Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1929-11-29 · 48 (29.11.1929) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
5 (1929)
Issue
48 (29.11.1929)
Date
1929-11-29
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4876568-5968790-5969126--2830-4880392
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Seite 2 GKMlilNDl-BLATT DER ISRAELI TISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 4* DIE KULTURSCHICHT DER JUDENHEIT Von Rcnjamin Sepel Der Kulturfortschritt in der Menschheit vollzieht sieh in der Weise, dall jedes Volk eine Schicht herausbildet, die die Pflege der Kulturgüter und -Traditionen sich besonders angelegen sein liillt und dadurch zur Führerin des Gesamtvolkes wird. Draußen in der nichtjüdischen Welt waren das diejenigen Familien, die sich durch Grundbesitz hervortaten, der von einer Qeneration an die andere überging, und die in ihrer Gesamtheit den Grundadel ausmachten, auch die wichtigsten politischen Ämter innehatten und so zur Genüge über Muße verfügten, Religion, Kunst und Wissenschaft zu pflegen. Die Juden, die vom Grundbesitz ausgeschlossen waren und zu öffentlichen Ämtern um so weniger zugelassen wurden, bildeten ebenfalls einen Adel heraus, aber dieser war von ganz anderer Art, er war lediglich geistiger Natur. Materielle Grundlagen fehlten ihm ganz und gar. Der ganze Besitz der Juden bestand in Handelskapital, und ihr Reichtum flutete auf und nieder, selten vererbte er sich Über die dritte Generation hinaus. Aber es gab bei den Juden einen anderen Besitz, der sich vererben konnte, den man jedoch immer von neuem persönlich erwerben mußte, um ihn zu besitzen. Das war die Wissenschaft der Thora. Jede Generation war eifrig bemüht, diesen Besitz der nachfolgenden zu überliefern und so den Fluß der Tradition lebendig zu erhalten. Die Gemeinden legten das größte Gewicht darauf, Lehranstalten zu erhalten und die durch Gelehrsamkeit, Frömmigkeit und Demut Ausgezeichneten an ihre Spitze zu berufen. Da nun jeder Vater gleichzeitig mit größtem Liter darauf bedacht war, seinen Sohn in seinem Geiste zu erziehen, so kam es vor, dall in den Lallen, in denen der Sohn auch die Fähigkeiten und Tugenden lies Vaters geerbt hatte und sie seinerseits an seinen Sohn weiter vererbte, sich ein Adel bildete, der sich jedoch stets von unten aus den breiten Volksschichten ergänzte und nicht exklusiv sein konnte, denn die Legitimation dazu bildete nicht materieller Besitz oder Titel, sondern persönliche Begabung und persönliche Charaktereigenschaften. So war die Kuiturschichi der Judenheil bis in die neue Zeit beschaffen. Aus den Familien derer, die etwa vom 14. und lö. Jahrhundert die Rabbinate der großen Gemeinden bekleideten (wie z. B. Amsterdam, Hamburg mit seinen Nebengemeinden, Metz, Frankfurt, Prag, Padua, Posen, Krakau, Lemberg, Lublin), sind auch in der neuen Zeit Männer hervorgegangen, die im modernen Geistesleben eine hervorragende Rolle spielten. Die angehäuften geistigen Dispositionen und kulturellen Traditionen haben sich in die modernen Werte der Wissenschaft, der Kunst und des Staatslebens Umgesetzt und auch auf diesen Gefilden köstliche Früchte getragen. Manchmal kam es sogar vor, dali solch ein Samen auf einem Gebiete aufging, das ganz fernab von seinem Ursprungsland lag und die reifende Frucht einen (ieschmack aufwies, der denen, die vom Lebensbaum der rhora sieh nährten, bitter erscheinen mußte. Daß z. B. Karl Marx, der Begründer der sozialistischen Theorie, der Fnkel des Rabbiners von Trier war, wußten wir seit langem. Aber dali ei eine ganze lange Reihe von illustren Rabbinern zu seinen Ahnen zählte, die bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts hinaufreicht, belehrte uns erst vor nicht langer Zeit der ausgezeichnete Wiener Forscher Dr. Bernhard Wachstein. Wachstein, der sieh bereits durch eine ganze Anzahl gediegener Werke zur Geschichte einiger grolier Gemeinden sowie zur Literatur- und