Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 19 (10.5.1929)
- Date
- 1929-05-10
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 4 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nununei richtungen vor. Tempel und Feiertage, die diese Gedanken anschaulich und festlich dem Gemüt einprägen. Zamenhof trug sich mit dem Plan eines Kongresses für ein neutral-menschliches Bekenntnis, aber da kam wie eine Ironie des Schicksals der Weltkrieg. Es ist ergreifend, wie Zamenhof die Verwirklichung seines Plans von Jahr zu Jahr hinausschob und hoffte von Jahr zu Jahr, bis zum Tode. \\ ie Zamenhot anfangs sein Bekenntnis anonym veröffentlichte, so wies er später immer wieder darauf hin, daß dieses Bekenntnis nur seine private Meinung sei. Obwohl es in Wirklichkeit von seinem Esperanto nicht zu trennen ist. trennte er es praktisch, um die esperantistische Bewegung durch seine Ideen nicht in Mißkredit zu bringen. ..Wie ekelhaft," saut Ed« mond Privat. ..ist der herrschende Geist in der Welt. Dieser Mann, zu groß für seine Zeit, mußte für seine Größe fast schamhaft bei den Kleinen um Entschuldigung bitten: er mußte zwei Fortschritte trennen, um nicht einen durch den anderen :u schädigen." Aber dennoch glaubte er an die Zukunft. ..Lange wird noch dauern dunkle Nacht auf der Krde, aber nicht ewig wird sie dauern. Kommen wird die Zeit, wo die Menschen aufhören werden, einander Wölfe zu sein. Gemeinsam und übereinstimmend werden sie alle streben nach einer Wahrheit, nach einem Glück. Indes werden wir tun. was in;:userer Macht." Wie ein gewaltiger Baum mit weithin ragenden Asten fest n der Hrde wurzeln muß, so wurzelte Zamenhof mit seinem Wesen tief im Judentum. Dali Zamenhof Jude war, ist kein Zufall. Die Wurzeln seiner Kraft, die Stärke seines ethischen (iewissens ruhen im Judentum. Er war ein Stück von seinem Herzen, ein Tropfen seines Blutes. Nur vom Judentum aus kann seine Erscheinung begriffen werden. Er liebte sein angestammtes Volk und litt mit ihm. Als er in Moskau Medizin studierte, zog ihn der auflebende Zionismus an. Aber der Chauvinismus der dortigen Zionisten stiel.! ihn ab. Wohl empfand er ihre gerechten Klagen über die Bedrückungen der russischen und rumänischen Regierung, aber er war nicht fähig, um dessentwillen Hall gegen andere Völker zu empfinden. Wie er denn überhaupt den Nationalismus der bedrückten Völker, so verzeihlich er sei. für unklug hielt. Es soll der Jude sein (iesetz. sein Volk und -eine Sitten lieben, aber über alles muH ihm die Liebe zur Menschheit stehen. Auch den jüdischen Assimilauten stand er fern. Sie huldigen einem anderen Chauvinismus, sie wolle;' polnischer sein, als die Polen, russischer als die Russen, und sie vergessen ihr Volk. Der Jude soll weder völkisch noch fremdgesinnt sein, er sei ein guter Bürger, dann hat er auf dem neutralen Fundament des Wohles für die Gesamtheit gleich den anderen Anspruch auf Gleichberechtigung. Diese seine Auffassung von der Stellung des Juden legte er nieder in seinem Buche „Hillelismus", das er nach einem der edelsten des jüdischen Stammes benannte. Aber Zamenhof hatte mit seiner >clirin weder bei den Assimilauten noch bei den Orthodoxen, denen er zu freidenkend erschien. Erfolg. Wenn wir das Leben dieses Mannes als ein Ganzes betrachten, so ist bewundernswert der harmonische Ahlauf im Dienste einer einzigen großen, in frühester Jugend empfangenen Idee. Hin solches Leben mußte aus dem Oefäße einer ganz