Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 40 (4.10.1929)
- Date
- 1929-10-04
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 4 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELlGlONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer l gen nicht zu entweihen. Das stand Rembrandl vor der Seele, als er sein Bild malte. Abraham, der Vater, das ist der jüdische Vater. Das Auge, das aus der Hohe sieh Kraft schöpft, das ist das Judenauge, das Opfer, das gebunden liegt, das ist der Jude, tausendmal gebunden, tausendmal getötet, tausendmal errettet. Im Mittelpunkt des Mildes stellt Abraham, aber nur scheinbar. Alle Anteilnahme kehrt doch immer wieder zu Isak zurück. Auf ihm ruht der Blick des Engels, auf Ihm ruht die ganze Körperschwere des Abraham, auf ihm ruht das Licht: Es ist die jüdische Jugend, um ihretw illen lebt der Vater, durch sie lebt das Judentum. Aber es ist gebundene Jugend, gebunden durch den Willen des Vaters, gebunden durch die Autorität, durch die Tradition des Judentums. Diese Jugend fragt nicht, sie folgt in stummem Gehörsam. Der Vater will es, Gott will es. Das hat Rembrandt festgehalten. I (ie \\ örtliche I Darstellung der „Akedah", der „Bindung" —ein Bild der Vergangenheit, ein Bild des mittelalterlichen Judentums. lud doch - soviel Größe dieses Bild auch enthalt, die letzte Tiefe der biblischen Erzählung erschöpft es nicht, die letzte Erschütterung in uns bleibt aus. Vor allem der Engel befriedigt nicht, der Engel mit dem feingeschnittenen Antlitz, der in edler Haltung aus den Wolken herniederschwebt, ist wohl ein Sinnbild himmlischer Schönheit, aber er trägt nichts an sich von jener anderen Seite des Cöttlichen. jenem Unheimlichen, jenem schauervollen Geheimnis, mit dem Rembrandt in anderen W erken, beispielsweise dem ..Opfer des Manoah'*, den Gottesboten zu umkleiden wußte. Darum war es nur natürlich, daß der Meister — selbst nicht recht befriedigt weiter mit dem Stoffe rang. Zwanzig Jahre später ein neuer Versuch. W elch ein Wandel in Reinbrandts Leben! Das erste Bild halte ein junger Mensch geschaffen, der reich war und glücklich — trotz augenblicklichen Leides — beglückt durch die Liebe seiner Frau, durch die Anerkennung der Welt. Jetzt nach zwanzig Jahren führt ein anderer Mensch, ein armer, vom Leben gehetzter, still in sich gekehrt die Radiernadel und denkt au entschwundenes (ilück — an die Jugendgefährtiii. die ihn verlassen, an die Menschen, die ihn quälen. So erstellt die ..Opferung Isaks". W iederum drei Gestalten. In der Mitte Abraham, in der Linken das Messer. Vor dem Vater kniet Isak. die Augen, verhüllt von der Rechten des Abraham, auf daß das Kind die Schale nicht sehe, die bereit steht, sein junges Blut aufzunehmen. Aber unser Blick bleibt nicht bei den beiden. Mit schier magischer Gewalt wird er angezogen von jener Erscheinung hinter dein Abraham. Steht sie. schwebt sie? W ir wissen es nicht: wir wissen nur. sie ist da und umklammert mit ehernem Griff beide Arme des Abraham, der in jähem Entsetzen emporquillt. Lud seltsam, je länger w ir jetzt den Abraham betrachte n. um so unheimlicher wird er uns. um so unheimlicher die Gestalt hinter ihm. die Erscheinung des Engels. Das Antlitz des Abraham — diese Runzeln auf der Stirn, diese Lurchen um Nase und W ange, und vor allem diese Augen, die tief in ihren Höhlen liegend, die Erscheinung anstarren — die von Licht und Dunkel seltsam umwoben, als der Bote einer anderen W elt, plötzlich da ist — das sind die Augen eines Menschen, der das Ungeheuere erschaut, das. was hinter den Dingen ist. das Unheimliche, das Mysterium, das ganz andere, das Göttliche, aber nicht in schier sanften, liebevollen (iestalt. sondern als das Schauervolle, als das „Nauro", das Ehrfurchtbare, als der Gott, dessen schreckliche Erhabenheit w ir armen Sterblichen nunmehr begreifen, vor dem wir aber immer w ieder in namenlose) Scheu anbetend in die Knie sinken.