Familiengeschichte, einen glänzenden Namen gemacht, verfügt über eine erstaunlieh reiche Belesenheit in der weitschichtigen, schier unübersehbaren Literatur des Mittelalters und der Neuzeit; ein bewunderungswürdiges Gedächtnis, großer Scharfsinn nebst Kombinationsgabe ermöglichen es ihm, verschüttete Zusammenhänge aufzudecken und Familienbeziehungen festzustellen, die nur den scharfen Augen des geübten Forschers sichtbar werden aus der Fülle der Fragmente, die über Länder und Jahrhunderte verstreut sind. In einer gelehrten Abhandlung, „Die Abstammung von Karl Marx", die in der Festschrift zu Ehren David Simonsens erschienen ist, verfolgt er auf Grund eines reichhaltigen Materials mit mathematischer Gewißheit die Ahnenreihe des Vaters des modernen Sozialismus bis zu Aharon Lwow, dem Stammvater der bekannten Rabbinerfamilie dieses Namens, der seil etwa 1692 als Rabbiner im Elsali fungierte, wohin er aus Lemberg (Lwow) berufen worden war. Die Oattin dieses Aharon Lwow entstammte der Familie Cohen, deren Ahnherr als Josef Hakohen als Schulhaupt in Krakau 1511 verstarb und war ihrerseits nahe verwandt mit den illustren Familien Wahl- Katzenellenbogen, deren Ahnherr der berühmte Maharam Padua in Katzenellenbogen (Hessen-Nassau) geboren, im Jahre 15b5 als Oberrabbiner und Schulhaupt zu Padua verstarb. Sein Enkel, Saul Wahl (gest. 1617) nahm in Polen eine sozial so hohe Stellung ein, dall die Sage ihn zum König von Polen machte. Maharam Padua war der Schwiegerenkel des HOS in Mainz geborenen Jehuda Menz, der seit 1150 Oberrabbiner von Padua war und als rabbinische Autorität einen hohen Rang einnahm. Derart finden wir im Ahnensaal von Karl Marx einige der berühmtesten Namen des n e u e r e n R a b b i n i s in u s. Pikant ist es, dall Eduard Bernstein, der die wirtschaftlichen Theorien Karl Marxens widerlegt und den Revisionismus begründet hat, seine Herkunft gleichfalls von Saul Wahl ableitet. Der Marxismus so wie der Revisionismus entstammt also derselben Wurzel. Derselben Kulturschicht entsprossen auch Moses Mendelssohn und seine beiden hervorragendsten Nachfolger i m K a m p f e f ü r die Befreiung d e r Juden: QabrieI Riesser und Ludwig Philippson. ' Moses Mendelssohns Zeit war nicht die Zeit der Stammbäume. Dem Jahrhundert der Aufklärung fehlte der historische Sinn. Daher wissen wir von Moses Mendelssohns Ahnen nur aus seiner persönlichen Mitteilung, dali er ein Nachkomme jenes anderen Moses war, der in der Erinnerung der Nachwelt als „RAMA" fortlebt. RAMA ist die Abkürzung von Rabbi Moses Isserls. (Dem „I" wird im Hebräischen immer ein Aleph vorangesetzt.) Moses Isserls wurde in Krakau um das Jahr 1520 geboren. Sein Vater Israel (Isserl) war einer der angesehensten und reichsten jüdischen Patrizier des Landes. Im Jahre 155J erbaute er in Krakau eine Synagoge, die noch heute den Namen seines grollen Sohnes führt. Er war einer der Vorsteher der Gemeinde und fungierte oftmals als Abgeordneter zum jüdischen Landtag (Waad). Es war damals nämlich die Blütezeit der jüdischen Gemeindeautonomie, die in Polen der König Sigismund August 1551 gesetzlich geregelt hatte. Der Regierung gegenüber vertrat die Gesamtheit der jüdischen Gemeinden der Syndicus Generalis der in den Erlässen des Königs als „Judäus, (|iii in palatia nostra residet" genannt wird. Nicht bloß die religiösen, sondern auch zivilrechtliche Fragen entschied der Waad. An ihn wandte man sich mit Anfragen aus fernen Ländern. Auch christliche Kaufleute aus dem Auslande baten um seine Beihilfe in Streitigkeiten mit polnischen Juden. Die Vorsteher dieses Waad hießen Parnassim. Einer dieser Parnassim war der Vater des RAMA, der zunächst von Krakau nach Lublin zog. Seit 1550 wieder in Krakau, unterhielt er auf eigene Kosten ein großes Lehrhaus Seine gelehrte Korrespondenz mit rabbinischen Zeitgenossen sowie Entscheidungen und zahlreiche Schriften halachisehen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.