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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1929-04-25 · 17 (25.4.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
5 (1929)
Issue
17 (25.4.1929)
Date
1929-04-25
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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($emcinö cblott: C&R ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG« Pai Crmclnilrblntt rrsdtrlnt |edrn lr<itag und wird ,1 . Mlt|(lirdiTn der Rellulonsgcmcinile uncntKcIlllih ,|. h die Post zuficstrlU - S < Ii r 1 f 11 r 11 u n g : G rlndrrahblnrr (iustav Cohn, Leipzig, l.ölirslrnüc IO NUMMER 17 / JAHRGANG 5 DONNERSTAG 25. IV« 1020 Anzrlfirnvcnvaltung und Druck: Budidruckcrt'l AtiLtust Priem U'lpEln. ßrudvrstr. SO - iVrnruf 70006 - M* schcik U*ipzlg 530 2<) — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit (ienehmttiunj; des Verfassers gestattet LEIDENDE UND LEISTENDE JUDENHEIT Zum Pessachfeste \Ton der gewaltigen Umwertung, um die gegenwärtig in ' allen menschlichen Beziehungen gerungen wird, konnte auch der Jude nicht unberührt bleiben. Kritizismus und Entwicklungslehre, die den Menschen des 19. Jahrhunderts innerlich aufwühlten, mußten auch in ihm das Suchen nach einem neuen Lcbensbilde anregen. Darin lag ja immer die pc e Kraft des Juden, daß er, aus der Zeit schöpfend, das Althcilige jung und froh zu scheu lernte und damit, am Alten hängend) doch immer in seiner Zeit zu stehen verstand. So bahnt sich, dem scharfen Beobachter schon deutlich erke nnbar, bei uns Juden auch eine neue Betrachtung unserer Geschichte an. Der Geist, von dem aus der Jude seine Geschichte bis in die jüngste Gegenwart hinein sah (und fast ausschließlich noch Immer sieht), ist in unserer Pessach-Haggadah so formuliert: „li< jeglichem Geschlecht erhob man sich gegen uns, um uns zu vernichten, aber der Heilige, g. s. K., errettete uns aus der Hiind unserer Feinde." Eine literargeschichtliche Untersuchung darüber, wann dieser Satz in unserer Haggadah Aufnahme gel,inden hat, würde wohl zu dein Ergebnis gelangen müssen, d.: er zu ihren spätesten Hinschaltungen zählt; setzt er doch einen jahrhundertelangen Aufenthalt der Juden unter den Völkern voraus. Immerhin kann er nicht später als im 12. Jahr- Ii i. dert in die Seder-Liturgie gelangt sein, da er schon in der Haggadah des Maimouides (1135—1204) enthalten ist. Gerade das Pessachfest ist besonders dazu angetan, solche Gedanken in dem rückwärts schauenden Juden wachzun fett. Wie der Pharao in Ägypten, so haben immer Machthaber den Versuch unternommen, die israelitische Geincinift vom Erdboden verschwinden zu lassen. Der Syrer A iiochus Epiphanes wollte die Treue der Juden gegen ihren Glauben unterwühlen, um das völlige Aufgehen in die Uniwelt zi erzwingen; der Perscriniiiistcr Hanum unternahm einen it :en, hinterlistigen Anschlag gegen das Leben der Juden; di römische Kaiser Hadrian richtete seinen Zorn gegen die L rer des Gesetzes: Unkenntnis des alten religiösen Brauchtums sollte das Festhalten am religiösen Eigenleben zur Unii Jichkeit machen. Und dann folgte die ganze Keihe der V suche zur Ausrottung der Juden, von denen besonders Ii uift die Erinnerung an jene schmachvollen Taten der K uzritter in den altehrwürdigen Gemeinden Mainz. Worms, $i -ier und Trier sich eingraben mußten. Wann auch immer t ersten Male der Gedanke an die steten Verfolgungen in d Erzählung der Fessach-Nächte festen Ausdruck gefunden hat, seine Richtigkeit bestätigte sich immer von neuem, zumal seitdem das Märchen vom religiösen Mord mit fast automatischer Regelmäßigkeit gerade um die Pessachzeit in den Föbel hineingetragen wurde, um ihn zu Gewalttätigkeiten gegen die Juden aufzuhetzen. Um so stärker aber wurde der Glaube an den göttlichen Schutz, der sich seit dem Auszuge aus Ägypten so vielfach bewährt hat. Aus jeder Sederfeier ging dieser Glaube neu gekräftigt hervor: Keiner der Anschläge hat es vermocht, unsere Gemeinschaft zu vernichten, ihr wird auch die Zukunft gehören, wie trostlos auch bisweilen die Gegenwart scheinen mag. So ist es begreiflich, daß zum herrschenden Gedanken in aller Geschichtsbetrachtung der Juden der Blick auf die erlittenen Verfolgungen wurde, daß das düstere Bild der Leiden nur aufgehellt wurde von den Strichen, in denen die geistige Leistung der religiösen Führer gezeichnet wurde. Alle Geschichtsschreibung bis hin zu der ersten großen umfassenden „Geschichte der Juden", die Heinrich Graetz geschaffen hat, ist von diesem Geiste getragen. Im Denken des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts ist es begründet, daß eine solche Auffassung der jüdischen Vergangenheit als eine einseitige erkannt werden mußte. Mit vollem Recht darf der Jude stolz darauf sein, daß seine Gemeinschaft bei alledem noch lebt, daß in ihr Kraft genug strömte, um all das Hemmende zu überwinden. Aber es mußte die Frage auftauchen, ob denn dieses stete Dulden, dieses Zurückweichen auf den Geist ausreichen konnte, tun den Bestand der Judenheit zu gewährleisten? Gewiß verleiht das Bewußtsein, daß man eine Fahne zu schützen hat. Heldenkraft; gewiß bindet der stete Zwang sich zu wehren das Band des Zusammenhanges immer fester; gewiß steigert die Zahl der Feinde das Selbstbewußtsein. Und dennoch würde aus solchen Momenten nur für einzelne begrenzte Perioden die Sicherung des Bestandes begreiflich werden, nicht aber für die Dauer von vielen Jahrhunderten. Neben all dem Passiven müssen in der jüdischen Geschichte auch Aktiva aufzuweisen sein; unmöglich, sie ohne solche richtig zu erfassen. Es ist ein ungewöhnliches Verdienst, das sich S i in o n Dubnow durch seine „Weltgeschichte des jüdischen Volkes" (deren deutsche Ausgabe ihrem Abschluß entgegengeht: der „Jüdische Verlag", Berlin, hat jüngst den neunten des auf zehn Bände berechneten Werkes herausgebracht) erworben hat, indem er diese Forderung an eine neue Bearbeitung der

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