäische Mu.-.!k ist durchaus auf einem temperierten System aufgebaut, das sich aus zwölf Halbtönen zusammensetzt Dieses Halbtonsystein verwendet die orientalische Musik seltener. Im allgemeinen bedient sie sich — besonders die arabische Musik — der Vierteltöne. Der Hörer, der, wie gesagt, an das Zwölftonsystem gewöhnt ist, wird beim Spielen und Singen derartiger Viertellonmusik Töne vernehmen, die ihm „unrein" vorkommen. Wir hatten in dein vergangenen Jahrzehnt ja auch Gelegenheit, solche Vierteltonmusik - auf europäische Verhältnisse zurechtgeschuitten — zu hören. Doch hat sich diese versuchte Übernahme orientalischer Ausdrucksmittel in die europäische Musik nicht bewährt, und so ist diese Bewegung bald zum Stillstand gekommen. Zum Schluß wollen wir die sich uns allen aufdrängende Frage aufwerfen: kann eine Verbindung von europäischer zur orientalischen Musik stärker als bisher getchaffai werden? Denn selbst in Werken von Mahler, Goldmark u. a., in denen orientalisches Kolorit verwendet wird, ist die Grundhaltung doch immer eine europäische. Bei den Komponisten aus dem Osten Europas, wie Kreiu, Weprik u. a., ist die Lage schon eine ganz andere. Denn diese benutzen das orientalische Kolorit nicht nur für e i n Werk, sondern sie sind sieh bewußt, an der Schaffung einer jüdischcti Musik teilzuhaben. Für sie ist der Übergang ja auch leichter, da die slawische Musik in harmonischer, melodischer und rhythmischer Beziehung der orientalischen nähergerückt ist als die westeuropäische. Das Ziel, die Verbindung der europäischen mit der orientalischen Musik zu einer organischen Einheit, so wie sie der Schweizer E r u e s t Bloch anstrebt, wird u. E. erst von einer neuen Musik generation erreicht werden, die ihre Heimat und Ausbildung im eigenen Land gefunden hat. Vor allen Dingen muß ein selbständiges jüdisches kulturelles Eigenleben entstanden sein, das jüdische, aber nur das wirklich jüdische Volkslied muß gehegt und gepflegt werden und nicht zu allerletzt muß die hebräische Sprache Allgemeingut geworden sein, dann erst wird sich eine judisch-nationale Musik in voller Blüte entfalten können. Der Hilfsverein berichtet. Seit langem ist kein so aufschlußreicher Beitrag zur Wanderungsfrage erschienen, wie der Jahresbericht des Hilfsvereins der Juden in Deutschland für IQ3f> 37, der uns soeben vorliegt. Der Hilfsverein, dem die Betreuung der gesamten jüdischen Auswanderung aus Deutschland nach allen Ländern außer Paliistina obliegt, gibt hier auf gedrängtem Raum ein fesselndes Bild seiner vielseitigen Arbeit. Der geschickt entworfene Umschlag, der in einer Photomontage einerseits die Arbeit des Hilfsvereins hier, anderarr-rr; den Hafen von Sydney als Symbol einer glücklichen Zukunft im" Zielland zeigt, deutet nur zwei Punkte eines Weges an, den der Bericht genauer darstellt. Der entscheidende Faktor für die Arbeit des Hilfsvereins war in den letzten beiden Jahren der gewaltige, sich im wesentlichen gleichbleibende Auswanderungsdrang der jüdischen Bevölkerung in Deutschland, dem leider Einwanderungsmöglichkeiten, besonders in Europa, nur in unzureichendem Maße gegenüberstanden. Der Hilfsverein mußte deshalb das Schwergewicht seiner Arbeit immer mehr auf die Förderung der Überseewanderung, ja zum Teil auf die Erschließung neuer Einwanderuiigsmöglichkeiteii verlegen. Diese Verstärkung der Überseewanderimg gegenüber der in die europäischen Nachbarländer brachte naturgemäß eine außerordentliche Erhöhung der für den einzelnen Auswanderungsfall aufzuwendenden Beträge mit sich — und dies trotz verschärfter Prüfung der Bedürftigkeit jedes Auswaiiderungswilligen. Wie durch die Bildung eines besonderen Ausschusses in Berlin eine solche gründliche und doch unbürokratische Bedürftigkeitsprüfung ermöglicht wurde., das gehört zu den vielen fesselnden Einzelheiten aus der Arbeit des Hilfsvereins, die der Bericht beschreibt. Daß die Politik des Hilfsvereins, mit aller Kraft gerade die Überseewanderung zu fördern, richtig war, Denkt bei Familienfest Iii Ii keifen an die Jüdische Winterhilfe! \ i TT" iHvX) ^v^> /an. _

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