-- Nun zur Darstellung des isak. Man kann sich nicht leich etwas Rührenderes denken als diese (iestalt: halb Jünglin. halb Knabe, der jugendliche Körper leicht über das Knie de Vaters gebeugt, den Kopf in kindlichem Vertrauen an di< Brust, an das Herz des Vaters gelehnt, ganz Hingabe, gati Opfer, Vater und Kind verbunden durch die gleiche Liebe zi einander, durch die gleiche Liebe zu Gott — eine erschüttern« Darstellung des Bibelwortes „wajel'chu sch'nehein jachdow „sie gingen beide zusammen". Besondere Beachtung verdient, daß Rembrandt. der sou dem biblischen Bericht getreulich folgt, an dieser Stelle bewul abweicht. Die gebundenen Hände des isak. auf dein erste Bilde deutlich sichtbar, hier sucht mau sie vergebens. Gan frei, die Arme völlig gelöst, so liegen sie an der Seite des Jüng HngS. Woher dieser Wandel? Die Frage ist nur zu beautwoi teil durch die seelische Entwicklung des Meisters. In dem Bild seiner Jugend war es die Macht der Autorität, die Rembrand zur Darstellung brachte. Das Alter befiehlt, die Jugend ge horcht. Vater und Sohn, beide umschlungen, beide unentrinn bar festgehalten durch das ehrwürdige Band einer heiligen Tradition. Das Mittelalter, das jüdische wie das nichtjüdische, mi seiner Bindung ist es. das in jener Darstellung (iestalt gewann Und darin liegt das C harakteristische des Bildes; Rembrandt gibt wieder, was jeder empfand. Anders zwanzig Jahn später, da das Leben ihn in die Schule genommen hat. Da spricht der durch tausend Bitternisse geläuterte Mann, der Künstler spricht, der seiner Zeit voraus, der Seher, der die Zukunft bereiten hilft. Abraham mit dem schmerzdurchwfihlteii Antlitz, das ist Rembrandt selbst, die Narben und Runzeln, das sind die Wunden, die das Schicksal ihm geschlagen, die Augen, das sind RembrandtS Augen, die das Ungeheuere erschaut, das Ungeheuere, das ihn packt und schüttelt und festhält, wie es dereinst den Abraham packte. Und Isak. das Opfer, das isi ebenfalls Rembrandt, seine Seele ist es, die sich durch das erfahrene Leid frei gemacht hat von allem Druck und aller Fessel, die — in gläubigem Gehorsam demütig sich schmiegend an die Brust des himmlischen Vaters — in freiwilliger Bindung ehrfurchtsvoll sich niederwirft vor Gott. Sind wir noch bei Rembrandt. sind wir noch in der Vergangenheit? Ist es uns nicht, als ob der Meister alle Schleier von unseren Augen genommen hätte? Stehen wir nicht plötzlich inmitten des Kämpfens, inmitten des Suchens unserer Zeit? Wir fühlen, die alten Bindungen sind gelockert, die alten Autoritäten sind geschwunden: eine neue Zeit steigt herauf, ein neues Geschlecht, eine neue Jugend. Neue Menschen wollen, neue Menschen müssen kommen, Menschen, die frei sind von den Fesseln der Vergangenheit und sich dennoch gebunden fühlen durch die Ehrfurcht vor jenem grolJen geheimnisvollen Gott, dem sie. wie kaum eine andere Generation erhebend im Antlitz geschaut, bereit, ihm zu dienen in opferwilligem freien Gehorsam „mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft". Als Rembrandt zum zweiten Male die Opferung Isaks darstellte, da hat er das Schauervolle der ganzen Szene gemildert durch das Licht, das aus geheimnisvollen Höhen hervorbrechend in dichten Strahlen herniederflutet: Abraham. Isak. den Luge) liebevoll einhüllend, alle drei geborgen im Lichte himmlischer Gnade. Ein Widerschein von diesem Licht fällt auch in unsere Seele. Wir scheiden von der Betrachtung dieses Kapitels gestillten Herzens. W ir zweifeln nicht mehr. W ir glauben. Wir beten. KTOltWERCKs*°a^de \ _l Pralinen.