seltenen Persönlichkeit fließen. Zamenhof der Mensch. Er schwang sich nicht nur in seineu großen Betrachtungen und Zielen über alle nationale Sei' sucht zur reinen Höhe menschlicher Weltbetrachtung em] i er war auch in seinem Alltagsleben ein einziges Beispiel, war ein zielstrebiger Kämpfer, er verfocht seine Ideen ge alle Vorurteile, aber niemals gegen einen Menschen. Hr bc eine staunenswerte Arbeitskraft; in bescheidensten Verh nissen, neben dem Kampf um die Erhaltung der Familie neben seinem ärztlichen Beruf leistete er sein Werk, schul die Übersetzungen des Alten Testaments, von Hamlet. I, genie. Daudin, Räuber, Revisor, und die zahllosen kleine Arbeiten. Kr war bescheiden und zurückhaltend, selbstlos der Sache dienend. Niemals hat er den Kongressen sei Willen aufgedrängt, späterhin zog er sich selbst vom \ Standstisch zurück und saß als einer der vielen unter den l sinnungsgenossen int Saal. Er liebte den russischen Die! menschlichen Leids und Mitleids, Nekrassow, er liebte i arme arbeitende Volk und lebte in seinem Stadtviertel als A' Der ärztliche Beruf war ihm Bedürfnis, weil er das Bediir hatte, leidenden Menschen zu helfen. Jeder Haß, jeder Aug lag ihm fern. Erlittenes Unrecht kränkte ihn. er litt darun aber niemals kam ein Wort des Unwillens über seine Lipi Hr war ein demütiger, lieb- und friedfertiger Geist. „Er nie gesündigt", sagte seine alte polnische Dienerin, indem auf sein Bild zeigte, das unter ihrem Kruzifix hing. „Alle ihn kannten." so heißt es in einem verbreiteten Lesebuch. .. schien er wie ein heiliger Mann. Wahrlich, der Schöpfer Esperanto ist einer der edelsten Menschen, die je in der W lebten." Kr starb mitten im Weltkrieg. Privat schreibt: ..In Wii lichkeit starb nur der Mann, der arme Augenarzt. Aber i große Werk blieb, auch die Inspiration seines Oeistes. I kann nicht sterben. Verschwinden werden die Regierung verschwinden werden die kleinen Großen, die ihn ignoriert« Aber sein Gedanke wird ewig leben und überall sich vi breiten. Hunderttausende heiligen seinen Namen. Eine gan Menschheit wird ihn noch wiedererkennen als I'ührer zu brüderlichen Frieden." Man mag sieh im einzelnen zu seiner Sprache und seinen Ideen steilen, wie man will, man muß seine Krseheinu bewundern. Wir sind von seinem Ideale, obwohl es die Er nähe nicht verloren hat und keineswegs losgelöst ist von d menschlichen Natur, so fern: so finster ist das Chaos, in d< wii Menschen von heute dahinleben, daß wir fast keine I ziehung zu seiner geistigen Höhe besitzen, daß wir fast kei Hoffnung zu ihrer Erfüllung finden. Mag der nüchterne, ka! Mensch des Tages die hohen Oedanken zerpflücken und I trachten durch sein trübes, verkleinertes Glas, mag eine klei Zeit sie nicht verstehen, ihre Stunde muß kommen, früher od später. Ihre Stunde muß kommen, weil die Menschheit oh ihre Erfüllung auf die Dauer nicht leben kann. Immer Dunkel der Zeit sandte das Schicksal Weise und Gotterleuc tete. daß sie die armen, verzagenden Menschen aus ihr sauren Mühe aufrichten und emporführen zu ihrem Ziel Diesen edlen Geistern verdankt die Menschheit, was sie i Das Judentum, das deren mehr als ein anderes hervorgebrac hat, verdankt ihnen seine Cröße und seine Sendung. W Cutes und Wertvolles in ihm ist. ist ('.eist von ihrem C.eisi Zamenhof gehört in die Reihen jener großen jüdischei. E scheinungen. Häuser / Hypotheken / Hausverwaltungen REIMANN & KIRMSE / LEIPZIG LEPLAYSTRASSE 3 GEGRÜNDET 1007 FERNRUF 235 76